Gitta stoppt

6. Juli 2020

Zum ersten Mal hat am Freitag ein ICE in Lingen (Ems) Halt gemacht. Um 15:13 Uhr hielt der ICE „Altenbeken“ auf seinem Weg von München nach Norddeich Mole. Es ist das erste Mal, dass die Deutsche Bahn eine ICE-Direktverbindung von Bayern nach Ostfriesland anbietet. Der neue „Touristenzug“ verkehrt allerdings nicht täglich, sondern nur im Sommer von freitags bis sonntags ab München. Er hält am frühen Nachmittag auch in Lingen(Ems) und Meppen. Zurück startet der ICE in Ostfriesland samstags bis montags jeweils am späten Vormittag macht aber im Emsland nur Halt in Papenburg und Meppen, in Lingen (Ems) also nicht. Wie das?

Dass überhaupt ein planmäßiger ICE durchs Emsland rauscht, ist zwar eine feine Sache. Täglich wäre allerdings besser als bloß ein paar Wochen im Sommer. Aber mehr als ein Schönheitsfehler ist es, dass Reisende aus dem südlichen Emsland -einschließlich der westlich gelegenen Grafschaft Bentheim- nicht ohne umzusteigen nach Bayern oder Richtung Nordhessen (Kassel!) nutzen können. Der ICE fährt eben ohne Halt durch unsere Stadt, stoppt aber später dann u.a. in den Bahnmetropolen Hamm, Soest, Altenbeken, Warburg, Treuchtlingen und Donauwörth.

Die Papenburger CDU findet das gut. Sie lobt in ihrer Erklärung erst einmal Papenburg:

„Im „Venedig des Nordens“ gibt es viele Attraktionen – von Kräutern bis Kreuzfahrtschiffen, von Ausflügen in die Vergangenheit wie auf der von-Velen-Anlage bis zu Reisen in die Zukunft im Zeitspeicher. Von Einkauf und Restauration ganz zu schweigen. Hier lohnt ein Halt.“ 

Darum geht es allerdings nicht: Die Reisenden wollen ja weg nach Bayern und nicht hin nach Papenburg. Das ist also nur Whataboutism,

Dann aber lobt die Papenburger CDU die Leeraner CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann dafür, dass der ICE auf dem Rückweg eben in Papenburg stoppt, um Reisende mitzunehmen; denn sie habe „bei der Deutschen Bahn für einen Halt in Papenburg geworben“, nachdem ihr „bekannt geworden“ war, dass es in den Sommermonaten befristet diese ICE-Direktverbindung geben werde, ist zu lesen.

Schlussfolgerung: CDU-Frau Connemann stoppt den Ice in Papenburg und hat den fehlenden Halt in Lingen zu verantworten. Dass das für unser „Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen“ (Raumordnungsplanung) nicht gut ist, hat jetzt sogar die Lingener CDU bemerkt und sich flugs überlegt, was sie da tun kann. Was geht am Schnellsten und Unverbindlichsten? Richtig, eine Pressemitteilung, die heute in der Lokalzeitung „Lingener Tagespost“ erscheint. Da lesen wir:

Die CDU in der Stadt Lingen macht sich dafür stark, dass der Zug auf der neuen ICE-Direktverbindung von München nach Norddeich Mole nicht nur in nördliche Fahrtrichtung am Bahnhof Lingen hält, sondern auch gen Süden. „Es kann nicht sein, dass der ICE Richtung München an unserer Stadt vorbeifährt“, heißt es in einer am Sonntag verbreiteten Pressemitteilung des CDU-Stadtverbandes Lingen.“  

„Wir fordern die Deutsche Bahn dazu auf, den Bahnhof Lingen als Haltepunkt in Richtung Süden aufzunehmen“, unterstreicht man und „bittet“ dann Landrat Marc-André Burgdorf und Oberbürgermeister Dieter Krone sowie die CDU-Abgeordneten Albert Stegemann (Bundestag) und Christian Fühner (Landtag) um stärkeren Einsatz für dieses wichtige Anliegen. Es fehlt allerdings der notwendige Satz, CDU-Frau Connemann solle der Stadt Lingen nicht schaden und daher der größten Stadt des Emslandes den ICE-Halt nicht abspenstig machen

