Der Lingener Ehrenbürger Bernhard Grünberg ist heute Mittag auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße beigesetzt worden. Der hochbetagte Holocaust-Überlebende war am 16. Januar des Jahres in seinem englischen Wohnort Derby-Alvaston dem Corona-Virus erlegen. Seither hatte sich die Stadt Lingen (Ems) darum bemüht, die sterblichen Überreste Grünbergs nach Lingen zu überführen, um den Verstorbenen -seinem Wunsch entsprechend- hier auf dem Jüdischen Friedhof zu bestatten. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, ihres früheren Mitarbeiters Atze Storm, der städt. Beauftragten Elisabeth Spanier sowie des Bestattungshauses Schnitker in Lingen und dessen britischen Kollegen in Derby brauchte es bis Ende vergangener Woche; erst dann traf der Sarg Bernhard Grünbergs über den Frankfurter Flughafen in Lingen ein.

Der Grund: Die Corona-Restriktionen. Ihretwegen stockte die Überführung trotz aller Bemühungen; selbst das Auswärtige Amt war machtlos. Damit erinnerte diese schwierige Rückkehr auf besondere Weise zugleich auch an die traurige Flucht des damals 15jährigen Grünberg im Jahr 1938 mit einem Kindertransport nach England; als einziger seiner Familie  überlebte er den Holocaust.

Rund 60 TeilnehmerInnen nahmen an der heutigen Beisetzungsfeier nach jüdischem Ritus teil. Auf dem Weg zum Grab sprach Rabbi Michael Grünberg (Osnabrück) Gebete und Psalmen. Nachdem acht jüdische Männer den einfachen Holzsarg in das Grab abgesenkt hatten, warfen Angehörige und Trauergäste 3 Schaufeln Erde in das Grab. Als der Sarg mit Erde bedeckt war, wurde das Kaddischgebet (Totengebet) gesprochen.

Neben den Angejörige des verstorbenen waren viele LingenerInnen anwesend, die zum „Menschenfreund“ Bernhard Grünberg über die Jahre eine starke persönliche Beziehung geknüpft hatten, u.a. der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring, der Mitbegründer des Forum Juden-Christen Josef Möddel, dessen Ehrenvorsitzender Heribert Lange, das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Wiemker und aus Berlin Anne-Dore Jakob (Pax Christi). Unter den Trauergästen waren auch der Erste Bürgermeister der Stadt Heinz Tellmann, die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Edeltraut Graeßner (SPD) und Robert Koop (Die BürgerNahen) sowie die stellv. Fraktionsvorsitzende der CDU-Ratsmitglieder Irene Vehring und alle städtischen Dezernenten.

Neben dem Vorsitzenden des Forum Juden Christen Gernot Wilke-Ewert sprach auch Oberbürgermeister Dieter Krone. Hier seine Rede im Wortlaut, die auch das Leben des Verstorbenen skizzierte:

