ein bisschen

18. März 2019

Die Kirche bewegt sich – ein bisschen, titelte die jenseits des Mainstreams publizierende taz am vergangenen Samstag in ihrer Nord-Ausgabe. Mit „Kirche“ meinte sie dabei natürlich die katholische; denn in der letzten Woche hatten sich die katholischen deutschen Bischöfe im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus zu ihrer Frühjahrsvollversammlung getroffen, um dabei vor allem über die Aufarbeitung sexueller Gewalt durch ihre Priester und Ordensleute zu beraten.

Die taz porträtiert einen Aufklärer, den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode und erinnert: „Der 28. November 2010 ist ein Tag der Buße. Es ist der 1. Advent, und im Abendgottesdienst geschieht es, im Osnabrücker Dom: Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück, legt sich vor den Altar, auf die nackten Steinplatten, verbirgt sein Gesicht. Eine Bitte um Vergebung für das Leid der Opfer sexueller Gewalt, begangen durch Amtsträger der katholischen Kirche. In seiner Predigt bekennt Bode eine „gleichsam strukturelle Sünde in der Kirche“, die „auch hier bei uns Taten des Missbrauchs begünstigt und deren Aufdeckung erschwert oder behindert hat“.

Dass Bodes Bußpredigt nicht nur von „Schamröte“ spricht, sondern auch von „Erneuerung“, signalisiert: Bode, seit 1995 in Osnabrück, lange Kopf der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz und seit 2017 deren stellvertretender Vorsitzender, mahnt Taten an. Es gilt, eine Mauer des Verschweigens und Verdrängens, des Verleugnens und Verharmlosens ins Wanken zu bringen.

Die Offenheit,…

weiter bei der taz,

Weitere Beiträge widmet die taz dem Thema:

Die Kirche bewegt sich – ein bisschen

Diese Woche trafen sich die katholischen Bischöfe, um über die Aufarbeitung sexueller Gewalt zu beraten. Die meisten Taten sind jedoch verjährt, weiß tazler Christian Rath..

Zum Schwerpunkt zählt auch das

Simone-Schnase-Interview mit dem Osnabrücker Psycho- und Sexualtherapeuten Prof. Dr. Wolfgang Weig

Wolfgang Weig war lange Jahre und bis zu deren Verkauf durch die damalige schwarz-gelbe Landesregierung an den Krankenhauskonzern AMEOS Ärztlicher Leiter des ehemaligen Landeskrankenhauses; dann kündigte er. Bis 2017 war der 67jährige Professor am Institut für Psychologie der Uni Osnabrück sowie Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit der christlich orientierten Niels-Stensen-Klinik Osnabrück. 2015 veröffentlichte er mit einer Wissenschaftlergruppe unter Leitung des Jesuiten Eckhard Frick eine repräsentative Seelsorge-Studie. Außerdem leistete Weig als einer der ganz wenigen im westlichen Niedersachsen etwas besonders Verdienstvolles. Er therapierte Täter.

Wer mehr über den Umgang der katholischen Kirche im Norden mit sexuellem Missbrauch lesen möchten, schaut am E-Kiosk der taz vorbei.

Frommes Terrain

3. September 2014

Bildschirmfoto 2014-09-02 um 22.08.48„Münster bleibt fromm: Bei zwei von drei „Auszeichnungen guter Bauten“ des Bund Deutscher Architekten Münster-Münsterland war der Bauherr die katholische Kirche. Zugelassen waren Bauwerke, Gebäudegruppen und städtebauliche Anlagen, die in den letzten vier Jahren fertig gestellt wurden und sich in der Stadt Münster und den Landkreisen Steinfurt, Borken, Coesfeld und Warendorf befinden. Die Mitgliedschaft im BDA war keine Teilnahmevoraussetzung. Eine Jury unter Vorsitz von Frank Werner kürte diese Preisträger…“ 
Weiter bei Baunetz.de

Teufelsausschneider

17. Oktober 2012

Spiegel-online berichtet über einen Teufelsausschneider in Salzbergen:

„Die katholische Kirche von Salzbergen vermisst den Teufel: Irgendwer hat den als Drachen dargestellten Dämon aus einem Ölgemälde geschnitten. Der Pfarrer hofft nun, dass der Satansbraten zur Besinnung kommt.

