Mittwochs im Museum
Stadt des Erdöls und der Viehmärkte
Lingen in den 1960er-Jahren
Eine Präsentation von Dr. Andreas Eiynck
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28b
Mittwoch 05.06.2017 und Freitag 07.07.
jeweils um 11.00 Uhr, 16.00 Uhr und 19.30 Uhr
Eintritt: 5,00 € / Heimatvereinsmitglieder 3,00 €

Mit „Lingen in den 60er Jahren“ geht die Mittwochs-im-Museum-Reihe über unsere Stadt im 20. Jahrhundert weiter. Dr. Andreas Eiynck präsentiert Fotos, Dokumente und Berichte aus der „Stadt des Erdöls und der Viehmärkte“, die sich in jenen Jahren zum Industriestandort und zum kulturellen Zentrum des Emslandes wandelte.

1960 sind die Kriegsschäden in Lingen beseitigt. Nach langjähriger Diskussion um Standort und Architektur entsteht das neue Rathaus im modernen Baustil mit einer Waschbetonfassade und markiert damit den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Innenstadt präsentiert sich in neuzeitlichem Gesicht und die Erdölindustrie läuft auf Hochtouren. Nur beim Eisenbahn-Ausbesserungswerk geht die Auftragslage spürbar zurück, denn das Zeitalter der Dampfloks neigt sich unaufhaltsam dem Ende zu. Neue Arbeitsplätze bietet das Atomkraftwerk in Darme, dessen Bau damals allgemein bejubelt wird. Der relativ kleine Kernreaktor zeigt eine spezielle Konstruktionsweise, die sich im späteren Betrieb technisch nicht bewährt. Doch in den 60er Jahren sieht man in der Atomkraft eine neue, scheinbar unerschöpfliche Energiequelle.

In den Lingener Wohngebieten herrscht allgemeiner Wohlstand. Der Traum vom eigenen Heim, vom eigenen Auto und vom Urlaub geht für immer mehr Familien in Erfüllung. Überschattet wird die friedliche Atmosphäre vom „kalten Krieg“. Die Gefahr eines Atomkrieges ist allgegenwärtig und die Bundeswehr unterhält in Lingen eine große Garnison (Foto links: Reservisten in der Lookenstraße, ©Stadt Lingen) .

In der Kommunalpolitik ist die Dominanz der Christdemokraten unangefochten.

Die 60er-Jahre werden auch in Lingen zu einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Die Freizeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Davon profitieren Vereine und Verbände, eine neue Unterhaltungs- und Freizeitindustrie entsteht.

Die Zeit der Dorfmusik geht zu Ende und die Beat-Musik erobert auch das Emsland. Legendäre Bands wie die „Beat Kings“ und die „Les Copains“ bringen die Lingener Jugend im Saal Pölker in Wallungen. In der Innenstadt eröffnen die ersten Diskotheken mit Namen wie „New Orleans“ oder „Vat 69“. Das kulturelle Leben wird breiter und offener. Eine junge Nachkriegesgeneration mit ganz neuen Lebensvorstellungen wächst heran.

Rückbau

6. Dezember 2012

1968 ging das Kernkraftwerk Lingen („KWL“) als eines der ersten Atomkraftwerke Deutschlands in Betrieb, übrigens in der damals noch selbständigen Gemeinde Darme. Mit starker finanzieller Unterstützung des Bundes hatte der Dortmunder VEW-Stromversorger gemeinsam mit der AEG das 252-MW-Demonstrationskraftwerk errichtet. Es arbeitete in der Folge nie profitabel und machte mit ständigen Leckagen und Defekten im Notkühlsystem von sich reden. Am 1. Juli 1969 floss acht Stunden lang radioaktives Abwasser in die Ems; die zulässigen Radioaktivitätsabgaben wurden dabei extrem überschritten. Weitere Störfälle waren Risse im Wärmetauscher zwischen dem radioaktiven Primär- und dem nichtradioaktiven Sekundärkreislauf, ein Turbinenbrand sowie diverse Schäden an den Brennelementen, die zu hoher Radioaktivität im Reaktorgebäude geführt haben sollen.

