beschämt

16. Mai 2017

Da gab es gestern Nachmittag eine beeindruckende Veranstaltung des Forum Juden-Christen in der Gedenkstätte Alte Jüdische Schule am Konrad-Adneauer-Ring (Foto lks). Neben Medienvertretern nahmen auch vier von fünf Fraktionen des Lingener Stadtrates teil – allein die CDU ließ mitteilen, die vor vier Tagen geschickte Einladung sei „zu kurzfristig“ gekommen und sagte ebenso die OB Krone ab; der allerdings, weil er „mit Herrn Liesen noch ein Gespräch führen wolle“.

Bekanntlich will der agile Kaufmann und Rennsportfan Heinrich Liesen in Lingens Burgstraße ein privates Museum für den Autorennfahrer Bernd Rosemeyer errichten, weil der aus Lingen komme. Das Problem ist nur, dass Rennfahrer Rosemeyer der verbrecherischen SS angehörte und zwar seit 1932, wie er selbst schrieb. Das Liesen-Projekt zerreißt den gesellschaftlichen Konsens in Lingen, den es seit Ende der 1970er Jahre gab. Damals erkannten nicht nur die Stadtväter, wie unsäglich es war, 1975 bei der 1000-Jahrfeier der verfolgten und ermordeten Juden dieser Stadt mit keinem (!) Wort zu gedenken. Das Vergessen der Opfer des NS-Terrors beschämte damals – so wie heute das geplante Museum als Heldengedenkstätte für einen Täter uns alle und vor allem die NS-Opfer beschämt.

Gestern nun hat das Forum Juden-Christen mit bemerkenswerter Klarheit Stellung bezogen und seine Auffassung deutlich gemacht. Das fast einstimmig im Vorstand des Forum verabschiedete Dokument finden Sie im Wortlaut hier.

Und das Forum Juden:Christen hat sich auch sonst ausgesprochen klar positioniert:

„Niemandem von uns hier und keinem sonst im Forum Juden-Christen liegt, ebenso wie auch sonst keinem vernünftigen Bürger oder Bürgerin Lingens da-ran liegen kann, den Menschen Bernd Rosemeyer zu verurteilen. Denn weder sind wir eine dazu legitimierte rechtliche noch moralische Instanz.

Gleichwohl verurteilen wir die Haltung und das Tun Bernd Rosemeyers, der sich aus Gründen des persönlichen Vorteils und Nutzens dem unmenschlichen Hitlerregime angedient hat und von diesem in nachgerade symbiotischer Weise vereinnahmt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der bereits klar war, wohin die Reise mit der Menschenwürde bzw. ihrem Bruch und der Verfolgung und Drangsalierung der als unliebsam etikettierten Deutschen und der blutrünstigen Kriegsvorbereitung ging.

Sein Leben endete dann aber, ohne dass ihm die Gelegenheit geblieben wäre, es zu bedenken, Unziemliches zu widerrufen und sich neu zu orientieren.

Wo könnte darum die Befugnis herkommen, über ihn den Stab zu brechen?

Gleichwohl kann Bernd Rosemeyer, der zu einer Gallionsfigur des NS-Systems avancierte, und damit auf der Täterseite im Apparat von NS und SS stand, kein Vorbild sein – für niemanden von uns, allemal nicht für junge Menschen, und darum eben auch darf er nicht zum Mittelpunkt einer Heldengedenkstätte in der Elektrobäckerei* in Lingens Burgstraße werden.

Zudem wäre die Existenz einer derartigen Einrichtung gleich einer Ohrfeige für die Opfer des Naziterrors, nicht nur die Lingener Opfer, und käme, so hat das soeben der Vorsitzende des Forums Juden-Christen in Nordhorn, Gerhard Naber, ganz fein und nach Abstimmung mit seinem Vorstand geschrieben, einem „Schlag gegen alle so intensiven Bemühungen in Lingen um eine gelingende und nachhaltige Erinnerungskultur gleich.“

Ich habe große Sorge, dass der seit 1977 bestehende gesellschaftliche Konsens zerrissen wird, wie wir in Lingen mit unserer Geschichte umgehen. Scheitern gar Arbeit und Einsatz von Alt-OB Bernhard Neuhaus (CDU) und Oberstadtdirektor Kerl-Heinz Vehring (CDU) für ein würdiges Gedenken an die Opfer des NS-Staates?

Meine Sorge gründet sich konkret auf das Fehlen eines Vertreters der CDU beim gestrigen Presse- und Informationsgespräch des Forums Juden-Christen. Das gab es seit 1979 nicht mehr, als Ratsmehrheit und Verwaltung die Gedenkfeier zum 9. November vergaßen; dass die jetzige Einladung „zu kurzfristig“ war, ist natürlich vorgeschoben. Dies wird schon dadurch klar, dass alle anderen Ratsfraktionen vertreten waren. Weshalb also hätte die 24-Köpfe-starke-CDU eine Teilnahme nicht leisten können?…

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* Das Gebäude Burgstraße 20, in dem jetzt nach den Plänen von Heinrich Liesen das Museum für Bernd Rosemeyer entstehen soll, ist in Lingen (Ems) als Elektro-Bäckerei bekannt. Im linken Hausteil nämlich führte Familie Spiegelberg ihr Elektro-Geschäft, rechts Familie Hollenkamp ihre Bäckerei. Die identische Lichtreklame beider Geschäfte las sich eben als „Elektro Bäckerei“.

NordhornleuchtetMit einer Lichterkette um den Vechtesee demonstriert Nordhorn morgen (Mittwoch, 4.2., 18 Uhr) für Vielfalt und Toleranz. Die Veranstaltung beginnt mit einer kurzen Kundgebung auf dem Platz am Markt vor der alten Kirche. Dort sprechen der Leiter des Nordhorner Forum Juden/Christen Gerhard Naber, die Vorsitzenden des türkischen Moscheevereins Hatice Ates und Emine Kaymakcioglu sowie Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling. Anschließend werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer rund um den Vechtesee einen Ring aus Lichtern bilden.
Organisiert wird die Demo von der Stadt Nordhorn in Zusammenarbeit mit allen Parteien und Initiativen im Stadtrat. Bürgermeister Thomas Berling ruft alle Einwohnerinnen und Einwohner Nordhorns und der Region dazu auf, gemeinsam ein Zeichen für eine offene und bunte Gesellschaft zu setzen.„Kerzen, Taschenlampen, Handys, Laternen – Alles was gegen die Dunkelheit leuchtet darf mitgebracht werden“, sagt Berling, der fest daran glaubt, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in seiner Stadt auch in Zukunft keine Mehrheit finden werden: „Wir wollen zeigen, dass Vielfalt und Toleranz zu den großen Stärken unserer Gesellschaft gehören und Angst und Hass eine klare Absage erteilen.“Dazu setzt der Bürgermeister auf das Engagement von Vereinen, Kirchen, Verbänden und Schulklassen aus Nordhorn und der ganzen Region, von denen bereits viele im Vorfeld ihre Bereitschaft zur Teilnahme signalisiert haben. Alle und nicht nur Nordhorner sind herzlich eingeladen. Thomas Berling: „Je mehr Menschen die Veranstaltung mit ihrem Licht unterstützen, umso deutlicher wird das Zeichen, das wir setzen.“
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