Der niedersächsische Landkreis Gifhorn zwingt eine alleinerziehende Mutter und ihre sieben Kinder zum Umzug aus eigener Wohnung in eine Sammelunterkunft. Flüchtlingsrat Niedersachsen fordert:
Lasst die Familie weiter in ihrer Wohnung leben!

Der Landkreis Gifhorn zwingt die Familie in eine Sammelunterkunft  – weil die Familie ihre Wohnung – auf eigene Kosten -, allerdings „ohne Erlaubnis“ renoviert hat. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen kritisiert dies als „absurd“ und „rechtswidrig“ und fordert den Landkreis Gifhorn auf, die moldauische Familie N. „schlicht weiter in ihrer Wohnung leben zu lassen.“

Familie N.. wandte sich in der Vergangenheit bereits mehrfach erfolglos an den Landkreis Gifhorn und bat darum, ihre Wohnung in Osloß, die sie seit mehr als zwei Jahren bewohnt, renovieren zu dürfen. Dabei war der alleinerziehenden Frau N., die an schwergradigem Asthma leidet, vor allem daran gelegen, den bereits durch die Vormieter genutzten, stark verschmutzen und verstaubten Teppich, der sich trotz intensiver Bemühungen nicht mehr reinigen ließ, zu entfernen. Der Landkreis verweigerte dies, obwohl Frau N. diesem – wie verlangt – sogar ein ärztliches Attest vorlegte, wonach die Beschaffenheit des Teppichs ihre Atemwegsbeschwerden verstärke, weshalb es aus medizinischer Sicht geboten sei, ihn zu entfernen.

Nachdem es Frau N. gesundheitlich zunehmend schlechter ging, weil es ihr immer schwerer fiel, in ihrem eigenen Hause zu atmen, ersetzte sie den Teppich dennoch – auf eigene Kosten – durch Laminat, um einer weiteren Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes vorzubeugen. Zudem tapezierte die Familie – ebenfalls auf eigene Kosten – sämtliche Wände, um ihr Zuhause wohnlicher zu gestalten. Nunmehr verlangt der Landkreis Gifhorn von Frau N. und ihren sieben Kindern im Alter zwischen zwei und 17 Jahren, die Wohnung spätestens bis zum 05. August 2020 zu räumen und in die Flüchtlingsunterkunft in Ehra-Lessien zu ziehen. Für den Fall, dass die Familie sich dem widersetzt, droht der Landkreis damit, die Wohnung gewaltsam räumen zu lassen.

Muzaffer Öztürkyilmaz, Referent des Flüchtlingsrats Niedersachsen:

„Das Vorgehen des Landkreises ist absurd. Der Landkreis hat die gesundheitlichen Beschwerden der Frau N. monatelang ignoriert und bestraft die Familie nun dafür, ihre Wohnsituation eigenständig verbessert zu haben. Er zwingt die Familie inmitten in der Corona-Pandemie, in eine Sammelunterkunft zu ziehen – und dies, obwohl es für Menschen angesichts der Enge in solchen Unterkünften bekanntermaßen unmöglich ist, die Corona-Schutzmaßnahmen und Abstandsregeln einzuhalten.“

Das Vorgehen das Landkreises gegenüber der Familie N. ist nicht nur faktisch absurd und gesundheitsgefährdend, sondern steht auch juristisch auf sehr tönernen Beinen.

Muzaffer Öztürkyilmaz:

„Das Ganze ist auch rechtswidrig. Es unverhältnismäßig die Familie zum Auszug zu zwingen, weil sie die Wohnung ohne Erlaubnis renoviert und damit im Ergebnis aufgewertet hat. Da Frau N. alleinerziehend ist und ihre Kinder minderjährig sind, dürfen sie nach der EU-Aufnahmerichtlinie im Übrigen nur dann verpflichtet werden, in einer Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen, sofern sie dort ausschließlich mit anderen Alleinerziehenden und ihren minderjährigen Kindern untergebracht werden. Solche eine spezifische Unterbringungsmöglichkeit existiert in Ehra-Lessien jedoch nicht.“

Ein Zwangsumzug von Osloß nach Ehra-Lessien würde für die Familie zugleich den Verlust ihres bisherigen Lebensumfeldes bedeuten und ihr den Alltag erschweren. Die Kinder haben sowohl in Osloß als auch im Kindergarten bzw. in der Schule schnell Anschluss gefunden, sich in Vereinen engagiert und Freundschaften geschlossen. All dies müssten sie hinter sich lassen. Die älteste Tochter würde bei einem Umzug täglich statt einer halben ca. 2 Stunden benötigen, um ihren Ausbildungsbetrieb in Wolfsburg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Muzaffer Öztürkyilmaz:

„Wir fordern den Landkreis Gifhorn auf, die Familie schlicht weiter in ihrer Wohnung leben zu lassen, anstatt sie durch absurde und rechtswidrige Maßnahmen zu schikanieren und ihre weitere Integration absichtlich zu erschweren.“

Für alles verantwortlich ist im Übrigen der Landrat Dr. Andreas Ebel. Ebel gehört der CDU an.

