In Memoriam Carl v. Ossietzky – *03.10.1889 · †04.05.1938

Carl von Ossietzky war ein deutscher Journalist, Schriftsteller und Pazifist. Er starb heute vor 80 Jahren an den Folgen der KZ-Haft in Esterwegen in Berlin.

Die Zeit (Dietrich Strothmann), 29.10.1971 | Aktualisiert 22.11.2012

Ossietzky
Carl von Ossietzky (1889–1938) war der dritte Deutsche, dem – im November 1936 – der Friedens-Nobelpreis zugesprochen wurde. Er war aber der erste Preisträger, der die Ehrung als Gefangener erhielt. Als „Ossi“, wie ihn seine Freunde von der „Weltbühne“ nannten, das Telegramm aus Oslo empfing, war er nur eine Nummer: Häftling Nr. 562.

Zuvor war er „schwerkrank“ – zusammengeschlagen – aus dem Kozentrationslager Esterwegen im Emsland in ein Berliner Gefängnislager gebracht worden. Hermann Göring soll ihn für einen monatlichen Judas-Lohn von 500,– Mark zu überreden versucht haben, den Preis auszuschlagen. Doch noch in diesem Augenblick hielt Ossietzky zu seiner Fahne, getreu einem Wort, das er im Februar 1933 sich und seinen Gefährten gegeben hatte: „Wir werden keine Konzessionen machen und überall dort, wo ein Geßler-Hut aufgesteckt wird, in schweigender Verachtung vorübergehen.“

» Der Name, den das Weltgewissen sprach, war seiner: Carl von Ossietzky
RadioFeature von Paul Assall | SWR (SWF) | 1979 | 50:41 Min.

» Unübertroffene Zivilcourage | Vor 80 Jahren starb der Publizist Carl von Ossietzky
Neues Deutschland, 03./04.05.2018

» Für Carl v. Ossietzky
Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 17.05.1932

» Carl von Ossietzky
https://www.noz.de/lokales/nordhuemmling/artikel/73689/carl-von-ossietzky-gilt-als-prominentester-kz-haftling-in-esterwegen#gallery&0&0&73689

Noch dies:
Keine einzige Straße, kein einziger Platz, keine Einrichtung im Emsland ist nach Carl von Ossietzky benannt, der hier so unsäglich gequält wurde.
Ich schäme mich für diese Geschichtslosigkeit.  

gescheitert

17. Juni 2017

Wie die gesellschaftlichen und die journalistischen Maßstäbe verrutschen, zeigt der „Talk“ der Ems-Vechte-Welle über das Thema Bernd Rosemeyer und die Pläne, für Bernd Rosemeyer in Lingen ein Museum zu bauen, damit dann möglichst 125.000 Rennsportfans „eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf dem Lingener Marktplatz essen“ (Heinrich Liesen). Hören Sie selbst den Podcast der Ems-Vechte-Welle.

Spätestens Minute 17 wird es interessant. Dann geht es um Rosemeyers SS-Mitgliedschaft, die nach seinem eigenen Bekunden 1932 begann. Uns staunendem Publikum wird erklärt, dass die SS „Anfang bis Mitte der 30er Jahre“ eine „Eliteorganisation“ war und sie wird gesprächsweise zu einer Art besserer Sportverein, wie es der Laxtener Twitterer Remmo_Lade trefflich kritisiert.

Wohlgemerkt beziehen sich die schrecklichen Interviewpassagen auf die damals längst als verbrecherisch bekannte SS, die 1933 im Emsland wütete und hier in den Emslandlagern Menschen quälte, folterte und ermordete. Sie war schon 1932 als verfassungsfeindlich verboten worden. Das wusste jede/r im Deutschen Reich. Auch jeder Motorsportler.

Aber die erfahrene, kluge Radiomacherin Inga Graber (Ems-Vechte-Welle) greift bei den verharmlosenden Sätzen ihrer Gespröchspartner nicht ein, unterbricht nicht, hält nicht vor, fragt nicht nach. Sie lässt die SS-Plauderei von Bernd Rosemeyer jun. unverbindlich in Richtung Kaffee und Kuchen weiter plätschern. Das ist wirklich schwer erträglich, weil es Tausende Opfer der SS verhöhnt – gerade hier im Land der Emsland-KZ. Das Interview wirkt zugleich wie ein Schlag gegen die mühsam und in Jahrzehnten geschaffene Erinnerungskultur in unserer Stadt. Damit wird die Sendung des regionalen Radios leider zum Lehrstück für ein gescheitertes Interview.

