Sehbefehl!

9. September 2017

Jeder Deutsche verbraucht pro Jahr im Schnitt 86 kg Fleisch. Damit ist Deutschland eines der Länder mit dem höchsten Verbrauch weltweit. Das wirft gleich mehrere Probleme auf: Die Tiere, die hier verzehrt werden, stammen großteils aus Massentierhaltung und sind somit systematischer Tierquälerei ausgesetzt. Die Böden und das Trinkwasser werden massiv durch Gülle und Antibiotika belastet, somit steigen die Nitratwerte massiv an.
Billigarbeiter aus Osteuropa verdingen sich in den Tierfabriken für einen Hungerlohn, natürlich ohne ausreichende sozialen Absicherung.

Gleichzeitig war Schweinefleisch – das meist verzehrte Fleisch hierzulande – für den Einzelnen noch nie so billig wie heute. Doch ist es wirklich, wenn man alles zusammenzählt, so billig? Und was hat die Industriemast mit den durch Gülle verseuchten Böden und Trinkwasserbrunnen zu tun, mit über Steuergelder bezahlten EU-Strafzölle für fehlende Umweltauflagen, mit billigen Lohnarbeitern aus Osteuropa? Das Big Business mit dem billigen Fleisch ist ein schmutziges Geschäft.

Noch dies und ganz im Vertrauen für meinen reichlich sympathischen @BlogAgrar-Mitleser Bernhard ‚Buggy‘ Barkmann (Brümsel):
Der Film, den ich hier -s.u.- empfehle, teilt mit, wieviele der in Deutschland verarbeiteten Schweine nicht vom Bauernhof sondern aus industriellen Mastfabriken kommen. Im Vertrauen: Da möchte man gar nicht mehr kauen!  Und, Buggy, ich möchte mit Dir jetzt keine Diskussion darüber, was eine industrielle Mastfabrik ist.

Arte
bietet bis zum 12.09.2017, also gerade noch drei Tage, und ausdrücklich auch für überzeugte Kritiker des sich mutig gegen die Industriemast stemmenden niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Bündnis’90/Die Grünen) die sehenswerte Dokumentation „Armes Schwein – Fettes Geschäft“ von Jens Niehuss online an. Sehbefehl!

(Foto. Schwein! Creative Commons CC0)

Tierfäkalien

3. Juli 2014

Bildschirmfoto 2014-07-02 um 23.55.43 Gülle, kommentiert ein Leser der NDR-Internetseite, ist die harmlose Umschreibung für Tierfäkalien. Und über dieses Scheiß-Thema berichtet der NDR dies:

„In deutschen Ställen werden große Mengen Antibiotika eingesetzt. Allein im Jahr 2012 wurden rund 1.600 Tonnen an Veterinäre abgegeben. Ein Teil der Wirkstoffe gelangt über die Ausscheidungen der Tiere auf die Felder. Das Julius Kühn-Institut in Braunschweig hat jetzt nachgewiesen, dass mit Antibiotika belastete Gülle Bakterien im Boden negativ beeinflussen kann.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass mehr Antibiotika-Resistenzen entstehen können, und das diese häufiger übertragen werden können. Dies könnte zur Entstehung multiresistenter Keime beitragen und…

[weiter beim NDR]

Gülle-County

29. März 2014

Von einem hat das Emsland viel zu viel: Gülle. Das geht aus dem Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer Niedersachsen hervor, der am Mittwochabend im Umweltausschuss des Kreistages in Meppen erörtert wurde. 8.000 Hektar Ackerfläche haben die Bauern im Landkreis Emsland demnach zu wenig, um ihre Gülle auszubringen. Die Folge: Einige Felder werden überdüngt. Und die Situation könnte sich mit der neuen Düngeverordnung noch verschlimmern.

5,5 Millionen Tonnen Dung und Gärreste fallen jährlich in dem Landkreis an. Auch wenn [...weiter beim NDR]

 

Boot

21. März 2012

Es war nichts mit Frühlingsluft. Über der ganzen Lingener Innenstadt lag am letzten Donnerstag ein penetranter Güllegeruch. Diese lokale Folge ungebremster Massentierhaltung in Niedersachsen, erlebt jede/r  selbst. Das zügellose  gewerbliche Wirtschaften hat insgesamt drastische Folgen für die Umwelt und die Gesundheit. Denn weil viel zu viel Gülle anfällt und die Kontrollen der Behörden völlig unzureichend sind, beklagen die Grünen im Landtag eine erhebliche Überdüngung auf den Feldern  in den Kreisen Cloppenburg, Vechta, Grafschaft  Bentheim und natürlich im sich stets dynamisch gebenden Emsland. Hier wird rund 30 % mehr Gülle, Mist und Posphor auf die Böden aufgebracht wird, als die Ackerfläche in unserem Landkreis vertragen kann. Diese unkontrollierte, hemmungslose Überdüngung wirkt sich negativ auf Flüsse, Seen und Grundwasser aus.

