Endlich. Mit Zustimmung des Pfarrers der Bonifatius-Kirche und bei Stimmenthaltung mehrerer Mitglieder des Kirchenvorstandes der zentralen katholischen Lingener Gemeinde hat unsere Stadt Lingen (Ems) eines der originellsten Lingener der letzten 60 Jahre gedacht. Zwar muss der Stadtrat die Ehrung noch förmlich beschließen. Doch weil er aus bekannten Gründen zurzeit nicht tagt, sind die neuen Namensschilder bereits seit gestern angebracht; Hauseigner Robert Blanke persönlich schraubte sie an seine Burgstraßen-Ostwand: Das Areal vor der Bonifatiuskirche zwischen Haupteingang und Burgstraße trägt künftig den Namen von Rudi Gels. Es wirkt wie der Namensgeber durch bodenständige, heimatbezogene Eleganz und heißt ab jetzt Rudi-Gels-Platz.

Das nötige Zusatzschild fehlt noch, auch deshalb hier in meinem kleinen Blog meine Hommage an diesen Recken: Rudi Gels war nämlich tatsächlich einer jener unverwechselbaren Lingener -ja, ich sage-  Typen, die in den Jahren wuchsen, in denen Laxten und Darme noch bar ihres nivellierenden Einflusses waren. Auch ihm gelang nicht immer alles, auch nicht immer alles völlig gesetzestreu, weshalb er bisweilen in den Baulichkeiten Kaiserstraße 5 unterkommen  musste. Dort war er dann einer der wenigen, denen ein Ausflug auf das Dach von Haus 3 gelang, wo er seinen um die Einrichtung staunend versammelten -ich schätze 150- Fans zuwinkte, die ihm ein langgezogenes „Ruuuudiiii “ zuriefen – viele Jahre übrigens, bevor dies wegen eines anderen Rudi ein Schlachtruf in deutschen Fußballarenen wurde. Das waren genauso einzigartig-ungezogene Rudi-Gels-Momente wie seine konfrontativ-entschlossenen  Begegnungen mit den bundgekleidet-beamteten Ordnungshütern dieser Stadt in seinem Stammlokal VAT69. Wer erinnert sich nicht?! Und man mochte diesen Schlawiner irgendwie, selbst wenn man selbst versehentlich in seine forsch gestreckte Faust lief.

Im Früchtehaus Corbach bewegte er im morgendlichen Krafttraining manche Pflaumen- und Birnenkiste und respektierte meist deren stabile Konstruktion. Dabei war Rudi Gels im Grunde seines Herzens aber zutiefst antiautoritär;  wirkliche Autoritäten. hingegen respektierte der jetzt Ausgezeichnete. Nicht selten besuchte er beispielsweise montags in aller Frühe im Amtsgericht den langjährigen Schöffenrichter Josef Haakmann, ein Unvergessener der Lingener Richterszene, um ihn entschlossen-zaudernd mit dem Satz „Herr Haakmann, ich habe Scheiße gebaut“ schon im doppelten Sinne wirklich früh über neue berufliche Herausfordrungen in der Haakmann’schen Gerichtsabteilung in Kenntnis zu setzen.

„Ach, Rudi“, entgegnete Josef Haakmann ihm dann mit ruhigem Augenaufschlag und setzte hinzu „Es wird schon nicht so schlimm. Mal sehen, was überhaupt wird.“ Die beiden verstanden sich über Jahrzehnte; ihre Beziehung war tief und geradezu symbiotisch.

Wen Rudi ins Herz geschlossen hatte, belohnte er mit Einzigartigkeiten: Vor allem manche  Frauen seiner Heimatstadt wussten das zu schätzen, die er seinen buschigen Fuchsschwanz berühren und streicheln ließ, mit dem er seine Mofa-25 so überaus heimelig gestaltet hatte. Dann fuhr er mit ihnen auf dem Choppersitz seines motorisierten Mofa-Gefährts am Campingplatz in Schepsdorf in die untergehende Sonne.