So zählt man stattdessen munter das eigene Personal auf, das es versiebt hat. Den Landwirt und CDU-MdB Albert Stegemann beispielsweise; dieser legt trotz MdB-Freifahrtkarte die Strecke nach Berlin gern in seinem Auto zurück und postet dabei von ihm geschossene Handyfotos. Man muss eben Schwerpunkte setzen.

Uns bleibt die Hoffnung, dass sich Ratskollege Jens Beeck der Sache annimmt. Denn das könnte etwas werden.

Kapelle Petra

20. März 2016

Kapelle Petra
The Underforgotten Table – Tour 2016
Lingen (Ems) – Alter Schlachthof, Konrad-Adenauer-Ring 40
Fr 15.04.2016 – 21 Uhr

Karten 14 € zzgl. VVK

Hamm als offizielles Mittelzentrum Nordrhein-Westfalens bringt zweifellos eine der charmantesten und – mit Verlaub – beklopptesten Bands der Republik hervor. Die Kapelle Petra nämlich. Man kennt sie als fleißigst tourendes Quartett und hat sie auch schon mehrfach in diversen Fernsehshows wie Circus HalliGalli, neo Paradise oder auch auf Sky begutachten dürfen. Die haben also nun ein neues Album am Start. Und ab jetzt wird’s ernst.
Ernst? Wirklich? Nein!

Ihr bereits fünfter Longplayer trägt den schmissigen und einprägsamen Namen The Underforgotten Table. Wie? Ja. The Underforgotten Table. Wer jetzt gleich in den Subtexten und Metaebenen nach dem tieferen Sinn dieses Namens sucht, dem sei hier direkt geholfen. Ein Freund der Band kam einer Anekdote zufolge auf der Suche nach dem Song “Pride” nicht auf Anhieb auf den Albumtitel einer Band namens U2. Nach kurzem Überlegen war er sich allerdings sicher. Und zwar ganz sicher sogar. The Underforgotten Table. So hieß die! – …? Nö! … So hieß die natürlich nicht. Sondern The Unforgettable Fire. Laut Kapelle Petra-Sänger Opa hat es aber gerade dieser pathetisch-kreative Name mit seiner Geschichte mehr als verdient „wirklich mal ein Kapelle-Album zu betiteln“. Und was sie sich auch sonst nicht wieder haben einfallen lassen. Ein wahres Synapsenfeuerwerk begegnet uns und so schafft es die Kapelle Petra immer wieder Alltagssituationen und vermeintliche Lappalien in mitreißende und clevere Zeilen zu packen. Man könnte es gar pointiert nennen. Ob der übliche Wahnsinn in zwischenmenschlichen Beziehungen wie „da sind Krümel im Bett und Dein Essen schmeckt scheiße // und trotzdem, irgendwann liegen wir uns in den Armen“ (Godzilla), oder scharf beobachtete Zeitvertreibe im Autostau. Dort ist bekanntlich alles erlaubt und „einer malt mit Edding Titten auf ein iPad, ein anderer liest rückwärts und nackt die FAZ“ (Stau).

Doch – Obacht – wer jetzt unkt, die Kapelle fasse keine heißen Eisen an. Nein, nein, lieber Unker. Hier wird angefasst. Und zwar da wo es weh tut. Im Kopfnicker-Rocker Befund bekommen Schützenvereine als Allegorie für die Sich-Selbst-Zu-Ernst-Nehmer ihr Fett weg, Keine Hose -keine Probleme richtet sich eindeutig zweideutig an alle Internet-Vollmüller, denn „für jede noch so bekackte Meinung, gibt es Lobby überall“. Sie versetzen Nicole’s 1982-er Message nonchalant in’s Hier und Jetzt und fragen berechtigterweise „Wie wäre es denn mit Frieden?“ (Frieden).