„Sehr geehrte Trauergemeinde,
wir stehen hier tief bewegt am Grab unseres Lingener Ehrenbürgers und Freundes Bernhard Grünberg, der bereits am 16. Januar verstorben ist. Es war sein sehnlichster Wunsch hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beerdigt zu werden. Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernhard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.
Bernhard Grünberg wurde am 22. März 1923 in Lingen geboren und verbrachte seine Kindheit in unserer Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm die einst glückliche und unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende. 1938 gelang es dem 15-Jährigen, dieser zu entkommen, indem er Deutschland mit einem Kindertransport verlassen konnte. Sein Vater, der nur wenige Tage zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Lingen zurückgekehrt war, brachte ihn zum Bahnhof und die beiden verabschiedeten sich für immer voneinander. Bernhard Grünberg wurde nach England gebracht, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Seine Familie konnte nicht entkommen. Seine Eltern Marianne und Bendix Grünberg sowie seine Schwester Gerda wurden 1941 nach Riga deportiert. Dort wurde sein Vater in einem Ghetto ermordet. Seiner Mutter und seiner Schwester ereilte 1944 das gleiche Schicksal im Konzentrationslager Stutthof. Somit war Bernhard Grünberg der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte.
1986 erfuhr die Stadt Lingen (Ems) dank Ruth Foster davon, dass Bernhard Grünberg noch lebte. Im gleichen Jahr folgte er der herzlichen Einladung, an der Enthüllung des Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Familien unserer Stadt teilzunehmen. Von da an besuchte Bernhard Grünberg seine Heimatstadt regelmäßig. Oft begleitete ihn seine Frau Daisy, die 2001 verstorben ist.
Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie hier in unserer Stadt in Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft widerfahren ist, hierher zurückzukehren und der Stadt die Hand zu reichen, zeugte von seiner unglaublichen Größe. Er brachte den Lingener Bürgerinnen und Bürgern stets Vertrauen, Verständnis und Dankbarkeit entgegen. 1993 erwies er unserer Stadt die Ehre, die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft anzunehmen.
Ein ganz besonderes Anliegen war es ihm seitdem, mindestens einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, um von England aus für einige Tage nach Lingen zu reisen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es nach ein paar Jahren war, ihm klarzumachen, dass er mit seinen 90 Jahren nicht mehr alleine mit seinem Auto, seinem Vauxhall, nach Lingen fahren könne und wir ihn selbstverständlich vom Flughafen in Amsterdam abholen würden. Diese kleine Episode aus seinem Leben zeigt, wie willensstark und entschlossen Bernhard Grünberg auch war.Vor drei Jahren feierte er mit vielen auch heute anwesenden Wegbegleitern noch seinen 95. Geburtstag in unserer Stadt. Ich erinnere mich noch immer an sein strahlendes Gesicht, mit denen er die vielen Gäste begrüßte und es sich nicht nehmen ließ, mit allen ein wenig zu plaudern. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen und freute sich über jeden, der gekommen war, um mit ihm zu feiern. Wenn er hier in Lingen war, schien er die Zeit immer sehr zu genießen. Unzählige Gespräche haben wir im Rathaus geführt. Und auch vor und nach seinen Besuchen Mails ausgetauscht.Doch es war ihm vor allem auch immer ein Anliegen, egal ob bei Beth Shalom in England oder in den Lingener Schulen, aus seinem Leben zu erzählen. Bernhard Grünberg mahnte besonders die jungen Menschen, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Seine zahlreichen Vorträge und sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassenwahn bleiben unvergessen.
Neben den Erinnerungen in unseren Köpfen finden sich hier in Lingen auch an vielen Orten Spuren von Bernhard Grünberg, seinen Eltern und seiner Schwester: Der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie, den wir hier sehen, wurde 1998 gemeinsam mit Bernhard Grünberg enthüllt. Stolpersteine in der Georgstraße erinnern an das Schicksal der Familie Grünberg und ihrer Angehörigen. Bernhard nahm an der Einweihung der Jüdischen Schule teil und schmiedete das Tor zum Eingang des Lern- und Gedenkortes. Zudem trägt eine Straße im Emsauenpark seinen Namen. Bei seinen letzten Aufenthalten in Lingen besuchte er regelmäßig die Bernhard-Grünberg-Straße und traf sich mit den Anwohnern – Begegnungen, die sicherlich allen immer im Gedächtnis bleiben werden.
Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.
Mit der Beerdigung heute erfüllen wir den letzten Wunsch unseres Ehrenbürgers, ihn hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beizusetzen, wo auch der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie steht. Wir treten ihm mit größtem Respekt und Hochachtung gegenüber und werden in auch nach seinem Tod gebührend in Ehren halten. Wir sind ihm unendlich dankbar für seine menschliche Größe, die er uns erwiesen hat und sein unermessliches Engagement. Er hat nun seine letzte Ruhestätte in unserer Stadt gefunden. Ein Ort, an dem wir uns an ihn erinnern und seiner gedenken können.
Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“


 

Nachtrag:

Der Verstorbene wuchs in Lingen (Ems) als Bernhard Grünberg auf. Nach Jahren in England schrieb der Verstorbene seinen Namen englischsprachig: Bernard Grunberg.
Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden Christen