Schepsdorf – ein geschichtsträchtiges Pflaster
Eine Führung durch Lingens westlichsten Stadtteil
mit Andreas Eiynck
Lingen (Ems) – Dorfbrunnen am Heimathaus hinter der Alexanderkirche
Sa, 26.06.  – 16 Uhr
Kosten: 2 Euro; eine Voranmeldung ist nicht notwendig
Dauer ca 90 Minuten

Auf der Führung durch Lingens westlichsten und ältesten Stadtteil geht es zur St Alexander Pfarrkirche, die historische und zeitgenössische Kunst bietet, sowie zum Kanucamp* an der Emsbrücke, die im kommenden Jahr durch einen Neubau ersetzt werden muss und an die Zeit erinnert, als man hier noch mit der Fähre übersetzen musste. Weitere Stationen sind die Schepsdorfer Alpen, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Chemiewerk Hagedorn und das Heimathaus in der Straße der vielen Dächer. Hier entführt die Hollandgänger-Ausstellung in eine Zeit, als alljährlich Tausende von Wanderarbeitern Schepsdorf auf ihrem Weg zur Arbeit in die Niederlande passierten.
Leider reicht die Zeit nicht für einen Abstecher in das 4 km entfernte, bald 300 Jahre alte Schloss Herzford. Aber auch so verspricht die kleine Führung einen kurzweiligen Nachmittag.

 

*ps Das Kanucamp (Tel 0591/831214) sucht übrigens „eine kleine Wohnung „ür unsere superliebe Köchin Lisa“. Vielleicht hilft ja jemand, der dieses kleine Blog liest.

(Foto: Fabrik der Hagedorn AG, © milanpaul via flickr)

Gruppengrundregeln

9. Juli 2012

Heiner Schepers, Jahrzehnte Geschäftsführer des Kunstverein Lingen, zeigte vor einigen Jahren eine Ausstellung, in der es um „schöne Bilder“ ging, also um unsere Sichtweise des Ästhetischen. Werke der bildenden Kunst müssen bekanntlich in Kleinstädten „schön“ sein, damit sich die Bevölkerung an ihnen erfreut. Daher die vielen (und oft missglückten) Bronzestatuen von kleinen Professoren, Kühen und Menschen. Sind Schafe aber unschön sögelblau oder liegen Torten auf der Matratze, gibt es Probleme. Doch warum ist ein Bild schön, fragte Schepers‘ Ausstellung, was ist schön, was hässlich und ist das Hässliche nicht schön? Oder das Schöne eigentlich nur kitschig? Was bedeuten diese Einordnungen?

Daran musste ich spontan denken, als jetzt selbsternannte (weil nicht gewählte) „Admins“ der Lingener Facebook-Gruppe „Du weißt Du kommst aus Lingen/Ems wenn,“  eingriffen, um eine nach ihrer Meinung „ausufernde“ Diskussion auf der Facebookseite der Gruppe zu stoppen. Ein Thread wurde einfach gelöscht:  In ihm ging es um den Dönerimbiss Istanbul in der Lingener Innenstadt. Dort war  Kunde Sven gefragt worden „Sach ma, bist du schwul?“ Als Sven bejahte, bekam er seinen bestellten Döner nicht mehr und hörte stattdessen ein : „Raus!“ Darüber ereiferten sich viele und das war dann nach Ansicht der Admins nicht mehr schön, weil ja auch das Raus mehr als hässlich war. Der Thread verschwand über Nacht. Tage danach knallte es bei Hagedorn und auch hier fühlten sich die „Admins“ berufen, die Diskussion zu stoppen. Auch als mein BN-Fraktionskollege Marc Riße angesichts von Kaufland-Plänen an der Kurt-Schumacher-Brücke den geplanten Abriss des Winkel-Bunkers thematisierte, meldeten sich gleich Zeitgenossen und befürchteten etwas ganz Schlimmes: eine politische Diskussion.