(Foto: Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, Folteropfer der SS im emsländischen KZ Esterwegen; Bundesarchiv, Bild 183-R70579 / CC-BY-SA 3.0)

Kraft

24. September 2012

Regelmäßige Leser dieses kleinen Blogs wissen, wie sehr mich die Fotoaufnahmen von Gerhard Kromschröder gefangen haben, die er in den letzten drei Jahren im Emsland „schoss“ – ist doch die Reaktion der politisch-gesellschaftlichen Regionalliga auf diese so einzigartig auf den Punkt gebrachte, zynisch-ironische Zusammenstellung so wunderherrlich entlarvend. Jetzt werden die Fotografien Kromschröders einige Wochen in Oldenburg gezeigt werden.  Vor einer Woche bei der Eröffnung dieser Ausstellung seiner „Expeditionen ins Emsland – Ein deutscher Bilderbogen“ in der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hielt Gerhard Kromschröder  diese Rede über „ein anderes Bild aus dem Emsland“, die aufhorchen lässt und die mich berührt:

„Gestatten Sie mir vor dem Rundgang durch die Ausstellung eine persönliche Anmerkung: Ich möchte kurz sagen, warum es für mich so viel bedeutet, meine Fotos an einem Ort ausstellen zu können, der den Namen Carl von Ossietzkys trägt.

Dabei spielt auch ein Emsland-Bild eine Rolle, ein Bild mit Carl von Ossietzky, entstanden in den Dreißiger Jahren und aufgenommen von einem unbekannten Fotografen, ein Bild, das um die Welt ging.

Was hat es mit diesem Bild und mir auf sich? Ossietzkys Namen kannte ich schon als Schüler in Frankfurt, und als Student habe ich mit glühendem Kopf Artikel von ihm in alten Ausgaben der „Weltbühne“ gelesen – was für ein Journalist, was für ein Mann!

Aber nie hätte ich mir träumen lassen, dass sich unsere Lebenswege einmal berühren könnten. Aber sie kreuzten sich – posthum und fern meiner Geburtsstadt Frankfurt. Denn als junger Redakteur der „Ems-Zeitung“ in Papenburg stand ich zu meiner Überraschung plötzlich dort, wo Carl von Ossietzky als Gesinnungshäftling gedemütigt und gequält worden war – am KZ Esterwegen, übrigens gar nicht so weit von hier, mitten in den „killing fields“ der Nazis im emsländischen Moor.

Als ich vor nun 50 Jahren das erste Mal an dieser Stelle stand, dieser Schädelstätte in der Landschaft des Leidens, da hatte ich dieses eine Foto vor Augen – es zeigt Carl von Ossietzky im KZ Esterwegen; auch das ein Emsland-Bild, wie gesagt.

Sie kennen es vielleicht: Ossietzky, ein eher kleiner, schmächtiger Mann, steht mit dem Rücken an einer weißgestrichenen Barackenwand, den Kopf leicht zwischen die Schultern gezogen. Seine beiden Arme hält er etwas linkisch seitlich nach unten gestreckt, als versuche er sich in einer militärisch strammen Haltung. An seinem dürren Leib schlottert die verschlissene, dunkle Sträflingskleidung, über der linken Brusttasche prangt seine Häftlingsnummer: 562.

Vor Ossietzky hat sich, leicht von hinten fotografiert, ein hochgewachsener SS-Mann aufgebaut in seiner schwarzen Uniform, besetzt mit silbernen Zierknöpfen. Im Bewusstsein seiner Überlegenheit hat der KZ-Aufseher beide Arme in die Hüfte gestemmt, in der linken Hand hält er dabei kokett ein Paar Lederhandschuhe. Von oben herab blickt er mit leicht nach vorn geneigtem Kopf auf den kleineren Ossietzky an der Barackenwand, der die Augenlider gesenkt hält und etwas zu sagen scheint.

Dieses Bild habe ich auch später oft genug aus meinem Erinnerungsarchiv abgerufen. Denn was mich dabei immer wieder beeindruckt, ist die Tatsache, dass der Mann an der Barackenwand auch in dieser scheinbar ausweglosen Situation noch seine Würde behält gegenüber dem gockelhaft auftretenden SS-Mann. Und bis zum Schluss hat sich Ossietzky den Nazis nicht gebeugt, ist trotz widrigster Umstände seinen Überzeugungen treu geblieben. Er zeigte, was geistige Freiheit, moralische Unantastbarkeit und Zivilcourage bedeuten können.