Öffentlich bekannt geworden ist dies durch den Vortrag von Franz Jansen-Minßen vor dem 12. Forum Emsländischer Landwirte am 24.02.12 in Meppen. Dort präsentierte der  Landwirtschaftsdirektor  der Landwirtschaftskammer Niedersachsen  erstmalig die Daten der Niedersächsischen Tierseuchenkasse, an die jeder Tierhalter zu einem bestimmten Stichtag die von ihm gehaltenen Tiere melden muss. Diese Zahlen erscheinen insoweit realistisch, als Tierhalter bei einer unvollständigen  Meldung im Schadensfall keine Leistungen aus der Tiersuchenkasse erhalten.  Der Vergleich ist frappierend: Nimmt man die emsländischen Zahlen, dann sind zum Beispiel bei Masthühnern 13.747.387 Plätze genehmigt. Zur Tierseuchenkasse angemeldet sind aber 26.202.874 und damit fast das Doppelte, exakt berechnet sind es +91 Prozent.

Christian Meyer, Agrarpolitiker von Bündnis’90/Die Grünen im niedersächsischen Landtag (Foto lks), legte bei einer Pressekonferenz der Landtagsgrünen einen rund ein Jahr alten Brief der nieders. Landwirtschaftskammer an den Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium  Friedrich-Otto Ripke (CDU und bis 2005 deren nieders. Generalsekretär) auf den Tisch. Schon damals bezog  sich die Landwirtschaftskammer auf Zahlen der Tierseuchenkasse zur Anzahl der Nutztiere in Niedersachsen und wies daraufhin, dass diese erheblich höher sind als in der offiziellen Statistik des Landes: Anstelle von 36,5 Millionen Masthühnern seien es 63,3 Millionen, statt 14 Millionen gebe es offenbar 17,9 Millionen Legehennen und 10,4 Millionen Schweine statt 8 Mio . In Weser-Ems falle deshalb viel mehr Gülle und Hühnerkot an, als die Böden in der Region vertragen könnten. Wenn die Pflanzen Stickstoff- und Phosphorverbindungen nicht mehr aufnehmen könnten, gelangten diese Stoffe in den Boden und ins Trinkwasser. Gegen die schärferen EU-Vorschriften zur Reinheit des Trinkwassers könne damit, sagt das Schreiben, verstoßen werden. Die Grenzwerte werden im Nordwesten Niedersachsens in weiten Bereichen längst überschritten. Zusätzliche Gülletransporte aus den Niederlanden nach Niedersachsen erschweren das Problem; Experten schätzen, dass die Hälfte dieser Transporte aus dem Nachbarland illegal ist.

Nach Auskunft des Niedersächsischen Umweltministeriums im Landtagsausschuss für Umwelt und Klimaschutz vom 07. November letzten Jahres ist inzwischen das Grundwasser auf  59% der Landesfläche  hinsichtlich der Nitratbelastung in einem schlechten Zustand. Das heißt: der deutsche Grenzwert der Nitratbelastung von 50 mg/l wird überschritten. Aus Nitrat kann im menschlichen Körper Nitrit entstehen, dass an der Bildung von krebserregenden Nitrosaminen beteiligt ist. Es gibt Hinweise, dass die Werte in einigen Regionen weiter ansteigen. Übrigens: Der EU- Grenzwert liegt bei der Hälfte des deutschen Wertes und beträgt  25 mg/l.
Da scheint mir der Güllegeruch in Ihrer und meiner Nase fast noch als kleines Problem. Denn in der langjährigen Lingener Diskussion um neue Massentierhaltungen habe ich immer gesagt, das Boot sei voll. Jetzt erfahren wir, was man uns verschwiegen hat; denn immerhin saßen die Organisationen der Landwirte bei den Beratungen über das so genannte „Lingener Modell“ mit am Tisch. Dass das Boot gerade untergeht, weil längst viel mehr hineingeladen wurde, als genehmigt und vor allem möglich, haben uns diese Organisationen nicht gesagt. Gewusst haben sie es.