Der Heilige Cyriakus wird den Täter nicht gesehen haben. Sein Blick geht nach oben, hin zum Herrn, weg vom Teufel, der in Drachengestalt zu seinen Füßen kauert, angeleint mit einer Kette. Drei Meter hoch ist das Ölgemälde des Heiligen und etwa eineinhalb Meter breit. Es hängt in der St. Cyriakus Kirche von Salzbergen im Emsland, einer Gegend, in der laut Pfarrer Michael Langkamp der „religiöse Grundwasserspiegel recht hoch ist“.

Nun ist der Drache weg, ein Teufelsausschneider war am Werk, Pfarrer und Gemeinde stehen vor einem Rätsel. Die Polizei hat den Tatzeitraum auf Samstag zwischen 10 und 17 Uhr eingegrenzt. Mehr weiß sie nicht, sie tappt also im Dunkeln, was in diesem Fall eventuell der richtige Ort sein könnte, denn wo sonst sollte man den Teufel vermuten?

Cyriakus machte sich einen Namen, als er im dritten Jahrhundert die Tochter des Kaisers Diokletian vom Dämon befreite. Deshalb der Drache in Ketten. Der Heilige wird als Patron verehrt: Er schützt den Weinbau und wirkt eigentlich auch gegen die Versuchung. Eigentlich. Nun steht er alleine da, und sein Glanz scheint verblichen, denn was ist das Gute schon wert, wenn es das Böse nicht gibt?

Solche Fragen kümmern Pfarrer Langkamp derzeit kaum…“

weiter bei Spiegel-online.

(Foto: PI Emsland/Grafschaft Bentheim)

Mittendrin IX

28. September 2011

Die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück (Foto re.) hat jetzt die Anklage der Osnabrücker Staatsanwaltschaft gegen den früheren Speller Pfarrer Andreas H. wegen Verdachts der Vergewaltigung einer seinerzeit 14-jährigen nicht zur Hauptverhandlung zugelassen. Das Hauptverfahren wird nicht eröffnet, beschloss die 3. Große Strafkammer (Aktenzeichen 3 KLs 20/11).

Eine Frau hatte dem heute 51-jährigen Pfarrer vorgeworfen, er habe sie als damals 14-jährige im Sommer 1990 in Haren zwei Mal vergewaltigt. Der Geistliche  war seinerzeit als Kaplan in Haren tätig gewesen. Er hatte auch im Ermittlungsverfahren die sexuellen Kontakte eingeräumt, aber betont, diese seien einvernehmlich und ohne Gewalt geschehen.

Die Frage, ob entgegen dieser Einlassung Gewalt angewendet worden sei, lasse sich -so der Beschluss der  Jugendkammer, die vor ihrer Entscheidung hochrangige Sachverständige bemühte,-  nicht mehr klären. Der Verdacht werde durch keine Beweise gestützt. Ein denkbare Straftat wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener ist längst verjährt. Der Beschluss der Strafkammer ist rechtskräftig; denn weder die Anzeigeerstatterin noch die Staatsanwaltschaft  haben gegen den Gerichtsbeschluss ein Rechtsmittel eingelegt.

