„lingering traditions“

8. Februar 2022

Travel + Leisure ist ein großes Reisemagazin mit Sitz in New York City, USA. Es erscheint zwölf Mal im Jahr und hat laut Corporate Media Kit 4,8 Millionen Leser. Eigentümer und Herausgeber ist Travel + Leisure Co. Und ausgerechnet dieses internationale Magazin hat am vergangenen Samstag unser Städtchen an der Ems entdeckt – neben elf anderen „Small Towns in Germany“ nämlich Flensburg, Stralsund, Görlitz, Passau, Heppenheim, Kehlheim, Bad Reichenhall, Gößweinstein, Tübingen, Lüneburg und Wolfenbüttel. Die Schlagzeile über all dem: „Kommen Sie wegen der Kneipen, bleiben Sie wegen der wunderschön erhaltenen Architektur.“

Es hilft nichts, jetzt Kopf schüttelnd darauf hinzuweisen, dass Lingen so viele historische Gebäude in der ganzen Stadt hat wie die anderen genannten Kommunen in einer einzigen Straße. Stattdessen soll sich bitte die Tourist-Information im Rathaus lernend der englischen Sprache zuwenden, die QR-Codes zweisprachig aufzupimpen und die Gastronomen tun gut daran, Speise- und Getränkekarten in selbiger zu entwerfen und vorzuhalten. Außerdem müssen auch die Händler des ausdrücklich erwähnten Lingener Wochenmarktes Fremdsprachenunterricht nehmen. Alle mögen sich auch auf Zahlungen per Kreditkarte vorbereiten. Denn spätestens Pfingsten beim Volksfest der Kivelinge 2022, das es als gemeinsames Fest mit den Bürgerschützen geben soll, sind die Amis da. Sie haben nämlich unter einem blitzsauberen Foto vom Hist. Rathaus nebst ungekürzter Marktplatz-Linde diese Zeilen von Summer Rylander gelesen, die über Essen, Reisen und Kultur schreibt:

„If rivers seem like a common theme among German cities, you won’t be surprised to learn that Lingen overlooks the Ems River. This little town’s long history (dating back to 975) is reflected in its collection of historic buildings, twice-weekly farmers markets, and „lingering traditions“. For a unique experience, time your visit to Lingen during the triennially hosted Kivelingsfest — a celebration of medieval crafts and culture.“

Na bitte:

Spoiler:
Auch die Schilder an den Stadteingängen Lingen – Hochschulstadt sollten jedenfalls wieder durch Lingen (Ems) – Stadt der Kivelinge ersetzt werden. Hochschulen gibt es „in Germany“ viele, Kivelinge sind einzig.

 

Bollwerk

17. Juni 2019

„Die kleine ostdeutsche Stadt Görlitz mit ihren 56. 000 Einwohnern an der polnischen Grenze hat es bewiesen: die Zivilgesellschaft lebt, das Bündnis der Anständigen ist stabil und nach wie vor mehrheitsfähig. Der CDU-Kandidat ist in Görlitz zum Oberbürgermeister gewählt worden, obwohl im ersten Wahlgang ein AfD-Mann deutlich vorne gelegen hatte. Zudem ein CDU-Mann, der mit seiner rumänischen Herkunft so gar nicht dem “biodeutschen” Herrenmenschenbild entspricht.

Zu verdanken hat es die Stadt den Grünen, die lange Zeit im Osten Deutschlands nur eine untergeordnete Rolle spielten. Weil die grüne Kandidatin, die im ersten Wahlgang erstaunliche 27,9 Prozent der Stimmen erhielt, den CDU-Mann zur Wahl empfahl.

Diese Wahl hat bewiesen, dass auch Osten nichts mehr ohne die Grünen geht. Nicht ist so falsch, wie die Wahlanalyse nach der Europa-Wahl, der Osten sein blau, sprich AfD, und nur der Westen grün.

In Wirklichkeit ist das Bild viel differenzierter. Grün kommt auch im Osten: 20,2 Prozent in Leipzig, 23,2 in Potsdam, 17,7 in Rostock, 20,4 in Jena und 17,7 Prozent in Dresen. Dies waren Ergebnisse der Europa-Wahl. Auch in Ostdeutschland gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. In dem kleineren Kommunen schwächer, aber in den Großstädten und mittleren Städten stark –  so präsentierten sich die Grünen.

Und ihr Einfluss wird bei den drei Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen weiter steigen. Es wird in keinem Land möglich sein, eine Regierungskoalition jenseits der AfD ohne die Grünen zu bilden.

Sie sind das unverzichtbare Bollwerk gegen rechts. Und erhalten damit ein wichtige Rolle weit über das Thema Klimawandel hinaus.

(Die Analyse von Michael Spreng im Blog Sprengsatz)