Nebenan

16. November 2021

Nachtragen muss ich auch dies noch, dass nebenan die Niederlande auf die enorm gestiegenen Corona-Infektionszahlen reagieren. Erneut hat die Regierung Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus beschlossen, die am Wochenende in Kraft getreten sind.

Vor sieben Wochen hatten Gesundheitsminister Hugo de Jonge (CDA) und Premierminister Mark Rutte (VVD) eine „neue Phase in der Pandemiebekämpfung angekündigt.“ Lockere Maßnahmen und die Verabschiedung der Anderthalb-Meter-Gesellschaft wurden eingeführt. Nun zieht die Regierung die Zügel wiederum an. Letzten Samstag teilten De Jonge und Rutte neue Einschränkungen im öffentlichen Leben mit. Mithilfe eines „Mini-Lockdowns“ will das Kabinett in den kommenden drei Wochen die Coronazahlen wieder in den Griff kriegen.

Premierminister Rutte zufolge ist die Einführung der neuen Maßnahmen ein „unglaublicher Rückschlag“. Er hatte nicht mit dem massiven Anstieg der Coronazahlen der letzten Wochen gerechnet, und schon gar nicht „mit dem riesigen Druck auf die Krankenhäuser“. Mit den verkündigten Maßnahmen kehrt die Regierung zur alten Strategie zurück. Ziel der Maßnahmen ist, den Zahl der Kontakte – im Büro, in der Kneipe, zuhause – zurückzubringen, um die Infektionen zu verringern und das Pflegesystem zu entlasten.

In der Pressekonferenz erkannten De Jonge und Rutte die Niederlage an. In September war die Botschaft noch, dass es keinen Lockdown mehr geben wird. Aber laut De Jonge genügt der niederländische Impfquote von 85 Prozent nicht, um die Deltavariante abzuwehren. Deswegen seien neuen Maßnahmen erforderlich.

Die neuen Maßnahmen, die unten zu lesen sind, gelten für die kommenden drei Wochen und sollte einen „schweren Schlag“ für das Virus sein. Danach muss das Virus mithilfe von „neueren, klügeren Maßnahmen“ verdrängt werden. De Jonge und Rutte denken daran, den Corona-Ausweis in mehreren Orten, wie den Arbeitsplatz, zu verpflichten. Außerdem wird darüber gesprochen, ob der Zugang zur Gastronomie und Veranstaltungen von 3G (geimpft, genesen oder getestet) auf 2G (geimpft oder genesen) eingeschränkt werden muss.

Die neuen Maßnahmen im Überblick

– Die Anderthalb-Meter-Regel gilt für Orte, an denen der 3G-Corona-Ausweis nicht erforderlich ist. Hier gilt auch einen Mund- und Nasenschutzpflicht.
– Geschäfte und Dienstleistungen die nicht lebensnotwendig sind, wie Kleidungläden oder Friseure, schließen spätestens um 18:00 Uhr.
– Die Gastronomie, Supermärkte und Drogerien schließen spätestens um 20:00 Uhr.
– In der Gastronomie ist einen 3G-Corona-Ausweis verpflichtet.
– Veranstaltungen können täglich bis 18:00 stattfinden – Besucher:innen müssen aber einen 3G-Corona-Ausweis zeigen und einen festen Sitzplatz bekommen. Pro Saal sind maximal 1.250 Personen zugelassen.
– Zuschauer sind beim Sport – professionell oder Amateur – nicht zugelassen.
– Der Ratschlag, vom Homeoffice heraus zu arbeiten, wird verschärft: „Arbeiten Sie sofern möglich zuhause“.- Pro Tag darf man zuhause bis zu 4 Gäste empfangen.
– Wenn ein:e Mitbewohner:in mit Corona infiziert ist, gilt die Quarantänepflicht nicht nur für die infizierte Person, sondern auch für alle anderen Mitbewohner:innen, egal ob geimpft oder ungeimpft.

Ausschreitungen in Den Haag

Nach dem Bekanntwerden der neuerlichen Maßnahmen herrschte in den Straßen von Den Haag Chaos. Noch während der Pressekonferenz begannen erste Krawalle. Demonstranten warfen Ziegelsteine und Flaschen auf die Polizei und umliegende Geschäfte. Vielfach explodierten Feuerwerkskörper. Die niederländische Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Polizeihunden, mithilfe dessen die chaotischen Umstände rund zwei Stunden später aufgelöst wurden.