So habe ich aus diesem Bild auch später Kraft geschöpft, wenn ich selbst einmal mit dem Rücken zur Wand stand. So wurde es für mich zum Sinnbild, dass man auch gegen eine scheinbare Übermacht ankämpfen kann.

Zugleich ist dieses Foto Carl von Ossietzkys aus dem Emsland ein Appell, sich nicht zu unterwerfen, sondern einzutreten für eine gerechtere Welt. Dafür gibt es viele gute Gründe. Bert Brecht hat 1935 einen davon aufgeschrieben, in dem Jahr, für das Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern!
Er will er unter sich keinen Sklaven sehn
Und über sich keinen Herrn.“ „

Ausstellung: „Gerhard Kromschröder – Expeditionen ins Emsland
Ein deutscher Bilderbogen“
Dienstag, 18. September  2012 bis Mittwoch 31. Oktober 2012
Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
Foyer der Universitätsbibliothek, Uhlhornsweg 49-55, Oldenburg

Eintritt frei. Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek.

Esterwegen

8. September 2012

Unter ihrer neuen Intendantin Katrin Zagrosek (Foto lks.) widmen sich die 26. Niedersächsischen Musiktage  in diesem Jahr dem Thema „Freiheit“ und seinen vielfältigen Facetten. In 65 Veranstaltungen beleuchten hochkarätige Künstler politische und persönliche Freiheit, die Freiheit der Natur und vor allem die Freiheit der Musik.

Ein ganz besonderer Beitrag findet dabei am nächsten Samstag als sog. Wandelkonzert auf dem Gelände des ehem. Konzentrationslagers Esterwegen statt, wo erst  66 Jahre nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft, im vergangenen Oktober, doch noch eine Gedenkstätte eröffnet wurde. Sie gilt als zentraler Erinnerungsort für alle 15 sog. „Emslandlager“. Sie gedenkt der Opfer des NS-Regimes, setzt damit ein Zeichen gegen Diktatur, Gewaltpolitik und Rassismus. Esterwegen fordert damit auf zum Engagement für Menschenrechte, Demokratie und – Freiheit.

Hier in Esterwegen nähern sich die Musiktage dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte unter der an diesem Ort so bitteren Überschrift Die Gedanken sind frei. Unfreiheit und Hoffnung werden mit leisen Tönen und musikalischer Eindringlichkeit nachvollziehbar, verstummte Stimmen wieder hörbar. „Manchmal sagt die Atmosphäre eines Ortes mehr als jede historische Information. Manchmal kann Musik mehr ausdrücken als jedes beschreibende Wort.“

Mitwirkende sind u.a.

Bennewitz Quartett mit Musik von J. S. Bach und Erwin Schulhoff,
Camerata Vocale Hannover mit Chormusik und
Kolsimcha mit Klezmer-Klängen.

In den Baumgruppen des Geländes formen sich Texte berühmter Häftlinge wie Carl von Ossietzky zu einem »Hörwald«. Das Bennewitz Quartett spielt Stücke des von den Nazis ermordeten Erwin Schulhoff, sowie Bachs »Kunst der Fuge« – ergänzt und kommentiert durch eine Lesung von Celans »Todesfuge«, vorgetragen von Schauspieler Dieter Hufschmidt. Die Camerata Vocale Hannover tritt mit Gesängen von di Lasso, Kodály und Schostakowitsch auf, und die international renommierte Klezmer-Formation Kolsimcha „holt die Besucher schließlich im Lagerraum II zu einem Konzert zusammen, das sich auf den Gedanken der Befreiung konzentriert – auf eine Hoffnung, an welche die Musik noch glauben lässt, wenn Worte bereits verstummt sind.“ (NDR)

Samstag, 15.09., 17:00 Uhr
Gedenkstätte Esterwegen
Hinterm Busch 1
26897 Esterwegen

Das Konzert ist Teil der PartiTouren Niedersachsen.

Anfahrt mit Google Maps

Eintritt 12,50 Euro – 25,00 Euro
Der Eintritt beinhaltet einen Imbiss, mit der Eintrittskarte kann ab 15 Uhr die Gedenkstätte besichtigt werden.

Online sind bereits keine Karten mehr verfügbar. Es gibt eine Warteliste, auf die man sich mittels E- Mail mit Anzahl der Karten an kirsten.karg(at)svn.de eintragen kann.