1977 musste diese Demonstrationsanlage wegen irreparabler Schäden an den Wärmetauschern auch offiziell stillgelegt werden;  abgeschaltet war sie schon Jahre vorher. Seit 1988 befindet sich das KWL, in dem keine Kernbrennstoffe mehr lagern, im euphemisch genannten „sicheren Einschluss“.  Das Unternehmen gehört seit der VEW-Fusion mit RWE etwa 10 Jahre später der RWE Power AG.

Der bereits vor vier Jahren bei den niederächsischen Behörden beantragte endgültige Abriss des KWL geht jetzt in die nächste Runde. Zunächst werden vom 13. Dezember bis zum 12. Februar alle Dokumente zu dem Rückbau-Verfahren in Hannover und Lingen öffentlich ausgelegt. Betroffene können danach Einwendungen gegen die Rückbaupläne erheben, die öffentlich erörtert werden. „Wir hoffen, dass wir mit der Genehmigung etwa 2014 fertig sind“, hieß es gestern aus dem Niedersächsischen Umweltministerium in Hannover. Bis zum vollständigen Rückbau könne es dann aber nochmals weitere 15 Jahre dauern.  (mehr beim NDR)

Übrigens habe ich  keine kritischen Berichte über das Pannen-KWL im Internet gefunden. Auch die wikipedia-Seite über das KWL macht einen bemerkenswert gesäuberten Eindruck, und ich frage mich, ob der Begriff „sicherer Einschluss“ vielleicht noch eine weitere Bedeutung hat…

(Foto: Bundesarchiv, KWL im Jahr 1973)

Entsorgen

14. September 2010

Das Atommülllager Asse entstand 1965 in einem stillgelegten Salzstock. Nachdem dort die Salzförderung 1964 aus wirtschaftlichen Gründen endete, kaufte die damalige Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) das Bergwerk. Bereits zwei Jahre später begann in dem damaligen Forschungsbergwerk die Einlagerung schwach radioaktiver Abfälle. Das Bergwerk droht einzustürzen. Es dringt Wasser ein. Deshalb hat im Januar dieses Jahres das Bundesamt für Strahlenschutz empfohlen, die knapp 126 000 Fässer Atommüll zu bergen, die dort bis 1978 verbuddelt wurden.

Die Behälter enthielten zunächst schwach radioaktive Abfälle z.B. aus Laborabfällen, kontaminierten Geräten und Kleidung, Asche aus Verbrennungsprozessen und Luftfiltern aus Atomanlagen. Die ersten Fässer wurden senkrecht übereinander gestapelt. Später änderte die GSF das Einlagerungsverfahren, um die Kammern besser ausnutzen zu können. Fortan wurden die Fässer mit Hilfe eines Gabelstaplers liegend in bis zu zehn Lagen übereinandergestapelt. Weil diese Techniken relativ viel Zeit beanspruchten, wurden die Fässer ab 1974 per Schaufellader in die Kammern gekippt. Ab 1972 wurden zudem 1293 200-Liter-Fässer mit mittelstark radioaktiven Abfällen in der Asse eingelagert. Das Schlimmste: In der Asse lagern auch mehrere Kilogramm extrem giftiges Plutonium.

All dies zurückzuholen kostet Milliarden Euro und ist zudem besonders gefährlich. Also werden Gutachten erstellt und natürlich wollten die Gutachter wissen, was genau angeliefert worden sei. Aber die Atomfirmen, die vor ein paar Jahren ihren Atommüll an die Asse geliefert haben, mussten nun einräumen, dass sie das selbst nicht wissen und vergessen haben. Denn ihre Bücher mussten sie nur zehn Jahre aufbewahren. Unter den Einlieferern in Asse ist auch die Betreiberin des alten Lingener „Kernkraftwerks“, außerdem die Betreiber der (alten) Atommeiler Würgassen, Stade, Unterweser, Isar, Gundremmingen, Biblis, Kahl, Obrigheim und Brunsbüttel. Alle haben den Asse-Gutachtern mitgeteilt, dass ihnen keine Informationen mehr vorliegen. Die Gutachter dazu: „Zum Zeitpunkt der Einlagerung war der heute hohe Anspruch an die Langzeitsicherheit noch nicht gefordert.“ Und sie fügen entschuldigend hinzu, das Wissen um die Gefahren der verschiedenen radioaktiven Abfälle habe „sich erst mit Fortschreiten der Kerntechnik und der Erfahrungen bei Lagerung und Transport entwickelt“.