EHEC

2. Juni 2011

Fast 20 Todesfälle und 2000 Ehec-Verdachtsfälle gibt es heute in Deutschland.  In den letzten 24 Stunden ist die Zahl von 1500 auf 2000 gestiegen. Einen Monat nach Ausbruch der Darminfektion Ehec steigt die Zahl der Erkrankungen dramatisch weiter an, obwohl die Verbraucher immer vorsichtiger werden. Heute wurde bekannt, dass das aktuelle, so gefährliche Bakterium eine bisher noch unbekannte Variante zweier Bakterien ist. Das Beunruhigende für mich ist, dass die Suche nach den Ursachen bisher ergebnislos ist. Über Ehec schrieb nämlich der Spiegel immerhin schon 1996 Aufschlussreiches,

Etwas Nachdenken ergibt: Es ist erst einmal ein deutsches, ein hier entstandenes Problem. Die gegenwärtig rund 100 Ehec-Patienten im (west- und nordeuropäischen) Ausland waren – soweit bekannt – alle in Deutschland. Der zunächst eingegrenzte Bereich des Ausbruchs war Norddeutschland. Die in Verdacht geratenen spanischen Gurken sind nicht der Auslöser. Exportierte Waren, beispielsweise aus Spanien, halten sich ohnehin nicht an Ländergrenzen oder Bereiche; Waren strömen durch Wiederverkauf in unterschiedlichste Regionen und Länder. Es gibt also eine andere Ursache als Gurken aus dem Süden Europas. Mittlerweile wird auch in Richtung Terroranschlag ermittelt. Warnungen dazu gäbe  es schon länger. Doch dagegen spricht die fehlende Wucht zeitgleicher Ausbreitung.

Was also dann? Gülledüngung und das Ausbringen von Gärresten von Biogas-Anlagen sind ins Gerde gekommen. „Man kann sich das vorstellen, nachgewiesen ist es aber nicht“, hat Ingo Ludwichowski, Sprecher des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein zur Presse gesagt. Er betonte allerdings, dass Gülle jetzt ausgebracht werden darf. „Die jungen Pflanzen nehmen das auf.“ Die Frage sei, ob „nicht zu viel Gülle“ auf die Felder gelange.

Ernst-Günther Hellwig von der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) im münsterländischen Horstmar-Leer hält sich da nicht zurück: „Es ist möglich, dass die EHEC-Erreger aus Biogas-Anlagen kommen.“ Sein Ansatz: Befeuert werden Biogas-Anlagen mit Mais oder Gras sowie Mist und Gülle, die EHEC-Erreger enthalten können. Die gefährlichen Bakterien werden mit der Restgärmasse auf die Felder gebracht und verseuchen somit das Gemüse. „Und wenn es lange Zeit nach der Ausbringung der Gärreste nicht regnet, wird das Substrat auch nicht von den Pflanzen abgewaschen“, erinnert der 54-jährige Veterinär daran, dass es wochenlang keinen Regen im Norden gab.

Der Fachverband Biogas e.V. hat dies sofort „entschieden zurückgewiesen“. Die Vermutung, mit EHEC kontaminierte Gülle sei auf Gemüsefeldern ausgebracht worden und Ursache der aktuellen Epidemie entbehrt jedem fachlichen Sachverstand. „Abgesehen davon, dass Gärprodukte aus Biogasanlagen in der Regel ohnehin nicht im Gemüseanbau verwendet werden, ist eine Anwendung kurz vor der Ernte widersinnig, da die Pflanze zu diesem Zeitpunkt keine Nährstoffe mehr benötigt“, erklärte  Claudius da Costa Gomez, Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas. Gedüngt werde vor oder kurz nach der Aussaat – „aber sicher nicht kurz vor der Ernte.“

Also: „Es gibt keinen belegbaren Zusammenhang zwischen der aktuellen EHEC-Epidemie und dem Betrieb von Biogasanlagen“, unterstreicht da Costa Gomez und legt nach: Es seien „zum wiederholten Mal die unsachlichen Äußerungen eines Ernst-Günther Hellwig, die zu der aktuellen Verunsicherung der Verbraucher führen“. Erneut schieße Hellwig „ohne jegliche Sachkenntnis oder wissenschaftliche Untersuchungen gegen die Biogasbranche“. Dabei stelle er Thesen auf, die nicht zu belegen sind und ignoriere anerkannte Forschungsergebnisse. „So beweisen beispielsweise zahlreiche Untersuchungen eine signifikante Reduzierung von E-coli in Biogasanlagen, zu dessen Stamm auch das Ehec-Bakterium gehört. Nach einer Hygienisierung in Biogasanlagen, bei der das Gärsubstrat mindestens eine Stunde auf 70 Grad erhitzt wird, ist der Erreger nach Angaben des Umwelt- und Tierhygienikers von der Universität Hohenheim, Dr. Werner Philipp, mit Sicherheit inaktiviert.“

