aus Lingen?

8. März 2019

Gestern las ich: „Die vor acht Jahren bei der Atomkatastrophe in Fukushima in den Reaktoren geschmolzenen Brennelemente stammten nach Angaben von Umweltschützern aus Niedersachsen aus Lingen.“ Der japanische AKW-Betreiber Tepco habe zu den Kunden der Framatome-Brennelementefabrik in Lingen gehört. Das hatte zuvor Heiner Baumgarten, Landesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), in Hannover. gesagt

Er erinnerte daran, dass in Lingen ungeachtet des deutschen Atomausstiegs weiter atomare Brennstäbe produziert werden. Die Lingener Brennelementefabrik hat in der Tat seit rund 40 Jahren insgesamt 25.000 Brennelemente produziert. Mit Brennelementen aus Lingen werden auch die belgischen „Pannenreaktoren“ wie Tihange 2 und Doel versorgt, deren sofortige Schließung auch die nordrhein-westfälische CDU/FDP-Landesregierung fordert. Baumgarten verlangte, die Bundesregierung müsse den Exportstopp und die Schließung der“Atomfabrik“ in Lingen verfügen.

„8 Jahre nach dem Entschluss zum Atomausstieg wollen Energiekonzerne das Ende dieser hoch gefährlichen Technologie anscheinend immer noch nicht hinnehmen und es über das Jahr 2022 hinausschieben“, kritisierte der BUND-Landesvorsitzende. So solle beispielsweise die Laufzeit des niedersächsischen Atomkraftwerkes Grohnde mit Reststrommengen bereits abgeschalteter Reaktoren verlängert werden. Derzeit versuche E.on, per Klage gegen Vattenfall Stromproduktionsrechte aus den AKW Krümmel und Brunsbüttel auf andere Reaktoren zu übertragen. „Der BUND fordert, das AKW Grohnde umgehend abzuschalten, anstatt die Laufzeiten mit Tricks zu verlängern“, so Baumgarten.

Was aber ist zu Baumgartens Lingen-Fukushima-Behauptung zu sagen? Nach einem Erdbeben und anschließenden Tsunami hatte sich bekanntlich vor fast genau acht Jahren, nämlich am 11. März 2011 im japanischen Fukushima das schwerste Unglück der zivilen Atomkraftnutzung ereignet. In drei Reaktorblöcken kam es zu Kernschmelzen.

Stammten die geschmolzenen Brennelemente in Fukushima  aus Lingen? Allerdings hatte der Areva-Konzern (heute: Framatome)  Brennelemente nach Fukushima geliefert. Es waren sog.  Mischoxid-Brennelemente, kurz: MOX-Brennelemente (MOX = Mischoxid). So heißen die Brennelemente, die neben Urandioxid ein weiteres Oxid enthalten, meistens  und auch in Fukushima Plutoniumdioxid.

Solche plutoniumhaltige Brennelemente werden in Deutschland zwar eingesetzt (seit 2004 auch im AKW Lingen mit jeweils etwa 6t jährlich), aber sie werden hierzulande nicht produziert. Auch nicht in Lingen. Die weltweit größten Anlagen zur Herstellung von MOX-Brennelementen sind bzw. waren neben Sellafield MOX Plant im nordenglischen Sellafield (GB) zwei Anlagen: in Frankreich die Anlage Melox, Nuklearanlage Marcoule und in Belgien die Franco Belge de Fabrication de Combustible nahe Dessel.  Aus einer dieser beiden Brennelemntefabriken dürften die MOX-Elemente stammen, mit denen dann der explodierten Reaktor 3 von Fukushima beladen wurde. Beide Fabriken betreibt der AREVA-Konzern.

Die FukushimaBrennelemente stammen also nicht us Lingen. Die falsche Behauptung des BUND-Mannes Baumgarten dürfte nach meiner Einschätzung darin begründet sein: Produzent der in Fukushima eingesetzten und geschmolzenen MOX-Elemente ist eine Brennelementefabrik desselben Areva-Konzerns, der heute Framatome heißt, und der in Lingen die Brennelementefabrik betreibt. Da hat Baumgarten offenbar geschlussfolgert, di Areva-Brennelemte in Fukushima müssten ausLingen sein. Das ist aber falsch. Genauso wie die Behauptung des Grünen-Politikers Jürgen Trittin, mittels ANF Lingen würde die US-Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen gefördert.

Mich ärgern solche argumantativ-handwerklichen Fehler und Aussagen von Anti-Atom-Mitstreitern deshalb, weil sie es den blauäugigen Befürwortern der Atomkraft leichter machen, uns eine Energie-Technologie anzudrehen, deren Abfälle heute wie in Hunderttausenden von Jahren (!) sicher (!) eingeschlossen werden müssen, weshalb es bis heute keine funktionierende Endlagerung gibt.