(Quelle: NiederlandeNet)

differenzieren

15. März 2021

Die Corona-Infektionslage in Niedersachsen hat sich erneut verschärft. Neun Landkreise und kreisfreie Städte erreichten am Sonntag eine Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 100. Darunter ist nun auch das Emsland. Insbesondere im nördlichen Teil des Emslands sind nämlich die Corona-Inzidenzen sehr stark angestiegen, wie NDR 1 Niedersachsen berichtet. Die Stadt Papenburg sticht dabei heraus: Bereits am Freitag wurde dort die kreisweit höchste Inzidenz von 207,6 erfasst.

Nach Angaben der Kreisverwaltung gibt es Ausbrüche in größeren Unternehmen – bei der Papenburger Meyer Werft sowie -wer hätte das gedacht- erneut im Schlachthof Weidemark im 30km entfernten Sögel.

Beides ist von unserer Stadt Lingen weit entfernt: 70 km sind es bis Papenburg und 43 km nach Sögel.  Die Vorstellung, wegen des vor 45 Jahren von CDU-Leuten ersonnenen, flächengrößten Landkreis jetzt wieder in den Lockdown zu müssen, weil so weit entfernt die Inzidenzen knallen, finde ich ziemlich unerträglich. Das liegt aber nicht nur an dem in der alten Bundesrepublik flächenmäßig größten Landkreis Emsland, der 1977 aus drei Landkreisen zusammengschnitten wurde , sondern auch an der Corona-Verordnung des Landes Niedersachsen. Sie nämlich schert jeden Landkreis nur über einen Kamm. Aber weshalb sollen ggf die Menschen in Lingen in den Lockdown gehen, wenn 70 Kilometer entfernt die Inzidenzen das erfordern? Das hat mir noch niemand erklärten können.

Es braucht dringend die Möglichkeit, dass der Lockdown auf diejenigen Teile dieses Landkreises beschränkt wird, in denen dies nötig ist. Das ist gegenwärtig der „Nordkreis“, was sich aber angesichts des dynamischen Infektionsgeschehens auch schnell ändern kann. Die Corona-Verordnung des Landes Niedersachsen ist aktuell wieder auf 32 Seiten aufgebläht, da wäre sicher noch Platz für einen kurzen Absatz, dass man auch innerhalb eines Landkreises notwendige Einschränkungen nach Gemeinden differenzieren kann.

Klazienaveen

2. März 2021

Gut eineinviertel Stunden dauerte der Aufstand von Klazienaveen – direkt hinter der Grenze zwischen Emsland und der Provinz Twente. Um neun Uhr morgens öffneten heute viele Geschäfte, darunter der Modeladen Niezing Heijes ihre Türen. Um kurz nach zehn kam in Beamter vom Ordnungsamt Emmen vorbei: Verwarnung – und eine Viertelstunde Frist, um wieder zu schließen.

„Er informierte mich als Vorsitzenden unseres Vereins darüber, dass wir offiziell vor einer Eröffnung gewarnt wurden. Ich habe sofort über Gruppen-App geschrieben, so schnell wie möglich zu schließen, um eine Geldstrafe von 4000 Euro zu vermeiden. Das war schon enttäuschend“, sagte Einzelhändler Harrie van der Velde am Dienstag der F.A.Z. „Gegen 10.20 Uhr waren alle unsere Türen wieder geschlossen.“ Das Widerstandsnest im niederländischen Nordosten gab seinen Protest gegen die niederländischen Corona-Regeln auf – nach dem wohl kürzesten Aufstand in der Geschichte der Niederlande.

Van der Velde spricht für einen Verein, in dem sich Dutzende Einzekhändler organisiert haben. Sie hatten angekündigt, Anfang März ihre Türen zu öffnen – Verbot hin oder her. Bürgerlicher Ungehorsam sei eigentlich nicht ihre Sache, sagten sie, und immerhin drohten 4000 Euro Buße für jeden. Aber den Geschäftsleuten steht das Wasser nach eigenem Bekunden bis zum Hals – oder, im Niederländischen, sogar bis zu den Lippen.

