Documenta-Diskussion

6. August 2022

DOCUMENTA FIFTEEN. PODIUMSGESPRÄCH
Lingen (Ems), Kunsthalle, Kaiserstraße 10a
Dienstag, 9. August 2022, 19.30 Uhr
Karten 6 Euro,
ermäßigt 4 Euro

Die documenta fifteen, kuratiert vom indonesischen Kollektiv Ruangrupa, folgt einem Konzept, bei dem die Form der Organisation eng mit der künstlerischen Ästhetik und den Inhalten verbunden ist. So ist eine außerordentlich vielfältige und herausfordernde Ausstellung entstanden, die an insgesamt 32 Orten in Kassel zu sehen ist, und die sich in ihrem Verlauf weiter verändern wird.

Ruangrupa zeigt vor allem Kollektive aus Asien, Afrika, Süd- und Zentralamerika, die dringende Themen unserer Zeit wie Bildung, Nachhaltigkeit, Diversität und globale Krisen behandeln. Die documenta fifteen rückt so weder Anklagen, abgeschlossene Abhandlungen noch rein museale Präsentationen in den Fokus, sondern präsentiert Prozesse, Partizipationen und Dialoge.

Bereits im Vorfeld wurden Vorwürfe gegen die Beteiligung von Künstler*innen erhoben, die im Verdacht des Antisemitismus standen. Seitdem die documenta (nach der Preview) das Banner „Peoples Justice“ (2002) des indonesischen Künstler*innenkollektivs Taring Padii mit antisemitischem Bildvokabular präsentierte, ist eine Debatte um die Deutungshoheit der europäischen Geschichte gegenüber den Sichtweisen des globalen Südens und die Interpretation von Antisemitismus entbrannt.

In dem Podiumsgespräch sprechen Muriel Meyer, Künstlerische Leiterin des Kunstvereins Grafschaft Bentheim, Thomas Niemeyer, Direktor der Städtischen Galerie Nordhorn und Meike Behm, Direktorin der Kunsthalle Lingen über die documenta fifteen und ihre eigene Sicht auf die Ausstellung und auf die öffentliche Debatte.

 

Klares Zeichen

24. Juli 2022

Angesichts drastisch steigender Energiekosten hat jetzt die Stadt Kassel gehandelt. Sie hilft ihren Einwohner*innen: Stolze 75 Euro pro Kopf erhält jede/r. Damit sollen die gestiegenen Preise für Energie abgefedert werden. Um das Geld zu bekommen, müssen die Bürgerinnen und Bürger allerdings tätig werden und einen Antrag stellen.

Das hat die Stadtverordnetenversammlung der nordhessischen Kommune am vergangenen Montagabend entschieden. In namentlicher Abstimmung stimmten die Ratsmitglieder mit 39 von 69 Stimmen einer entsprechenden Vorlage von Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) zu. Kassel wird dazu Mittel in Höhe von insgesamt 15,4 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

Das Energie-Geld soll einmalig allen, die zwischen dem 1. Oktober 2022 und dem 31. März 2023 ihren Wohnsitz in Kassel haben, gewährt werden – Erwachsenen genauso wie Kindern. Eine vierköpfige Familie könnte somit einen Zuschuss in Höhe von 300 Euro erhalten. Kassel hat aktuell rund 205.000 Einwohner. Wie genau das Geld beantragt wird, ist noch offen.

„Den Betrag können wir uns leisten“ hatte Oberbürgermeister Geselle bereits im Vorfeld der Ratssitzung angekündigt. Zudem soll, so der Antrag, der Zuschuss nicht auf andere staatliche Transferleistungen angerechnet werden. Das bedeutet, dass etwa Hartz IV-Empfänger keine Kürzungen befürchten müssen, sollten sie den Zuschuss in Anspruch nehmen.

Die Kasseler Grünen, stärkste Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, haben Nein gesagt. Die Zahlung müsste, sagen sie, bei denen, die es am ehesten benötigen, auf Sozialtransferleistungen angerechnet werden. Die Zahlung würde also die Armen gar nicht entlasten. Ähnlich argumentierten auch die Linke. SPD und CDU hingegen stimmten zu. Die CDU fühlte sich „in der sozialpolitischen Verpflichtung, das Einwohner-Energie-Geld mitzutragen“, sagte CDU-Fraktionschef Michael von Rüden im Vorfeld – als „klares Zeichen an die Bevölkerung“.

