„Über Gebärfähigkeit“

12. Oktober 2020

Ein Abend in der Reihe Philosophie in der Kunsthalle:
Über Gebärfähigkeit
Zur Naturgeschichte einer Imagination des Weiblichen

Vortrag von Karina Korecky, Freiburg
Lingen (Ems) – Kunst-/Halle IV, Kaiserstraße 10a
Donnerstag, 15. Okt. 20 – 19.30 Uhr
Kosten 6 Euro (Mitglieder des Kunstvereins 4 Euro)

Die Veranstaltung findet nach Maßgabe der jeweils aktuellen Gesundheitsauflagen und unter Einhaltung der Hygieneregeln statt.

Der Begriff der Gebärfähigkeit, so die These, bezeichnet das bevölkerungspolitische Potenzial der Frauen. Wie ist es entstanden? Der philosophische Vortrag skizziert die Bewegung des Verhältnisses von Subjekt und Geburt von der deutschen Aufklärung über das 19. Jahrhundert, den ersten Weltkrieg und den NS bis zur Wiedervereinigung. Verhandelte der frei Geborene seinen ersten Grund als geschlechtslose Antinomie (Immanuel Kant), integrierte die liberale Medizin des 19. Jahrhunderts Weiblichkeit in des „Menschen Sein“ (Rudolf Virchow), wurde die sexuelle Reproduktion im NS zum Gegenstand völkischer Arrangements. Als „Gebürtlichkeit“ führte Hannah Arendt in der Nachkriegszeit das Konzept der Natalität in die politische Theorie ein. Dem biopolitisch zugerichteten weiblichen Subjekt galt schließlich die feministische Dekonstruktion der 1990er Jahre (Judith Butler) – die allerdings die Geschichte dieser weiblichen Natur unterschlug.

Karina Korecky

in Wien geboren studierte Soziologie und Politikwissenschaft an den Universitäten Wien und Hamburg. Sie war Lehrbeauftragte in Hamburg und Bremen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der Medizin in Düsseldorf und arbeitet seit 2017 am Institut für Soziologie der Universität Freiburg im DFG-Forschungsprojekt „Psychiatrie und Subjektivität im Wandel“.

Foto: © Kunstverein Lingen

 

Sitzen lassen

18. August 2020

In unserer eigentlich doch aufgeklärten Stadt wollen am Samstagnachmittag die Corona-Schwurbler demonstrieren. Die Thesen: „Das Emsland steht auf. Für Frieden und Freiheit.Für die Zukunft unserer Kinder“. Ja, geht’s noch?

Angemeldet hat die Demonstration Melanie Kura, Erzieherin, pardon: Entwicklungsbegleiterin im Verein Kinderladen, den ich übrigens für seine alternative Arbeit sehr schätze.

Nun: Zu demonstrieren ist ihr Recht. Dass wir da nicht mitmachen, weil die angebliche Querdenkerei  keine Denkerei sondern bloß vorurteilsbeladen und total bekloppt ist, ist unser Recht. Wir erkennen dieselben  dumpfen, dummen Gefühle und die Unfähigkeit die Bedrohung durch das Virus zu begreifen. Sie agieren wie die Menschen vor 600 Jahren, die die Pest nicht verstanden und deshalb andere -vorzugsweise die Juden- dafür verantwortlich machten. Deshalb argumentieren sie antisemitisch, unwissenschaftlich, behaupten rechtlichen Quatsch, handeln Hand in Hand mit Nazis und Faschisten, sind gegen die überlegt agierende Merkel und die angeblichen Staatsmedien. Also: Sie sind bloß anmaßend-egoistisch und vor allem unsolidarisch.

Prof. Dr. Gerhard Roth, 77, der an der Bremer Universität das Institut für Hirnforschung lehrte, ist vor einigen Tagen in einem sehr lesenswerten Interview des Evangelischen Pressedienstes epd  zum Umgang mit den Corona-Schwurblerndiese Frage gestellt worden:

Helfen moralische Aufrufe?