Klingt wie eine verständnisvolle Entschuldigung.

Sie wissen vielleicht, dass ich auch Notar bin. Verwendete Schreibgeräte müssen zB nach DIN 16554/2 urkundenecht sein. Meine notariellen Urkunden muss ich 100 Jahre aufbewahren. Aber sie strahlen ja auch nicht sonderlich.

14 Jahre

6. September 2010

Der schwarz-gelbe Bundesregierung, die nur aufgrund eines verfassungsrechtlich zweifelhaften Wahlgesetzes eine klare Mehrheit im Bundestag hat, hat sich Sonntagabend auf eine Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke geeinigt. Entscheidend für die konkrete Dauer der Laufzeitverlängerung  sei das Alter der jeweiligen Reaktoren, lese ich. Der Lingener Reaktor -einer der jüngsten- soll danach 14 Jahre länger laufen – also bis zum Jahr 2036. Dann ist er 48 Jahre alt. Stellen Sie sich mal vor, heute ein Auto zu fahren, dass 1962 gebaut wurde – auch wenn man es zwischendurch mit neuen Instrumenten und Reifen bestückt hat.

Die Konsequenzen:
Für 14 längere Jahre ist das Zwischenlager am Lingener AKW zu klein und muss daher als Folge des schwarz-gelben Laufzeitbeschlusses erweitert werden. Die Betriebserlaubnis des jetzigen Zwischenlagers für die abgebrannten Lingener Brennelemente erlischt am 10.12.2042. Ich werde wohl nicht mehr dabei sein, um zu sehen, in welche Tricks und Auswege sich die Atomindustrie dann flüchtet. Denn dass das Endlager, das auf die Zwischenlager folgen soll, wie geplant bis 2030 entstanden ist, glaubt sowieso niemand. Aber klar ist: Man muss auf den Lingener Atommüll noch mehrere Hunderttausend Jahre aufpassen und ihn sicher endlagern. Keine Frage, dass das gar nicht geht. Diejenigen, die die Atomenergie propagiert haben und propagieren, werden also in 30, 50, 500 oder 800 Generationen als rücksichtslos-kriminelle Menschen bezeichnet werden.

Nicht einmal für Lingen gibt es wesentliche Vorteile durch die Laufzeitverlängerung. Die geplante „Brennelemente-Steuer“ wird die Betriebsgewinne des lokalen „KKE“ einschmelzen – sagen die Betreiber voraus. Damit werden die KKE-Gewerbesteuereinnahmen auf einen Bruchteil der jetzigen Höhe reduziert. Lingen wird also von der an die neue Steuer gekoppelte Laufzeitverlängerung direkt gar nichts haben. Dass die „Standortgemeinden“ davon etwas erhalten, glaubt bestimmt nicht mal der Erste Stadtrat Ralf Büring, der dies unlängst noch gefordert hat.

Auch die Verbraucher brauchen sich bei längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke keine Hoffnung auf niedrigere Stormrechnungen zu machen. „Die Preise sinken nicht, weil sich am aktuellen Kraftwerksmix nichts ändert“, sagte Johannes Lambertz, Chef von RWE Power, im Gespräch mit dem „General-Anzeiger“ aus Bonn (Montagausgabe). Sie erinnern sich: Genau diese, jetzt ausbleibende Preissenkung war monatelang eines der „Argumente“ der Atomlobby.

Allein die Arbeitsplätze im Kernkraftwerk Emsland bleiben – es sind mehrere hundert für 14 zusätzliche Jahre.  Das ist schön, aber sie sind das nicht wert, was an Belastungen kommt und bleibt.

Besonders wichtig ist noch:
Mit ihrem Laufzeitverlängerungsbeschluss kündigt  die schwarz-gelbe Koalition einen in Jahrzehnten erreichten gesellschaftlichen Konsens auf – und das ganz ohne Not, allein damit Konzerne Kasse machen. Dieser Regierung geht es wirklich nur um Klientelpolitik, bei den Hotels ebenso wie bei den vier Atomkonzernen. Ich schüttle mich geradezu  ob dieser schlechten, kurzsichtigen und egoistischen  Politik.