Die Bedenken der Kasseler Grünen sind, glaube ich, nicht von der Hand zu weisen; denn „HartzIV“ beispielsweise ist vom Bundesgesetzgeber so konzipiert, dass alle Zahlungen Dritter angerechnet werden. Doch richtig ist natürlich auch: Es muss Entlastung kommen. Gerade die wirtschaftlich Schwachen brauchen finanzielle Hilfe. Alle Kommunen hierzulande werden darüber entscheiden müssen, ob und wenn ja wen sie unterstützen. Was also können Städte und Gemeinden konkret für eine Entlastung tun?

Eine Maßnahme in Lingen, sagt unsere BN-Fraktion, wären Balkonkraftwerke. Ein solches Balkonkraftwerk besteht aus nur wenigen Komponenten – Solarmodul(e), einem Wechselrichter, der den Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt und einem Verbindungskabel mit Schuko-Stecker, der in jede beliebige Steckdose gesteckt werden kann – der VDE empfiehlt eine kontaktgesicherte Einspeisesteckdose. Der so erzeugte Solarstrom von bis zu 600 Watt kann ein Stück weit und vor allem dauerhaft den Menschen helfen, die den so teuer gewordenen Strom nur schwer bezahlen können.

Mit einer solchen, kostenlos oder gegen eine symbolische Miete zur Verfügung gestellten „Plug & Play-Solaranlage“ auf Balkon oder Terrasse könnte jeder Haushalt selbständig und dauerhaft Solarstrom erzeugen und direkt nutzen. 

Die Förderung, sagen Die BürgerNahen, sollte zunächst erst einmal LingenPass-Inhaber*innen umfassen. Diesen Lingener Sozialausweis bekommen alle Lingener*innen, die Leistungen nach dem SGB II (Arbeitslosengeld und/oder Hartz IV), Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII, Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem SGB XII (Sozialhilfe), Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Wohngeld beziehen und auch BAföG-beziehende Studierende, die ihren ersten Wohnsitz in unserer Stadt haben.

Aktuell sind aber nicht einmal 200 LingenPässe ausgegeben, die alljährlich in einem bürokratischen Verfahren erneuert werden müssen. Hätten alle wirtschaftlich schwachen Einwohner*innen Lingens einen LingenPass, müsste der Anteil etwa 30 mal so hoch liegen; denn in Lingen sind mehr als 15% der Bevölkerung arm, wenn man den Landes- oder Bundesdurchschnitt zugrunde legt. Das wären dann rund 3.000 Haushalte mit mehr als doppelt so vielen Menschen. Tut er aber nicht. Viele der  Berechtigten scheuen offenbar den bürokratischen Antragsaufwand, wenn sie denn überhaupt von dem LingenPass wissen. Händigten die Rathausbeamten jedem Hartz IV- oder Wohngeldbeziehenden gleich mit dem Bewilligungsbescheid auch einen LingenPass sähe das anders aus. Aber trotz aller bürokratischen Mühen wären Balkonkraftwerke  jedenfalls auch ein „klares Zeichen“ und ein Anfang, der auch dem Klima gut täte.


Fotos: oben: Rathaus Kassel von „Simsalabim“ CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported;
unten: Hist. Rathaus Lingen,

„Harry Kramer und seine Zeit“
Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann und Heiner Schepers  im Gespräch
Lingen (Ems) – Kunsthalle IV, Kaiserstraße 10a
Di, 19.07. 2022 –  19.30 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 4 €, Studierende der Hochschule frei

Am Dienstagabend sprechen Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann und Heiner Schepers über Harry Kramer und seine Zeit, in der er und sein Werk lebten.

Harry Kramer wurde 1925 in Lingen in der Hinterstraße, heute vis-avis vom Rathaus gelegen geboren. 1997 starb er in Kassel. Bis 1942 arbeitete er in Lingen als Frisör und besuchte ab 1947 die Tanzschule von Lola Rogge in Hamburg. In den 1950er Jahren entwarf er ein mechanisches Theater, das in der Berliner Galerie Springer uraufgeführt wurde.

Anschließend gestaltete Harry Kramer in den 1960er Jahren zahlreiche Automobile Skulpturen, die jeweils mit einer eigenen Mechanik ausgestattet waren und innerhalb derer sich Drahtobjekte drehten oder auch Klingeln einen Ton erzeugten. Es folgten buntfarbige Plastiken und Bilder sowie Plastiken, die wie Stehaufmännchen bewegt werden konnten. 1964 nahm Harry Kramer an der documenta 3 in Kassel teil.