Aber man hat es hier beileibe mit keinem verkopften Album zu tun. Elegant hüpft die Kapelle Petra auf dem größtenteils in der Tresorfabrik Duisburg aufgenommenen The Underforgotten Table durch verschiedene Musikstile. Ob laut und mit ordentlich Zerre auf der Klampfe (Blut Gehirn Massaker, Befund, Stau), ob mit leiseren, gar nachdenklicheren Tönen (Sensationell, Pogo in den Sonnenuntergang, Nicht ganz so laut wie sonst) oder im typischen Kapelle Petra Gewand – ja, man darf bei ihnen durchaus von „typisch“ sprechen (Ja, Die Lehrer, Statement). Großen Anteil daran hat auch Produzent Thomas Hannes, der die Live-Dynamik des Quartetts gekonnt eingefangen und trotzdem großen Wert auf die Details und musikalischen Gimmicks gelegt hat, die dem Album auch nach vielfachem Durchhören noch überraschende Momente verpassen. Für die Songs Ja und Frieden holte sich die Kapelle Inspiration und neue Akkorde bei Tobias Röger, der mit The Wohlstandskinder und als Songschreiber hinter den Kulissen mehrere Erfolgsgeschichten und Hits vorzuweisen hat. Wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist, soll es sich einfach anhören. Es lohnt sich. Wirklich. (Quelle: PM)

Rückgrat

26. Mai 2011

Nordhorn akzeptiert die Bürgerproteste der Anwohner. Der Verwaltungsausschuss der Stadt Nordhorn hat deshalb die umstrittenen Pläne für den Bau eines Krematoriums am Nordhorner Südfriedhof gekippt. Als Hauptgrund nannte Bürgermeister Meinhard Hüsemann (SPD) am Mittwochabend aus drücklich „die massiven Bürgerproteste der Anwohner“.

Die hatten gegen den geplanten Bau des Krematoriums in ihrer Nachbarschaft protestiert. Fast 250 Anwohner demonstrierten  gegen das Krematorium, weil es zu nah an ihren Häusern und Gärten wäre. Viele äußerten ethische Bedenken und dass die „ausgestoßenen Dämpfe der Gesundheit schaden“ , auch wenn die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden. Außerdem fühlten sie sich unwohl, nur wenige Hundert Meter von einem Haus entfernt zu leben, in dem Leichen verbrannt werden.  Hüsemann konnte die gesundheitlichen Bedenken nicht teilen: „Das Gewerbeaufsichtsamt hält natürlich entsprechende Vorschriften ein, auch bei der Baugenehmigung werden diese überprüft.“ Außerdem habe der Betreiber Hammonia GmbH zugesichert, dass alle Bedingungen eingehalten werden. Ohne Komplikationen betreibt das Unternehmen bereits Anlagen in Hamm und Werl in Nordrhein-Westfalen. Trotzdem und trotz des unbestrittenen Bedarfs für eine Feuerbestattungsstätte knickten die Parteien im Nordhorner Verwaltungsausschuss ein.

Bereits 2009/2010 hatten auch im Lingener Stadtteil Darme Einwohner massiv Bedenken geäußert, als die Stadt den Bau eines Krematoriums südlich des dortigen Waldfriedhofs konkret zulassen wollte und den Darmern vorstellte. Ich habe damals  die zum Teil hysterischen Äußerungen kritisiert.

