In den ersten Septembertagen ist der Lingener Jochen Berke im Alter von 87 Jahren gestorben. Der leidenschaftliche Fotograf und Autor war am 18.11.1930 in Bad Landeck/Schlesien als erstes Kind von Max und Maria Berke geboren worden.  Seine Eltern tauften ihn auf die Namen Joachim Paul Ferdinand.

1932 zog die Familie nach Glatz/Schlesien und übernahm dort die Gaststätte  „Reichsgarten“, die sie bis 1941 bewirtschafteten. Hier in Glatz wuchs der kleine Jochen auf. 1941, mitten im Krieg, zog die Familie zurück nach Bad Landeck und bewirtschaftete dort den „Waldtempel“ am Rande des Kurortes. Täglich fuhr Jochen Berke mit der Bahn nach Glatz, um dort auf das altsprachliche Gymnasium zu gehen.

Noch mit gerade einmal 14 Jahren zum „Schanzen“ eingezogen, erlebte der Verstorbene das Kriegsende 1945 mit seiner Familie und Verwandten, die sich nach Landeck geflüchtet hatten, im „Waldtempel“ (Foto unten). 1946 wurde die Familie dann auf immer aus Schlesien vertrieben. Ein Trauma, das Jochen Berke bis zu seinem Lebensende nicht überwinden konnte. Alles verloren, die Zukunftspläne zerstört, fand er sich als Knecht auf einem Bauernhof in Ostfriesland wieder. Die seelischen und körperlichen Wunden der Vertreibung waren für Berkes Vater zu viel. Der Hotelier Max Berke starb schon nach kurzer Zeit in Ostfriesland und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Loppersum bei Emden.

1949 kam Jochen Berke nach Lingen und begann hier, in der legendären Drogerie „Zum Goldenen Becher“ im heutigen Kivelinghaus, seine Lehre als Drogist bei Kurt Wisniewsky, dem Vater des später so erfolgreichen Axel Wisniewsky.  Während seiner Lehrzeit entdeckte Jochen Berke seine Leidenschaft für das Photographieren, denn die „Drogerie zum goldenen Becher“ verkaufte auch Photoartikel und entwickelte im Kundenauftrag auch schon Rollfilme und stellte Bilder her.

Nach Abschluss seiner Lehre trampte (wohl gemerkt in den fünfziger Jahren!) Jochen Berke nach Florenz und von dort nach Rom. Eine Reise, die ihn tief beeindruckte und sicher auch den Keim für seine spätere Reiselust legte.

Mitte der fünfziger Jahre verstarb unerwartet Kurt Wisniewsky und sein Sohn Alexander, genannt Axel, übernahm die kleine Drogerie.  Das Photolabor wurde schnell in den Keller des Wisnieswky Hauses an der Tecklenburger Straße verlegt, Jochen Berke wurde Laborleiter, heiratete Gisela van Kampen. Die Eheleute bekamen zwei Kinder, Claudia und Stephan. 

Jochen Berke arbeitete viel und gerne. An der Expansion der Firma Colibri und dem Neubau von Colibri 1962 an der Laxtener Hohenfeldstraße hatte er großen Anteil. Axel Wisniewsky und er waren beide aus Schlesien und vielleicht auch deshalb ein kongeniales Paar, das sich sehr gut ergänzte. Es trafen das Organisationstalent von Jochen Berke und das geschäftliche Talent von Axel Wisniewsky zusammen und das führte zum Erfolg. Auf dem Weg in den Urlaub wurde in jener handyfreien Zeit noch während der Hinfahrt von der Autobahn mit Lingen telefoniert, ob alles in Ordnung sein. Bei der Rückkehr dann, fuhr die Familie nicht nach Hause, sondern erst einmal in die Firma, um zu schauen, was es Neues gab. Sonntagabends Ging es nicht selten an die Hohenfeldstraße und man stellte dort die Maschinen an, damit die Nachtschicht schon alles vorbereitet vorfand. Viele Wochenenden verbachten die Berkes bei Colibri in Laxten und sortierten Filme. Auch Familie Wisniesky fand den Weg dorthin und so arbeitete man gemeinsam an zahlreichen  Sonntagnachmittagen.

Mit zunehmendem geschäftlichem Erfolg von Colibri und dem Ankauf wie der Neuerrichtung von weiteren Großlaboren in Deutschland verlagerte sich die Arbeit. Jochen Berke richtete die neuen Labore ein, brachte sie zum Laufen.

