Im Jahr 1986 erhielt der Germanistikstudent Gerhard Henschel von Walter Kempowski den Ratschlag: „Eine Tour, die in Bargfeld beginnt, sollte in Nartum enden.“ Fast dreißig Jahre später – im Sommer 2015 – setzte er die Idee mit dem Fotografen Gerhard Kromschröder in die Tat um: beide wanderten quer durch die Lüneburger Heide von Bargfeld, Arno Schmidts letztem Wohnort, nach Nartum, wo Walter Kempowski zuletzt lebte. Entstanden ist dabei ein Wandertagebuch, das den spröden Charme und die Kulturgeschichte einer unterschätzten Landschaft in der niedersächsischen Provinz reich illustriert.

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Am 16. Februar um 19:30 Uhr stellen Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder ihr Buch „Landvermessung. Durch die Lüneburger Heide von Arno Schmidt zu Walter Kempowski“ im Bibliothekssaal der Uni Oldenburg vor (Campus Haarentor, Uhlhornsweg 49-55 26129 Oldenburg; Karten sind für 7 Euro bzw. 5 Euro ermäßigt an der Abendkasse).

Als ausgewiesener Kromschröder-Fan weise ich auf diese feine Lesung in Oldenburg hin, weil es doch so dringlich ist, dass Kromschröder und Henschel weiterwandern – durchs Emsland natürlich. Ungeachtet des Umstandes, dass  Kromschröder einmal sagte: „Das Emsland ist keine Toskana des Nordens.“ und diese steile These, wie jeder Emsländer weiß, schon deshalb falsch ist, weil wir hier nicht Norden sondern -ganz klar- Nordwesten sind, Natürlich gab es bei uns auch keine großen Literaten. Etwas Wegweisend-Verbindendes wird sich trotzdem finden lassen – zum Beispiel von Sögels Levin Schücking hin zu Ferdinand Freiligrath, obwohl der eingestandenermaßen mehr westfälisch ist. Trotz alledem und auch, wenn die beiden Wahlhamburger ihre Emsland-Tour vielleicht ohne Begleitfahrzeug mit HH-Autokennzeichen realisieren sollten; denn zwanglos wir erinnern uns daran, was im Emsland alles passieren kann, weil der Fotograf ein Hamburger Fahrzeug nutzt. Jedenfalls darf das tiefe, hermannlönsige Niedersachsen nicht alles sein, was Kromo und Freund diesseits der deutschen Mittelgebirge erwandern. Oder?

ps Im Vorfeld der Veranstaltung besteht um 19.00 Uhr im Bibliothekssaal die Möglichkeit, mit Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder ins Gespräch zu kommen. Welcher verständiger Leser dieses kleinen Blogs meldet sich also dazu an (E-Mail: heike.andermann(at)uni-oldenburg.de) und trägt mein dringliches Anliegen vor?

pps Übrigens zeigt die Samtgemeinde Sögel ab 3. Mai die Ausstellung von Kromschöders legendären schwarz-weißen Emsland-Bildern, die nach einem -man sagt „Hermann-Bröring-Verdikt“ ungenutzt in Schloss Clemenswerth lagerten. Redner: Hermann Vinke. Und am 5. Mai gibt Kromschröder dann dort eine Lesung.. Schon mal vormerken, bitte.

 

Bäckerinnung

12. Februar 2017

kkkNeues, altes von Gerhard Kromschröder (in den 1960ern Fotomann der Papenburger Emszeitung), mit dem ich heute hin- und herschreiben durfte, u.a. über die aktuelle Wochenendausgabe der „Süddeutschen Zeitung“:  Erinnerung an die alten „Stern“-ZeitenFrederik Obermaier und Tanjev Schulz befassen sich unter der Überschrift „Maskenmänner“ ganzseitig mit der Geschichte des Ku-Klux-Klan in Deutschland.  Abgebildet ist auch ein Foto aus Gerhard Kromschröders  Fundus: Vier  Männer in Klansmaskerade, aufgenommen 1981 in Bruch in der Eifel. Links, in Kniebundhosen, Hermann Pauken, der damalige NPD-Vorsitzende von Koblenz. In der Mitte der in der Bundesrepublik stationierter Air-Force-Sergeant Murry M. Kachel, der auf dem Flugplatz Spangdahlem als Fluglotse mit Atombomben beladene US-Jagdbomber dirigierte.