Der Nordhorner Hendrik Bäumer trifft in seinem Kommentar für die GN meine Stimmungslage, wenn er schreibt: „Es gibt immer irgendjemanden, der etwas dagegen hat. An einem Friedhof wäre doch der würdigste Platz. Ich wohne auch an einem Friedhof, hätte nichts dagegen. Es scheint ja Bedarf da zu sein, also müssen mal wieder viele wegen wenigen Rücksicht nehmen.“
Die Fakten sind:
Die Feuerbestattung ist Teil unserer in Jahrtausenden entstandenen Bestattungskultur. Zurzeit aber müssen hunderte trauernde Familien im Emsland und der Grafschaft Bentheim oft wochenlang warten, bis ihre Angehörigen in den überlasteten Krematorien der Region eingeäschert und dann die Urne beigesetzt werden kann. Ich nenne dies gleichermaßen unwürdig und schäbig.
Deshalb braucht unsere Region eine angemessene Einrichtung zur Feuerbestattung. Lingen ist dafür der richtige Ort. Aber angemessen ist es nicht, Verstorbene in einem Gewerbegebiet einzuäschern, auch rechtlich ist es unzulässig. Wir brauchen also ein würdiges Krematorium an einem der Lingener Begräbnisplätze liegt. Darme ist gut geeignet, vielleicht auch der Friedhof im Ortsteil Brögbern-Bülten an der Duisenburger Straße.
Aber: Am 11. September wird kommunal gewählt. Welcher Kandidat, welche Partei in Lingen hat das Rückgrat, trotz Wahl  für ein Krematorium in unserer Stadt einzutreten? Er darf mich sofort anrufen. Ich bin dabei.
( Foto: Modernes Krematorium in Bispebjerg, Kopenhagen (DK), Architekten Friis & Moltke;
©  Bispebjerg Krematorium; Københavns Kommune)

Trianel

29. Dezember 2010

Nach fast dreijähriger Projektentwicklung steht dem Bau des Trianel Windkraftwerks Borkum (TWB) wohl nichts mehr im Weg. Die 34 durchweg kommunalen Gesellschafter aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz haben auf der TWB Gesellschafterversammlung den Bau für den ersten Bauabschnitt des Offshore-Windparks beschlossen; in Frankfurt wurden vor Weihnachten außerdem die Finanzierungsvereinbarungen mit einem internationalen Konsortium aus 11 Großbanken unterzeichnet. Auch bislang nicht geklärte Probleme des Grenzverlaufs zu den Niederlanden sollen offenbar pragmatisch gelöst werden.

Der 56 Quadratkilometer große neue Windpark liegt rund 45 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum und ist von dort nicht zu sehen. Er grenzt unmittelbar an Alpha Ventus, den ersten deutschen Offshore-Windpark.  Ab kommenden Sommer wird  in 30 Meter Wassertiefe zunächst die Gründung für die ersten 40 Areva Wind M5000-Windräder gebaut, die mit einer Gesamtleistung von 200 MW rund 200.000 Haushalte mit umweltfreundlichem Strom versorgen sollen. Die fast 150 Meter hohen Windräder, die bis Windstärke 9 Strom produzieren sollen, werden ein Jahr später zunächst probeweise und zur Jahreswende 2012/2013 im „Regelbetrieb“ ans Netz gehen. Erledigt werden alle Bauarbeiten von Errichterschiffen aus. Die eigentlichen Windräder werden Stück für Stück an Land im niederländischen Eemshaven südlich von Borkum zusammengefügt, dann per Barge zum Einsatzort gebracht und dort mittels Kran auf hoher See zusammengefügt.

Weitere 40 Anlagen, so die Planung, werden im anschließenden zweiten Bauabschnitt realisiert. Die Investitionssumme für den ersten Bauabschnitt beträgt über 700 Mio. Euro. Mehr als 40 Mio Euro steuert die Europäische Union bei.

Trianel Borkum West II ist einstweilen das größte Windprojekt in der deutschen Nordsee und der erste rein kommunale Offshore-Windpark Europas, der vollständig projektfinanziert ist. Beteiligt sind aus Deutschland  u.a. die Stadtwerke Georgsmarienhütte (mit 2 MW) und die Stadtwerke Detmold, Bochum, Borken, Dachau, Flensburg, Fröndenberg, Hamm, Herne, Jena-Pößneck, Lengerich,  Lünen, Soest, Uelzen, Unna und  Witten.

(Foto: obrien26382 CC)