Mit einer Fernreise Jochen und Gisela Berkes nach Ceylon brach Anfang der siebziger Jahre bei Berke das Reisefieber aus. Ausgerüstet mit diversen Kameras, ging es, mal alleine, mal mit Ehefrau rund um die Welt. Nepal, Afghanistan, China, Feuerland, die USA und Kanada, Italien, Spanien, Norwegen oder Afrika waren nur einige der Ziele. Von allen Reisen brachte Jochen Berke Hunderte Photoaufnahmen und Erinnerungen mit ins emsländische Lingen. In diese Zeit fielen auch Berkes erste schriftstellerischen Versuche. Er wollte das Erlebte auch im Wort verarbeiten und festhalten.

Jochen Berke wurde bei Colibri für den Umweltbereich zuständig – ein Thema, in das er sich akribisch ein – und mit viel Freude bearbeitete. Dann 1993 änderte sich alles. Axel Wisniewsky verkaufte Colibri an Kodak und für Jochen Berke – wie auch manch andere – war in dem Unternehmen kein Platz mehr. Mit 63 Jahren ging er vorzeitig in den Ruhestand – ein Ereignis, das ihn tief traf. Er fühlte sich um den Lohn seiner vielen Jahre Arbeit betrogen und beiseite gedrängt.

Bis dahin hatte die „alte Heimat“ Schlesien in seinem Leben keine sichtbar Rolle gespielt. Erst die Idee seiner Frau in dieser Zeit, bei einer Busreise dahin mitzufahren, führte dazu, dass er sich wieder dafür interessierte.  Von diesem Zeitpunkt reiste Jochen Berke regelmäßig in die schlesische Grafschaft Glatz – „nach Hause“ wie er es nannte.

Mit der Entdeckung der Möglichkeiten des Computers begann Jochen Berke mit seiner zweiten Karriere. Er wurde „Autor“ – Autor von Geschichten und Anekdoten, aus der alten schlesischen und der emsländischen Heimat, über Tschernobyl und Reiseerzählungen. Daneben gab er Bildbände heraus und verlegte alte Heimatkalender aus der Grafschaft Glatz neu. Er wurde aktiv in der Schreibwerkstatt der Volkshochschule, veranstaltete Lesungen aus seinen Werken und trat der Bürgerstiftung bei. Jochen Berke hatte sich neu erfunden.

Ergebnis sind über zwanzig Bücher, ungezählte gedruckte Geschichten und weltweit verkaufte Fotografien. Noch in diesem Frühjahr erschien sein letztes Buch mit dem Titel: „Weltenbummel. Reiserzählungen“ (mehr…). Die Arbeiten an seinem letzten Vorhaben: „Weihnachtsgeschichten“ konnte er nicht mehr abschließen.

Jochen Berke hat mich und meine Familie mehr als 60 Jahre begleitet. Er fotografierte alle  unsere Familienfeiern, häufig mit seiner 9 x 9 Rollei und, wenn es richtig festlich war, auch im Cut. Jochen war unser Fotograf, weil Gisela, seine Frau,  und meine Mutter Cousinen waren. Ich durfte ihn auch in diesem Blog zitieren und erwähnen. Als er 2015 seinen 85. feierte, fragte ich ihn, ob er nicht Sorge vor dem, was komme, habe, beispielsweise Demenz. Er schaute auf und antwortete: „Ganz und gar nicht. Ich bin so gespannt darauf, was noch kommt.“

Bis zum Schluss seines Lebens war er blitzgescheit und ein angenehmer Gesprächspartner, stets charmant und witzig, ein Optimist, stolz und kritisch zugleich. Jochen Berke diskutierte gern und kontrovers, bisweilen auch traurig und mit sich hadernd, geduldig wie  ungeduldig und nicht selten war er auch ein Träumer. Ja, er war unmusikalisch, aber  schriftstellerisch begabt, neugierig und eigensinnig. Ein Organisationstalent und ein Vorbild für alle, die mit ihm zu tun hatten. Danke, dass ich ihn kennenlernen durfte.

