anders

12. Februar 2015

Gesamtschule_Lingen Sie kann sich freuen, die Gesamtschule Emsland in Lingen (Foto lks); denn gerade hat sie von 669 teilnehmenden Schulen in Niedersachsen den ersten Platz im Landeswettbewerb „Starke Schule“ belegt. Überzeugt hat die Bildungseinrichtung -so das Niedersächsischen Kultusministerium – vor allem mit der hohen Kontinuität in den Jahrgangsteams und der individuellen Förderung von Schülern; die Persönlichkeitsentwicklung werde unter anderem durch Sozialstunden gefördert. Die Gesamtschule hat nun sogar die Chance auf den bundesweiten Gesamtsieg; der wird am 21. April in Berlin bei einer Festveranstaltung mit Bundespräsident Joachim Gauck bekannt gegeben.

Die Erfolgsgeschichte der von den gerade in den Ruhestand verabschiedeten Protagonisten, dem „Gründungsrektor“ Hans-Georg Krupp und der didaktischen Leiterin Irmgard Monecke, geprägten Schule hindert zeitgleich die Landes-CDU nicht daran, wieder einmal ihre ideologische Keule gegen das längere gemeinsame Lernen im Allgemeinen und Gesamtschulen im Besonderen herauszuholen.

Und jetzt der fast schon skurrile, allemal verblüffende Beitrag der Emsland-CDU, womit klar ist, dass diese häufig so bräsig-unsensibel wirkenden Christdemokraten das auch durchsetzen wollen. Die „Gesamtschule Emsland“ soll künftig den Namen des CDU-Politikers Werner Remmers tragen: „Werner-Remmers-Gesamtschule“. Typisch CDU: Die Eltern, Lehrer und Schüler der Gesamtschule hat niemand (!) zuvor gefragt oder gar um eine Stellungnahme gebeten. Ob die Familie Remmers um eine Stellungnahme gebeten wurde? Man darf daran zweifeln.

Zweifellos war der vor vier Jahren verstorbene Werner Remmers ein engagierter, kluger und bisweilen auch unkonventioneller Politiker, ein engagierter Katholik. Er selbst wäre daher kaum auf die Idee gekommen, die die CDU-Kreistagsfraktion jetzt umtreibt.

Man muss kein Sozialdemokrat sein, um diese Namensgebung der konservativen Gesamtschulgegner mit dem Adjektiv zu versehen, das davor gehört: Scheinheilig. Und angesichts der stets diffamierenden CDU-Gesamtschulpolitik auch eher peinlich. Hier -lesenswert!- die empörte, aber auch konstruktive Reaktion der Emsland-SPD:

Seit Jahrzehnten kämpft die CDU auf Landes- und Emslandebene gegen die Integrierten Gesamtschulen. Von Einheitsschule und Gefährdung der Bildungslandschaft ist die Rede und erst vor ein paar Tagen veröffentlichte die Emsland-CDU in einem Eigenbericht: „Das werden wir nicht widerstandslos hinnehmen“.

Jetzt musste sich die SPD-Kreistagsfraktion verwundert die Augen reiben. Die CDU-Kreistagsfraktion stellt den Antrag die Gesamtschule Lingen umzubenennen in „Werner-Remmers-Gesamtschule“. Es sollte guter Brauch sein, dass ein Namensvorschlag von der betreffenden Schule erarbeitet wird und jetzt – ausgerechnet bei der Gesamtschule, dem „Lieblingskind“ der CDU wird die Schule im Vorfeld noch nicht einmal informiert, gefragt schon gar nicht. Häufig soll der Name der Schule das Leitbild der Schule zum Ausdruck bringen.

Die Gesamtschule Lingen, Lehrer, Eltern und Schüler/innen warten seit vielen Jahren auf die Einrichtung einer Oberstufe. Die vielen Versuche der SPD scheiterten immer wieder an der Mehrheitsfraktion. Auch Elterninitiativen auf Gründung einer IGS in Aschendorf/Papenburg wurden abgelehnt.

Die Schule soll den Namen eines CDU-Politikers erhalten, der mit dem Aufbau der Schule überhaupt nichts zu tun hatte, denn zur Gründung der Schule war Herr Remmers gar nicht mehr Kultusminister. Die Schule soll den Namen einer Person erhalten, der einer Partei angehört hat, die die Gesamtschulen seit vielen Jahren und auch heute noch bekämpft.

Es ist auch ein Affront gegen die große Elterninitiative, die sich Anfang der 90er für die Einrichtung der IGS stark gemacht hat. Damals gab es keine CDU-Abgeordneten, die sich stark gemacht haben, sondern Sozialdemokraten wie Elke Müller, Harald Höhne und Edeltraut Graeßner. Erst als der Druck groß wurde, überredete der damalige Landrat Hermann Bröring die Mehrheitsfraktion dem Druck nachzugeben. Alle, die damals dabei gewesen waren können sich noch an viele, nicht immer schöne Auseinandersetzungen und Debatten im Kreistag und in der Presse erinnern. Und nun soll ausgerechnet diese Schule einem CDU-Minister als Denkmal gesetzt werden. Es gäbe sicherlich ehrlichere Möglichkeiten die Arbeit von Herrn Dr. Remmers zu würdigen.

„Die Gesamtschule Lingen verdient unseren größten Respekt“, so die Fraktionsvorsitzende Karin Stief-Kreihe. „Der große Einsatz und das Engagement der Lehrerschaft, der Eltern und der Schüler/innen hat sich gelohnt. Die Gesamtschule Lingen hat sich weit über das Emsland hinaus einen hervorragenden Ruf erworben. Es bleibt der Wunsch der Lehrerschaft, der Eltern und der Schüler/innen und der SPD-Kreistagsfraktion auf Einrichtung einer Oberstufe. Dazu sollte sich die Mehrheitsfraktion durchringen“.

Vergeblich hat der bei seinem Ausscheiden vor zwei Wochen viel gelobte Schulleiter Hans-Georg Krupp darum gerungen, der Gesamtschule in Lingen eine Oberstufe („Sekundarstufe II“) anzugliedern, damit die Schüler auch das Abitur an der Gesamtschule machen können. Deshalb hat er zu seinem Abschied vom Landkreis weniger Geschenke bekommen als solche gemacht: Eine Machbarkeitsstudie für die Sekundarstufe II. „Ich bin absolut sicher, dass der Zeitpunkt kommen wird, zu dem alle Beteiligten sehen werden, dass unsere Sek. II niemandem wehtun und endlich die emsländische Schullandschaft komplettieren wird“, sagte Krupp dazu. Jetzt liegt in gewisser Weise die CDU-Antwort auf dem Tisch: Es gibt ein Namensschild, das täuscht und daher verärgern muss. Gute Politik geht anders.

 

(Foto: Winterliche Gesamtschule Emsland in Lingen; © dendroaspis2008 via flickr)