Die fehlerhafte Darstellung Baumgartens ändert allerdings nichts daran, dass seine Forderung richtig ist, die Brennelementefabrik in Lingen zu schließen. Auch der Bundesrat hat daher jetzt gefordert, den Export der Brennelemente zu verbieten. Wenn dann die deutschen AKWs abgeschaltet werden, gibt es schlicht keinen Bedarf mehr für Brennelemente aus Lingen. ANF hat keine Zukunft.

Übrigens:
An den Super-GAU in Fukushima erinnern Atomkraftgegner in diesen Tagen mit zahlreichen Kundgebungen und Mahnwachen. In Niedersachsen und Bremen gibt es am Wochenende und am Montag in rund 15 Orten Aktionen. Bundesweit sind etwa 75 Veranstaltungen angekündigt, keine in Lingen übrigens. Der BUND hatte gestern dazu aufgerufen, am Samstag im benachbarten Ahaus  gegen Atomkraft und Castortransporte zu demonstrieren.

Update: Auch in Lingen gibt es eine Demonstration, wie ich gerade erfahre (Danke, Bernd!). Am Montag, 11. März findet ab 18 Uhr vor dem Hist. Rathaus ein halbstündiger Schweigekreis als Mahnwache statt.

Sicherheitslücken

1. Oktober 2012

Der SPIEGEL weiß:

„…Als Reaktion auf das Atomunglück im japanischen Fukushima hat die EU europaweit alle 145 Nuklearreaktoren – aktive und stillgelegte – auf ihre Sicherheit geprüft. In Deutschland waren es zwölf Anlagen: Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Emsland, Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen, Isar, Krümmel, Neckarwestheim, Philippsburg, Unterweser. …

Die Inspektion der Meiler hat ergeben, dass auch deutsche Anlagen Sicherheitslücken haben, berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf den ihr vorliegenden Stresstest-Abschlussbericht (Stand September). Bei allen zwölf in Deutschland geprüften Kraftwerken müssten die installierten Erdebebenwarnsysteme nachgebessert werden. Bereits frühere Studien hatten die Bebensicherheit deutscher AKW in Frage gestellt. Zudem seien laut Stresstest die Leitlinien für schwere Unfälle nicht umgesetzt. …

Bei allen geprüften deutschen AKWs werden die zwei genannten Punkte bemängelt. Über einen ersten Entwurf des Berichts hatte zuvor auch die Tageszeitung Die Welt berichtet.“

 

Nein danke

19. Mai 2011

Samstag geht das mehrheitlich dem RWE-Konzern gehörende Lingener Atomkraftwerk (Kürzel „KKE“) wegen technischer Prüfungen für etwa drei Wochen vom Netz. Während der jährlichen Routine-Untersuchung werden unter anderem 44 der 193 Brennelemente ausgetauscht. Außerdem überprüfen mir nicht näher bekannte „Experten“ alle übrigen Brennelemente und Teile des Kern- und Reaktordruckbehälters. 41 ältere Steuerelemente werden gegen neue ausgewechselt , eine Hauptkühlpumpe und Schweißnähte im Kühlsystem kommen ebenfalls auf den Prüfstand.Die Revision kostet nach Angaben der Betreiber 25 Mio Euro. Pfingsten, also rechtzeitig zum Kivelingfest soll der Meiler wieder ans Netz.

Auch dann ist das AKW in Lingen aber noch nicht gegen Flugzeugabstürze oder entsprechende Stresstests gesicher, weil:  „Ich hatte bislang noch keine Zeit, den 116 Seiten langen Report durchzuarbeiten“, sagte der Leiter des AKW Lingen, Horst Kemmeter zum NDR. Das solle jetzt aber so bald wie möglich geschehen…

In Niedersachsen ist übrigens seit Anfang Mai auch das Atomkraftwerk Grohnde (Kreis Hameln-Pyrmont; Mehrheitseigentümer E.ON) für die jährliche Revision abgeschaltet. Dort war auch ein Brennelementeschaden  aufgetreten. Das EON-AKW Unterweser ist seit dem 18. März offiziell für drei Monate  vom Netz. Also: Kein Atomstrom zurzeit aus Niedersachsen. Batterien oder Dynamos müssen wir uns trotzdem nicht kaufen. Bei Lichte besehen erkennen wir nämlich: Es geht schon heute viel mehr ohne Atomkraft, als die Betreiber behaupten.

ps:  Atomkraft: Schluss!
Großdemonstrationen in 21 deutschen Städten am Samstag, 28. Mai 2011
:

DresdenErfurtMagdeburgBerlinGüstrowKielHamburgBremenHannoverGöttingenMünsterEssenBonnMainzFrankfurt am MainMannheimFreiburgUlmMünchenLandshutFürth

(Quellen dpa/lni, NDR, nadir.org Foto: AKW in Lingen, (c) dendroaspis2008)

Tuning

28. März 2011

Die Atomkraft-Konzerne RWE und Eon wollen nach Darstellung des Magazins „Der Spiegel“ die Leistung von deutschen Atomreaktoren steigern. Dies gilt auch für das Lingener „Kernkraftwerk Emsland“. Einen entsprechender Antrag hat die Betreibergesellschaft bei den Aufsichtsbehörden eingereicht.