Alle rund 70 teilnehmenden Geschäfte hätten auf die WhatsApp-Nachricht sofort reagiert, sagte van der Velde. „Einige letzte Kunden wurden bedient und dann wurde alles wieder zugesperrt.“ Der Vorsitzende findet es schwierig, dass die Sache so ausging, „aber wir konnten unseren Standpunkt deutlich machen“, ergänzte er und:  „Wir verstehen, dass der Bürgermeister keine Wahl hatte. Er hätte uns nur fünf Minuten geben können. Jetzt haben wir mindestens anderthalb Stunden geöffnet.“

Die Gemeinde Emmen, zu der auch Klazienaveen gehört, hatte im Vorfeld bereits angekündigt, den Lockdown  durchzusetzen. Die lockdownmüden Ladenbesitzer hatten vor heute Morgen bereits signalisisert, sie würden,  wenn eine behördliche Anordnung eintreffe, ihre Läden sofort schließen: „Wir können uns die Geldbußen nicht leisten“, sagten sie einem Reporter.

Der Emmener Bürgermeister Eric van Oosterhout sagte, er könne nicht anders handeln. „Ich kann den Ladenbesitzern in Klazienaveen nicht mehr erlauben als Unternehmern an anderen Teilen der Kommune. Wenn sie gegen die nationalen Coronaregeln verstoßen, muss ich eingreifen. Die Unternehmer wurden von uns angesprochen und alle haben gegen zehn Uhr ihre Türen geschlossen. Ich stimme der Aktion nicht zu, aber verstehe die Botschaft, die sie damit vermitteln wollen. „

Das letzte Mal übrigens, dass Klazienaveen in den Niederlanden landesweite Schlagzeilen machte, war vor knapp 60 Jahren: Da kam es zu einem legendären  Apfelsinenkrieg zwischen dem Supermarkt Boerland und dem traditionellen Früchtehandel Knegt….

(Quellen: rtlnieuws,nl, twitter, FAZ)

reicht nicht

16. Januar 2021

Nur, dass Ihr bescheid wisst:

Der von Politikern verfolgte Zielwert bei Corona-Neuinfektionen sollte bekanntlich deutlich unter 50 für die 7-Tages-Inzidenz liegen, um den Lockdown zurückzufahren. Dieser Wert für ein Lockdown-Ende wird nach Berechnungen des Saarbrücker Pharmazie-Professors Thorsten Lehr Ende Januar wohl nicht erreicht. „Die Chance ist extremst gering bis nicht vorhanden“, sagte Lehr. Er gehe davon aus, dass die angestrebte Rate von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen frühestens Mitte Februar möglich sei. „Und das wäre eine optimistische Vorhersage.“

Der Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes hat mit seinem Forscherteam einen „Covid-Simulator“ entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert: für ganz Deutschland, die einzelnen Bundesländer, bis hin auf Landkreisebene (ja, auch für den LK Emsland).

Er kann auch online genutzt werden.

 

Den Haag

17. Oktober 2020

Mittwochabend haben die Niederlande landesweit alle Bars, Kneipen und Restaurants geschlossen. Wegen Corona. Da ging es offenbar an manchen Orten noch einmal hoch her – oder besser- sehr hoch her. Und maskenfrei. Die Sache mit der Eigenverantwortung ist auch bei den westlichen Nachbarn sehr ausbaufähig.

Am selben Abend fand ich in meiner Timeline einen Tweet, der mich besonders irritiert hat. Er zeigt ein krudes Video aus Den Haag, das 25 Minuten (und im Update sogar 5 Minuten) vor der Schließung der Lokale aufgenommen wurde. Ohne jede Rücksicht und Vorsorge wird dort „gefeiert“, was das Zeug hält.

Offensichtlich ist der kurze Streifen mit einer stationären Überwachungskamera aufgenommen worden; das zeigen Aufnahmequalität und Bildfolge. Gestern nun hatte ich ein kurzes Telefonat mit einem Strafverteidigerkollegen in Amsterdam. Der kannte das Video ebenfalls und erläuterte, dass das Lokal keine 50 Meter vom niederländischen Parlament entfernt liegt, wo dann wohl auch die Kamera installiert ist.