So eine zurückhaltende Reaktion geschieht eigentlich nur dann, wenn sich im Laufe des sog. gerichtlichen Zwischenverfahrens die Verdachtsgründe pulverisiert haben. Hier hatte die Strafkammer nach Anklageerhebung zwei der renommiertesten Sachverständigen Deutschlands mit ergänzenden Gutachten beauftragt.Der Berliner Psychiater Prof. Dr. Hans-Ludwig Körber sollte klären, ob das Erinnerungsvermögen der Anzeigeerstatterin aufgrund psychischer Störungen möglicherweise getrübt und damit falsch war. Prof. Dr. Max Steller (Charité Berlin) fand anschließend  in seinem aussagepsychologischen Gutachten keine hinreichenden Anhaltspunkte, anhand derer er die belastende Aussage der Nebenklägerin zur Frage der Gewaltkomponente hätte verifizieren können. Die Aussage der Zeugin, so Steller in seinem ausführlichen Gutachten, sei  hinsichtlich der Schilderung der Gewaltanwendung nicht umfangreich und anschaulich genug, um auf ihren Wahrheitsgehalt sichere Rückschlüsse ziehen zu können. Da auch in dem sogenannten Zwischenverfahren, in dem das Gericht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheidet, die Unschuldsvermutung gilt, hat die Kammer die Anklageschrift nicht zur Hauptverhandlung zugelassen.

Das Bistum Osnabrück, so eine Pressemitteilung, habe den Beschluss des Landgerichts zur Kenntnis genommen. Gegen den ehemaligen Pfarrer wird aber noch ein kirchenrechtliches Verfahren beim Vatikan geführt, dessen Entscheidung noch aussteht. Bis zum Ausgang dieses Verfahrens bleibt der Seelsorger seiner kirchlichen Ämter enthoben. Ungeachtet des straf- wie kirchenrechtlichen Verfahrensausgangs dürfte es für den durch das Verfahren gebrandmarkten Andreas H. mehr als schwierig werden, seine berufliche Tätigkeit als Priester in einer Gemeinde wieder aufzunehmen.

Mich überzeugt die Entscheidung. Wenn im Zuge großer öffentlicher Aufgeregtheit zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche 20 Jahre nach einem Geschehen Vorwürfe erhoben werden, braucht es in einem Rechtsstaat belastbare Beweise und Anhaltspunkte für ein Strafverfahren gegen einen unbescholtenen Mann, mag er sich auch vor zwei Jahrzehnten moralisch fragwürdig verhalten haben. 

mittendrin VII

19. November 2010

Während die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück (Foto lks) noch nicht entschieden hat, ob es den Vergewaltigungsprozess gegen den suspendierten Pfarrer Andreas H.aus Spelle eröffnen soll, treibt der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode die Aufklärung nach kanonischem Recht voran und hat am Dienstag die Akte des Geistlichen in den Vatikan geschickt worden. Die direkt Papst Benedikt XVI. unterstellte Kongregation für die Glaubenslehre soll die Missbrauchsvorwürfe prüfen, die das Osnabrücker Generalvikariat gegen den 50-Jährigen ermittelt und zusammengetragen hat. Bereits Ende März war Andreas H. deshalb suspendiert worden.

Die Kongregation für die Glaubenslehre ist oberste Wächterin der katholischen Lehre und geistlicher Disziplin. „Sie kann das Verfahren an sich ziehen, entscheiden, dass es von uns oder einem anderen deutschen Bistum weitergeführt wird“, so der Sprecher des Osnabrücker Generalvikariats, Hermann Haarmann gegenüber der taz. „Sie kann es aber auch einstellen.“ Die römische Spezialität: Sich persönlich von der Kongregation rechtfertigen, kann Andreas H. nicht.

Überhaupt sind die Wege zur Erkenntnis eher verschlungen. So hatte das Osnabrücker Generalvikariat die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft Osnabrück gemeldet, die in der Folge ermittelt und Ende August Anklage gegen Andreas H. erhoben hatte. Vergewaltigung wirft ihm die Anklage vor. Doch die Anzeigeerstatterin hatte sich erst im vergangenen Frühjahr an das Bistum Osnabrück gewandt und ihre Anschuldigungen erhoben- mehr als 19 Jahre nach den angeklagten Taten und während der großen öffentlichen Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche . Die Staatsanwaltschaft meint, „die Übergriffe“ seien „wegen der als charismatisch empfundenen Ausstrahlung des Angeschuldigten und einem spirituellen Abhängigkeitsverhältnis der Geschädigten zu ihm von ihr ertragen worden“ – so ihre Presseerklärung nach Anklageerhebung Ende  August (mehr…).

