Blumenstrauß

31. Juli 2014

Inzwischen habe ich ein wenig mehr über die gestrige Performance der palästinensischen Kinder der Theatergruppe YES Theatre aus Hebron im Lingener Burgtheater herausgefunden, von der ich leider erst im Nachhinein erfahren habe. Der Hintergrund ergibt sich u.a. aus der Presseeinladung zu „Gathering for Gaza“, der die Zeitung unseres Städtchens dann nicht zu folgen vermochte und über die überhaupt der Mantel des emsländischen Schweigens gelegt werden sollte. Andreas Poppe, Beauftragter für Internationales am Institut für Theaterpädagogik, sage in dieser Einladung:

 „“Colour your world“ heißt das Motto des diesjährigen Welt-Kindertheater-Festes in Lingen. Man möchte unwillkürlich fragen, mit welchen Farben die Kinder des Gazastreifens ihre Welt in den nächsten fünf Jahren malen werden.“

Und man muss fragen, warum die Einladung zum „Gathering for Gaza“ weder von der Intendanz des Welt-Kindertheater-Fest (WKT) noch vom Oberbürgermeister, dem Landrat oder dem „Präsidenten“ der RupingEmsländischen Landschaft stammt oder jedenfalls unterschrieben ist. Teilgenommen hat meines Wissens nach auch niemand. Die ursprüngliche Idee stammte aus der Spitze des Forum Judentum Christentum im Altkreis Lingen eV.  Ihr blieb es aber verwehrt, das Vorhaben dem künstlerischen Leiter des WKT und den Obersten im Rathaus darzulegen und zu erklären. Statt dessen kam eine  Ablehnungsbegründung zum Fremdschämen: „Das ist ja was Politisches. Das wollen wir doch gar nicht!“.

Dass „Gathering for Gaza“ („Ein Treffen für Gaza“) dann doch beim TPZ und Professor Dr. Bernd Ruping (Foto lks)  landete ist reines Glück und zugleich Grund, warum die „künstlerische Demonstration in Bildern, Musik und stiller Aktion“ dann doch stattfand, obwohl es im WKT-Zentrum kein Hinweis oder gar eine Empfehlung für diese Sonderveranstaltung gab. Für dieses und das Versäumnis unserer gesellschaftlichen Protagonisten entschädigt auch die Rose nicht, die Heribert Lange nach der Performance jedem Darsteller überreichte. Mehr…

Einmal mehr musste ich heute an die frühe Debatte um den Standort Lingen der Hochschule Osnabrück zurück denken, die damals noch Fachhochschule hieß. Es war seinerzeit nämlich einer der Grußwortschreiber des WKT’14, der wirklich alles daran setzte, keine Theaterpädagogen und keine Kunstschaffenden nach Lingen zu holen. Er sang das Hohe Lied der Betriebswirte und schuchardtIngenieure. Die damalige Lingener SPD-Landtagsabgeordnete Elke Müller und Helga Schuchardt (Foto lks), seinerzeit im ersten Landeskabinett Gerhard Schröder niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, setzten sich gegen ihn durch. So kamen doch die Kulturleute in unser bisweilen so enges Städtchen. Arbeit und Einsatz von zwei starken Frauen haben sich gelohnt, wie gestern bei „Gathering for Gaza“ einmal mehr zu sehen war. Ohne Kulturschaffende in Lingen wäre diese wichtige Veranstaltung mit ihrer Forderung nach Menschenwürde, Frieden und Humanität nicht zustande gekommen. Beiden Frauen hat unsere Stadt mehr als viel zu verdanken.

Elke Müller geht es übrigens nicht gut in diesen Tagen. Sie kämpft  einen schweren Kampf gegen eine heimtückische Krankheit. Ich kann ihr nur von Herzen Kraft und gute Besserung wünschen.

Helga Schuchardt wird an diesem Samstag 75 Jahre alt. Man sollte ihr einen großen Blumenstrauß schicken. Aber ich nehme an, dass unser Oberbürgermeister das längst in Auftrag gegeben hat.

