Schulranzen

23. Januar 2018

Das VW-Projekt „Schutzranzen“ schürt bei Eltern Ängste um die Sicherheit ihrer Kinder im Verkehr und bietet eine fragwürdige Lösung: Kinder sollen per GPS überwacht und ihre Position an Autofahrer geschickt werden, um ein Warnsystem aufzubauen. Der Verein Digitalcourage fordert in einem offenen Brief das Ende des Projekts.

Werbegrafik des Projekts All rights reserved Schutzranzen

„Alle 18 Minuten“, konstatiert Schutzranzen.com, „kam im letzten Jahr ein Schulkind im Straßenverkehr zu Schaden.“ Die Schutzranzen-App soll dabei helfen, Kinder für Autofahrer „sichtbar“ zu machen. Wie? Mit Überwachung und Tracking. Der Verein Digitalcourage fordert in einem offenen Brief die sofortige Einstellung des Projekts und bringt einige Informationen ans Licht.

Hinter dem Projekt „Schutzranzen“ steht Volkswagen in einer Kooperation mit unter anderem den Städten Ludwigsburg und Wolfsburg. Über eine App auf dem Smartphone des Kindes beziehungsweise über einen GPS-Tracker im jeweiligen Rucksack soll die Position von Grundschulkindern ständig in die „Schutzranzen-Cloud“ übermittelt werden. Sollte ein Kind im Straßenverkehr nun in die Nähe eines Autos kommen, wird der Fahrer, der ebenfalls eine App installiert hat oder über das „Onboard-System im Auto von morgen“ verfügt, akustisch gewarnt.

Abgelenkte Fahrer sind eine Gefahr. Eine weitere Ablenkung soll helfen. All rights reserved Schutzranzen

Schutzranzen bringt zusätzliche Unsicherheiten

Auch die Eltern können per App jederzeit die GPS-Position ihres Kindes nachverfolgen. Allerdings gehen auch Google und Co. nicht leer aus, an die laut Digitalcourage Daten übermittelt würden. Zudem weisen die Datenschützer auf das Sicherheitsrisiko hin, sollten die Server gehackt werden: „Ein Hack würde genügen, um die aktuellen Aufenthaltsorte der Kinder herauszufinden.“ Selbst ein offizielles Werbevideo zeigt die offensichtlichen Widersprüche: Abgelenkte Autofahrer, zu schnelles Fahren und unübersichtliche Straßen bringen Grundschulkinder in Gefahr. Eine App, die für weitere Ablenkung sorgt, vergrößert die Risiken eher.

Es geht eher um die Daten als um Verkehrssicherheit

Schon die Herangehensweise an das Thema Verkehrssicherheit für Grundschulkinder ist also mehr als fragwürdig. Friedemann Ebelt von Digitalcourage kritisiert:

Vom „Schutzranzen“ haben selbst unter optimalen Bedingungen nur die Kinder etwas, die ihr Überwachungsgepäck bei sich tragen und einem smarten Fahrzeug begegnen. Dagegen würden alle Kinder von Schülerlotsen, verkehrsberuhigten Bereichen, Geländern und beleuchteten Gehwegen profitieren. Die großen gesellschaftlichen Probleme an Projekten wie „Schutzranzen“ sind die Geschäftsmodelle der Unternehmen und ihre Gier nach Daten. Akute Probleme, wie Gefahren im Straßenverkehr, werden nicht grundsätzlich gelöst, sondern nur ausgenutzt, um Daten zu sammeln, auszuwerten und zu Geld zu machen.

Eltern werden nicht über die Risiken informiert

Die App ist bisher nicht allzu verbreitet. Die kostenlose Anwendung, die erst mit einem Abonnement für jährlich 12 Euro voll funktionsfähig ist, wurde laut Google Play erst auf „zwischen 10.000 und 50.000“ Geräten installiert. Apple stellt für iOS keine Downloadzahlen zur Verfügung. Die Stadt Ludwigsburg will die Trackinggeräte in einem Pilotversuch an Grundschulkinder verteilen. Digitalcourage gibt darüber hinaus an, dass sie eines Elterninformationsabends verwiesen wurden, als sie versuchten, die Eltern über die „Schutzranzen“ zu informieren: „Nur der Vertreter der Coodriver GmbH durfte erklären, warum Eltern bei dem Projekt mitmachen sollten.“