Diese Ausgangslage hat die mit der Sache befasste III. Große Strafkammer  die Einholung eines wissenschaftlichen Gutachtens zu den Angaben der Anzeigeerstatterin beschließen lassen und ist damit einem Antrag von Verteidiger Theo Krümberg (Nordhorn) gefolgt. Mit det Gutachtenerstellung hat die Kammer  Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber beauftragt. Der Berliner ist einer der renommiertesten deutschen Forsensiker und hat in einer ganzen Reihe spektakulärer Justizfälle bei der Begutachtung der Straftäter mitgewirkt. Daneben war der  Sachverständige auch als Berater des Vatikan zum Thema Pädophilie und im Fall des Österreichers Josef Fritzl tätig. Aus dem Umstand übrigens, dass ein Psychiater mit der Begutachtung betraut worden ist, schließen Prozessbeobachter, dass auch psychische Befindlichkeiten und Besonderheiten der Zeugin der Anklage untersucht werden sollen. Reine Glaubhaftigkeitsfragen wären nämlich erst einmal nicht durch einen psychiatrischen Arzt sondern durch einen Psychologen zu beantworten.

Ex-Pfarrer Andreas H. war schon im vergangenen Frühling von den Ermittlern klar gemacht worden, dass es fundamental zugeht und er auf Rücksicht und Schonung nicht zu hoffen braucht: Obwohl er über seinen Anwalt erreichbar war, wurde er, nachdem er sich aus seiner Speller Pfarrei wegbegeben hatte, von Polizisten bei einem Glaubensbruder in Hoya verhaftet. „Ich hatte ihm dazu geraten, aus Spelle wegzugehen“, sagt dazu Verteidiger Theo Krümberg. Andreas H. musste zur Ruhe kommen und wollte nicht in Spelle mit seinen 8.489 Einwohnern Spießruten laufen.

Aufsehen erregen die Ermittlungen auch, weil der als charismatisch beschriebene Andreas H. neben der ehemaligen Nonne Stefanie Bensmann eine der führenden Personen der innerkirchlichen Christusgemeinschaft (CG) ist. Die Angehörigen dieser „sektenartigen Vereinigung“ begeben sich – so die taz– in starke seelische Abhängigkeit von ihren Führungsfiguren und bestrafen Abtrünnige und CG-ferne Verwandte durch Kontaktsperren, also in ähnlicher Form, wie sie bei den Zeugen Jehovas bekannt sind. Seit Mitte der 1990er Jahre beobachtet das Bistum Osnabrück die CG-Gruppe mit wachsender Skepsis – indes ohne Sanktionen zu verhängen. Bis Andreas H. zum Fall wurde, war das Pfarrhaus in Spelle ein wichtiger Treffpunkt der CG. Den gibt es nun nicht mehr: Denn Bischof Bode versetzte H.s Stellvertreter Martin Luttmann, der als gemäßigtes Mitglied der Vereinigung gilt, kurzerhand in das Pastoralteam der St. Marien-Gemeinde nach Bremen-Walle – und den Waller Pastor Daniel Brinker im Gegenzug nach Spelle.

Ob es zu einem Strafprozess kommt, muss also das Landgericht Osnabrück entscheiden. Es hat ein Gutachten über die Aussagetüchtigkeit der Belastungszeugin angefordert. Sie hat den Ermittlern eine mehrjährige „gewaltbetonte sexuelle Beziehung“ geschildert, die der Geistliche mit ihr als Teenagerin unterhalten habe, und sie hat konkrete Angaben zu zwei Nötigungen im Frühling 1990 gemacht – jeweils in der Kaplanei von Haren, wo der junge Geistliche seinerzeit stationiert war. Beim ersten Mal soll er die damals 14-Jährige festgehalten, beim zweiten Mal mit Nachteilen für ihr Seelenheil bedroht haben.