Im Jahr darauf nahm er eine Gastprofessur in Hamburg wahr. Zu Beginn der 1970er Jahre erhielt Kramer dann einen Ruf als Professor an die Kunsthochschule Kassel. Hier gestaltete er gemeinsam mit seinen Studierenden unter dem Namen „Atelier Kramer“ zahlreiche großformatige Installationen und Kunstaktionen. In den 1990er Jahren entwickelte und realisierte Harry Kramer das Projekt der Nekropole im Kasseler Habichtswald, innerhalb dessen Künstlerinnen und Künstler wie beispielsweise Rune Mields, Timm Ulrichs, Fritz Schwegler und Werner Ruhnau Grabmäler gestalteten, zuletzt wurde 2011 das Grabmal von Gunter Demnig realisiert.

Zahlreiche Facetten der künstlerischen Arbeit und der Zeit, in der es entstand, reflektieren im Rahmen des Gesprächs die Kunsthistorikerin Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann, Verfasser einer Monografie über Harry Kramer, und Heiner Schepers, ein Kenner des Künstlers Person und des Werks Harry Kramers, der 1994 Harry Kramer als erster auch den Lingenerinnen und Lingen erschloss.


Harry Kramer, Ein Künstler aus Lingen – Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2015
Foto: © Kunsthalle Lingen

 

Doch Brennelemente nach Doel

10. Dezember 2020

Die Lingener Brennelementefabrik des Areva-Konzerns darf nun doch Brennelemente nach Belgien in die dortigen Schrottreaktoren exportieren. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat dies gestern entschieden und eine gegenteilige Entscheidung des Verwaltungsgerichts Frankfurt von Mitte Oktober aufgehoben.

Zum Hintergrund: Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) hatte im März des Jahres der Fa Areva, die vor allem Brennelemente für Kernkraftwerke fertigt, die Ausfuhr von 52 unbestrahlter Uranoxid-Brennelemente aus Deutschland nach Belgien genehmigt.

Hiergegen erhob ein Umweltschützer im August 2020 Klage beim Verwaltungsgericht Frankfurt und beantragte, die Ausfuhrgenehmigung aufzuheben. Zur Begründung führte der Kläger an, dass das zu beliefernde Kernkraftwerk in Belgien auf Grund seines Alters ein hohes Sicherheitsrisiko für ihn darstelle. Die Ausfuhrgenehmigung verletze ihn daher persönlich in seinen Rechten auf Leben, Gesundheit und Eigentum, da er im Grenzgebiet zu Belgien lebe.

Areva scheiterte zunächst mit einem Eilantrag,  dass die Klage der Privatperson gegen die ihr erteilte Ausfuhrgenehmigung „keine aufschiebende Wirkung“ hat, sie also keinen Ausfuhrstopp bewirkt und daher der Export von Brennelementen durchgeführt werden könne. Dieser, für Areva negative Beschluss wurde jetzt auf die Beschwerde von Areva vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof aufgehoben. Die schlanke Begründung:  § 3 Abs. 3 Nr. 2 Atomgesetz, auf den sich der Kläger vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt am Main erolgreich berufen hatte, biete keinen Schutz zu seinen Gunsten. Diese Vorschrift des Atomgesetzes (AtG) lautet:

„Die Genehmigung zur Ausfuhr ist zu erteilen, wenn
1. keine Tatsachen vorliegen, aus denen sich Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Ausführers ergeben, und
2. gewährleistet ist, dass die auszuführenden Kernbrennstoffe nicht in einer die internationalen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der Kernenergie oder die innere oder äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährdenden Weise verwendet werden.“

Zwar kenne ich die bisher nicht veröffentlichten Entscheidungsgründe nicht, sondern nur die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtshofs. Auf die naheliegende Idee, dass eine Brennelementefabrik dann schwerlich zuverlässig sein kann, wenn es seine Brennstäbe rücksichtslos an den Betreiber eines „Schrottreaktors“ liefert, kamen die Kasseler VGH-Richter nicht. Ob der klagende Bürger, quasi ein Nachbar des maroden AKW Doel, von einem solchen Export zwangsläufig in seinen Rechten betroffen ist, sahen die Juristen nicht.
(Quelle: Hess. VGH, Beschl. v. 08.12.2020, Az 6 B 2637/20, PM)

Eigentlich hatte ich mich über die Neuigkeit gefreut. Doch diese  Freude ist jetzt nicht mehr so heftig, wo die Einzelheiten bekannt sind.
Also ganz von vorn: Es soll den ICE ins Emsland verschlagen. Erste Gerüchte gab es schon vor sechs Wochen, und Ende Mai war die neue Zugstrecke kurzfristig auf der Internetseite der Deutschen Bahn zu sehen, dann aber wieder gelöscht.