Gestern Abend hatte die Facebookgruppe  „Du weißt Du kommst aus Lingen/Ems wenn,“ immerhin 2853 Mitglieder. Sie ist, wie sich aus dem Namen ergibt,  unorthodox im Umgang mit Kommata, und sie nennt sich offen, was zwanglos dadurch bewiesen wird, dass auch ich mich bisweilen in ihr tummle.  Wirklich offen ist die Facebookgruppe aus Lingen aber überhaupt nicht. Die formulierte Frage „Wofür steht Lingen?“ ist jedenfalls nur theoretisch gemeint. Denn man liest, es gehe  um ein „positives Klima“, man soll „freundlich und respektvoll“ sein „für ein positives Miteinander“. Das hat Priorität und damit dies so bleibt,  haben jetzt die „Admins“ diese schönen „Grundregeln festgelegt“ und sie schließen aus, wenn man sich nicht dran hält.

  • „Unser Lingen – die wohl schönste Stadt an der Ems, unsere Kindheit und unsere Jugend, für manche Vergangenheit, für manche Gegenwart und auch Zukunft. Was verbindet Euch mit unserer Heimat, an was denkt ihr gerne zurück, wofür steht Lingen – Stadt der Kivelinge für Euch??? Postet, sammelt, erinnert und teilt es miteinander … .“

    Damit wir diese Grundidee der Gruppe nicht aus den Augen verlieren und wir uns auch zukünftig in einem positivem Klima über die Stadt austauschen können die uns alle verbindet, haben wir folgende Grundregeln festgelegt.

    Beiträge und Kommentare mit folgenden Inhalten werden nicht geduldet und sofort entfernt:
    – Private oder geschäftliche Werbung
    – Aufrufe zu Gewalt- oder Straftaten
    – Beiträge, Kommentare die Persönlichkeitsrechte Anderer verletzen (dazu zählen u.a. Informationen die dazu geeignet sind den Ruf anderer in verleumderischer Weise zu schädigen oder ihre Privatsphäre unangemessen berühren)
    – Inhalte die Andere Personen oder Gruppen aufgrund
    o ihrer Herkunft
    o ihrer Hautfarbe
    o ihrer Religion
    o ihres Geschlechtes
    o ihrer sexuellen Neigung
    o ihrer politischen Einstellung
    o einer Behinderung
    o ihres Berufsstandes
    o ihrer persönlichen Lebensgeschichte oder
    o sonstiger persönlicher Eigenschaften
    beleidigen, verleumden, verhöhnen, provozieren oder auf andere Art in einem negativen Licht erscheinen lassen.

    – Die Administratoren behalten sich außerdem vor „ausufernde“ Diskussionen gemäß den oben aufgeführten Kriterien vorzeitig mit folgendem Hinweis zu beenden.
    STOP – DIESER BEITRAG ENTSPRICHT NICHT (MEHR) DEN GELTENDEN GRUPPENREGELN. WEITERE KOMMENTARE WERDEN GELÖSCHT.
    – Sollte es darüber hinaus weiteren Klärungsbedarf geben wird gebeten diesen im direkten Kontakt untereinander abzustimmen.
    – Sollten trotz Hinweis auf die Gruppenregeln diese wiederholt missachtet werden so behalten sich die Administratoren vor ganze Threads zu löschen und/oder den/die Verursacher aus der Gruppe auszuschließen.
    – Wer sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt oder einen Beitrag für unangemessen hält kann sich per persönlicher Nachricht an einen der folgenden Administratoren wenden: Dirk Appelhans, Klaus Boschat, Anne Coßmann-Wübbel, Heidi Jürgens, Peter Koch, Schoko Minza, Mike Nike, Andreas Schulz, Matthias Seekamp, Gabriela Siegbert, Uli Werner

    Mit einfachen Worten – bleibt freundlich und respektvoll – für ein positives Miteinander.
    Die Admins“

Ich lese kopfschüttelnd diese „Gruppenregeln-beachten“-Liste und  fürchte, sie steht im Zweifel für die Zensur des Unbequemen oder dessen, was dafür gehalten wird. Das, liebe Lingen-Gruppenfreunde, ist aber gar nicht „freundlich und respektvoll“.