Die Leistungserhöhung wäre nicht die erste. Bei Inbetriebnahme 1988 betrug die Leistung 1.316 MWe. Die derzeitige Reaktorleistung von 1.400 MWe ergibt sich aufgrund einer thermischen und mehrerer elektrischen Leistungserhöhungen, die nachträglich beantragt und genehmigt wurden.

Dem „Spiegel“ zufolge sollen aus vier jüngeren Kraftwerken Emsland, Grohnde, (beide Niedersachsen) Gundremmingen und Grafenrheinfeld (beide Bayern) künftig (noch) mehr heraus geholt werden. Alle vier sind im Rahmen des sog. Atommoratoriums nicht abgeschaltet worden.

Über den Antrag der Betreibergesellschaft für das AKW Emsland hat das niedersächsische Umweltministerium unter seinem Minister Hans-Herinrich Sanders (FDP) schon im vergangenen Jahr positiv entschieden. Das Bundesumweltministerium forderte im Februar allerdings weitere Unterlagen des Antragstellers für die Entscheidung. Denn mehr Leistung birgt Sicherheitsrisiken. „Es ist ein bisschen wie bei aufgemotzten Autos, die schneller kaputtgehen“, sagte Wolfgang Renneberg, Ex-Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Ministerium, zum „Spiegel“. Bei dem Lingener Druckwasserreaktor etwa wird die Temperatur im Reaktor ansteigen. Versagt dann das Kühlsystem, bleibt den Technikern deutlich weniger Zeit, die Anlage zu stabilisieren.

 

Nachtrag: Bündnis’90/Die Grünen kritisieren den niedersächsischen Umweltminister. Der weist die Kritik zurück. Mehr…

(Foto KKE: © dendroaspis2008 flickr)

Stadland/Grohnde/Lingen

13. September 2010

Die Süddeutsche Zeitung hat die Reaktionen in den drei niedersächsischen Kommunen ausgewertet, die von einer möglichen Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke betroffen sind. Hier (fast ganz) im Wortlaut das dpa-Extra der Süddeutschen, das Einblicke in die offizielle Lingener Politik enthält – auch die Aussage, dass Ralf Büring parteilos sei:

Längere Laufzeiten an Standorten in Niedersachsen umstritten

Die drei Atomkraftwerke in Niedersachsen werden nach den Plänen der Bundesregierung noch viele Jahre am Netz bleiben. Damit sind Arbeitsplätze und Gewerbesteuer- Einnahmen an den Standorten weiterhin gesichert. Bei den betroffenen Kommunen stoßen die längeren AKW-Laufzeiten jedoch auf geteilte Meinungen.

«Einerseits sehe ich natürlich durchaus die Vorteile, gerade was Arbeitsplätze angeht. Auf der anderen Seite sind aber die Risiken: Keiner weiß, was für Probleme entstehen, wenn ein Meiler älter wird», sagte der Bürgermeister von Emmerthal, Andreas Grossmann (SPD), am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. In seiner Gemeinde befindet sich der Atommeiler Grohnde, der nach bisheriger Planung 2018 vom Netz gehen sollte. Nun darf er wohl bis 2032 weiterlaufen.

Dadurch wachse der Berg von Atommüll im Zwischenlager direkt am Kraftwerk im Kreis Hameln-Pyrmont weiter, ohne dass absehbar sei, wo ein Endlager entstehen solle, kritisierte Grossmann. Die Kommunen müssten zudem etwas von den geplanten Sonderabgaben für die Energiekonzerne abbekommen. Denn ein Atomkraftwerk sei auch ein Standortnachteil, beispielsweise für den Tourismus.

So sieht es auch der Erste Stadtrat von Lingen, Ralf Büring (parteilos), wo das Kraftwerk Emsland nun bis 2034 Strom liefern soll. Die zusätzlichen Abgaben würden die Gewinne der Energieversorger schmälern, so dass diese weniger Gewerbesteuer zahlen müssten. «Wir möchten nicht schlechter dastehen als bisher.» Zugleich forderte er, dass die Sicherheit des Kraftwerks in Zukunft gewährleistet bleiben müsse. «Ich habe Verständnis für die Laufzeitverlängerung, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen.»

Der Bürgermeister der Gemeinde Stadland, wo Niedersachsens ältester Atomreaktor steht, begrüßt dagegen das Energiekonzept der Bundesregierung ohne Einschränkung. «Das Kernkraftwerk möge so lange laufen wie technisch vertretbar», sagte Boris Schierholz (parteilos). Bereits im vergangenen Jahr habe der Gemeinderat mehrheitlich für eine Verlängerung gestimmt. Eigentlich sollte das AKW Unterweser schon 2012 abgeschaltet werden. Jetzt ist eine Verlängerung bis 2020 vorgesehen. Für die strukturschwache Region im Kreis Wesermarsch sei das Kernkraftwerk von großer Bedeutung, betonte Schierholz.

….“

(aus Süddeutsche und HAZ; Foto: dendroaspis2008, flickr.com)