Die Parlamentarier konnten also „live“ miterleben, wie die Post abging, und erkennen und am folgenden Tag in der Tweede Kamer auch debattieren), dass es zum Lockdown keine Alternative gab.

Guckt selbst:

 

Niederlande lockern

26. Juni 2020

Die niederländischen Nachbarn lockern die Corona-Beschränkungen schneller als erwartet. Das niederländische Kabinett hat am Mittwoch dieser Woche erneut Beschränkungen weitreichend aufgegeben. Anders als ursprünglich geplant, sind ab dem 1. Juli auch wieder große Veranstaltungen erlaubt, wenn der Mindestabstand gewahrt bleibt. Auch die Nutzung von Verkehrsmitteln, die Sportausübung oder die Verhaltensvorschriften für Minderjährige sind von den Lockerungen betroffen.

„Wir gehen mit mehr Freiheit in den Sommer als gedacht“, sagte Ministerpräsident Mark Rutte auf der letzten Pressekonferenz vor den Sommerferien. Maßnahmen, die eigentlich erst für die abschließende Phase der im Mai angekündigten Lockerungen vorgesehen waren, treten nun jetzt schon ein. Dafür machte Rutte die gute Lageentwicklung der Covid-19-Pandemie verantwortlich, die er mit einer Achterbahnfahrt verglich: „Heute stehen wir an einem Punkt, an dem wir die schlimmsten Loopings und schärfsten Kurven hinter uns haben.“

Zwar bleibe das Abstandhalten weiterhin „entscheidend“ und auch die Hygieneregeln und Verhaltensweisen bei Symptomen predigte der Ministerpräsident erneut ausführlich, doch präsentierte er im gleichen Atemzug eine Handvoll bedeutende Ausnahmen. Die wohl umfassendste Sonderung ist die Abstandsaufhebung zwischen allen unter 18-Jährigen. Jugendliche ab 12 Jahren dürfen sich gleichwohl keinen Erwachsenen unter 1,5 Meter nähern, für alle Jüngeren gelten keine Einschränkungen. „Für Minderjährige sind die Risikos viel kleiner“, meint Rutte. Die weiteren Lockerungen bedingen jedoch auch, dass der Mindestabstand bei anderen Aktivitäten, wie bei Kontaktberufen, im Sport oder im Verkehr, nicht gewahrt werden kann.

Wie bereits berichtet, sind ab Juli Veranstaltungen mit einer unbegrenzten Personenanzahl, unter bestimmten Auflagen und insbesondere der Wahrung des gegenseitigen Abstands, wieder erlaubt. Dies gilt für Jahrmärkte ebenso wie für Hochzeiten, Kirchenbesuche, kulturelle Einrichtungen aller Art oder Fußballspiele. Besonders erwähnenswert bei Stadionbesuchen: Das Singen und Rufen von Sprechchören bleibt untersagt, um das Infektionsrisiko zu vermindern – in Kirchen und bei Gesangsgruppen soll es hingegen wieder möglich werden. Aufgrund lang andauernder Genehmigungsverfahren ist mit großen Events trotzdem erst Mitte August zu rechnen.

Der öffentliche Verkehr wird auch für nicht notwendige Reisen wieder geöffnet und die Kapazität von 40 auf 100 Prozent erhöht. Daneben können Taxi- und Reisebusbetriebe ihre Arbeit vollständig wiederaufnehmen. Die Mundschutzpflicht bleibt für diese Verkehrsmittel allerdings uneingeschränkt bestehen. Deutsche Urlauber dürfte vor allem die Regelung für Autoinsassen interessieren. Hier ist es ab Juli zugestanden, jemand aus einem anderen Haushalt mitzunehmen. Eine Begrenzung für Mitfahrer fällt weg.

Sportarten können, ob innen oder außen, ohne Rücksicht auf Beschränkungen ausgeübt werden. Dazu zählt auch jeglicher Kontaktsport. Außerdem ist die Wiedereröffnung von Sportschulen ermöglicht. Apropos Schulen: Nach den Sommerferien werden alle Grund- und weiterführenden Schulen den Lehrbetrieb in gewohnter Form durchführen.