Die Wochenend-SZ hat Kromschröders  Klan-Foto vor der Burgkulisse mit folgender Bildunterschrift versehen:

„Gewappnet für den ‚Rassenkrieg‘: In den Achtzigerjahren baute ein amerikanischer GI in der Eifel eine Klan-Gruppe auf. Der Undercover-Journalist Gerhard Kromschröder berichtete über die Umtriebe. Doch die Polizei winkte ab: Man kümmere sich ja auch nicht um Treffen der Bäckerinnung.““

Dazu, wo die Sicherheitsbehörden sonst noch maulwurfsblind waren und wie Kromschröder sich unter dem  Aliasnamen Georg Schröder beim rassistischen Geheimbund Ku-Klux-Klan West-Germany eingeschlichen habe, wird  einiges im neuen Buch von Obermaier und Schulz erzählt: „Kapuzenmänner: Der Ku-Klux-Klan in Deutschland (dtv, 16,90 Euro).

Ein Lesebefehl in Zeiten von Reichsbürgern & Konsorten.

📌 Emslandkalender 2017

28. Oktober 2016

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Der neue Emslandkalender 2017 ist da! Jetzt bestellen auf www.emslandkalender.de! Den Rest des Beitrags lesen »

„Emsland Schwarz-Weiß – Bilder einer norddeutschen Landschaft aus den 60er Jahren” von Gerhard Kromschröder – das sollte ursprünglich die Ausstellung in der Hamburger Gallery Lazarus (Wexstraße 42, 20355 Hamburg) sein. Der ursprüngliche Plan wurde aus aktuellem Anlass, wegen des 25. Jahrestags des Beginns des ersten Irak-Krieges, um Fotos aus Kromschröders Zyklus „Bilder aus Bagdad“ erweitert. Die Ausstellung wird seit Freitag, 4. März 2016, und noch bis zum 25. März gezeigt (Mo. – Fr. 11 – 18 Uhr, Sa. 11 – 14 Uhr). Leser dieses kleinen Blogs wissen, dass der Fotograf und Journalist Gerhard Kromschröder mit dem Emsland auskennt, seit er in den 1960er-Jahren als Lokalredakteur in Lingen und bei der „Ems“-Zeitung in Papenburg begann. Doch mit dem Nahen Osten auch, spätestens seit er 1991 im ersten Irakkrieg in Bagdad blieb. Die neu konzipierte Ausstellung „Peace and War“ stellt nun seine Bilder gegenüber. [mehr…]

 

Die taz interviewte jetzt den großen Gerhard Kromschröder, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wird (weiß eigentlich jemand, wann genau?)  und der sagte über sein Emsland einmal mehr ausgesprochen Ehrlich-Liebevolles:

…Ihre in diesem Sinne überhaupt nicht cleanen Bagdad-Fotos bilden in der Ausstellung nun einen Kontrast zu teils eher melancholischen Bildern, die in den 1960er-Jahren in Aschendorf, Haselünne und anderswo entstanden sind. Wie landet man im Emsland, wenn man in Frankfurt Germanistik und Soziologie studiert hat? 

Ich war Lokalredakteur bei der Ems-Zeitung in Papenburg, weil ich in Frankfurt kein Volontariat bekommen hatte. So blöd es klingt: Wir, der spätere ARD-Hörfunkkorrespondent Hermann Vinke und ich, hatten uns vorgenommen, dass ein Lokalteil so gemacht sein muss wie der Spiegel: aufklärerisch und unabhängig. Und da gehörte es dazu, den Alltag einer Gegend realistisch abzubilden.

Wie lange hat die Chefredaktion Sie gewähren lassen?

Von 1962 bis 1967, dann bin ich zum Satiremagazin Pardon nach Frankfurt gegangen.

2011 haben Sie den üppigen Farbfotoband „Expeditionen ins Emsland“ herausgebracht. Sie sind der Region also trotzdem verbunden geblieben. 