Letzte Woche wurde das Vorhaben zur veröffentlichten Gewissheit: Deutsche Bahn richtet eine ICE-Linie  München-Norddeich und zurück ein, konnte man erfahren. Das Wichtige dabei: Ohne Umsteigen und mit Lingen als Haltepunkt wie die anderen ICE Metropolen in Deutschland: Offenburg in Baden oder Montabaur und Limburg im Westerwald.

Inzwischen sind Details bekannt und die zeigen, dass es für unsere Stadt wirklich nur eine kleine Verbesserung ist.

Der ICE 1680 soll nämlich den Münchener Hauptbahnhof um 8:14 Uhr verlassen und in Norddeich Mole um 17:02 eintreffen. Auf dieser Hinfahrt hält er sibn Stunden später gegen 15.13 Uhr in Lingen(Ems), doch der für uns (nicht nur) touristisch wichtige Zug ICE 1681 von Norddeich Mole (ab 10:53 Uhr) nach München (an 20:03 Uhr) hält eben nicht in Lingen (Ems). Wollen also Reisende aus Lingen (Ems) das „touristische Angebot“ Richtung Bayern oder -vielleicht genauso interessant- Kassel, Fulda und Hessen nutzen, müssen sie also doch erst bis Rheine und dort um- und einsteigen. Da empfiehlt sich dann jedenfalls für das Ziel Bayern der IC bis Düsseldorf und die Weiterfahrt mit den ICE nach München.

Gefahren wird nur an 10 Wochenenden im Sommer 2020, nämlich vom 3. Juli bis 19. September; denn wegen Bauarbeiten gibt es das ICE-Angebot weder am letzten Augustwochenende 28.08. – 30.08. noch am ersten Septemberwochenende 04.09. bis 07.09.. Es kann „voraussichtlich“ (Bahnsprecherin) erst ab dem 14. Juni über „Bahn.de“ gebucht werden. Zurzeit ist das Angebot auf bahn.de nicht zu sehen.

Da die Bahn kein Personal und keine Hublifte in Lingen (Ems) vorhält, gilt das ICE-Angebot, wie alle anderen Fernverkehrsangebote ab/bis Lingen (Ems), nicht für Menschen, die auf Mobilitätshilfe angewiesen sind, also etwa Menschen mit Gehhilfen, Rollis, Blinde. Das ist weiterhin peinlich und skandalös für unsere Stadt !

Der Tourismus-Sommer-ICE wird im Emsland auf einer Bahnstrecke bummeln, die nicht ICE-tauglich ist und zwischen Meppen und Papenburg wegen der schmalen Brücke über den Küstenkanal auch nur ein Gleis hat. Sich für den Ausbau dieser Engstelle enzusetzen, ist längst überfällig, lieber Landkreis Emsland, damit es für den ganzen Zugverkehr auf der Emslandstrecke eine dauerhafte Verbesserung gibt.

Den gleichwohl positiven Teil des Fazits zog jemand in einem Kommentar auf der NDR.de-Seite: „Wir reden hier wohl von einer einmaligen Bahn-Aktion in Corona-Zeiten, um Deutschlandurlaub mit der Bahn attraktiver zu machen. Vor diesem Hintergrund macht die Idee Sinn. Denn sowohl Ostfriesland und die Inseln als klassische Urlaubsregion als auch das touristisch aufstrebende Emsland heißen Urlauber herzlich willkommen!“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostfriesland-Papenburg will sich daher zu recht dafür einsetzen, dass die neue ICE-Verbindung „auch in den nächsten Jahren aufrechterhalten“ wird.

 

 

Für diesen Sonntag, an dem das Wetter umschlagen wird, habe ich dann einen, für dieses Blog ungewöhnlichen Lesebefehl: Eine ungehaltene Predigt des Osnabrücker Generalvikar Theo Paul, der Stellvertreter des Bischofs von Osnabrück und Leiter der Verwaltung des Bistums ist. In seinen Blogbeiträgen greift er nicht selten aktuelle Themen auf. Lest selbst:

„Eigentlich wollte ich“, schreibt Theo Paul im Blog des Bistums Osnabrück, „diese Predigt am 8. Mai auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Fullen bei einer Gedenkveranstaltung halten. Wegen des Coronavirus musste die Veranstaltung leider abgesagt werden. Trotzdem denken wir an 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 75 Jahre Ende des Faschismus. Erinnerungsarbeit ist Friedensarbeit. Hören wir nicht auf zu rufen: Nie wieder Krieg.“

„Liebe Mitchristen!