Das bestreitet die Verteidigung. Zuerst hatte Rechtsanwalt Theo Krümberg sogar von einem „klassischen Trittbrettfall“ im Zuge der bundesweiten Missbrauchsdebatte gesprochen. Dann aber räumte sein Mandant „sexuelle Kontakte“ ein. Fürs kirchenrechtliche Verfahren ist Krümberg nicht zuständig, kritisieren will ers auch nicht. „Ich hätte gedacht, dass sie aufs Gutachten warten“, sagt der Nordhorner Anwalt zur taz. „Damit riskieren die ja, sich eine blutige Nase zu holen.“

Es sei nicht notwendig gewesen zu warten, sagt Bistums-Sprecher Hermann Haarmann. „Das ist ja ein unabhängiges Verfahren.“ Kanonisch ist vor allem die – eingeräumte – Verletzung des Zölibats wichtig. Zugleich geht es fürs Bistum um die eigene Glaubwürdigkeit: „Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode betreibt den Kampf gegen Missbrauch durch Kleriker deutlich offensiver als seine Amtsbrüder“, wertet die taz. So hat er die Akten der Personalreferenten des Bistums seit den 1950er-Jahren auf Verdachtsmomente hin durchleuchten lassen, „denn so etwas wurde ja nicht ausdrücklich vermerkt“, so Bistumssprecher Haarmann. Am ersten Adventssonntag, mit dem für Christen ein neues Kirchenjahr beginnt, hält er zudem, offenbar als erster katholischer Bischof Deutschlands, einen Bußgottesdienst wegen der Missbrauchsfälle. Das akute Verfahren nur zögerlich zu erledigen, hätte dazu kaum gepasst.

Bodes Eifer teilt die Glaubenskongregation nur bedingt. Seit ihr vormaliger Chef Papst wurde, leitet William Joseph Levada das Gremium. Der emeritierte Erzbischof von San Francisco hat während seiner langen Kirchenkarriere nur ein einziges Mal Schlagzeilen gemacht: Vor sieben Jahren, als herauskam, dass er in den 1990ern aktiv und in großem Umfang Missbrauchsfälle durch Priester seiner Diözesen vertuscht hatte.

Auch gegen Theo Krümberg wird inzwischen zu Felde gezogen. Nach der von mir in diesem Blog geäußerten Kritik am forschen Vorgehen der Verfolger äußerten die kritisierten Polizeibeamten der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim harsche Kritik an der Kritik. Ihnen hatten meine Vorwürfe nicht gefallen. Die daraufhin eingeschaltete  Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg meint allen Ernstes, Theo Krümberg habe mit mir gesprochen und sich dabei des Geheimnisverrats schuldig gemacht. Sie  hat deshalb ein anwaltsgerichtliches Verfahren gegen den engagierten Juristen eingeleitet, das nun bei der Rechtsanwaltskammer in Oldenburg schwebt.

(Quelle: taz, Foto LG Osnabrück ©  Wikipedia/Stefan Flöper CC; Osnabrücker Dom © Brisbane CC))

Mittendrin VI

25. August 2010

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat -wie angekündigt- Anklage gegen Andreas H., Ex-Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde in Spelle, Schapen, Venhaus und Lünne (Foto: kath. Kirche in Spelle, re.), erhoben. Dem 50-jährigen Geistlichen wird vorgeworfen, vor zwanzig Jahren in Haren die damals 14 Jahre alte Anzeigeerstatterin zwei Mal vergewaltigt zu haben. Bei der ersten Tat soll der jetzt Angeschuldigte den Widerstand der Jugendlichen durch Festhalten überwunden haben, teilte die Staatsanwaltschaft Osnabrück mit. Zu der zweiten Tat habe er die „tiefgläubige Jugendliche“ in die Kaplanei einbestellt. Für den Fall der Weigerung habe ihr der Priester „Nachteile in ihrer Stellung vor Gott angedroht“ und anschließend ihren Widerstand gebrochen, indem er sie an den Armen festhielt und ihren Mund zuhielt.

