werden

21. Oktober 2011

Gestern Abend Punkt 18 Uhr ist das lokale Fernsehprogramm  EV1.tv im regionalen Kabelnetz auf Sendung gegangen. Der Sender zeigt ein einstündiges Programm, das bis heute Abend 18 Uhr wiederholt wird. „Jetz …! Einschalten!“ twitterte aufgeregt die Osnabrücker Mutter (s.u.).

Die erste EV1.tv-Kabelstunde fand ich nun nicht so pralle, eher betulich –  mit aufgezeichneten Landratinterviews der Herren Bröring und Kethorn. Fast am Spannendsten waren da Nebensächlichkeiten: Wo beispielsweise platziert der, wie erwartet aufgeräumt wirkende Talk-Gastgeber Marko Schnitker seine Hand unterm Tisch (TV kann ja so unerbittlich sein) oder der etwas unsortiert wirkende Kinderprogrammbeitrag „Wie geht Fernsehen?“ mit dem Geständnis, man habe für das Interview eine Stunde auf den Winter gewartet – pardon natürlich auf „Erster Kreisrat Reinhard Winter“ (O-Ton). Das Interview mit ihm fiel dann aus. Nicht auszudenken, wenn er auch noch -ebenso wie unisono die Kollegen Bröring und Kethorn- gefordert hätte, Kreistagssitzungen auf ev1.tv zu übertragen. Andererseits… vielleicht könnte eine Liveschalte ja auch augenöffnende Wirkung entfalten. so wie die Bilder der mit Landrat i.E. Reinhard Winter der Kamera enteilenden Anzugmänner-Rückseiten…

Also: EV1.tv kann nur besser werden, und es wird auch besser werden. Haben wir Geduld, bis die EV1.tv-Macher nicht mehr eine Stunde auf einen Vorturner der politischen Regionalliga warten.
Gut werden sie sein, wenn sie sich nicht gemein machen mit denen, die wichtig genommen werden wollen. Wenn sie die Gästeliste ihrer Feiern veröffentlichen. Wenn sie Unabhängigkeit beweisen.

Noch ein bisschen Hintergrund zu EV1.tv: „E“ steht bekanntlich für Ems, „V“ für Vechte und die 1 ist das für eine URL notwendige dritte Zeichen. Dem Sender unter dem Dach des Neue OZ-Medienhauses hat die Landesmedienanstalt Niedersachsen Anfang des Jahres einen 24-stündigen analogen Kabelplatz in der Netzregion Lingen für die Dauer von sieben Jahren zugewiesen und, entkoppelt davon,  eine unbefristete Lizenz erteilt. Seinen Sitz hat der Sender in der Lingener Halle IV an der Kaiserstraße.  EV1.tv belegt übrigens den Kabelkanal des französischsprachigen Senders tv.5monde und verdrängt den einzigen Franzosen hier im Kabelnetz. Aus ganz Europa bleibt da im Kabelempfang nur noch die BBC mit ihrem Weltprogramm. Nichts mit Holland, Polen, Spanien -ein Armutszeugnis, das  die verantwortliche Landesmedienanstalt Niedersachsen da abliefert, wenn sie zwar nicht Europa aber gleich mehreren Shopping-TV-Sendern Kabelplätze zugewiesen hat…

Zur Erinnerung:
Für lokales Verlegerfernsehen in Niedersachsen hat die  schwarz-gelbe Landtagsmehrheit  das Mediengesetz so geändert, das es den Interessen der einflussreichen Zeitungsverlage auf den Leib geschneidert ist. Sie können sich mit bis zu 49,9 Prozent an den Lokalsendern beteiligen (statt bisher 24,9%). Kreativ sind die lokalen Zeitungsverlage offenbar wechselseitig an den jeweiligen Lokalsendern nebenan beteiligt: das Neue OZ-Medienhaus beispielsweise an dem Oldenburger NWZ-Sender. Da interessieren schon die kommerziellen Konditionen, um  zu entkräften, die Verlage -sagen wir mal- liberalisierten faktisch-augenzwinkernd die gesetzlichen Bestimmungen.

Verlagshäuser können sich also auch trotz lokaler Marktbeherrschung -wie bei der NOZ – mit bis zu 49,9 Prozent an den neuen Sendern beteiligen. Verleger, die vor Ort bereits eine monopolartige Stellung haben, müssen zwei von vier so genannte „Vielfalt sichernden Maßnahmen“ erfüllen.  „Geeignete Vorkehrungen gegen das Entstehen vorherrschender Meinungsmacht“, formuliert § 6  Mediengesetz,   sind  die Einrichtung eines Programmbeirats mit wirksamem Einfluss auf das Programm, die Einräumung von Sendezeit für unabhängige Dritte, die Beschränkungen des Stimmrechts in Programmfragen und wichtigen Personalfragen, die Verabredung eines Redaktionsstatuts zur Absicherung der redaktionellen Unabhängigkeit.“ Was EV1.tv da vorhält, habe ich im Internet nicht gefunden, weder auf der Seite von EV1.tv, noch bei der Landesmedienanstalt noch sonstwo. Aber vielleicht wird mir ja geholfen. Wir müssen eben geduldig sein.

