Nachtrag

29. Juni 2012

Richtig schade gestern Abend. Als (m)ein Nachtrag das Zitat des Tages. Es lautet: „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“. Der Satz wird gerne kopfschüttelnd zitiert, wenn man eine Entwicklung, eine Entscheidung oder ein Verhalten nicht versteht. Im Original stammt die Zeile aus dem zweiten Gedicht von Heinrich Heines Lyriksammlung „Die Heimkehr“ aus dem 19. Jahrhundert, in dem er die Rhein-Sage der „Loreley“ aufgreift.

Richtig populär wurde der Satz aber erst in der Vertonung von Friedrich Silcher, der aus dem Gedicht ein beliebtes Volkslied machte. Die komplette erste Strophe lautet: „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.“

(Quellen CC DRadio Wissen, CC Faksimileunterschrift Heinrich Heine)

1839

10. März 2010

Zwei miteinander verwobene Nachrichten aus der kommunalen Kultur, zu der neben der Bestattung auch die Findung von Straßennamen zählt, rauben mir den Schlaf. Straßennamen sollen ja Ausdruck und Symbol sein. In Lingen sind sie erst einmal Ausdruck des gemeinen Dativs. Denn unter A finden wir im Straßenverzeichnis unseres Mittelzentrums mit oberzentralen Teilaufgaben diese bemerkenswerte Auflistung:

Am Alten FlugplatzAm Alten FriedhofAm Alten HafenAm AmeisenhügelAm BahndammAm BergAm BerggartenAm Biener SandAm Biener SeeAm BirkenhainAm BloomholtAm BotterkampAm BrinkAm BrunnenparkAm BuchenhainAm BuchenwaldAm BunkerAm BöckelAm DachsbauAm DammAm Darmer BahndammAm Darmer SportzentrumAm DiekseeAm DreieckAm DreispitzAm DurchstichAm DükerAm FalkenhorstAm ForstAm ForstpfadAm FährdammAm GalgeneschAm GasthausdammAm GemeinschaftshausAm GrabenkampAm Grünen RevierAm HasenbrinkAm HeidkampAm HeimathausAm HilgenbergAm HundesandAm KanalAm KanaldammAm KaninchenbergAm KindergartenAm KirchblickAm KohschultenhofAm KreuzbachAm KurparkAm Laxtener EschAm MarkengrundAm MarktAm MühlenbachAm MühlenbergAm MühlensteinAm Neuen FriedhofAm PapenbruchAm PulverturmAm PumpenkolkAm ReinelhofAm RobbenpohlAm SandhügelAm SchallenbachAm SeitenkanalAm SenderAm SonnenhangAm SpeicherseeAm SportplatzAm StorchengrundAm StrootbachAm StrubbenbergAm TankfeldAm TelgenkampAm TreffpunktAm VennbachAm WacholderhainAm WachtelringAm WaldessaumAm WaldfriedhofAm WaldhügelAm WaldstadionAm Wall-NordAm Wall-OstAm Wall-SüdAm WallgrabenAm WalzkampAm WasserfallAm WiesengrundAm WildwechselAm WollenkampAm Wulwer EschAm ÖvernhoffAn den HöfenAn den Städt. TannenAn der GräfteAn der KapelleAn der KokenmühleAn der MarienschuleAn der SchleuseAn der SchonungAn der SeilereiAn der Wilhelmshöhe

Ich glaube, es ist schon mehr als ein Dutzend Mal in vielerlei Gremien bekräftigt worden, das Am wegzulassen. Nicht genitivspezifisch wegen des Dativs, sondern wegen der Übersichtlichkeit.  Sie können selbst durchlesen, welches Am überflüssig ist. Es sind die meisten.

Doch -zweite Nachricht- kommt jetzt eine neue Am-Benennung des Ortsrats Schepsdorf und des Kulturausschusses hinzu: Am Schwalbenufer. So soll die im Volksmund Panzerstraße betitelte Verbindung zwischen der ehemaligen Scharnhorstkaserne und der Straße nach Nordlohne künftig heißen. Am plus Schwalbenufer. So hat es nach dem Ortsrat Schepsdorf nun am 3. März der Kulturausschuss  beschlossen, weil „in Unterlagen aus dem Jahr 1839 … der damalige Bereich Schwalbenufer genannt (wird)“ – so die Vorlage. Ist das nicht historisch und schlichtschön zugleich!?

Wir erkennen zugleich zwanglos: Beschluss und Beratungsvorlage sind  eine Steilvorlage für diesen Blog.
Schon sprachlich: Kann etwa ein Bereich damalig sein? Nun, trotz vorbeifließenden Emswassers eher unwichtig scheint mir bei der Evaluation von Namen und Entscheidungsfindung, dass das Jahr 1839 bekanntlich mit der Niederlage der peruanischen Flotte im Peruanisch-Bolivianischen Konföderationskrieg begann. Deutlich relevanter ist schon, dass damals die britischen Soldaten afghanistanmäßig den Flecken Kandahar besetzten (kampflos! – das waren noch Zeiten, die an aktuelle Herausforderungen…’tschuldigung, ich schweife ab) und dass -wir hätten es fast vergessen- das Erzbistums Addis Abeba gegründet wurde. Kommt immer gut hierzulande. In Lingen indes hieß 1839 der damalige Bereich Schwalbenufer. Dieses 171 Jahre zurückliegende Jahresereignis trägt und prägt bis heute.

Doch weil er  den Dativ in seiner Reinheit liebt, entwickelt, angestoßen durch den Ortsrat Schepsdorf, der Kulturausschuss die Straßennamenskultur entschlossen weiter; denn so soll es Heinrich Heine gesagt haben: „Am Anfang jeder Kultur ist Liebe!“ Also aus Liebe der Kulturbeschluss für den heutigen Bereich: Am Schwalbenufer.

Ist das nicht extra-schön!?
Eine Betonstraße, auf der Panzer zum Schießen rollten, wird auf diese Weise richtig  ökologisch-friedlich. Der olle Scharnhorst (Foto re), von mir als Namensgeber vorgeschlagen, würde glatt Zivildienstleistender, wenn er das noch erfahren hätte.

Am Schwalbenufer. Großartig und dabei zugleich so niveauvoll – diese paraphrasierende linguistische Sehnsucht nach ein bisschen Frieden und 1839.  Ich bin ganz am Wegsein …

(Schwalbenfoto, © Ernst Rose, pixelio.de)