Räuberhände

3. September 2021

Mit „Räuberhände“ hat Regisseur Ilker Çatak den Erfolgsroman von Finn-Ole Heinrich verfilmt. Das Buch avancierte nach seiner Erstveröffentlichung 2007 zum Beststeller, gilt heute in vielen deutschen Schulen als Pflichtlektüre und wurde in seiner Bühnenfassung am Hamburger Thalia Theater bereits über 100 mal aufgeführt. Jetzt ist daraus ein gelungener Coming-of-Age-Film gedreht. Darin überzeugen nicht nur die Schauspieler, sondern auch große Themen werden angepackt. Das kann deutsches Kino. 

Janik und Samu sind seit Kindheitstagen beste Freunde und stehen kurz vor dem Abitur. Danach geht es zusammen in die Türkei, wo Samu hofft, seinen biologischen Vater zu treffen.

Das ist der Plan und davon kann die beiden nichts abbringen, weder Janiks Freundin noch die Eltern. Kurz vor der Abfahrt wird die Freundschaft der beiden durch eine sexuelle Eskapade Janiks im Rausch ernsthaft belastet.

Die Verfilmung des Romans „Räuberhände“ überzeugt durch die beiden natürlichen, jungen Hauptdarsteller und das gesamte Schauspielerensemble. Die etwas komplexere Coming-of-Age Geschichte unter zwei besten Freunden unterhält durch lebensnahe Dialoge und eine sehr mobile, fließende Kamera von Judith Kaufmann.

DLF Kultur schreibt:

„Ein ebenso kraftvoller wie sinnlicher Film um zwei große Jungs, die sich von ihren Elternhäusern abkapseln, aber nicht sofort erwachsen werden möchten. Dabei schwingt auch eine dramatische Komponente um Samuels Mutter mit, die Alkoholikerin ist, ihren Sohn durchaus liebt, aber von ihm auch immer wieder auf Distanz gehalten wird.

Und so sieht man endlich einmal eine deutsche Produktion, die ebenso spielerisch wie ernsthaft Themen wie das Erwachsenwerden, Migration, soziale Kluft und die Lust auf das Leben mit allen Irrungen überzeugend in großartige Kinobilder verpackt.“

Der Film läuft seit Donnerstag in Münster und Oldenburg, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wann der Streifen in ein Lingener Kino kommt. Vielleicht kann Tobi Mielke, Macher des Centralkinos, uns das verraten…

 

Der Atem des Meeres

14. August 2021

Der Filmemacher Pieter-Rim de Kroon hat einen außergewöhnlichen Film über das Watt gedreht – mit eindrucksvollen Bildern und ganz ohne Kommentar: „Der Atem des Meeres“. In seinem Film ist das Wattenmeer keine heile Welt, sondern eine bedrohte Weltnaturlandschaft, die durch den Einfluss der Menschen immer extremer verändert wird

Wie zerstörerisch Wasser sein kann, wenn das Gleichgewicht der Ökosysteme gestört ist, hat gerade die Flutkatastrophe in Westdeutschland deutlich gemacht. Wie komplex und feingliedrig solch ein Ökosystem sein kann, zeigt der niederländische Filmemacher Pieter-Rim de Kroon in seinem Dokumentarfilm „Der Atem des Meeres“, der am 29. Juli in die Kinos kommt.

16 Monate hat er dafür im Wattenmeer gedreht, dem größten Marschland des Planeten, das sich von den Niederlanden bis nach Dänemark hinzieht. Und da Landesgrenzen hier kaum eine Rolle spielen, ignoriert er sie völlig. Er hat seinen Film so montiert, dass er mit seinen Aufnahmen hin- und herspringt, und die wenigen Dialoge in den Landessprachen hat er auch nicht untertitelt.

Dabei ist er aber durchaus neugierig darauf, wie die Menschen am und vom Wattenmeer leben. Er zeigt Krebsfischer, eine Yoga-Trainerin am Strand, Tou­ris­t*in­nen beim Wattwandern, zwei Naturschützerinnen, die Vögel beringen, und Kinder beim Spielen am Strand. Er zeigt sie, aber er erklärt nichts. Es gibt keinen Kommentar, keine Zwischentitel, keine zusätzlichen Informationen zum Gesehenen. Denn für ihn geht es im Kino um „Gefühle und Erfahrungen“, und Erklärungen zerstören dabei nur die Magie.