Rudi, Du warst, jedenfalls in seinen spöten Jahren, ein toller Hecht, und es ist schön, dass deine Heimatstadt Deiner jetzt rund 10 Jahre nach Deinem Ableben gedenkt – gerade auf diese weise und hier, zwischen Amtsgericht und Bonifatiuskirche; so wird auch daran erinnert, dass und wie Du mit Deiner Mofa durch das Kirchenschiff fuhrst.

Lingen(Ems) ehrt den lieben Rudi Gels! Dass ich das noch erleben darf.


Nachtrag: Hat bitte jemand aus Lingen ein gutes Bild von Rudi – mit oder ohne Mofa? Das würde ich mir etwas kosten lassen. Bitte also ggf. eine persönliche E-Mail…

(Foto: RobertsBlog)

Nebenkachelmann

28. Februar 2011

Ich muss sagen, dass mich Veränderungen in der lokalen Strafgerichtsbarkeit zunehmend beschäftigen. Es sieht nämlich ganz nach einem Paradigmenwechsel aus. Nach mehr als 40 Jahren vorsichtig-abwägenden richterlichen Entscheidens unter den Vorsitzenden des Lingener Schöffengerichts Josef Haakmann und Werner Keck, praktiziert der seit Jahresfrist amtierende Schöffengerichtsvorsitzende Peter Reichenbach mit seinen ehrenamtlichen Schöffen anderes – ganz so, als ob er bei Verrdachtsmomenten keine Zweifel an der Schuld von Angeklagten haben will und  dann, wenn sich Zweifel aufdrängen, sich ihrer flugs entledigt. Nun sagt der fundamentale rechtsstaatliche Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ bekanntlich nicht, wann Richter Zweifel haben müssen, sondern wie sie zu entscheiden haben, falls sie Zweifel haben. Eine neu aufkommende Generation von Strafjuristen lässt indes  gar keine Zweifel mehr zu. Zweifel versteht sie offenbar als intellektuelle und justizielle Schwäche. Haben womöglich deshalb Schöffenrichter Reichenbach und seine jeweiligen Schöffen im Zweifel eben keine Zweifel mehr?

Aktuelles Beispiel: Das Lingener Schöffengericht verurteilte jetzt einen inzwischen 50-jährigen Angeklagten wegen eines zehn Jahre (!) zurück liegenden Vorfalls. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Angeklagten -aufgrund einer erst jüngst erstatteten Anzeige- vorgeworfen, am Rosenmontag 2001 in Emsbüren (Foto re.) eine heute 34-jährige Frau vergewaltigt zu haben. Der Mann räumte Zärtlichkeiten ein, wie sie an Karneval gang und gäbe sind. Nachdrücklich bestritt er die Vergewaltigung oder irgendetwas getan zu haben, was die Frau seinerzeit nicht wollte.

Ein vom Gericht bestellter psychologischer Sachverständiger, der die Aussage der Geschädigten auf ihre Glaubhaftigkeit hin untersucht hatte, hatte dazu am dritten Verhandlungstag sein Gutachten erstattet. Es könne, so sein Resumee, nicht mit der erforderlichen Sicherheit ausgeschlossen werden, dass der sexuelle Kontakt zunächst nicht doch einvernehmlich zustande gekommen sei. Er sagte, die Frau sei „aufgrund einer Hypothese jahrelang wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung medizinisch behandelt worden, die unter Umständen nicht zutrifft, weil bereits in der Erstdiagnostik Fehler gemacht worden sind.“ Es sei experimentell und erfahrungswissenschaftlich vielfach belegt, dass sich Gedächtnisinhalte aufgrund einer therapierten Erinnerung veränderten. Der Gutachter: „Es ist schon irritierend, dass das von der Nebenklägerin geschilderte Geschehen in der Klinik vorbehaltlos und sofort als Tatsache anerkannt und auf dieser Grundlage anstandslos ein Trauma diagnostiziert wurde.“ Also: Zweifel! Wie bei Kachelmann.

Folgerichtig beantragten sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung nach viertägiger Hauptverhandlung aufgrund bestehender Zweifel an der Schuld des Angeklagten Freispruch, nur die Nebenklage wollte den Mann drei Jahre hinter Gitter.