Zwei Frauen

8. Oktober 2012

Dieser Montag ist ein richtig guter Tag für unsere Stadt. Der Hochschul-Campus in der ehem. Lokrichthalle I/II des Eisenbahnausbesserungswerks wird offiziell eröffnet. Es werden sich viele feiern lassen, die nicht für diesen regionalpolitischen Erfolg verantwortlich waren.

Daher ist es Zeit an diese zwei Frauen zu erinnern: Elke Müller (Foto lks) und Helga Schuchardt. Denn „ohne den Einsatz von Frau Müller und der damaligen Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt hätten wir 1995 die Fachhochschule in Lingen niemals eröffnen können.““ (Karl-Heinz Vehring, Lingens damaliger Oberstadtdirektor).

Danke, Ihr Zwei!

Ems-Mädel

19. Oktober 2010

Fast  genau zehn Jahre, nachdem Mariele Fasselt, erste Vorsitzende des Frerner Kulturkreises Impulse am 23. November 2000, nach schwerer Krankheit verstorben war, ist jetzt ihr Traum Wirklichkeit geworden: Die Räumlichkeiten der ehemaligen Molkerei in Freren sind saniert und der Öffentlichkeit vorgestellt worden.  Die „Alte Molkerei“ war allerdings inzwischen auch ohne Sanierung ein Aushängeschild für sozio-kulturelle Arbeit im sonst eher nicht „kulturlastigen“ ländlichen Emsland. Die Grundlage für all dies legte Mariele Fasselt mit ihrer visionären Überzeugungskraft, die mit kräftiger Hilfe der damaligen Lingener  Landtagsabgeordneten Elke Müller (SPD) auch recht bald die Förderung der SPD-geführten Landesregierung in Hannover fand. In Freren tat man sich damit lange deutlich schwerer. Trotz einer angekündigten Investitionsbeteiligung von über 80 % der von der damaligen Ministerin Helga Schuchardt trefflich unterstützten Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur in Niedersachsen e.V. (LAGS) und einer positiven Reaktion des Landkreises Emsland lehnt die Samtgemeinde Freren ihren Anteil am Ausbau der Alten Molkerei zum Kulturzentrum ab. Und dies trotz eines „umjubelten Probelaufs“, bei dem die kulturellen Ideen Fasselts und ihrer Aktiven 1993 einen Sommer lang begeisterten. Ich erinnere mich gut an die zornige Elke Müller, die damals über die „Ignoranz und Kulturlosigkeit dieser Frerener Männer“ schimpfte. Heute ist dies Geschichte. Aber weiter prägt mit der  Thuinerin Maria Kuiter eine weibliche Vorsitzende die Arbeit des Kulturkreises Impulse und seiner rund 15 ehrenamtlichen Aktivisten. Der Kulturkreis bleibt das Rückgrat des Frerener Kulturzentrums. Die Erkenntnis: Die Frauen haben hier etwas bewegt und geschaffen.

Aus großer Butterhalle, kleinen und großen Milchkontoren, Speichern, Laboren, Kühlkeller und der alten Mühle ist dank vieler Spenden und noch mehr Einsatz ein vorbildliches ländliches Kulturzentrum entstanden, in dessen Mittelpunkt eine „helle, durch eine Pfeilerreihe gegliederte Halle“ (LT) steht mit offenem Mauerwerk aus Bruchsteinen, das die Historie des Hauses widerspiegelt. Rund  50 Veranstaltungen fanden dort bislang jährlich statt. Es werden mehr werden.

Auf Vorschlag von Ruth Brüne und Annette Balzer-Brüne von der Stifterfamilie heißt der  Veranstaltungsort nach der Renovierung jetzt „Ems-Mädel-Halle“. Den Namen trugen früher die nahrhaften Produkte der Brüne’schen Molkerei. „Ems-Mädel“ ist ein richtiger Name. Denn ohne die Kraft aller „Ems-Mädel“ um Mariele Fasselt, die Dritte der Brüne-Schwestern, wäre es angesichts des Zauderns der Männer mit all dem  wohl nichts geworden.