Allerdings werden in den meisten Biogasanlagen „nachwachsende Rohstoffe“ („Kategorie I“) verwendet. Die Anlagen haben eine Betriebstemperatur um die 40 Grad, sagt mir ein Branchenkenner und erläutert: „Diese Anlagen haben keine  Hygienisierung, da wird das Input vorher nicht erhitzt. Daher erfolgt da auch keine Minimierung von Keimen – auch nicht , wenn vielerlei Getier bei der Maisernte mit in den Häcksler gelangt.“

Die Einsatzstoffe in anderen Anlagen der Kategorien II und III, das sind zB nicht für den menschlichen Verzehr nach der EG 1774 aus 2002 geeignete Schlachtabfälle, müssen zwar in Abhängigkeit der Zerkleinerung bei 70 Grad Celsius hygienisiert bzw bei 120 Grad Celsius sterilisiert werden.  Aber ich überlege gerade, in welchen Biogasanlagen dies sichergestellt ist und kontrolliert wird. Eine eingestandermaßen spekulative Fragestellung, aber doch zulässig, solange die Ehec-Ursachen nicht geklärt sind.
Und: Ob die Ehec-Epedemie womöglich jenseits der Suche nach der Quelle eine Reaktion der Natur auf unsere Art ist, Nahrungsmittel zu erzeugen? Buggy, wat meinste?
(Quelle; Foto oben: EHEC-Bakterium auf Darmflora; Quelle: http://www.biotechnologie.de); Foto unten: Biogasanlage in Ronnenberg, © biogastour2010, flickr CC)

zuhause

10. August 2008

Nach ein paar Tagen Urlaub bin ich nach Lingen zurück. Es war wie immer: Bei der Einfahrt erwartete mich der „Kraut-und-Rüben“-Kreisverkehr an der Lindenstraße, der seit 18 Monaten vor sich hin gammelt. Offenbar kommt niemand auf die Idee, diesen Eingang in die Stadt, mit dem Besucher empfangen werden, zumindest mit ein paar Blumen zu bepflanzen und die Pflanzbeete um den Kreis herum von Unkraut und Dreck zu befreien und vielleicht auch endlich mal die Zufahrt aus dem Kreisverkehr zum benachbarten Parkplatz zu öffnen. Ein paar Meter weiter lag rechter Hand immer noch die unendliche Denkmal-Drecktankstelle an der Rosemeyer-Straße, über die auch seit Jahrzehnten nur lamentiert wird, aber nichts geschieht, obwohl es sich doch anbietet, dass die Stadtwerke dort eine Erdgastankstelle einrichten.
Am Markt war der Magnolien-Hain nebst „felsenbirnigen“ Betonkübeln weiterhin so großartig gescheitert wie vor meiner Abreise, und der Boden um die restlichen Magnolien ist immer noch aufgerissen (Motto: „Bloß keine Erde einfüllen!“), die Löcher waren aber inzwischen durch emsländisch-elegante Holzbretter abgesichert, und die von Freund Hein (wem der nichts sagt, der kann mit Blick auf  die abgesägten Großplatanen auch an Hein Blöd denken) heimgesuchte Magnolien-Pflasterfläche ist weiterhin ein Mahnmal für blinden und teueren Aktionismus.
Der heimische Kühlschrank sah dann ähnlich aus, weil der werte Nachwuchs absprachewidrig nicht eingekauft hatte. Also bin ich zum ALDI nach Altenlingen gefahren, wo es unverhofft so heftig nach Sch… stank, dass ich die freundliche Mitarbeiterin fragte, ob der Abwasserrohrbruch schon behoben sei. „An so etwas haben wir auch erst gedacht“, meinte die gute Frau. Es sei aber nichts dergleichen. Vielmehr hätten die Altenlingener Landwirte  ihre Gülle auf die benachbarten Felder geschüttet.
Da war mir schlagartig klar: Der Urlaub 2008 ist vorbei. Ich bin wieder zuhause.