75 Jahre Befreiung vom Faschismus – Ende des II. Weltkriegs

27. Januar
75 Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer der Shoah

2. März
Vatikan öffnet die Archive zu Papst Pius XII. Welche Rolle hat er im II. Weltkrieg, im Holocaust eingenommen?

Der Tag der Befreiung vom Faschismus stellt auch die Frage nach der Rolle der Christen und der Kirche in der Zeit der Nazi-Diktatur.

Wir sind auf dem Gelände eines Konzentrationslagers. Wie konnte es dazu kommen? Warum haben so wenige Menschen sich zur Wehr gesetzt, als ihre jüdischen Nachbarn verfolgt und verschleppt wurden? Als christliche Kirche warnen wir heute vor wachsendem Hass bzw. Antisemitismus und prangern die steigende Tendenz an, die Ereignisse der Shoah zu verharmlosen oder gar zu leugnen.

Verachtung und Hass entwickeln sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen – durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation. An diesem Tag des Gedenkens bringen wir für die Opfer dieses schrecklichen Verbrechens Respekt und Trauer zum Ausdruck. Wir danken allen, die ihr Leben eingesetzt haben, um unser Land vom Faschismus zu befreien. Wir verneigen uns vor allen, die in diesem Befreiungskampf ihr Leben verloren haben.

Vor einigen Monaten ist er gestorben, der seine ganze Theologie – als Theologie „nach Auschwitz“ verstanden hat. Johann Baptist Metz plädierte für eine moralische Auffassung von Tradition, die nur dann Maßstäbe für das eigene Handeln aus der Geschichte gewinnt, wenn sie sich der katastrophischen Dimension der Geschichte stellt. Wir können keine Verkündigung an Groß Fullen, Esterwegen, Bockhorst, Groß Hesepe – Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau vorbei praktizieren. Nur mit Blick auf die verstummten Opfer können wir uns den Menschen der Gegenwart zuwenden. Dieser 8. Mai ist Tag der Befreiung, Gedenktag an die Opfer der Kriege und Eingeständnis in die Verstrickung in Schuldzusammenhängen von Christen und Kirche in ein System von Unrecht und Gewalt.

1982 war ich das erste Mal zu einem Gedenkgottesdienst in Groß Fullen. Wir wollten an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Damals wurden wir damit konfrontiert, dass wir doch endlich die Zeit des Nationalsozialismus ruhen lassen sollten. Es sei schon soviel darüber geschrieben worden. Wir haben – Gott sei Dank – nicht geschwiegen. Die kleine Pax Christi-Gruppe und auch andere Institutionen haben die Erinnerung an das Grauen des Faschismus wachgehalten. Ob gelegen oder ungelegen – auch heute 2020, wer hätte es für möglich gehalten, dass wir mit einem um sich greifenden Populismus, der mit seinen einfachen und oft menschenverachtenden Antworten große Sorgen bereitet, konfrontiert werden. In unserem Land macht sich ein zunehmender Antisemitismus breit. Ich erinnere an den Mord von Kassel, den Anschlag von Halle und die Morde von Hanau. Wer hätte dies 1982 für möglich gehalten. Wir können unser Zusammenleben nicht gestalten ohne die Gläubigen des Judentums, die Muslime und alle Migranten in unsere Sorge mit einzuschließen.

er Gedenktag der Befreiung von Faschismus ist für uns verbunden „mit einem Suchen, was den Frieden schafft“. Friede will als „Fried-Fertigkeit“ ständig gelebt werden, gerade in einer Welt der Friedlosigkeit. Mehr als zwanzig militärische Konflikte kostet jedes Jahr Tausenden von Menschen das Leben und treibt Abertausende in die Flucht. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ klagte der jüdische Dichter Paul Celan im Jahre 1944 in seinem Gedicht „Todesfuge“. Wir sind eine der größten Waffenschmieden der Welt. Wir liefern militärische Rüstung in die verschiedenen Konflikt-herde. Gegenwärtig scheint die Menschheit wieder wild entschlossen, ihre eigene Vernichtung vorzubereiten. Abrüstungsverträge werden aufgekündigt, es droht ein neues atomares Wettrüsten. Mehr noch: Die Arsenale sollen zusätzlich um neue, angeblich kleine taktile Atomwaffen erweitert werden. Kein Wunder, dass namhafte Atomwissenschaftler ihre sogenannte „Weltuntergangsuhr“ von fünf auf zwei Minuten vor zwölf vorgestellt haben.