Auf der Strecke bleiben nach wie vor Nachtclubs und Diskotheken. Obwohl selbst Saunen und Casinos ihre Pforten öffnen und Sexarbeiter ihr Geschäft erneut vollständig hochfahren, wird über ihre Zukunft erst Anfang September wieder beraten.

Auch wenn sich die Situation nun dem alten Normalzustand allmählich annähert, ist sie mit Verantwortung jedes Einzelnen gepaart. Rutte: „Was uns in der nächsten Zeit beschäftigen wird, ist dafür zu sorgen, dass keine zweite Welle kommt.“ Dabei solle laut Gesundheitsminister de Jonge auch endlich die Corona-App dienen, über die er im Juli einen Beschluss fassen will.

Für den Moment wartete er noch mit einer erfreulichen Nachricht für Bewohner von Pflegeeinrichtungen auf: Sie dürfen wieder nach draußen und der uneingeschränkte Besuch ist bei Häusern ohne Corona-Erkrankten ab Juli erlaubt. Für den Fall einer weiteren Infektionswelle rüste man sich darüber hinaus weiterhin, so de Jonge. Pläne für die flexible Erhöhung von Kapazitäten bei Intensivbetten lägen bereit, während ein Vorrat an Schutzmasken und -mitteln aufgebaut werde.


Quelle: Niederlande.net

Einen dringenden Hilferuf haben heute der Einzelhandel und die Gastronomie in der Lingener Innenstadt an die Fraktionen im Stadtrat geschickt. Die Vorsitzenden des LWT eV Dirk Iserlohe und Stefanie Neuhaus-Richter richteten einen öffentlichen Brief an die Stadtratsfraktionen. Hier das Schreiben im Wortlaut:

„Leider ist es nicht es nicht so, dass nun, wo unsere Geschäfte und Restaurants und Cafés wieder öffnen dürfen, alles wieder gut ist. Für die Gastronomie ist das leicht vorstellbar: Die halbe Zahl der Tische bedeutet halber Umsatz.

Die aktuelle, schwierige Situation für den Einzelhandel, die nicht so offensichtlich ist, möchten wir hier deutlich machen:  Der Einzelhandel scheint bei flüchtiger Betrachtung weniger betroffen, da wir relativ schnell wieder öffnen konnten und die Mehrzahl der Flächen in Lingen nicht über 800m² groß sind. Doch in die Statistiken fließen die Lebensmittel – und Onlineumsätze ein, die während des Lockdowns bekanntermaßen Rekorde feierten.

Der stationäre Facheinzelhandel erzielte vor Corona aus 100 Euro Umsatz etwa 3 Euro Gewinn. Sinkt jedoch der Umsatz um mehr als 5%, rutscht der Händler in ein Defizit, da ein großer Teil des Ertrages zur Deckung von Fixkosten dient. Miete, Personalkosten (trotz Kurzarbeit nicht in dem Maße reduzierbar, wie der Umsatz wegbricht), Steuerberater und Versicherungen bleiben zunächst nahezu gleich -auch, wenn der Umsatzes sinkt. Im Rahmen des Lockdowns haben die Unternehmen der Lingener Innenstadt branchenunterschiedlich zwischen 10-20% ihres Jahresumsatzes verloren – für sich betrachtet schon eine betriebswirtschaftliche Katastrophe mit hohen Defiziten. Diese Defizite haben die Unternehmen in der Regel durch entsprechende staatlichen Kreditprogramme ausgleichen müssen, deren Kapitaldienst in den nächsten 10 Jahren den Spielraum für Investitionen nimmt und die Geschäfte auf das Äußerste belasten wird.

Noch mehr Sorge bereitet uns jedoch die aktuelle Entwicklung. Nach intensiven Austausch mit den Kollegen wissen wir, dass sich viele Unternehmen nach wie vor zwischen 40% und 70% ihres normalen Umsatzes bewegen, womit sie jeden Tag tiefer und tiefer in die roten Zahlen rutschen. Hinzu kommt, dass sich in den Innenstadtleitbranchen, dem Textil- und Schuhhandel, riesige Warenläger aufgebaut haben, die saisonal bedingt deutlich an Wert verloren haben. Diese werden inzwischen durch entsprechender Reduzierungen ohne Ertrag verkauft, um die wenigstens die kurzfristige Liquidität der Unternehmen zu sichern. Diese Entwicklungen gefährden unsere Unternehmen massiv in ihrer Existenz und damit eben auch die Arbeitsplätze und nicht zuletzt die Innenstadt in ihrem bisherigen Handelsbesatz und ihrer Attraktivität.