Die Anzeigeerstatterin hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch angegeben, sie habe drei Jahre lang immer wieder „sexuelle Übergriffe erdulden müssen“. Diese weiteren Vorwürfe konnte die Staatsanwaltschaft nicht anklagen, weil sie zu allgemein, das heißt „nicht ausreichend konkretisierbar“ waren. Außerdem sind weitere infrage kommende Delikte wie etwa der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen bereits verjährt.

Der Priester hat -laut Staatsanwaltschaft- im Ermittlungsverfahren sexuelle Kontakte zur Geschädigten eingeräumt. Diese seien aber einvernehmlich erfolgt. Diese Darstellung der Staatsanwaltschaft steht im Gegensatz zu Presseberichten von Mitte des Monats, in denen es geheißen hatte, der ehemalige Pfarrer stelle sexuelle Kontakte in Abrede. Der Nordhorner Rechtsanwalt Theo Krümberg, der den Theologen verteidigt, hatte erklärt, bei der Anzeige der Zeugin, die die Vorwürfe im Zuge der großen öffentlichen Diskussion über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche im Frühjahr erhoben hatte, handele es sich um einen „klassischen Trittbrettfall“.

Die Anzeigeerstatterin hatte sich in der Tat erst im Frühjahr während der großen öffentlichen Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche , also mehr als 19 Jahre nach den jetzt angeklagten Taten, an das Bistum Osnabrück gewandt und ihre Anschuldigungen gegen den seither suspendierten Pfarrer erhoben. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück vermutet nun, „die Übergriffe“ seien „wegen der als charismatisch empfundenen Ausstrahlung des Angeschuldigten und einem spirituellen Abhängigkeitsverhältnis der Geschädigten zu ihm von ihr ertragen worden“ – so reichlich mystisch-spekulativ  die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft. Diese Ausgangslage macht die Einholung eines wissenschaftlichen Gutachtens hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der Angaben der Anzeigeerstatterin sehr wahrscheinlich.

Die Osnabrücker Staatsanwälte ermitteln noch in einem weiteren Verfahren wegen ähnlicher Vorfälle  gegen den Ex-Pfarrer, Eine heute 38-jährige Frau hatte den Geistlichen ebenfalls im Frühjahr beschuldigt, er habe sie „im April/Mai 1995“ sexuell missbraucht. Dieses Ermittlungsverfahren konnte laut Staatsanwaltschaft noch nicht abgeschlossen werden.

Die zuständige Strafkammer des Osnabrücker Landgerichts muss nun zunächst über die Zulassung der erhobenen Anklage entscheiden und dabei auch die Frage der Verjährung prüfen. Läge tatsächlich eine Vergewaltigung vor, wäre der Vorwurf nicht verjährt. Erst wenn die Strafkammer die Anklage zur Hauptverhandlung zulässt und das gerichtliche Strafverfahren eröffnet, wird ein Verhandlungstermin festgelegt. Wird die Anklage zugelassen, dürfte die Sache wohl nicht vor Anfang 2011 verhandelt werden.

Neben dem weltlichen Strafverfahren muss sich der Tatverdächtige auch in einem kirchenrechtlichen Strafverfahren rechtfertigen. Eine Vorprüfung durch die Missbrauchskommission des Bistums Osnabrück sei abgeschlossen, hatte dazu kürzlich der Sprecher des Bistums Osnabrück Hermann Haarmann bestätigt. Weil sich in der Vorprüfung der Verdacht gegen den Priester erhärtet habe, gebe es zurzeit nach der Vorprüfung nun eine förmliche Voruntersuchung, die in den nächsten Wochen abgeschlossen werden könne. Die Ergebnisse werde der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode dann zur Glaubenskongregation nach Rom schicken, die die Entscheidung in dem kirchenrechtlichen Verfahren treffe.

Der heute 50-jährige Theologe gilt als führender Kopf der sogenannten „Christusgemeinschaft“, einer orthodoxen geistlichen Gemeinschaft mit Schwerpunkt im Bistum Osnabrück.