Eine Antwort auf die Frage, wofür unsere Stadt steht, braucht eine gleichberechtigte, offene Diskussion. Die setzt aber die subjektie Wahrnehmung  der Realität/en und -bei allem blinzelnd-lächelnden Blick zurück- immer auch den  Meinungsstreit heute voraus. Sie braucht Kritik und Gegenkritik, Debatte und Diskussion. Wo dies nicht gewünscht ist, entsteht ein Zerrbild, eine Fiktion unserer Stadt. Da muss ich wieder an die lokale Kunstgeschichte denken, nämlich an die früher ausgestellten „schönen Bilder“ auf der Treppe im CEKA-Kaufhaus in der Lookenstraße. Da hing neben dem röhrenden Hirsch, der glutäugigen Zigeunerin auch der Schwarwaldhof. In echt Öl. Das hatte weder mit Kunst noch mit Hirsch, Zigeuner oder Schwarzwald viel zu tun. Gezeigt wurden bloß die Bilder einer Illusion, keine der Realität. Wer das will, braucht kein Internet sondern ein analoges Medium. Es heißt Fotoalbum.

Also stampft den Regelmist schleunig ein. Wenn jemand  hetzt oder Straftaten begeht, kann man dessen Beitrag löschen. Aber sonst darf man es nicht.

Ungeahnt

24. Mai 2012

„Es brennt mal wieder bei Hagedorn!“ Dieses in Osnabrück und Lingen geflügelte Wort bekommt jetzt eine neue, ungeahnte  Bedeutung.  Denn das Chemieunternehmen Hagedorn AG mit dem Sitz in Osnabrück sowie weitere Tochterunternehmen haben gestern beim Osnabrücker Amtsgericht Insolvenzantrag gestellt. So meldete es Abends die Deutsche Presseagentur DPA.

Hintergrund seien „Probleme mit Krediten“, sagte das Unternehmen gestern dazu. Allerdings sei „der operative Geschäftsbetrieb“  stabil und laufe unvermindert weiter. Betroffen sind 134 Mitarbeiter – auch in Lingen. Für sie soll sich nach Angaben des Unternehmens jedoch „zunächst nichts ändern, da sie anstelle ihrer Gehälter Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit“ bekämen. Nicht betroffen vom Insolvenzantrag sind wohl die kunststoffverarbeitende Sparte Hagedorn Plastirol sowie alle Auslandsgesellschaften.

Das Osnabrücker Unternehmen (Foto lks: Firmengründer Anton Hagedorn)  ist mit der Lokalgeschichte mehrfach verbunden; denn 1908 erwarb das damals noch junge Unternehmen von der Schepsdorfer Kirchengemeinde ein Grundstück an der Ems. „Die in Aussicht genommene Parzelle war in landwirtschaftlicher Hinsicht von nur geringem Wert. Entscheidend für den Kirchenvorstand war die Tatsache der Industrieansiedlung überhaupt und die damit verbundenen zusätzlichen und dringend benötigten Steuereinnahmen für die Gemeinde“, berichtet die Firmenchronik und informiert: „1910 konnte die Herstellung von Nitrocellulose als Vorprodukt des Celluloids beginnen. 1911 erfolgte eine Erweiterung der Anlagen (Vergrößerung des Wasch- und Nitrierraumes). Einsprüche des Gutsbesitzers Wess und anderer Landwirte, die die Schädigung von Bäumen, Wiesen und Feldern durch die Ableitung saurer Gase in die Luft befürchteten, wurden im Mai 1911 von den Behörden zurückgewiesen.“

Das Schepsdorfer Werk machte in den Wirtschaftswunderjahren nach dem 2. Weltkrieg regelmäßig Probleme. In die Ems wurde aufgrund der wilhelminischen, unwiderruflichen  wasserrechtlichen Bewilligung tonnenweise schiere Säure geleitet; bis in die 1980er Jahre dauerte es, dass sich dies änderte.  Schlimmer noch: Tödliche Verletzungen erlitten Hermann Brinker und Hermann Kuhl, als am  26. Juli 1955 eine Zentrifuge im Werk an der Emsbrücke ausbrannte. Im Dezember 1977 starben dann Hermann Schomakers und Karl Ottens bei einem weiteren Brand („Verpuffung“) im Schepsdorfer Werk, mehrere Arbeiter wurden schwer verletzt.