Konzertprogramm:

Erwin Schulhoff: Fünf Stücke für Streichquartett
Johann Sebastian Bach: Die Kunst der Fuge (Contrapunctus 1-4)

Orlando di Lasso: Super flumina Babylonis
Zoltán Kodály: Sirató ének

Wolfgang Rihm: Mit geschlossenem Mund
Dmitri Schostakowitsch: Den Hingerichteten

Johann Sebastian Bach: Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen
Johannes Brahms: Nachtwache I, opus 104/1

Erwin Schulhoff: Fox-Song für Klavier und Melodieinstrument
Erwin Schulhoff: Hot Sonate für Klavier und Saxophon

Hinweis: Ein Teil des Konzerts findet im Freien statt. Empfohlen werden daher wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk.

(QuelleFoto: (c) Thomas Keydel)

Suchmeldung

31. Oktober 2011

Heute, fast 80  Jahre nach der Einrichtung des KZ Esterwegen im Sommer 1933, wird  die Gedenkstätte Esterwegen eingeweiht. Damit erhalten die Opfer der NS-Gewaltherrschaft im Emsland direkt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers einen Ort der Erinnerung. Das Lager in Esterwegen war eines von 15 emsländischen Konzentrations- und Strafgefangenenlagern, in denen vor allem Kriegsgefangene und politisch Verfolgte („Moorsoldaten“) inhaftiert waren. Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der schon wahlkämpfende Ministerpräsident aus Hannover wird um 10 Uhr da sein und der Kulturstaatssekretär aus Berlin. Natürlich auch der scheidende Landrat des Emslandes – an seinem letzten Arbeitstag; dazu wird kolportiert, es sei ihm ein persönliches Anliegen gewesen, die Gedenkstätte noch zu eröffnen. Nun denn, alle drei Redner sind Christdemokraten und ihre Auftritte zeigen, dass sich die Haltung der CDU in den letzten Jahren offenbar geändert hat. Totschweigen wie früher geht nicht mehr.  Also haben sie sich dafür entschieden, eine  eigene Erinnerungskultur zu etablieren. Mit Kirche und Kloster,  eigener politisch-korrekter Stiftung und ganz viel Geld.

Vergebens suche ich in all dem Kurt Buck. Buck ist der Mann, der 30 Jahre lang das Papenburger DIZ aufgebaut und dabei Vorbildliches geleistet hat. Offenbar passt er nicht so richtig in das neue, offizielle Erinnern; denn Kurt Buck taucht nirgendwo mehr auf. Dabei hätte er viel zu berichten. Zum Beispiel was davon zu halten ist, wenn Landrat Hermann Bröring behauptet, eine Gedenkstätte sei „1980 kein Thema“ gewesen. Ob sich da Hermann B. etwa die eigene Regionalgeschichte zurecht bastelt?

Immerhin hat der ungeliebte Kurt Buck noch dafür sorgen können, dass zwei Journalisten eingeladen sind:  der inzwischen 70-jährige Gerhard Kromschröder und der aus Rhede stammende Hermann Vinke, der spätere Programmdirektor Hörfunk bei Radio Bremen. Ganz jung waren beide von 1963 bis 1967/68 Journalisten der Ems-Zeitung in Papenburg und sie recherchierten  die Geschichte der Emsland-Lager, bis sie vom Verlag der Neuen Osnabrücker Zeitung  entlassen wurden. „Wir haben ein bisschen zu viel über die Lager berichtet“, sagte Kromschröder jetzt zur taz, „und die Kirche kam auch nicht so gut weg. Es gab diese Moorsoldatentreffen“, erinnert er sich. „Wenn du da hinkamst, wurdest du vom Verfassungsschutz fotografiert und am nächsten Tag gab es einen Anruf von der Chefredaktion aus Osnabrück, wo man sich denn rumgetrieben hätte.“

Entsprechend kommentiert der kritische Kromschröder gegenüber der taz, in die neue Gedenkstätte in Esterwegen  „…sind ja Millionen reingeflossen nach dem Motto: ,Wir haben jetzt auch Erinnerungskultur – auf Weltniveau!'“ Nur ein paar Kilometer weiter, in Börgermoor, „wo das Lied von den ,Moorsoldaten‘ geschrieben wurde“, da sei „1968 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion komplett alles abgerissen“ worden. „Nach mehr als sechs Jahrzehnten“, sagt Kromschröder, „haben sie ein wunderbares Haus gebaut – kann man nur hoffen, dass die Erinnerung auch einzieht.“