(Foto © Ramsch, Creative commons)

Mittendrin-III

3. April 2010

In dieser Woche haben die Maristen (Foto re.: Gründer Pater Jean Claude  Colin)  die Ergebnisse ihrer eigenen Meppener Missbrauchsuntersuchung veröffentlicht. Was darin steht, beschreibt die Lokalpresse. Wäre der Maristenreport ein Schüleraufsatz, hätte ich daneben geschrieben: „Ungenügend – Thema verfehlt!“  Wir erfahren nämlich lediglich, dass alte Mönche vor dreißig oder vierzig Jahren junge Klosterschüler bedrängt, belästigt und missbraucht haben. Was soll eine solche Untersuchung, bei der sich ältere und alt gewordene Männer melden und einem Beauftragten mitteilen, sie seien in den 1960er Jahren von einem inzwischen verstorbenen Klosterbruder angegangen worden? Es geht nicht, wie es heute in den Karfreitagspredigten zu hören war, um die Schuldzuweisung: „Die Täter schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte!“ Es geht auch bei dem Speller Pfarrers Andreas H. oder dem Thuiner Franziskaner Heinz-Günther H. nicht darum, ob sie nun Sexualstraftäter sind oder nicht.

Denn das alles sind verbale Überflüssigkeiten für den Stammtisch, es sind bloße Sex-and-crime-Enthüllungen, die lediglich die Symptome zeigen aber nicht das Problem angehen: Die Strukturen der katholischen Amtskirche – die Jahrzehnte und Jahrhunderte ihren  Selbstschutz über alles andere gestellt. Deshalb wurden Übergriffe geheim gehalten, die veröffentlicht gehört hätten. Die Strukturen des Hinter-vorgehaltener-Hand-Flüstern und der Vertuschung führten dazu, dass  Missbrauchte nicht gehört wurden und dass ihnen nicht geglaubt wurde. Eine Aufarbeitung durch die Justiz wurde zumeist versäumt. Die verantwortlichen nahmen die priesterlichen Täter nicht einmal konsequent aus der Arbeit mit jungen Menschen heraus – als ob sexuelles Missbrauchsverhalten der Priester mit ihrer Versetzung aus dem Emsland nach Bayern gelöst würden. Selbst heute wird beschwichtigend von Einzelfällen geredet und auch der Report aus Meppen individualisiert die Täter. Dabei ist der Missbrauch und seine Vertuschung  ein Strukturproblem.  In einem Interview hat eine Frau (!), die Münsteraner Professorin Marianne Heimbach-Steins die Ursachen des Skandals benannt und damit den Verantwortlichen einen Spiegel vor die Nase gehalten:

„Ein erster Punkt betrifft die priesterliche Lebensform. In der Ausbildung und Begleitung der Kleriker muss der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität offen thematisiert werden. Missbrauch von Amtsmacht – denn das ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche – muss konsequent geahndet werden. Eine offene Diskussion darüber, ob Zölibat und Priesterberuf zwingend zusammengehören müssen, muss endlich zugelassen werden.“

Der zweite Punkt „betrifft weitergehende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung. Aktuell zeigen sich, so scheint mir, Relikte eines Selbstverständnisses, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden sein sollte, nämlich die Kirche als „societas perfecta“ – als vollkommene Gemeinschaft – innerhalb oder neben der säkularen Gesellschaft zu betrachten. Die Kirche und ihre Institutionen werden als heilig und unantastbar begriffen, so etwas wie strukturelle Sünde gilt für die Kirche selbst als ausgeschlossen. Aus diesem Verständnis heraus wird sie für fähig gehalten, Probleme in den eigenen Reihen selbst zu lösen – also insbesondere ohne Eingreifen der staatlichen Justiz oder ohne angemessene Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist nicht nur unvereinbar mit einem modernen Verständnis der Kirche, sondern auch kaum vermittelbar im Verhältnis zwischen Kirche und säkularem Staat.“

Ich habe Zweifel, ob die katholische Amtskirche bereit und in der Lage ist, hier Aufklärung zu schaffen und ihre eigenen, über die individuelle Schuld Einzelner weit hinausreichende kollektive Verantwortung aufzuarbeiten. Die Maristen jedenfalls veröffentlichen auf ihren Internetseiten (hier und hier) bis heute nicht einmal den der Presse präsentierten Stammtischreport…

Schöne Ostern!