Kein Zweifel: Der „Kalte Krieg“ ist wieder aus der Rumpelkammer auf die Weltbühne zurückgekehrt. Die Rüstungshaushalte werden wieder erhöht. Waffenstarrend stehen sich die Völker gegenüber. Wir wissen doch: Rüstung tötet, auch ohne Krieg. Denn Rüstung ist Mord an den Bedürftigsten dieser Welt. Ohne Militärausgaben wäre es ein Leichtes, Armut und Not zu überwinden. Kein Kind müsste mehr Hungersterben, kein Flüchtling mehr im Mittelmeer ertrinken. Lebensmittel statt Raketen, Decken statt Bombenteppiche.

Wir sind in einer Zeit der Neuausrichtung der Kirche. Es ist ein Segen, dass Papst Franziskus nicht nur die Archive von Papst Pius XII. öffnet. Er ermutigt uns, den Konflikten der Welt nicht auszuweichen. Die Kriege in Syrien, Irak, Kongo, Mali, Lybien … lösen Flucht und Verfolgung aus.

„Wenn wir die Probleme nicht lösen, wenn wir Mauern aufbauen und Abgrenzungen in Gang bringen. Die Welt kann nur bestehen, wenn wir Brücken bauen und Menschen in Frieden leben …. Wir brauchen Dialog, Gerechtigkeit, die Austrocknung der Gewalt und Hoffnung für die Völker, dass sie vorankommen im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Verfolgung. Die Kirche hilft, als Werkzeug für Frieden und Versöhnung aller Menschen zu dienen. Wir verlieren die Identität als Christen, wenn wir uns abgrenzen, das war auch immer eine Gefahr in der Geschichte der Kirche.“ (Papst Franziskus)

Kirche als Sauerteig – als Sakrament in den Friedensprozessen unserer Tage. Ganz im Sinne von Abraham Joschua Heschel, der sagt: „Unser Zeitalter bedeutet das Ende der Selbstzufriedenheit, das Ende des Ausweichens, das Ende der Selbstsicherheit. Gefahren und Ängste sind Juden und Christen gemeinsam; wir stehen zusammen am Rande des Abgrunds. Die Interdependenz der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt ist eine grundlegende Tatsache unserer Situation. Störung der Ordnung in einem „kleinen Land irgendwo auf der Welt er-weckt Befürchtungen bei den Menschen auf der ganzen Welt. Beschränkung auf die eigene Gemeinschaft ist unhaltbar geworden …. Die Religionen der Welt sind so wenig selbständig, unabhängig oder isoliert wie Einzelmenschen oder Nationen. … Keine Religion ist ein Eiland. Wir alle sind miteinander verbunden. Verrat am Geist auf Seiten eines von uns berührt den Glauben aller. Ansichten einer Gemeinde haben Folgen für andere Gemeinden.“ (Abraham Joschua Heschel, Keine Religion ist ein Eiland (1965), in „Christentum aus jüdischer Sicht“, herausgegeben von Fritz A. Rothschild)

Bringen wir diese globale Sicht in die Debatten ein. Die Opfer des Faschismus rufen uns zu: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Nie wieder Schweigen.

Die Tatsache, dass flüchtende Menschen viele Risiken auf sich nehmen, um in Europa Schutz zu suchen, ist eine positive Aussage über Europa. „Die Flüchtlinge sehen das vereinte Europa als Raum, in dem die Menschen-rechte geachtet und gewährt werden. (P. Peter Balleis SJ) So ist „das Europa der Menschenrechte“ herausgefordert, diese Rechte zu gewähren. Der Umgang mit den Flüchtlingen ist der Testfall, wie ernst es unser Kontingent wirklich mit den Menschenrechten nimmt. „Flüchtlinge sind Menschen, die Krieg und Not erlebt haben, sie wollen mehr als jeder andere Frieden und in Frieden leben. Sie helfen uns das Gute des friedlichen Europas zu schätzen und zu wahren.“

Liebe Mitchristen! Ich bin dankbar für die Gedenkstättenarbeit vieler Christen in den zurückliegenden Jahrzehnten. Dankbar können wir sein für das Engagement von Gemeinden und Christen bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Danke für Pax Christi und anderen Friedensinstitutionen für ihren Protest gegen Waffenexporte und Aufrüstungsentscheidungen. In allen diesen Bemühungen können wir Spuren entdecken, die dem Frieden dienen.