„Der Atem des Meeres“ gehört zu den Filmen, die nur im Kino ihre Kraft entfalten können. Er ist so brillant fotografiert, dass zeitgleich zum Kinostart auch ein Fotoband mit dem Titel „Silence of the Tides“ veröffentlicht wurde, der nur aus Filmstills, also aus dem Film herauskopierten Bildern besteht und dabei den Vergleich mit Büchern von Na­tur­fo­to­gra­f*in­nen nicht scheuen muss.

Gleich mit den ersten Aufnahmen einer Eislandschaft im Watt, bei denen de Kroon das Gemälde „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich zitiert, gelingt es ihm, eine intensive und faszinierende Stimmung zu schaffen. Es ist eine fremde Welt, die er uns zeigt. Auch wenn es im Film vertraute Bilder gibt wie die von den spielenden Kindern am Strand oder Weihnachtsdekorationen auf einer Insel, sind diese so sorgfältig komponiert und montiert, dass man fast gezwungen wird, genauer hinzusehen….

(veröffentlicht in der taz, mehr bei ttt)

A Climate of Change

27. Juli 2021

Eigentlich gibt es verhältnismäßig relativ wenig Endzeit-Filme, in denen Weltuntergänge durch die Klimakrise entstehen, obwohl das ja dann doch eigentlich etwas wahrscheinlicher wäre als jede Zombieapokalypse, die sich wöchentlich irgendwo streamen lässt. Und tatsächlich steht „Klimawandel“ ja auf Platz 2 der Dinge, die uns die meisten Sorgen bereiten bzw. am meisten Angst machen – zurecht (Platz 1 sind übrigens Nazis, auch zurecht – Zombies waren übrigens nicht gelistet).

Da müsste sich das Horror-Kino doch eigentlich inzwischen schon voll drauf stürzen (statt den 237. Saw-Teil zu drehen). Wie das dann aussehen könnte, seht ihr in diesem zumindest 90 Sekunden langen Versuch von Regisseur Paul Santana, der zu seinem Climate-of-Change-Kurzfilm  folgendes zu sagen hat:

I wanted to show this eventual reality as a new normal, where cities are somewhat empty, and where venturing outside can pose a risk. The mom in the story knows of a different time, but her son has grown up this way…this way of living is all he knows.

I’m passionate about the subject of climate change because I’m terrified for the future that awaits my kids, and their eventual kids. There are so many articles and so much science on this issue of where the health of our planet is heading…but I wanted to create something visual and personal, something that will make people consider what this lived reality might look like. This is a visceral and frightening preview of what the world might be like if we don’t make major systemic changes.

(Quelle und Text: Fernsehersatz.de)

Hochformat

9. August 2020

Nimm doch mal das Smartphone zur Hand, „um ein Filmchen aufzunehmen. Meinetwegen vom Kätzchen, das übers Sofa tobt. Wie halten Sie es, instinktiv? Eben! Hochkant.“ Keine Frage vertikal, das Hochformat, ist längst der Trend: „Vier Finger der rechten, gerne auch der linken Hand, ergreifen dieses, ja, dieses Basisgerätes unseres Lebens; der Daumen ‚toucht‘ auf dem Screen die Kamera-App, wischt von Foto- auf Videofunktion, roten Knopf mit Daumen sanft drücken und ruckzuck: Kamera läuft! So entsteht das Vertikal-Video. Querformat, also horizontal halten, wäre viel komplizierter, würde länger dauern, bräuchte vielleicht gar zwei Hände und dann noch die Drehung“, lese ich darüber im DLFKultur und an anderer Stelle, dass ein Video, im vertikalen Format produziertes Video fast doppelt so viele bis zum Ende anschauen wie eins im klassischen 16-zu-9-Format.