Mittendrin

29. März 2010

„Die Arbeit unserer Einrichtung ist bis ins Detail darauf ausgerichtet, den Jungen zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu festigen.“ So beschreibt sich die katholische Internatsschule in Thuine. Ihr Rektor, der Franziskanermönch Heinz-Günther H. ist jetzt aller Ämter enthoben worden.

Andreas H., Pfarrer der Kirchengemeinden Spelle, Schapen, Venhaus und Lünne, segnete noch am 14. Januar im Beisein des niedersächsischen Innenministers die neue Polizeistation in Spelle ein und verschwand dann „wegen psychischer Erkrankung“ quasi über Nacht. Jetzt hat ihn der Osnabrücker Bischof, wie die lokale Presse am Samstag etwas verschämt meldete, „von seinem Amt entpflichtet“.
Beide Männer sind Priester und beide haben sich in den sexuellen Missbrauch verstrickt. Der Speller Seelsorger H. ist dabei, folgt man der taz,  „ein mitreißender Gottesmann“. Im Rahmen der fundamentalistischen Christusgemeinschaft (mehr…) scharte er mit der aus dem Orden der Franziskanerinnen ausgeschlossenen Stephanie Bensmann  junge Menschen um sich und veranstaltete für sie Extra-Treffen und Exerzitien. „Wahre Indoktrinationsmeetings“ müssen das gewesen sein, wusste 2005 die taz. Zunächst seien „die Beziehungen zu den Eltern hinterfragt“ worden, „weil angeblich Eltern ihre Kinder immer festhalten wollen“. Deshalb würden sie den Blick dafür verlieren, was gut und was schlecht für ihre Kinder ist. Und deshalb sollte man ihnen nur das Nötigste über die Erbauungsveranstaltungen erzählen. Auch andere soziale Kontakte seien nach und nach torpediert worden. Den Mitgliedern sei im Wesentlichen vermittelt worden, sie seien schlecht, die Welt ebenso und die Menschen ohnehin. Ein ganz anderer Missbrauch, aber durchaus auch, wie wir jetzt sehen, ein selbstkritischer Ansatz…

Der Thuiner Pater soll  schlüpfrige Parties im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus gefeiert haben, das sich bekanntlich als intellektueller Brutofen des katholischen Konservatismus begreift. So schaffte er es gar mit „perversen Knobelspielen“ in die BILD-Zeitung, den -wie man weiß-  Schneidbrenner des Boulevardjournalismus. Lange bekannte Missbrauchsfälle in Papenburg, Haren, Meppen und Dalum  kommen zu den beiden jetzt öffentlich gewordenen Fällen hinzu und zeigen, dass „wir im Emsland“ mittendrin statt nur dabei sind: In der aktuellen Missbrauchsdebatte, die die katholische Kirche peinigt.

Die Gründe für die Missbrauchsfälle sind vielfältig. Sie haben jenseits der individuellen Schuld sicherlich auch mit dem Zölibat und der damit zusammenhängenden Frage zu tun, wer das Priesteramt anzunehmen bereit ist. Noch mehr betreffen die Missbrauchsfälle das schädlich-verklemmte Verständnis der katholischen Amtskirche von Sexualität. Doch vor allem finden sie ihren Boden in der hierarchischen und autoritären Struktur der katholischen Kirche und dem entsprechenden Selbstverständnis ihrer Amtsträger. Beides begünstigt  eben Machtmissbrauch jeder Art. Diese Strukturen führen zum Schweigen der katholischen Christen und sollen es auch. Selbst jetzt.

Neues (30.03.2010) aus Spelle hier.

(Foto: Dom St. Peter in Osnabrück © Birgit Winter, pixelio.de)