Wenn ich an diesem Ort des Grauens und der Verstorbenen stehe, kommt mir ein Auftrag der Christen und der Kirche in Erinnerung. Wir sind nicht da, um alle Fragen beantwortbar zu machen, sondern, so hat J. B. Metz formuliert, um von uns unbeantwortete Fragen unvergesslich zu machen. Als Glaubende haben wir nicht auf alles eine Antwort, sondern wir haben immer noch eine weitere Frage (eine Frage zuviel), die wir ins Gebet verwandeln können, die wir einfach stellen.

Wenn wir von Gott sprechen, zu ihm beten, dann können wir auch die Entfeindung leben, eine universale Solidarität gestalten, die ihren letzten Grund in Gott hat. Erinnerungsarbeit ist Friedensarbeit. Wir hören nicht auf zu rufen: Nie wieder Krieg.“


Sie finden die ungehaltene Predigt hier als PDF-Datei.

Nachtrag: „Auf dem Friedhof Groß-Fullen ruhen 133 sowjetische Kriegsgefangene, ein Dalmatiner, ein Marokkaner, ein Kroate und ein unbekannter Albaner sowie ca. 1.500 unbekannte Russen. Die hier ursprünglich bestatteten 751 italienischen Militärinternierten wurden in den fünfziger Jahren exhumiert und auf den italienischen Ehrenfriedhof in Hamburg-Öjendorf umgebettet oder in ihr Heimatland überführt.
Um zum Kriegsgefangenenfriedhof Gross-Fullen zu gelangen, biegt man zwischen km 23,5 und 23,6 von der „Süd-Nord-Straße“ in die „Weststraße“ ein, folgt dem Schild „Kriegsgräberstätte“ und gelangt nach 500 m zu dem linkerhand gelegenen Friedhof des Lagers X Fullen.“ (Quelle)

Bildnachweise: KZ Groß Fullen, GNU; Johann Baptist Metz, GNU; Paul Celan von Richard Sennett CC BY-NC-ND 2.0; Abraham Joshua Heschel, CC Peter1c Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international,; Peter Balleis, CC von 19MS68 – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Märchenwege

9. Dezember 2019

Auf dem Lebensweg von Wilhelm Busch sind sie bereits durchs Weserbergland gewandert, Walter Kempowski und Arno Schmidt sind sie durch die Lüneburger Heide gefolgt, nun haben sie Hessen auf den Spuren der Brüder Grimm von Süd nach Nord zu Fuß durchmessen: Abermals erweisen sich der Schriftsteller Gerhard Henschel und der Fotojournalist Gerhard Kromschröder als Spezialisten für literarische Wanderungen.

Ausgehend von Hanau am Main, dem Geburtsort von Jacob und Wilhelm Grimm, folgen sie den Lebensstationen der Brüder gut 300 Kilometer bis ins nordhessische Kassel, wo diese fast 30 Jahre lang wirkten und wo ihre weltberühmte Märchensammlung entstanden ist.
Während ihrer zweiwöchigen Wandertour erleben Henschel und Kromschröder Land und Leute aus nächster Nähe. Sie zeichnen in Wort und Bild das Porträt eines Landstrichs, der durchaus exemplarisch steht für viele Gegenden der deutschen Provinz. Zugleich liefert ihr opulent bebildertes Wandertagebuch kulturhistorische Details aus der Wirkungsgeschichte der Grimmschen Werke und gibt ungewöhnliche Einblicke in die Arbeitsweise der Brüder, ihr Verhältnis zueinander und ihre bislang nur wenig bekannten Obsessionen.

Ich erwähne dieses Werk, weil ich „Kromo“ Kromschröder dringend den Vorschlag machen muss und will, auf dem Ems-Wanderweg das angrenzende Westfalen und unseren Nordwesten (vulgo: Das Emsland) zu durchwandern – und zwar auf den Spuren von Ferdinand Freiligrath und Levin Schücking. Beide veröffentlichten 1841, also in der Hochzeit der deutschen Romantik, ein einzigartiges Buch über das Malerische und romantische Westphalen, einen frühen Reiseführer, der Jahrzehnte und mehrere Auflagen erlebte (Neuauflage). Beide darf man also bei uns  im Nordwesten kennen: 