Social-Media-Plattformen haben Vertical Video längst als Trend aufgenommen Schin früh reagierten die Unternehmen hinter den sozialen Medien darauf. Instagram und Facebook haben seit längerer Zeit ihre Stories im 9:16-Format. Snapchat, Pinterest sowie Tik Tok sind ohnehin von Beginn an standardmäßig auf Hochkant-Darstellung ausgerichtet. Marktführer YouTube testet inzwischen Stories und unterstützt über den Player das Hochformat.

Geändert hat sich so die Video-Ästhetik, die in vielen Fällen gerade im Social-Media-Umfeld etwas ungeschliffener und weniger perfekt sein darf. Denn dieser Reiz des Unperfekten wirkt oftmals stimmiger, lese ich bei DLF Kultur und sehe dann dieses aktuelle Apple-Commercial, das natürlich alles andere als unperfekt ist; denn „La-La-Land“-Regisseur und Oscar-Preisträger Damien Chazelle unternimmt in dem Neunminüter eine Zeitreise durch die Geschichte des Hollywood-Kinos. Das Besondere dabei eben: Der Vertical-Cinema-Film ist komplett im Vertikalformat gedreht – und er wirkt wie ein Blockbuster, schreibt Horzont.net. Stimmt, oder?

Und noch eine Zugabe:

Neben dem Hauptfilm hat Apple auch einen Making-of-Clip veröffentlicht, der die Entstehungsgeschichte von „Vertical Cinema“ beleuchtet und in dem Regisseur Chazelle ausführlich zu Wort kommt. Und natürlich ist auch das Making-of im Hochformat gedreht. Dann wünsche ich der Leserschaft einen schönen Restsonntag…


Quellen: DLF Kultur 2019, DLF Kultur 2016, Horizont

 

 

#WeAreOne

31. Mai 2020

21 große Film-Festivals haben sich für ein virtuelles Filmfest auf Youtube zusammengeschlossen. „We are one“ heißt das globale Online-Event mit rund einhundert Filmen, organisiert vom New Yorker Tribeca Filmfestival mit Unterstützung unter anderem der Festivals in Cannes, Toronto, Venedig, London; Locarno, San Sebastian, Tokio und Berlin.

Auch Kurz- und Animationsfilm und Gesprächsrunden mit Star-Regisseuren sind bis zum 7; Juni mit dabei.

Das Online-Festival ist nur eine Antwort auf die Corona-bedingte Kinoabstinenz. Not macht erfinderisch. Auf der ganzen Welt entdecken Filmfans das gute alte Autokino neu, schreibt Euronews. Nun, nicht wirklich auf der ganzen Welt. In Lingen meint nämlich die Obrigkeit, das würde sich nicht rechnen…

In einigen Ländern in Europa beginnen auch die Kinos wieder zu öffnen, allerdings unter strengen Hygienemaßnahmen. Maske und Mindestabstand sind Teil der ’neuen Normalität‘, an die sich auch Kinogänger gewöhnen müssen.

Da muss ich noch etwas zur Lingener Kinolandschaft berichten. Bei uns ist in den letzten Wochen nämlich das Central Kino vollständig modernisiert worden. Es ist ein Schmuckkästchen geworden. Das hat die großzügige Unterstützung der HEH Stiftung ermöglicht. Sie wird das Überleben des nicht-kommerziellen Kinos sichern.

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien. Also: Wie geht man mit einem Kind um, das gewalttätig wird? Das Drama „Systemsprenger“ stellt sich diese Frage auf berührende Weise – und gewann damit den 70. Deutschen Filmpreis 2020.

in der Nacht zu Samstag holte „Systemsprenger“ bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gleich acht Goldene Lolas ab, darunter auch den für den besten Spielfilm, und für die 11jährige Helena Zengel als Hauptdarstellerin in dem bereits bei der Berlinale im vergangenenen Jahr mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Film gab es eine Lola in der Kategorie beste weibliche Hauptrolle. „Alles anders diesmal“ kommentierte DIE ZEIT.

Wegen der Coronakrise gab es in diesem Jahr auch keine Preisverleihung-Gala, dafür eine live übertragene Fernsehshow. Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, mahnte bei der Online-Veranstaltung, trotz der Pandemie sollten die Menschen die Kultur nicht vergessen. „Das Kino, es soll leben.“ Die Preisverleihung solle auch „ein solidarisches Unterhaken mit anderen Künstlern sein“.