(Foto oben: Jochen Berke, © Foto Gisela)

Bürgerschützenball

10. November 2013

JochenBerkeDa hätte nicht nur ich deutlich mehr Geschichtsbewusstsein erwartet. Doch bevor ich mich darüber erzürne, dass in diesem Jahr der Lingener Bürgerschützenball (heißt inzwischen Winterball) tatsächlich gestern -also am 9. November- stattfand, hier aus Joachim Berkes (Foto re.) aktuellem Taschenbuch über Alte Geschichten aus Lingen: Erzählungen
>Alte Geschichten aus Lingen“ (s)ein Blick gut 50 Jahre zurück auf das Ballereignis der Lingener Regionalliga:

„Bürgerschützenball
Wir waren dabei!

Endlich war es soweit, das Fest der Bürgerschützen begann zu Pfingsten 1962. In diesem Jahr waren wieder einmal die Schützen dran, die verheirateten Männer, oft Väter der Kivelinge. Die Junggesellen, die Jugend, auch die sich dafür hielten, feierten alle drei Jahre, auch zu Pfingsten, verdrängten in der neueren Zeit sogar die Schützen, deren Fest im Jubel und Trubel der Kivelinge unterging. Alles bekannt, beschrieben, kommentiert, dokumentiert, archiviert das Werden und Sein des Bürgerschützenverein von 1838 e.V., auch der Bürgersöhne-Aufzug Die Kivelinge e.V. von 1372. Der Königsball der Bürgerschützen fand am Pfingstmontag statt, wir waren eingeladen!

Wir waren Tante Grete, Onkel Clemens aus Münster und meine Frau Gisela und ich. Schützenkönig war der Bauunternehmer Rudolf Otten, genannt Rudi, der Frau Anneliese Koop, geborene Hinsken, zu seiner Königin erkoren hatte. Wegen unserer verwandtschaftlichen Verbindungen zur Throninhaberin durften wir am Fest teilnehmen. Diese Ehre war für die Münsteraner nicht so sehr außergewöhnlich, da Grete die Schwester der Königin war. Gisela war die Cousine von Anneliese, also eine weitläufigere Blutsverbindung, obwohl sie mit beiden Schwestern zusammen aufgewachsen war. Für mich, der Vertriebene aus der Grafschaft Glatz, dem Habenichts, eine etwas unsichere Situation. Noch nie hatte ich einen derartigen Zugang zu den ersten Gesellschaftskreisen unserer Stadt. Nun, ich hatte meine Gisela geheiratet und musste also mit.

Wir fieberten und zitterten dem großen Ereignis entgegen. Gisela schien das alles sehr kühl zu verkraften, ich hingegen wurde zunehmend unruhiger. In der Woche vor dem Pfingstfest begannen unsere Vorbereitungen. Langes Ballkleid und Anzug kaufen, die vermeintlich notwendigen Utensilien besorgen, den Schmuck liehen wir uns von Helga Wisniewsky und ich stöhnte, zwar nur innerlich, was das doch alles kosten würde! Unsere Nachbarin Frau Hollmann versprach, auf die Kinder aufzupassen und nachdem wir uns schon am Montagnachmittag aufgebrezelt hatten, fuhren wir mit einer Taxe von Twiehaus gegen 19 Uhr von der Reichenbacher Straße zur Wilhelmshöhe.

Die Münsteraner erwarteten uns schon auf der Terrasse des Festlokals. Hier herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Die Damen in langer Abendgardarobe, die Herren in ihrem Schützenuniformen, in grünen Jacken und mit grünen Mützen. Einer fiel auf, er trug eine helle Sommerhose, alle anderen schwarze Beinkleider. Ich vermutete, dass er zu wenig Geld hatte, sich eine festliche Schwarze zuzulegen, doch meine liebe Frau meinte, dass er diese sicher nicht anziehen konnte, da er sie am Kommerzabend voll gekotzt habe. Vielleicht stimmte das so, wir aber beendeten unsere Beobachtungen und drängten uns mit Grete und Clemens durch die Wartenden in den festlich geschmückten Saal.