Vorbei…

22. August 2010

„Soziale Netzwerke und minderjährige Nutzer“ lautete das Thema des Informationsabends des Lingener Stadtelternrats letzten Donnerstag im Gebäude des „it.emsland“-Zentrums. Auf dem Programm standen mehrere Kurzvorträge zum Thema, u.a. mit Vertretern der Polizei und der Landesmedienanstalt Niedersachsen. Es war klar, dass zu diesem Thema offenbar erhebliches Interesse und Aufklärungsbedarf besteht. Schon deutlich vor Beginn der Veranstaltung war der nicht kleine Saal voll.

Nach kurzer Begrüßung durch den it.emsland-Geschäftsführer Michael Schnaider referierte zunächst Carsten de Groot von der Landesmedienanstalt über „Zahlen, Daten und Fakten“ der  Mediennutzung von Jugendlichen. De Groot  fasste sich aber so kurz, dass  viele fragende  Gesichter  die Folge waren.

Im Anschluss referierte Ansgar Hulsmeier über „Soziales Netzwerk am Beispiel der „el-community ”. Schon der Titel des Vortrages ließ befürchten, dass es sich vielleicht mehr um eine Verkaufsveranstaltung als Informationsabend handeln würde. Und so kam es auch. Hulsmeier verkaufte den Anwesenden „sein“ Portal, ein „regionales“ Sozialnetzwerk, dass – genaugenommen – gar kein Regionsspezifisches ist; denn natürlich ähneln sich Sozialnetzwerke stark in ihren Grundfunktionen, aber für diese Informationen muss man keine Informationsabende aufsuchen.

Mit Hulsmeier verpasste man es, besorgten Eltern die Portale und Seiten zu zeigen, die ihre Kinder auch wirklich nutzen. Die vorgestellte EL-Community hat in ihrem gesamten Zielgebiet gerade einmal rund 142 Kinder und jugendliche Nutzer im Alter zwischen 12 und 15 Jahren. Wie viele davon wirklich aktiv sind, ist zudem unklar. Zum Vergleich: Im SchülerVZ, dem meistgenutzten Portal bei Heranwachsenden sind es schon mehr als doppelt so viele allein vom Lingener Gymnasium Georgianum. Es scheint so, als sei der Referent wohl aus Beziehungsgründen eingeladen worden, unterhält doch „die EL-Community“ ihr Büro im Gebäude des it.emsland.

Nach dem entsprechend verkorksten Vortrag über die EL-Community ergriff Dieter Rothlübbers vom „Präventionsteam der Polizei Lingen” das Wort. Jetzt sollte es spannend werden, erzeugt die Polizei oft Ängste. Doch es kam anders. Rothlübbers hielt einen kurzen Vortrag über Gefahren beim Chatten im Netz. Vom eigentlichen Titel „Sind soziale Netzwerke gefährlich?
” sprach er nicht. Zwar war der Vortrag sachlich ok und nicht durchtränkt von Panikmache, ging aber trotzdem am Thema vorbei. Rothlübbers ging zudem unversändlicherweise offenbar davon aus, dass die anwesenden Eltern bereits Seiten und Werkzeuge wie „icq“, „msn“ und „knuddels.de“ kannten. Auch hier also: Viele fragende Gesichter.

Auch die anschließende Podiumsdiskussion verlief dann so, wie man es nun erwartete: Am Thema vorbei.

Gast und Kommunikationsexperte David Philippe, der  wohl die bessere Wahl für das Vorstellen eines Sozialnetzwerkes gewesen wäre, stellte  klar, dass soziale Netzwerke nicht nur Negatives mit sich bringen, sondern auch positiv für eigene Zwecke des Nutzers eingesetzt werden können.

Auf die Frage von Sabine Stütting, wie sich ein Soziales Netzwerk wie die EL-Community eigentlich finanziert und ob dies mit den Daten der Nutzer geschieht, erhielten sie und die anderen Anwesenden nur eine halbherzige Antwort. Natürlich finanziert sich die EL-Community über Werbung, so der Vertreter, verschwiegen wurde aber, dass sich Soziale Netze eben auch damit brüsten, ganz gezielt, auf die Hobbys, Interessen, Wohnorte, oder Altersstrukturen angepasste Anzeigen schalten zu können und dazu die gespeicherten Daten der Nutzer zu nutzen. Selbst wenn dies nicht für die EL-Community gelten sollte, gilt es sehr wohl für andere, große Netzwerke.

Verständnisloser Höhepunkt der Diskussion war dann die Forderung eines Vaters, der bemerkt hatte, dass der Browser Mozilla Firefox gespeicherte Passwörter offen im „Einstellungen“-Menü anzeigt, nach einer gesetzlichen(!) Lösung für „dieses Problem“. Als hier keiner der anwesenden Experten widersprach, Michael Schnaider der Forderung sogar beipflichtete, war ich froh, dass die Veranstaltung dann doch schnell vorbei war. Am Thema war sie es -wie gesagt- sowieso schon.

ein Beitrag von Max Koop

(Foto © Soziales Netzwerk von caratello, creative commons)