Vinke, der 1969 eigenhändig eine verharmlosende Schriftzeile auf einem Gedenkstein wegmeißelte, und sein Kollege Kromschröder können vielleicht die Verantwortlichen nach Kurt Buck und seinen künftigen Aufgaben fragen und sie können auch an die Jahre vor 1980 erinnern, als für sie und viele andere -allerdings nicht die lokale CDU- eine Gedenkstätte in Esterwegen längst ein Thema war.
Und, wenn sie schon dabei sind, werden sie sich bestimmt auch erkundigen, warum gestern Abend die neue Gedenkstätte von einem katholischen und einem evangelischen Geistlichen „eingesegnet“ wurde; eigentlich sollte dies auch heute erfolgen, doch die Vereinnahmung durch die Kirchen im Rahmen der offiziellen Eröffnung war dann wohl doch etwas zu viel. Ich habe meine Zweifel ob dieser nachträgliche Christianisierung des Widerstandes der Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter gegen Nazi-Deutschland. Ich habe auch Zweifel, ob das vom Landkreis Emsland 2007 wohl mitinitiierte Kloster der Franziskanerinnen auf dem KZ-Gelände Esterwegen  eine dem Ort und seiner Geschichte angemessene Einrichtung ist.

Denn gerade die Rolle  der katholischen Kirche und ihrer Würdenträger in den Emslandlagern ist besonders umstritten. Der Osnabrücker Bischof und preußische Staatsrat Wilhelm Berning beispielsweise soll zum Abschluss eines Besuchs der Emslandlager die Wachmannschaften im Lager Aschendorfermoor zu einem Bier eingeladen und dabei gesagt haben: „Lange lag das Emsland im Dornröschenschlaf,  bis der Prinz kam und es weckte; dieser Prinz ist unser Führer Adolf Hitler.“ Amtskirche und politische Regionalliga bestreiten unisono die Authentizität dieses Zitats, das am 26. Juni 1936 die damals gleichgeschaltete Ems-Zeitung zu berichten wusste. Längst haben Historiker in einem vom Landkreis Emsland in Auftrag gegebenen, umfangreichen Werk das Zitat bezweifelt. Aber dass der Pressebericht  falsch ist, ist nicht belegt und auch, dass im  sonst vollständig mikroverfilmten Archiv der „Ems-Zeitung“ vom 26.06.1936 ausgerechnet der Lokalbericht über den bischöflichen Besuch fehlt, wirft -sicherlich nicht nur bei mir- Fragen auf.

Immerhin wird heute nicht mehr geschwiegen. Künftig wird erinnert –  wenn auch politisch wie  kirchlich korrekt und stiftungsfaktisch wohl auch ohne DIZ. Warum das so ist und was es bedeutet, kann der 33-jährige Henning Harpel erklären. Harpel ist Lehrer am Meppener Gymnasium Marianum. Er ist nicht ab 10 Uhr in Esterwegen dabei; denn er muss heute arbeiten. 2004 hat der Pädagoge seine Staatsexamensarbeit zum Thema „Die Emslandlager des Dritten Reichs – Formen und Probleme der aktiven Geschichtserinnerung im nördlichen Emsland 1955-1993“ geschrieben. Eine überarbeitete Fassung erschien im Jahr darauf im 12. „Blauen Band“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte und sorgte für große Aufregung unter den Lokalgrößen.  Warum, wird Harpel heute Abend ab 19.30 Uhr in der NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“ erklären können. Ich bin gespannt.

Übrigens:

Mehr über die Emslandlager im Allgemeinen und Esterwegen im Besonderen habe ich auf der Internetseite des Magazins Emskopp gefunden, bei dem ich mich herzlich für die Erlaubnis bedanke, den Text über Carl von Ossietzky verwenden zu dürfen

(Kasten ©: Carl von Ossietzky aus emskopp.de)

100. Geburtstag III.

4. September 2008

Lieber Hanskarl Vent,

heute  hab ich mich an frühere Leserbriefe von Dir erinnert – damals vor 30 Jahren, als Du die Esskastanien  im Amtsgerichtshof aufsammeltest und Amtsgerichtsrat Weinhold Dich ob dieses Treibens dingfest machen wollte, weil das doch so unerhört war. Inzwischen ist die Esskastanie weg, Amtsgerichtsrat Weinhold sitzt nicht mehr in seinem Eckzimmer im Dankelmann’schen Palais, doch Du bist noch aktiv. Ich lese eben von Dir in der Lingener Tagespost Deine Leserzuschrift- zwar nichts über Esskastanien,  aber dazu, ob und wie man im nächsten Jahr  an den Lingener Autorennfahrer Bernd Rosemeyer erinnern soll, wenn sich sein Geburtstag zum 100. Mal jährt. Bekanntlich mehr als ein  Schönheitsfehler: Rosemeyer war in der SS. Er war ihr früh und freiwillig beigetreten.

