weil es geht

8. Juli 2017

Wie geschichtslos-dumm kann man eigentlich sein? Offenbar in unserer Region besonders Aus der taz:

Die Industrie- und Handelskammer Osnabrück[-Emsland-Grafschaft Bentheim]
will ihre drei Bilder von Felix Nussbaum verkaufen – und zwar zu marktüblichen Preisen. Warum? Weil es geht.

„Lasst meine Bilder nicht sterben – zeigt sie der Nachwelt.“ Das hat Felix Nussbaum gesagt. Mit der Eröffnung des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses 1998 wurde sein Wunsch wahr. Drei Nussbaum-Bilder, die in dem Museum hängen, gehören der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück[-Emsland-Grafschaft Bentheim]. Die will die zwei Selbstbildnisse und das Stillleben nun verkaufen. Das wurde bereits Ende März bei einer Vollversammlung mit nur einer Gegenstimme beschlossen, aber erst Anfang der Woche durch einen Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung bekannt.

Verkaufen will die IHK unter anderem das „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ )Foto), das zu den Schlüsselwerken Nussbaums zählt und in der Dauerausstellung hängt. Felix Nussbaum malte das Bild um 1936 herum im belgischen Exil. Die IHK kaufte es in den 70ern für 4.000 DM, für ebenso viel wie für das „Selbstbildnis mit Hut“ von 1937, das sich im Depot des Nussbaum-Hauses befindet. Auf dieses Bild erhebt allerdings auch der Museums- und Kunstverein Ansprüche. Im Werkverzeichnis ist es als „Dauerleihgabe des Museums- und Kunstvereins Osnabrück“ aufgeführt, das mit „Mitteln der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland“ 1975 erworben wurde.

Erst 2000 kaufte die IHK das „Stillleben mit Zinnteller“ von 1926. Für alle drei Bilder zusammen zahlte die Kammer, so schreiben sie auf ihrer Internetseite, insgesamt 38.000 Euro. Der heutige Marktwert der Bilder dürfte deutlich höher liegen. Denn Felix Nussbaum, der in den 1970ern wiederentdeckt wurde, zählt inzwischen zu den bedeutendsten Künstlern des Holocaust. Seine Bilder werden weltweit ausgestellt.

Nils-Arne Kässens, Leiter des Nussbaum-Hauses, hofft, dass die Bilder im Museum bleiben. Für besonders aussagekräftig hält er die Selbstporträts: „Felix Nussbaum hat das Grauen des Holocaust nicht direkt gemalt, aber sie sehen es auf diesen Bildern in seinen Augen.“

Die IHK betonte erst am Mittwoch, sie sei „sich der Bedeutung der Kunstwerke und des Künstlers, insbesondere für die Stadt Osnabrück, bewusst“. Sie wollten daher einen Käufer finden, der die Bilder dem Nussbaum-Haus weiter zur Verfügung stelle, erklärt IHK-Sprecher Frank Hesse. Den Vorwurf, die Kammer wolle mit dem Verkauf der Bilder Gewinn machen, weist er zurück. Verschenken oder zum damaligen Verkaufspreis abgeben will die IHK die Bilder allerdings auch nicht. Man orientiere sich am Marktwert, sagt Hesse.

Das kritisiert Heiko Schlatermund, Geschäftsführer der Felix-Nussbaum-Gesellschaft in Osnabrück. Seine Gesellschaft kann sich vorstellen, die drei Bilder zu kaufen – aber nicht zu marktüblichen Preisen. „Unser oberstes Ziel ist es, dass die Bilder in Osnabrück bleiben“, sagt Schlatermund.

Aber warum will die IHK die Bilder überhaupt verkaufen? Sprecher Hesse beruft sich auf eine „Änderung der Rechtsauffassung der letzten 15 Jahre“, nach der es nicht Aufgabe der IHK sei, Kunst und Kultur durch Käufe zu fördern. Er beruft sich auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Münster von 2003. Dabei ging es aber um einen Kredit in Höhe von sechs Millionen DM, den die IHK Duisburg-Kleve-Wesel 2001 zugunsten einer Museumsgründung aufgenommen hatte.

Hesse verweist weiter auf die Prüfung anderer niedersächsischer Handelskammern. Tatsächlich hat der Landesrechnungshof bereits mehrere Kammern geprüft. Gerügt wurde nur eine Kammer, die sich eine große Kunstsammlung zugelegt hatte. Um welche Kammer es sich handelt, will der Rechnungshof nicht sagen, verweist nur darauf, dass diese IHK nicht „zum Verkauf von Gemälden oder Skulpturen“ aufgefordert wurde.