Ein Großbrand in der Nacht vom 13. auf den 14. August 1995  vernichtete fast sämtliche Lagergebäude. In Schepsdorf, Darme, Reuschberge und der Innenstadt war es in dieser Sonntagnacht taghell. Die Firma brannte bis zum Montagmorgen , weil das Firmengelände stark mit  der leicht brennbaren Zellulose kontaminiert war. Der Einsatz der Lingener Feuerwehrleute war -man muss sagen- heldenhaft. Erfolgreich verhinderten sie auf der angrenzenden Straße das Übergreifen des Feuers auf die Wohnhäuser. Die Hitze war so groß, dass die Kunststoffjalousien der Wohnhäuser schmolzen, vor denen die Feuerwehrmänner mit Wasserrohren standen.

Skurril wirkte die anschließende Erklärung  des Unternehmens, man gehe von Brandstiftung aus und setze DM 50.000 Belohnung für die Ergreifung der Täter aus; das Geld wurde nie gezahlt, die Brandursache offiziell nie geklärt. Die damalige Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) sowie die Lingener SPD forderten damals die Verlagerung des Standortes des gesamten Werkes, was der Vorstand der Hagedorn AG zurückwies. Dies sei nicht finanzierbar.

Während am 11. Juni 1996 im Rathaus der städtische Verwaltungsausschuss tagte, brannte es dann erneut bei Hagedorn in Lingen-Schepsdorf und die zuständigen Dezernenten eilten nach Schepsdorf; die Sitzung musste stundenlang unterbrochen werden.  Ein dicke schwarze Rauchwolke hing über der westlichen Stadt und so gar das an diesem Sommertag gut besuchte Freibad musste evakuiert werden, was nicht problemlos gelang; orientierungslos standen nicht wenige Sprösslinge anschließend vor dem Freibad und niemand kümmerte sich um sie. Viele Eltern waren in großer Sorge um ihre Kinder. Sogar der damalige DGB-Kreisvorsitzende Helmut Hartmann forderte „die Schließung von Hagedorn jetzt“. Als es dann wenige Tage später auch noch bei Bärlocher Chemie Lingen brannte,  brachte dies das Fass in der Bevölkerung zum Überlaufen.

Wütende Lingener warfen Ingenieur Paul Gerhard Meyer, technischer Leiter des Schepsdorfer Werks,  Unfähigkeit, Schlamperei und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen vor. In  Demonstrationen und Protesten forderten viele Bürger  Konsequenzen, die sie mehrheitlich aber selbst nicht zogen. Zwar gründete sich  im Juli 1996 die  Bürgerinitiative „Brennpunkt Hagedorn“ und forderte die komplette Auslagerung des Werks an einen anderen Standort. Sie scheiterte jedoch bemerkenswert und eindeutig: Bei der Kommunalwahl im September 1996 wählten mehr als 70% der Schepsdorfer die CDU, die sich beschwichtigend für den Erhalt des Hagedorn-Werkes am bisherigen Standort an der Ems eingesetzt hatte.

In den Jahren danach wurde das Schepsdorfer Hagedorn-Werk grundlegend saniert. Erst vor vier Jahren gab es dann wieder Diskussionen um Hagedorn, als die Stadtverwaltung um OB Heiner Pott dem Unternehmen vorschlug, sich im Altenlingener Forst anzusiedeln. Eilig, manche sagen vorschnell, wurde dafür der Bebauungsplan Nr. 20 gezimmert und der Wald abgeholzt, das Gelände gerodet. Hierüber und den Kampf der Bürgerinitiative pro-Altenlingener Forst habe ich vielfach berichtet. Längst ist klar, dass Hagedorn dort nicht mehr produzieren wird. Statt dessen will inzwischen die BP in abgeholzten Areal eine neue Kantine, Verwaltungs- und Werkstattgebäude und die Feuerwehrzentrale, wenn es mal brennen sollte…

(Quelle: Firmenchronik Hagedorn -lesenwert!)