Umso schöner  nach den Jahren des Männer-Neins ist es jedenfalls, dass bei der Einweihung der renovierten Räume der  „Alten Molkerei“ mit dem Frerener  Samtgemeindebürgermeister Godehard Ritz (CDU) jetzt doch noch ein männlicher Vertreter „geradezu eine Liebeserklärung an die Alte Molkerei abgab“, wie die lokale Presse weiß. Dies zeigt dann immerhin eine gewisse sozio-kulturelle Lernfähigkeit.

Mülleimerplatz-III

18. April 2010

Der Lingener Universitätsplatz ist bisher zwar nicht von allem Müll, aber immerhin von schlecht gedachten und gemachten sog. „Modernisierungsmaßnahmen“ á la „Quin“ (Motto: „Lingens Fußgängerzone… gestalterisch nach vorn bringen“) verschont geblieben. Das freut das Auge, wenn auch mit Einschränkungen.

Aber bleibt es auch so? Da bin ich mir mehr als unsicher. Denn Leser dieses kleinen Blogs wissen ja, dass an vielen Ecken stadtgestalterisch Missglücktes entsteht und länger erhalten bleiben wird, als jeder von uns lebt; denn es reicht in unserem Städtchen seit Amtsantritt von Stadtbaurat L. aus, wenn jemand „Geld in die Hand“ nimmt. Dieser mentale Irrtum (inzwischen nach seiner begeisterten Protagonistin morbus seiler-cdu genannt … 😉 ) ruiniert gerade Schritt für Schritt und schleichend bis sägend das Stadtbild. Ja, in Lingen dürfen Investoren stadtgestalterisch längst alles machen, was sie wollenvorausgesetzt, sie nehmen eben „Geld in die Hand„. Absolution wird stets mit dem dummen Satz erteilt: „So baut man eben heute!“ Den Nebensatz „weil wir es nicht besser wissen“, lässt Stadtbaurat L. weg. Meist droht dann besonders Schlimmes!

Also will ich mit meiner aktuellen Anfrage nach der Geschäftsordnung des Lingener Stadtrates nachhaken und dabei -die Mülleimerfrage sozusagen paraphrasierend 😉– auch gleich aufarbeiten, was an klebrigem Unerledigtem aufzuarbeiten ist:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Heiner,

ich bitte um Beantwortung der folgenden Anfrage in der kommenden Ratssitzung:

Am Universitätsplatz, also in exponierter innerstädtischer Lage, hat die Stadt Grundstücke an Privatleute verkauft, und zwar in den 1990er Jahren sowie Mitte des letzten Jahrzehnts. Es handelt sich um eine Parzelle angrenzend an das sog. Professorenhaus und die Fläche zwischen dem Schwesternwohnheim und dem Berning’schen Gebäude, das den Kostümfundus beherbergt. Dazu frage ich:

a) Wann sind in den Fällen die jeweiligen Kaufverträge abgeschlossen worden? Lagen bei Vertragsschluss konkrete Investitionsabsichten des jeweiligen Erwerbers vor? Haben diese Absichten als Vertragsgrundlage Eingang in die jeweiligen Kaufverträge gefunden? Wenn Ja, in welcher Form? Wenn Nein, warum nicht?

b) Enthalten die abgeschlossenen Kaufverträge jeweils eine Bauverpflichtung für den Grundstückserwerber, und wie lautet diese jeweils? Bis wann waren ggf. die Bauverpflichtungen zu erfüllen?

c) Wenn Nein, warum enthalten die abgeschlossenen Kaufverträge keine Bauverpflichtung ? Ist der Verkauf dieser innerstädtischen Liegenschaften ohne Bauverpflichtung nach Ansicht des Oberbürgermeisters sachgerecht und ggf. aus welchen Gründen?

d) Wenn Ja, teilt die Verwaltung die Feststellung, dass die Nichterfüllung einer vertraglich vereinbarten Bauverpflichtung durch den jeweiligen Käufer des städtischen Grundstücks eine Vertragsverletzung darstellt? Hat die Verwaltung die Nichterfüllung der Bauverpflichtung bemerkt? Wann? Welche Schlussfolgerungen hat die Verwaltung jeweils wann aus dem Umstand gezogen, dass den Bauverpflichtungen bislang nicht entsprochen wurde?