Die IHK in Osnabrück wurde nicht geprüft. Verkaufen wollen sie trotzdem. Zeitnot gebe es nicht, gibt Hesse zu. Die „konkrete Situation in Osnabrück“ kann der Rechnungshof nicht beurteilen. Von dort heißt es: „Wenn die Osnabrücker IHK zu der Selbsteinschätzung kommt, dass ihre Kunstsammlung die Grenzen einer zulässigen Vermögensbildung überschreitet, muss sie sorgfältig abwägen, an wen und zu welchen Bedingungen sie verkaufen will.“


FELIX NUSSBAUM

Der aus einer jüdischen Familie stammende Künstler Felix Nussbaum wurde 1904 in Osnabrück geboren.

Besonders bekannt ist sein um 1943 entstandenes „Selbstbildnis mit Judenpass“.

Nussbaum flüchtete mit seiner Ehefrau Felka Platek vor den Nazis ins Exil nach Italien, Frankreich und 1937 dann nach Brüssel.

Er starb 1944 im Konzentrationslager Auschwitz.

Ein Großteil seiner Bilder ist heute im von Daniel Libeskind entworfenen Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen. Drei dieser Bilder gehören der Industrie- und Handelskammer Osnabrück und die will jetzt verkaufen.

 

(Quelle: taz)

Notwendig

5. Juni 2013

Niedersachsen hat kein Geld. Der Schuldenberg umfasst mehr als 55 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Der Landesrechnungshof fordert daher in seinem Jahresbericht konsequente Sparmaßnahmen. Unter anderem könnten rund 26 000 Jobs im öffentlichen Dienst wegfallen.

Der Niedersächsische Landesrechnungshof (LRH) hat dazu heute vor dem Hintergrund rückläufiger Einwohnerzahlen einen drastischen Personalabbau verlangt. Derzeit hat das Land 190 000 Beschäftigte, davon 127 000 Beamte. Nach Schätzungen sinkt die Bevölkerungszahl bis 2028 um rund 600 000. „Darauf müsse reagiert werden, um erhebliche Personalüberhänge in der Landesverwaltung zu vermeiden. Damit das aktuelle Verhältnis von Landesbediensteten und Einwohnern unverändert bleibt, müssten, so der LRH, bis zu 26 000 Stellen abgebaut werden.  Bis 2028 sollten in drei Stufen 19.000 Stellen gestrichen werden, darunter allein 7.700 von Lehrern.

Der Rechnungshof regt an, bis 2028 insgesamt 19 000 Vollzeitstellen zu streichen – davon jeweils 6 500 in den Wahlperioden 2013 bis 2018 und 2018 bis 2023 sowie 6 000 in den verbleibenden fünf Jahren…. „[weiter bei der NOZ][mehr beim NDR]

Kurz gesagt:  Ich halte die Vorschläge für sinnvoll und in 15 Jahren auch für machbar. Problemlos.

Rechnung

10. März 2010

Der Niedersächsische Landesrechnungshof kontrolliert die öffentlichen Finanzen des Landes. Er ist unabhängig und prüft die Haushalts- und Wirtschaftsführung auf Einhaltung der  Rechtsvorschriften und auf Wirtschaftlichkeit. Jetzt hat er gefordert, Stellen im Bildungsbereich zu kürzen. 9200 Lehrerstellen in Niedersachsen sollten aus seiner Sicht bis zum Jahr 2020 abgebaut werden. «Aufgrund des demografischen Wandels werden die Schülerzahlen in den nächsten zehn Jahren signifikant zurückgehen», sagte der Vizepräsident des Landesrechnungshofes Fritz Müller der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Mit den Landtagsgrünen kritisiere ich das als  „wirtschaftspolitisch extrem kurzsichtig“.  „Eine gut ausgestattete Schule ist die wichtigste Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes“, bewertete die Grünen-Politikerin Ina Korter (Foto) zutreffend die Forderung des Rechnungshofs.

Andere Länder – in Europa zum Beispiel das reiche Finnland und das weniger reiche Polen – haben gerade in wirtschaftlichen Krisen in ihr Bildungssystem investiert. Sowohl im internationalen Vergleich als auch im Vergleich zu den Ländern in Süddeutschland sei das niedersächsische Schulsystem deutlich im Hintertreffen. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt schon in Deutschland allgemein mit 4,8 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,7 Prozent. Und nach dem jüngsten deutschen Bildungsfinanzbericht hat Niedersachsen pro Schüler nur 4.900 € im Jahr aufgebracht, während im Bundesdurchschnitt 5.200 € investiert wurden.

„Wenn Niedersachsen jetzt in den Schulen weiter kürzt, wird es seine Schlusslichtposition auf lange Zeit beibehalten“, so Ina Korter. Sie zitiert die OECD-Direktorin Barbara Ischinger, die bei der Vorlage des jüngsten OECD-Bildungsberichtes erklärt hatte:“ Wenn Deutschland gestärkt aus dieser Wirtschaftskrise hervorgehen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt, in Bildung und höhere Qualifikation zu investieren.“ Das denke ich auch. Sonst zahlen wir eine ganz andere Rechnung.