Als bester Dokumentarfilm wurde „Born in Evin“ von Maryam Zaree (4 Blocks, Tatort) ausgezeichnet. Die Schauspielerin und Regisseurin, die in einem berüchtigten Gefängnis im Iran geboren wurde, spürt darin ihrer eigenen Familiengeschichte nach.

Sture Böcke

5. Januar 2016

Mehr als ein Tipp für die Kinogöänger. „Sture Böcke“ vom isländischen Regisseur Grimur Hakonarson ist seit Silvester in den deutschen Kinos. Allein wegen der grandiosen Bilder ist der Besuch ein Muss.

(Sture Böcke. Island 2015. Ein Film von Grimur Hakonarson. Mit Sigurður Sigurjónsson, Theodór Júlíusson, Charlotte Bøving)

Wann

7. Juni 2012

Ja manchmal muss man auch süße Brause, süffigen Wein oder eben wunderschöne Bilder trinken: Deutschland von oben. Ab heute in den Kinos. Aber wann in Lingen und umzu? K.A.

Deutschland von oben,
Dokumentarfilm, Deutschland 2012
113 Minuten
Buch und Regie: Petra Höfer, Freddie Röckenhaus
Kamera: Marcus von Kleist, Johannes Imdahl, Thomas Schäfer, Torbjörn Karvang, Thomas von Kreisler, Hanno Hart

Gegengerade

8. April 2011

Sohn Max macht mich auf den, pünktlich zum Deutschland weiten Kinostart und diesem aktuellen Ereignis im Centralkino anlaufenden, „St.Pauli“-Spielfilm Gegengerade aufmerksam , der zum 100. Geburtstag des FC St. Pauli mit Hilfe von Fans gedreht und produziert wurde:

„Noch 90 Minuten trennen den FC St. Pauli vom Aufstieg. Gleichzeitig müssen ein paar Fans ebenfalls große Hürden und Hindernisse überwinden. Zwischen Brandanschlägen, einer gebrochenen Freundschaft und dem Willen zum Sieg verbinden sich ihre Schicksale miteinander. Niemand siegt am Millerntor!“
(Drama, D 2010, 88 Min, FSK 16, Regie: Tarek Ehlail)

Gegengerade – Niemand siegt am Millerntor“
Lingen (Ems) – Centralkino
Freitag, 08. April 2011 – 20 Uhr
Samstag, 09. April 2011 – 20 Uhr
Montag, 11. April 2011 – 20 Uhr
Samstag im Anschluss Partymit DJ  Hendrik und Verlosung.

Eintritt: 5 Euro an der Abendkasse (4 Euro ermäßigt)

Am Sonntag, 10. April 2011, um 20:15 Uhr wie immer Tatort:Centralkino (Eintritt frei)

Spargelzeit

9. Oktober 2010

Morgen zeigt die ARD den nächsten Tatort aus Münster mit dem Titel „Spargelzeit„. Die Ehefrau des ortsansässigen „Spargelkönigs“ Martin Pütz wurde erstochen. Und ausgerechnet der Vater von Kommissar Thiel steht jetzt unter Tatverdacht. Oder ist er doch nur beim nächtlichen Spargelklauen erwischt worden?

Anstatt die Lösung des Münsteraner Kult-Tatorts des WDR zuhause anzusehen, darf man ruhig einmal das kostenlose Angebot des Centralkinos nutzen: Den Tatort im Central Kino!

Tatort im Centralkino
immer sonntags
(natürlich nur wenn ein neuer Tatort läuft)
Einlass ab 19:45 Uhr – Beginn 20:15 Uhr
Centralkino, Marienstraße
Eintritt frei – freie Platzwahl

Nachtrag:
In diesem Jahr feiert die Krimireihe ihren 40. Geburtstag und anlässlich dieses Jubiläums zeigt das Filmmuseum in Düsseldorf die Sonderausstellung Im Fadenkreuz – 40 Jahre TATORT, die seit gestern der Öffentlichkeit zugänglich ist und noch bis zum 2. Januar 2011 jeweils dienstags bis sonntags zu besuchen ist (siehe auch den Bericht und die Fotogalerie bei DerWesten).