Das Gericht verurteilte trotz der Freispruchsanträge von Anklage und Verteidigung unseren lokalen Nebenkachelmann – wie es bekanntlich auch bei seinem Namensgeber von zahlreichen Prozessbeobachtern vorhergesehen wird. Man habe es sich „mit dem Urteil nicht leicht getan“, unterstrich in seiner mündlichen Urteilsbegründung Dr. Peter Reichenbach eine gerichtliche Selbstverständlichkeit und resumierte „Letztendlich sieht das Gericht den Tatvorwurf der Vergewaltigung jedoch als bewiesen an.“

Das Schöffengericht verdrängte auf diese Weise die ermittelten, sachverständig begründeten Zweifel und die logische Konsequenz dieses Gutachtens – den Freispruch. Es ersetzte, legt man diesen Pressebericht mit seinen Zitaten zugrunde, sorgfältige Richterarbeit durch eine Bauchentscheidung: „Für das Gericht ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Geschädigte den Angeklagten zu Unrecht einer so schwerwiegenden Tat beschuldigt, diese Geschichte konstruiert und sie zudem mit so erheblicher Konsequenz verfolgt hat“. Natürlich durfte in der mündlichen Urteilsverkündung auch „die allgemeine Lebenserfahrung“ nicht fehlen, die wie „forensische Erkenntnisse“ -also u.a. Reichenbachs eigene- „belegen, dass Sexualtaten für eine Frau sehr prägend sind und eine große Belastung für das weitere Leben darstellen“. Gemeint war wohl Sexualstraftaten.

Auf den Verurteilten warten jetzt wegen Vergewaltigung zwei Jahren und neun Monate Haft, wenn das Landgericht Osnabrück als Berufungsinstanz die Entscheidung bestätigt. Allerdings sind auch dort im vergangenen Jahr zwei erfahrene, kluge Strafkammer-Vorsitzende pensioniert worden…

Notabene
An der geschilderten Strafsache habe ich von Berufs wegen keine Anteile; dies sei klar gestellt. Allerdings hat der kritisierte Schöffenvorsitzende in einem anderen Fall, in dem ich verteidige, eine Anklage zugelassen, bei der ein von ihm in Auftrag gegebenes, ausführliches Gutachten der Anzeigeerstatterin die Glaubhaftigkeit abspricht. Sie war inflagranti von ihrem unverhofft heimkehrenden Mann erwischt worden, um dann zu behaupten, sich unbekleidet im Schlafzimmer an der gleichfalls unbekleideten Schulter des besten Freundes der Familie ausgeweint zu haben, weil sie ihr Mann tags zuvor vergewaltigt habe. Nun, zur Verhandlung zugelassen werden darf eine Anklage nur, wenn ein Gericht einen Angeschuldigten für „hinreichend verdächtig“ hält, die ihm vorgeworfenen Taten begangen zu haben. Dafür ist bei einem negativen Glaubhaftigkeitsgutachten regelmäßig kein Raum.  Mein Bauchgefühl sagt mir nun, dass in dem Inflagranti-Verfahren vor dem Aufruf der Sache doch noch einmal die Unvoreingenommenheit des Vorsitzenden geprüft werden sollte…

Nachtrag vom 18.04.2011:
Ich weiß zwar nicht, wie eine abwesende Redakteurin einen Bericht über ein Urteil schreiben kann.Mit mir hat sie nicht geswprochen. Das Urteil jedenfalls war ok. Was ich als Verteidiger und Staatsbürger aber jetzt erwarte, ist ein Strafverfahren gegen die Anzeigeerstatterin und ihren damaligen Liebhaber, übrigens einen Polizeikommissar, wegen falscher Verdächtigung und Falschaussage. Denn nicht immer erlebt man  so lügenhafte Aussagen wie in dieser Sache.

(Fotos: Emsbüren – © Joachim K. Löckener CC; Amtsgericht Lingen (Ems) © pittigliani2005 CC)