Rukeli

16. Mai 2011

In Hannover erinnert noch bis zum 30. Juni ein „temporäres Denkmal“ an den deutschen Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann. Am 9. Juni 1933 stieg der Hannoveraner als Deutscher Meister im Halbschwergewicht aus dem Ring des Berliner Sportpalastes. Eine Woche später erkannte der Boxsportverband den Titel wieder ab, wegen „armseligen Verhaltens“ (wohl unter dem Vorwand von Trollmanns Freudentränen nach dem Sieg).  Nach anderen Quellen seien  „ungenügende Leistungen“ der Grund gewesen sein, die Johann Trollmann und sein Gegner Adolf Witt gezeigt hätten; der Meistertitel wurde in diesem Jahr nicht vergeben. Der wahre Grund: Für die Nationalsozialisten stellte der Sieg des „nicht-arischen“, sinto-deutschen Boxers  eine ideologische Bedrohung dar. Denn der junge Trollmann war ein Liebling des Publikums, das ihn für seinen tänzelnden Stil bewunderte.

Nach dem Verlust des Meistertitels war es mit der Boxkarriere vorbei: Die NS-Sportfunktionäre verboten Trollmann, seine charakteristische Beinarbeit einzusetzen und verlangten, „deutsch“ und nicht mehr „zigeunerhaft“ zu kämpfen. So boxte Trollmann im Juli 1933, seiner Technik beraubt und sich der Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst, mit hell gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut gegen Gustav Eder – und wurde k.o. geschlagen.

Seit Donnerstag auf dem Hannoveraner Ballhofplatz das Skultpur, ein abgeschrägter Boxring, den die Berliner Künstlergruppe NURR und Florian Göpfert kreiert haben. Ganz in der Nähe war der 1907 nahe Gifhorn geborene Trollmann in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen; hier ist seit einigen Jahren auch eine Straße nach ihm bekannt.

1928 ging er nach Berlin, wo er fünf Jahre später seinen größten sportlichen Triumph erzielte. Die Nationalsozialisten verfolgten dann zunehmend die deutschen Sinti; 1942 ordnete Heinrich Himmler die Deportation aller Sinti an. Johann Trollmann (Foto lks) verschleppten die Schergen in das Hamburger Konzentrationslager Neuengamme. 1944 wurde er im Außenlager Wittenberge erschlagen. Im Jahr zuvor war sein 27-jähriger Bruder Heinrich („Stabeli“) in Auschwitz ermordet worden. An beide erinnern Stolpersteine im Hannoveraner Kreuzkirchenviertel.

Jahrelang war Trollmanns Schicksal vergessen, erst Ende 2003 übergab der Bund Deutscher Berufsboxer den aberkannten Meistergürtel symbolisch an seine Familie. „Seit 2003 tue ich alles dafür, seine Geschichte weltweit bekanntzumachen und ihm die gestohlene Ehre wiederzugeben“, sagte bei der Denkmaleinweihung Manuel Trollmann, der Großneffe des Boxers.  In Berlin sind inzwischen eine Sporthalle und ein Box-Turnier nach Trollmann benannt. Dort lebt auch Trollmanns Tochter Rita Vowe. „Das hier ist etwas ganz Besonderes für mich. Ich wusste gar nicht, dass mein Vater jetzt so geehrt wird“, sagte die 76-Jährige.

Quellen: Hamburger Abendblatt, NDR, Erinnerung und Zukunft, Familienseite

Gifhorn

4. März 2011

Tod in Gifhorn. Die taz berichtet über den Suizid eines zermürbten verzweifelten Menschen. Er war 15 Jahre lang geduldeter Asylbewerber. Am Ende verließ den von der Ausländerbürokratie zerbrochenen Mann jede Kraft. Hier der Bericht der taz aus Bremen:

Den zwei Schülerinnen bot sich ein grausiges Bild: Am Dienstagnachmittag beobachteten die beiden 14 und 15 Jahre alten Mädchen am Gifhorner Bahnhof, wie ein Mann vom Bahnsteig herabstieg und langsam seinen Kopf auf die Schienen beugte.

Sie versuchten ihn zu warnen, doch er verharrte auf den Gleisen, bis ihn der herannahende Güterzug aus Hannover überrollte. Bei dem Toten handelt es sich um einen 40-jährigen Nepalesen. 1996 kam er nach Deutschland, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Seither lebte er als Geduldeter in verschiedenen Asylbewerberheimen. Die Behörden verweigerten ihm ein Aufenthaltsrecht, doch weil er keinen Pass hatte, konnten sie ihn nicht abschieben. Fast 15 Jahre ging das so, zuletzt wohnte er in einem Heim in Meinersen nahe Gifhorn.

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