Zusammen mit dem ADFC und der Buchhandlung Holzberg hat unsere BN-Stadtratsfraktion am vergangenen Dienstag Katja Diehl zu einer Lesung in das Rathaus eingeladen. Die in Lingen aufgewachsene Autorin las aus ihrem Buch „Autokorrektur“, das es auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft hat. Die muntere Diskussion moderierte professionell der für RBB und MDR tätige Journalist Mario Köhne (Berlin), den sehr viele noch aus seiner Zeit bei der Ems-Vechte-Welle kennen.

Trotz des schönen Sommerabends waren mehr als 70 Interessierte zur Autokorrektur-Lesung gekommen, darunter übrigens auch die aufmerksam zuhörende Spitze der Lingener CDU. Fun Fact: Während der 90minütigen Veranstaltung tagten gleichzeitig die Stadtrats-Grünen im Sitzungszimmer direkt nebenan, ohne sich allerdings blicken zu lassen. Während die Lingener Tagespost gar nicht berichtete, ordnete Emstv die Lesung  von Katja Diehl in einem -durch Klick auf das Foto abzurufenden- Beitrag ein, vermied es dabei allerdings, die Organisatoren des Abends zu nennen.

(Quelle: Bn_lingen.de)

Autokorrektur

16. Februar 2022

Es gibt da schon einiges, was in unserer Stadt für die Mobilität verbessert werden kann. Denken wir mal unerschrocken ( und teilweise auch sehr weit ) voraus:

Wann geht es los mit dem Bahnhofsumbau, der seit Jahren öffentlichkeitswirksam angekündigt wird und doch einfach nicht voran kommt?

Lingen soll und will sich inzwischen außerdem an das werdende S-Bahnnetz Münsterland anschließen; dann fahren Züge hier deutlich öfter nach Süden als zurzeit. Und es braucht eine Direktverbindung ohne Umsteigen nach Osnabrück. Außerdem braucht es einen barrierefreien zweiten Zugang zum Gleis 2 am Bahnhof, wo dann die S-Bahn-Züge starten und ankommen.

Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling hat in diesen Tagen die Entwicklung des Schienennetzes Richtung Niederlande also in die Provinzen Drenthe und Groningen ebenso als notwendig unterstrichen wie Richtung Süden nach Gronau. Warum wird nicht über eine schienengebundene Verbindung zwischen Lingen (Ems) und Nordhorn debattiert? Wie wäre es mit einer Machbarkeitsstudie? Nordhorn scheint mir dafür offen zu sein – und die „Macher“ im Emsland? Sie akzeptieren die eingleisigen Engstellen der Emslandlinie nördlich Dörpen und Papenburg. „Die Macher“ sind immer noch auf dem „Wir-bauen-lieber-Straßen“-Tripp und wollen mit inzwischen 1,4 Milliarden Euro eine 4-spurige Straße durch das Hasetal bauen, anstatt dort die Bahnstrecke Richtung Bremen zu schaffen. Ein gestriges Konzept, scheint mir.

Alles Hirngespinste? Wohl kaum. Dies zeigt ein Blick nach Osnabrück, wo sich etwas tut, schreibt gerade die taz:

„Es gibt ja Leute, die sagen: Früher war alles besser. Meist ist ein solches Lob der Vergangenheit verklärender Unsinn. Aber es gibt Fälle, da stimmt es ein wenig. Ein solcher Fall tritt derzeit in Osnabrück zutage.

Es geht um die Machbarkeitsstudie für den Bau einer Stadtbahn, in Auftrag gegeben und finanziert von Stadt und Landkreis Osnabrück. Bis Ende 2022 sollen die Dresdner Verkehrsplaner Köhler und Taubmann (VKT) ihre Potenziale bewerten, ihre Wirtschaftlichkeit, ihre Ausbaubarkeit zur Stadt-Umland-Bahn, die städtebaulichen Konsequenzen.

Ein großer Erfolg für die Osnabrücker Stadtbahn-Initiative (SBI). Seit Anfang der 1990er kämpft sie für ihre Idee einer neuen Straßenbahn. Mitentscheidend war eine Petition von Ende 2020, die über 3.100 Unterzeichner fand, an Infoständen, auf Wochenmärkten, über die Plattform openPetition. Auch AktivistInnen von Fridays for Future hatten Unterschriften gesammelt.

Osnabrück hatte schon einmal eine Stadtbahn. Eine elektrische Straßenbahn, ab 1906. Aber 1960 war damit Schluss. Das System wurde demontiert, die Stadt mehr und mehr zur Autostadt. „Heute sagen fast alle, dass das ein fataler Fehler war“, sagt Johannes Bartelt von der SBI zur taz. „Aber es ist noch nicht zu spät, den Erfolg von damals wieder aufzugreifen.“

Dass Osnabrücks Straßen primär Autoverkehrsraum sind, rächt sich: Staus, Lärm, Abgase, Stress, Feinstaub, zu­ge­parkter öffentlicher Raum, Unfallgefahr für Radfahrer. Eine Stadtbahn könnte das entzerren, meint die SBI. Zudem…“

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Angesichts der Klimaprobleme kann jedenfalls nicht weiter auf den Individualverkehr gesetzt werden, auch nicht mit E-Autos. Es müssen Alternativen entwickelt werden.

Es geht hier vor allem um die Schiene, aber eine zentrale Alternative ist das Rad, das für kurze Strecken unschlagbar ist, allerdings auch ein Umfeld braucht, damit es gern benutzt wird. Einfache Frage: Warum beispielsweise stehen Kfz trocken in öffentlich finanzierten Garagen, aber Räder allermeist im Regen, wenn man mit ihnen in die Stadt fährt? Eine weitere Alternative ist der schienengebundene Transport von Menschen und Gütern auch in der Region. Ideen gibt es reichlich. Doch für die Umesetzung braucht es den Abschied der einseitigen, Verkehrsplaner sagen „sehr besonderen“ Autoorientiertheit in Lingen oder, um es mit Katja Diehl zu sagen, die Autokorrektur. Dazu müssen belastbare Untersuchungen und Machbarkeitsstudien her.

Bevor übrigens BN-Mann und Stadtplaner Manfred Kunst mit mir schimpft: Ja, es sollte auch untersucht werden, ob angesichts grundlegend geänderter Finanzierungen des Bundes die Bahnstrecke im Lingener Stadtgebiet eine Etage tiefer zu legen ist, um so die Zerteilung unseres „Mittelzentrums mit oberzentralen Teilaufgaben“ in Ost und West zu beenden und viele Hektar neuen Stadtraum zu bekommen.

Spoiler:
Bitte unabhängige Expert*innen fragen und keine Leute, die das zurecht biegen, was unser OB für richtig hält.


Foto: Bahnhof Lingen (Ems) vor rund 100 Jahren (1919)