Das stört Dich nicht. Denn Du schreibst nun so vor Dich hin:

„Bernd Rosemeyer vorzuhalten, er sei der SS beigetreten, bedeutet nichts anderes, als dass man ihm zum Vorwuf macht, er habe 1933 nicht vorausschauend gesehen, was sich erst nach seinem Tod 1938 ereignen würde.“

Und schwadronierend setzt Du nach:

„(Die SS-)Mitgliederlisten lesen sich wie das „Who is Who“ der feinen Gesellschaft. Dort prägten Männer wie der Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, die Grafen von Wedel und von Bassewitz-Behr, der Prinz von Hessen, die Freiherren von Eberstein, von Holzschuher, von Malsen-Ponikau, von Schade, von Kanner, von Schele und wie sie alle hießen das Bild der NS-Gliederung… Wer dort Mitglied wurde, setzte sich gleichsam betont ab von den niveaulosen Horden der SA. Alles, was wir heute der SS anlasten müssen, geschah durchweg erst ab 1939.“

Als Fazit rufst Du:

Feiert euren Rosemeyer so wie in 50 Jahren heutige Sportspitzen.“

Ich war, ehrlich gesagt, verblüfft über diese Zeilen. Sie haben so gar nichts, ähm, sagen wir mal, Anarchistisches mehr an sich, wie damals Dein Kampf um den freien Zugang zu deutschen Esskastanien unter Gerichtsbäumen. Das „Who is Who“ hat mich dann beschämt. Denn –sorry- ich kannte keinen der feinen Spitzenherren. Nicht einmal den Prinz von Hessen. 

Dann erinnerte ich mich an eine andere, die wirkliche Liste des „Who is Who“ 1933. Diese Esterwegener Liste nämlich:

  • Carl von Ossietzky, Redakteur
  • Bernhard Bästlein, KPD- Politiker. Kam aus dem KZ Dachau nach Esterwegen. Danach in das KZ Sachsenhausen deportiert.
  • Fritz Husemann, Bergmann, Gewerkschafter und Mitglied des Reichstages für die SPD
  • Otto Eggerstedt, Politiker der SPD, als Altonaer Polizeipräsident wurde er auf Grund der Ereignisse beim Altonaer Blutsonntag, an dem er selbst nicht anwesend war, seines Amtes enthoben und nach der Machtergreifung bereits am 12. Oktober 1933 im KZ Esterwegen von den Nationalsozialisten ermordet.
  • Johann Schellheimer, Politiker der KPD
  • Werner Finck, Kabarettist
  • Adolf Bender, Maler
  • Julius Leber, SPD-Politiker. Später vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
  • Günther Lüders, deutscher Schauspieler, der im Film vornehmlich das komische Fach bediente.
  • Ernst Heilmann, SPD-Politiker, in verschiedenen KZ inhaftiert. Schließlich in Buchenwald am 3. April 1940 durch Injektion ermordet.
  • Theodor Neubauer, KPD-Politiker. Kam aus dem KZ Papenburg. Später in verschiedenen KZ verschleppt. Vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Hingerichtet am 5. Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden
  • Hans Litten, Jurist. 1938 im KZ Dachau am 4. Februar 1938 in den Selbstmord getrieben.
  • Georg Diederichs, späterer niedersächsischer Ministerpräsident (SPD)
  • Ernst Walsken, deutscher Maler, dessen Bilder zu den wenigen erhaltenen künstlerischen Dokumenten aus Konzentrationslagern der Nazizeit gehören.

Diese Liste bekannter KZ-Häftlinge ist nicht vollständig, wie jeder weiß. Sie umfasst in Wahrheit Zehntausende von Namen aus den Konzentrationslagern der Nazis, die Ermordeten, Gequälten, Erniedrigten. Und alles schon 1933.

Tja, und wie schreibst Du so schön:

„Ohne Sponsorengelder ließen und lassen sich gewisse Sportarten nun einmak nicht betreiben. Und Hitler als bekennender Technik-Freak…“ 

Hanskarl, soll ich Dir was verraten? Ganz ehrlich?! Du hättest nach Deinen Esskastanienbriefen aufhören sollen. Das hätte Dir und uns gut getan.

Dein irritierter Robert Koop