Datenschutzbeauftragte aus Niedersachsen will das Projekt kritisch prüfen

Auch die Landesbeauftragte für Datenschutz Niedersachsen, Barbara Thiel, warnt vor der „Schutzranzen“-App:

Durch solche Dienste werden bereits Kinder frühzeitig damit konfrontiert, jederzeit überwacht und getrackt zu werden. Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können. Wenn Eltern jederzeit per Knopfdruck die Position ihrer Kinder erfahren können, stellt das eine Totalüberwachung dar. Zudem könnte sich die Verkehrssicherheit insgesamt verschlechtern. Zum einen, wenn Autofahrer „blind“ auf die App vertrauen und Kinder ohne Schutzranzen-App daher einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Zum anderen weil die Kinder blind darauf vertrauen, dass sie von den Autofahrern wahrgenommen werden und weder Gefühl noch eine Selbsteinschätzung für die Risiken des Verkehrs entwickeln.

Besorgte Eltern erreichen wahrscheinlich mehr für die Sicherheit ihrer Kinder, wenn sie sich für verkehrsberuhigte Zonen oder Tempolimits einsetzen. Digitalcourage findet ein passendes Schlusswort zum Thema:

Wir wollen keine Welt, in der Kinder zu Objekten im „Internet der Dinge“ degradiert werden. Eltern sollen nicht entscheiden müssen zwischen „mein Kind wird von Unternehmen überwacht“ und „es hat einen gefährlicheren Schulweg“. Sichere Schulwege sind für alle Kinder möglich – ohne Überwachung.


Ein Crossposting von netzpolitik.org  Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Beide Clips in diesem Posting sind genau das richtige für einen trüben Novembersonntag, finde ich. Sie stammen von Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg. Die 1991 gegründete Hochschule in Ludwigsburg zählt zu den international führenden Ausbildungseinrichtungen für Film und Medien. Als einzige deutsche Einrichtung setzte die renommierte Fachzeitschrift The Hollywood Reporter die Filmakademie 2010 auf die Liste der weltweit besten Filmhochschulen. Über die Jahre sind immer wieder erfolgreicher Filme im Rahmen des Studiums an der Filmakademie entstanden, die auf nationalen sowie internationalen Festivals Preise erhielten. In diesem kleinen Blog hab ich schon mehrfach Kurz- und Werbefilme der Filmakademie vorgestellt. Den noch nicht:

Vor zwei Jahren präsentierten Dorian Lebherz und Daniel Titz in „Dear Brother“ ihre Vorstellungen von Schottland und Whisky. Mit dem Werbeclip „Dear Brother“, der  im Rahmen des Studiengangs Werbefilm an der Filmakademie entstand, brach das Regieduo eine Lanze für emotionales Geschichtenerzählen: „Wir mögen die alte Werbebotschaft ‚Keep Walking‘ von Johnnie Walker sehr, die für schottische Tradition und Ursprung, Freundschaft und Ehrgeiz stand und sind der Meinung, dass eine Geschichte mit Zuneigung und Emotionalität eine Marke stets stärker auflädt, als schöne aber wenig einprägsame Vignetten.“

Und jetzt gibt es einen Scotland’s-Whisky-Nachfolgefilm von Studierenden der Filmakademie und zwar diesen:

Ohne offiziellen Auftrag entstand ein Werbefilm für die die schottische Whisky-Marke Ballantine’s ausgewählt wurde. Regie führte Thilo Gundelach, als Executive Producer zeichnet Madlen Folk verantwortlich, die schon „Dear Brother“ produzierte. Für die Cinematographie war Rafael Starman zuständig, der Editor ist David Jasim. In matten Farben inszenieren sie eine ältere, illustre Gesellschaft im Salon, deren Mitglieder auch im betagten Alter ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen.
Mit dem Film wollen die Studenten, schreibt Horizont.net „charmant unterhalten, ohne aufdringlich zu werden“. Warum sich die Studierenden für Ballantine’s entschieden haben, erklären sie so: „Wir mögen die Markenwelt von Ballantine’s–Tradition, schottischer Eigensinn, das veredelte Produkt und eine Marke, die sich nicht ganz so ernst nimmt. Widersprüchliches, das in kleinen feinen Nuancen perfekt zusammengeht und einen eigenen Charakter, eine Einzigartigkeit ausmacht. Ein Gefühl, eine Stimmung – leiser, trockener Humor und eine passende Produktwelt, deren Geschichte auf das Markenversprechen einzahlt: Stay true.“
Mich hat’s angesprochen. Also viel Spaß beim Reinschauen.