Der Raum war voll, lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, bläulich-weiße Rauchschwaden schwebten über dem Feiernden, ehrlich, ich dachte an das Fegefeuer. Links und rechts des Einganges standen Kontrolleure, Eintrittskartenabreisser, daneben eine junge, sehr attraktiver Dame im Abendkleid. Diese schlank Gewachsene begrüßte uns mit Namen, die auf unseren Ehrenkarten standen und führte uns Vier zu einem reservierten Tisch auf dem erhöhten Teil des Saales. Eine etwas beruhigte Ecke, doch mit einer sehr guten Sicht in das Geschehen. Vor der Theaterbühne des Saales stand eine große Tafel für die Majestäten und ihrem Throngefolge. Dort schien eine tolle, ausgelassene Stimmung zu herrschen. Clemens und ich winkten stehend der Königin zu und wir bildeten uns ein, dass sie uns gesehen hat, denn ein Lächeln überzog ihr Gesicht.

Es war laut, sehr laut im Raum, in der linken Ecke vom Thron aus gesehen, hatten die Musikanten vom nachmittäglichem Stadtmarsch ihre Plätze, rechts vom Königspaar spielte eine mittelgroße Tanzkapelle. Die Spieler lösten sich ab, von links erklangen Schützenlieder, wie Grün ist die Heide, die Heide ist Grün oder Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n, die Rechten spielten schwungvolle Tanzmusik, Walzer, Polka, Tango und später dann auch einmal einen Foxtrott. Es war wirklich ein Heidenlärm in der Bude, machten die Marschkapelle oder die Tanzband einmal eine kurze Pause, brüllte meist eine Gruppe der Festteilnehmer mit gewaltigem Getöse ihr Hussa, Hussa, Hussassassa und einmal plärrte eine bierselige Stimme zusätzlich Horridoh, Horridoh und noch einmal, leiser werdend, das dritte Horridoh in die Gegend. Zwischen dem Lärm, den Rauchschwaden der Zigaretten und Zigarren, zwischen dem Schweiß und dem Geruch der Feiernden eilten Kellner und Kellnerinnen beladen mit Tabletts voller Getränke oder nur mit voll geschriebenen Auftragszetteln hin und her. Hier war echt was los!

An unserem Tisch hatte Tante Grete ein etwas mokantes Gesicht aufgesetzt, sie war als feine Dame in unserer Verwandtschaft bekannt. In einer musikalischen Pause, für eine kurzen Moment, konnte man sich unterhalten, sprach sie zu meiner Frau: „Was für ein Volk!“ Gisela zog daraufhin pflichtmäßig eine Grimasse, Clemens aber hob das Glas mit Moselwein, den wir nach langer Warterei endlich erkalten hatte, und sagte nur: „Prost!“ Ich Doofmann hatte einen großen Schluck, so wie ein durstiger Biertrinker, genommen und bekam prompt einen Hustenanfall. Unsere beiden Damen, sie nippten nur an ihren Gläsern, verzogen ihre süßen Mündchen und fast gleichzeitig stellten sie fest: „Der ist aber sauer!“ Im Saal drehten sich die Paare im Walzerschritt. Dicht an dicht walzte die Menge rund um die in der Mitte frei gelassen Fläche. Wir, von unserem Tisch, sahen…“

[Fürs Weiterlesen -vor allem auch über Frau L. aus L-: Alte Geschichten aus Lingen“ Erzählungen von Joachim Berke, ISBN 978-3-7322-5387-6; im gut sortierten lokalen Buchhandel sofort erhältlich]

Joachim Berke

12. November 2011

Logo LebenswegeAm morgigen Sonntag, 13, November  2011, 15 Uhr veranstaltet der Kulturkreis impulse in der Alten Molkerei in Freren das 11. Treffen seiner Veranstaltungsreihe „Lebenswege“ mit einem Gastvortrag des Autors und Fotografen

Joachim Berke

Das Thema lautet Schlesien. Zunächst stellt Joachim Berke  die oberschlesische Grafschaft Glatz geografisch und geschichtlich vor und berichtet dann über seine einzelnen Lebensabschnitte. Der in Lingen lebende Joachim Berke (Foto lks.) präsentiert Heimatliteratur der Grafschaft Glatz und der Autor liest aus seinen Veröffentlichungen „Heimreise in die schlesische Grafschaft Glatz“ und „Heimatlos in der Fremde“. Auf einem Büchertisch bietet Berke Interessierten seine Werke an, die auf Wunsch gern signiert werden.

Besichtigt werden kann parallel auch die Dauerausstellung “Lebenswege” des Kulturkreises Impulse über die russlanddeutsche Familie Heilmann aus Thuine.

Eintritt frei, Kaffee und Kuchen nicht

 

(Foto: © Joachim Berke)