Er antwortete so klar, wie Kirsten es von mir erwartet hat:

Aufrufe im Sinne von Immanuel Kants Appell, dass du das Sittengesetz als eine für den vernunftbegabten Menschen einsichtige und verpflichtende Ordnung beachten sollst, die wirken nicht. Moralische Appelle funktionieren nur, wenn sie mit der Drohung der Ausgrenzung verbunden sind. Denn diese gehören zu den wirksamsten Drohungen, die es gibt. Wenn Menschen sagen, so ein Verhalten ist unerwünscht, und wenn ihr das tut, gehört ihr nicht mehr dazu, dann schadet ihr der Gesellschaft und insbesondere euren Eltern und Großeltern und letztlich euch selbst – das fürchten die allermeisten Leute. Das wirkt. Jedenfalls mehr als die Erklärung, aus medizinischen Gründen müsst ihr Abstand halten.“

Ja, das wirkt!

Also meine Bitte: Beachtet die Schwurbler nicht, auch wenn 50 von ihnen am Samstag auf dem Marktplatz sind. Bitte kein „Man-muss-doch-mit-ihnen-sprechen“ – man erreicht sie in ihrer Verquastheit sowieso nicht. Lasst sie auf dem Marktplatz sitzen oder stehen, bis sie sich irgendwann für ihre Schwurbelei bloß noch schämen.

Kurzum: Grenzt sie aus, weil sie der Gesellschaft, also uns allen, und insbesondere ihren Eltern und Großeltern und letztlich sich selbst schaden. Punkt.

Buzzfeed

16. Mai 2016

Felix von Leitner („Fefe“) schreibt in seinem Blog:

Liebe Leser, ich möchte heute mal einen Gedankengang mit euch teilen, der mir seit ein paar Wochen durch den Kopf geht.

Über Filterblasen ist ja schon viel gemeckert worden, aber mir geht es jetzt nicht um den Aspekt, dass man andere Meinungen nicht mehr sieht. Darüber kann man auch geteilter Meinung sein, ob das gut oder schlecht ist, oder wie gut oder schlecht das jetzt ist.

Mir geht es um ein Konzept, was ich ein schwer zu erklären finde, daher mache ich es an einem Beispiel. In meiner Kindheit gab es in Zeitungen Kino-, Literatur- und Theaterkritiken. Die Kinokritiken habe ich gelesen, die Literatur- und Threaterkritiken habe ich weitgehend ignoriert. Hat mich nicht interessiert, fehlte mir die Vorbildung oder der Bezug, was auch immer. War meine Entscheidung. Aber die Zeitung hat mir nur durch die Präsenz dieser Kritiken vermittelt, dass Literatur und Theater wichtige Werte in der Gesellschaft sind, und später in meinem Leben habe ich mich dem dann gewidmet.

Mein Kumpel Erdgeist schlägt den Begriff „Kollateralbildung“ für diesen Effekt vor. Ich finde das Wort super.

Was ich jetzt sagen will: Wenn die Zeitungen alle nur noch Buzzfeed nachbauen und nur noch Artikel bringen, die die große Mehrheit klicken würde, dann fällt die Kollateralbildung weg.

Immanuel_Kant_signature.svgUnd es geht mir hier nicht nur um Bildung, sondern um Kognition allgemein. Wie kann ich über etwas nachdenken, wenn ich das Konzept hinter der Fragestellung schon gar nicht kenne?

Säbeln wir uns hier gerade unseren eigenen Sehnerv kaputt?

Das ist eine ausgesprochene Gruselvorstellung für mich. Es ist ja eine Sache, wenn ich Dinge kenne aber ignoriere. Aber wenn ich sie gar nicht erst kenne, dann wird mir die Entscheidung genommen, ob ich mich für sie interessieren will oder nicht.

Nach Kant geht es bei der Aufklärung um die Überwindung der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sind wir hier gerade dabei, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit eine fremdverschuldete zu machen?

Der Rückbau der Aufklärung, sozusagen?