Der Lyriker und Übersetzer Hermann Ferdinand Freiligrath (1810 -1876 ) war zunächst eher ein Schöngeist, schloss sich dann aber in den 1840er Jahre nder demokratischen Opposition an, wurde 1848 wegen des offenen Appells zum Umsturz verhaftet, aber  freigesprochen und war dann auf Einladung von Karl Marx Redakteur der legendären  »Neuen Rheinischen Zeitung« in Köln. Nach deren Verbot 1849 ging e , steckbrieflich gesucht wegen neuer Gedichtbände (!), dann als Angestellter nach London.  Christoph Bernhard Levin Matthias Schücking (1814-1883) gilt als Erfinder des deutschen Feuilletons. Zu seiner Zeit war er ein sehr bekannter Autor, Journalist und Literaturkritiker. Vor allem verbrachte er, in Meppen geboren, seine Kindheit in Sögel; dort gab es bis vor einigen Jahren sogar ein wertvolles Schücking-Museum, was allerdings keine Gnade vor den Augen des damaligen Landrats Hermann Bröring (CDU) fand  – ich vermute stark, weil man Feuilleton nicht mit C schreibt-  und aus finanziellen Gründen schließen musste. Er weiß selbst, dass er damit daneben lag wie sonst selten.  Also: Freiligrath und Schücking sind schon hochinteressante Leute aus unserer Region.

Also Kromo, nimm Dir bitte den Henschel und wandere los. Zu Annette von Droste Hülshoff dürft ihr gern einen Abstecher machen und der zunehmend altersmilde Hermann Bröring trinkt sicherlich am Lingener Marktplatz einen Kaffee mit Euch beiden, wenn ich ihn  bitte, höflich. Dann wäre ich gern dabei.


Gerhard Henschel / Gerhard Kromschröder
Märchenwege
ISBN: 978-3-8378-5037-6
224 S., 262 Abb.,  24,90 €
Erhältlich (zu Weihnachten!)  im lokalen Buchhandel und hier

Gefahr von rechts

16. Juni 2019

Rembrandt350

10. Februar 2019

Die Niederlande haben in diesem Jahr erneut ein Rembrandtjahr ausgerufen, um den niederländischen Maler anlässlich seines 350. Todesjahres zu würdigen. Im ganzen Land gibt es über das Jahr verteilt 19 verschiedene Ausstellungen zum Thema „Rembrandt und das Goldene Zeitalter“. 10 Ausstellungen (in Amsterdam, Delft, Dordrecht, Haarlem, Hoorn und Enkhuizen, Leiden, Middelburg und Den Haag) haben eine direkte Verbindung zu Rembrandt van Rijn und seinem Schaffen, während sich die übrigen Ausstellungen mit dem Goldenen Zeitalter auseinandersetzen.

Ende Januar hat Prinzessin Beatrix im Mauritshuis in Den Haag das Rembrandtjahr 2019 eröffnet. Dass die Eröffnungszeremonie in Den Haag stattfand, und nicht in Amsterdam, wo sich die meisten Rembrandt-Werke befinden, weist auch auf die Tourismus-Strategien der Organisatoren von NBTC Holland Marketing hin: Die Aufmerksamkeit soll nicht weiter auf die ohnehin schon von Touristen überfüllte Stadt gelenkt werden, sondern auf nicht so bekannte niederländische Städte.

Mehr bei NiederlandeNet.

ps Holland Marketing geht übrigens davon aus, dass 600.000 Besucher mindestens eine der Ausstellungen besuchen werden, davon werden ca. 250.000 vermutlich aus dem Ausland Durch diese Touristen werden schätzungsweise 145 Millionen Euro in die niederländischen Kassen fließen. Das Rembrandtjahr wird folglich zusätzliche Touristen anspülen und vielleicht geht der Plan auf, und der ein oder andere Tourist findet nicht nur den Weg nach Amsterdam, sondern auch in eine der anderen sehenswerten Städte.

Während des Rembrandtjahres gibt es auch auch fünf große Rembrandt-Ausstellungen in

Deutschland

Kassel… verliebt in Saskia. Liebe und Ehe in Rembrandts Zeit
12 April – 11 August 2019
Gemäldegalerie Alte Meister, Kassel (museum website)

Rembrandt’s Mark
14 June – 15 September 2019
Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (museum website)

Rembrandt: Meisterwerke aus der Sammlung
30 August 2019 – 5 January 2020
Hamburger Kunsthalle, Hamburg (museum website)

Im Focus: Rembrandt – Graphic Höhepunke der Münchener Sammlung (working title)
27 September – 20 October 2019
Pinakothek der Moderne, München (museum website)

Rembrandt: Drama of the Mind in 5 Acts
31 October 2019 – 1 March 2020
Walraf-Richartz-Museum, Köln (museum website) in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie Prag, wo die Ausstellung bereits ab dem 1. April zu sehen ist.


Bild: Rembrandt, Selbstporträt mit zwei Kreisen, 1665–1669, via Wikipedia)

vong. Mutig.

11. Februar 2017

vong. Mutig. Ausgesprochen mutig.
vong