Schätzungen von Handelsexperten gehen davon aus, dass 20-30% der Facheinzelhändler in den kommenden zwei Jahren aufgeben müssen. An dieser Entwicklung ändert leider auch die Mehrwertsteuersenkung, die sicher ein positives Signal ist, nur zum Teil etwas. Die Menschen haben während des Lockdowns, belegbar und nachhaltig, ihr Einkaufsverhalten noch weiter in Richtung des Onlinehandels verlagert, der wiederum gleichermaßen von der Mehrwertsteuersenkung profitiert.

Um es ganz unverblümt zu sagen: Einigen Kollegen steht das Wasser bis zum Hals und wir brauchen so schnell es geht mehr Frequenz in unseren Geschäften.

Daher möchten wir an dieser Stelle auf eine wichtige, richtige und vor allem nachahmenswerte Initiative der CDU Rheine verweisen, die für ihre Bürger plant, die innerstädtischen Parkgebühren und die Tickets des ÖPNV bis zum Jahreswechsel entfallen zu lassen, um die innenstädtischen Geschäfte und Gastronomie erhalten zu können. Es ist wichtig, jetzt Impulse zu setzen, um die Verhaltensweisen der Konsumenten zu einem innenstädtischen Einkaufserlebnis zu animieren, bevor aus neuen Verhaltensweisen Gewohnheiten geworden sind.

Wir sind der Auffassung, dass die Rettung der innerstädtischen Geschäfte und Gastronomie langfristig die Lebensqualität der Bürger sichert und hoffen daher sehr auf die Unterstützung.

Wenn wir jetzt nicht tätig werden und sehr schnell alles Machbare realisieren, dann werden wir uns über einen Masterplan Innenstadt unter ganz anderen Prämissen unterhalten müssen.

Gerne stehen wir für Gespräche zur Verfügung und hoffen auf ein positives Feedback.
Mit freundlichen Grüßen
Dirk Iserlohe                      Stefanie Neuhaus-Richter
Vorsitzender LWT e.V.         stell. Vors. LWT e.V.

-.-.-.-.-.-.-

Unsere Fraktion „Die BürgerNahen“ hat die LWT-Vorstandsmitglieder sofort zu einem Gespräch eingeladen. Das sowie das Schreiben selbst dürften auch die übrigen Stadtratsfraktionen zu entsprechenden Einladungen veranlassen. Unsere Antwort:

Lieber Dirk, sehr geehrte Frau Neuhaus-Richter,

wir stimmen Ihrer Bewertung zu, dass die Situation im Einzelhandel der Innenstädte dramatisch ist. Bei den Beratungen in den letzten drei Monaten haben wir mehrfach unser Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Super- und Verbrauchermärkte vor den Toren des Stadtzentrums geöffnet bleiben durften, die kleinen Einzelhandelsgeschäfte aber nicht. Wir halten auf dem Hintergrund des Corona-Krise auch die Expansionspläne bei BvL sowie die etwa zweijährige Großbaustelle der Sparkasse für ein Hindernis der Erholung der Innenstadtbetriebe.
Für die Innenstadt-Gastronomie haben wir eine Ausdehnung der Außenflächen angeregt, die dann auch gekommen ist. Die Ideen der CDU-Rheine sind allemal diskussionswürdig.
Ihr Angebot zum Gespräch greifen wir daher sehr gern auf …
Mit freundlichen Grüßen
Die BürgerNahen – Stadtratsfraktion
Robert Koop, Vors.

 

stayhomesavelifes

29. März 2020

Die Metropolen rund um den Globus sind aktuell im Covid-19 Lockdown-Modus. Da der Tourismus nahezu komplett pausiert ist sind auch die Tourismus-Hotspots wie leergefegt. Der Youtube User BlckL hat einen Zusammenschnitt der Live-Webcams der bekanntesten Touripots erstellt und das Ergebnis ist nicht nur ziemlich sehenswert, sondern vergleichbare Bilder wird es sicherlich auch so schnell nicht wieder geben.

(Danke an Urbanshit)