e) Enthalten die Kaufverträge eine Verpflichtung, vor einem Neubau archäologische (stadtgeschichtliche) Ausgrabungen durchzuführen? Wenn Ja, wann geschieht dies? Wenn Nein, warum fehlt eine solche Verpflichtung in den Verträgen, insbesondere: Hält es der Oberbürgermeister für stadtgeschichtlich sachgerecht, in derartig exponierter Innenstadtlage Baumaßnahmen ohne sachkundige archäologische Feststellungen durchzuführen?

f) Als das Grundstück des Schwesternwohnheims an das Bonifatius-Hospital veräußert wurde, fand wegen der städtebaulich exponierten Lage ein beschränkter Architektenwettbewerb statt, um den Neubau stadtgestalterisch in die Platzsituation „Universitätsplatz“ einzubinden. Ist beabsichtigt, dies auch jetzt jeweils zu tun?

g) Wenn Ja, wann?

h) Wenn Nein, warum nicht, insbesondere: Ist der Oberbürgermeister der Auffassung, dass es zur qualifizierten architektonischen Gestaltung dieses städtebaulichen Quartiers ausreicht, „Geld in die Hand“ zu nehmen und die Stadtgestaltung dann -entgegen der Praxis in den 1970/80er Jahren- allein auf der Grundlage des Bebauungsplanrahmens dem jeweiligen privaten Investor zu überlassen? Hält der Oberbürgermeister in diesem Zusammenhang die baugestalterische Kompetenz im Bauamt der Stadt für uneingeschränkt ausreichend?

Mit freundlichen Grüßen
Robert Koop

Darf ich Sie über die Antwort auf dem Laufenden halten?

(Grafik oben re.: Die Hohe Schule in Lingen“ – altkolorierter Kupferstich von Romeyn de Hooghe,  ca. 1700:

Dazu ein kleiner Exkurs: Dieser, in Lingen seit 1970 als schwarz-weiß-Ausgabe bekannte Kupferstich des niederländischen Künstlers Romeyn de Hooghe (1645-1708; Bild lks) zeigt den heutigen Universitätsplatz Ende des 17. Jahrhunderts. Mehr in niederländischer Sprache.
De Hooghe hatte zu Lingen eine besondere Beziehung. Lingen war damals Teil der Niederlande und deren Statthalter Wilhelm III. von Oranien, König von England, hatte den vielseitigen Mann aus Amsterdam als Direktor der Bergwerke (!?) der Grafschaft Lingen eingestellt. de Hooghe dankte es ihm u.a. mit diesem prächtigen Kupferstich. Willem III, wie die Niederländer sagen, war 1672  zum Statthalter, Generalkapitän und Admiral der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande gewählt worden. Er errichtete dann 1697 in Lingen, damals östlichster Teil der Niederlande, eine „Hohe Schule“ und verzichtete auf eine Garnison. Offenbar also insoweit ein kluger Mann (kritisches aber hier…), der allerdings kinderlos blieb. Deshalb sind wir heute deutsch. Denn nach Wilhelms Tod reklamierte 1702 der preußische König Friedrich I. die Grafschaft Lingen für Preußen und vereinnahmte sie. Damit verlor die Hohe Schule schnell ihre Bedeutung, bis sie 1819 von den Hannoveranern geschlossen wurde, nachdem die Grafschaft Lingen 1814/15 an das Königreich Hannover gefallen war. Im Jahr darauf wurde das Gymnasium Georgianum gegründet, das diesen Namen aber erst 40 Jahre später trug. Rund 175 Jahre später „korrigierten“ die Hannoveraner die Entscheidung, als Helga Schuchardt (Foto lks), parteilose Wissenschaftsministerin im Kabinett von Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD), den Standort Lingen der Fachhochschule Osnabrück einrichtete.
Die Hohe Schule war übrigens im Gegensatz zum heutigen Platznamen nie eine Universität; man konnte an ihr nicht promovieren. Sie war also eher mit einer Fachhochschule vergleichbar. Als der Platz in den 1980er Jahren von Schulplatz in Universitätsplatz umbenannt wurde, wäre also der Name „Hochschulplatz“ ehrlicher  gewesen; mit meinem entsprechenden Vorschlag konnte ich mich damals aber nicht durchsetzen. Wir haben’s aber alle überstanden!)