Ja, aber in kritischer Distanz, ich bin kein Heimattyp. Ich versuche ja, der Heimatfotografie nicht zu genügen, nicht die Schönheiten eines Landstrichs abzubilden, sondern neben den interessanten Ecken auch die Widersprüche. Ich finde, man muss fotografieren, was die Menschen schön finden und als schön herrichten. Ihre kleinen Häuser zum Beispiel. Viele sagen übers Emsland: Hoher Himmel, enger Horizont. Für mich ist das die Parabel der Provinz. Eigentlich gibt es viel mehr Provinz, als wir wahrhaben wollen. Die Metropolen sind ja nur kleine Inseln. Umso wichtiger ist die Provinzfotografie.

Was hat sich denn im Emsland seit den 1960er-Jahren geändert?

Wenn ich das richtig sehe, geht es der mittelständischen Wirtschaft im Emsland gut. Aber gesellschaftspolitisch hat sich nicht viel getan. Der Einfluss der Kirche ist nicht mehr so offensichtlich, doch ein großer Sinneswandel hat nicht stattgefunden. Dass das Emsland wirtschaftlich gut dasteht, ändert jedenfalls nichts an der geistigen Verfassung der Eliten.

Woran machen Sie die fest? 

Die Eliten fanden ja „Expeditionen ins Emsland“ despektierlich. 2012 ist zu einer Ausstellung zu dem Buch im Emsland-Moormuseum der eingeladene Landrat von der CDU nicht erschientazen, es gab einen Riesenzoff, da habt ihr in der taz ja auch drüber berichtet. Ich fahre aber trotzdem noch gern da hin.

Warum?

Es gibt da immer noch Leute, die ihre Meinung sagen. Wenn man was Kritisches über die Hähnchenkillfabriken der mächtigen Rothkötter-Gruppe sagt und dagegen ist, dass Küken geschreddert werden, ist man unten durch. Und da kenne ich den einen oder die andere.

Fotografisch dürfte die Region allmählich auserzählt sein. 

Man muss sich schon anstrengen, da interessante Bilder zu finden. Die Gegend ist so wie ein Waschbrett, ganz flach. Das Emsland ist ja nicht die Toskana des Nordens.“

(Hier das ganze René-Martens-Interview bei der taz]

(Foto: © Carmen Jaspersen; Januar 2012 – Gerhard Kromschröder mit Deichkönigin)

Emsland Kalender 2015

25. Dezember 2014

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41 Mal ist der Emsland Kalender seit 1974 erschienen. Es waren die Aufnahmen des Fotografen Werner Franke, die ihn prägten. Der ehem. Oberkreisdirektor des Landkreises Lingen wunderte sich bisweilen, wie wenige Emsländer ihre Heimat wirklich kennen, und hoffte darauf, dass der Kalender dazu anregt, die Schönheiten des Emslandes schätzen zu lernen. Dank zollte der Schepsdorfer jährlich der Sparkasse Emsland für ihre finanzielle Unterstützung „dieses besonderen Werbeträgers der Region“. Tatsächlich wurde der Kalender auch von Emsländern in der ganzen Welt nachgefragt.

franke_werner2014 ist Werner Franke nach langer Krankheit gestorben und die Sparkasse Emsland hat sofort -für mich unverständlicherweise- ihre Garantieabnahme und damit ihre Unterstützung eingestellt.

Es ist also an der Zeit, Freunde, eine emsländische Tradition zu retten, und wer anders als Gerhard Kromschröder oder der Betreiber dieses kleinen Blogs könnte dies leisten? Kromschröder, dessen von den Granden im Meppener Kreishaus so kleinkariert angefeindetes Projekt eines Emsländischen Bildbandes in bester Erinnerung ist, weiß noch nichts von (s)einer Chance für den anderen Emsland Kalender. Also hab ich den Vorschlag meines Sohnes Max aufgegriffen und mit seiner Hilfe für 2015 die fällige Neuauflage konzipiert. Ausnahmslos mit aktuellen Bildern, die im Internet veröffentlicht und mit einem entsprechenden Vermerk unter Creative Commons lizensiert worden sind.

Dieser Emsland Kalender 2015 enthält auf etwas dünnerem Papier, aber sonst wie gehabt 12 13 pralle, stets bunte [manchmal sehr bunte] und traditionelle Aufnahmen aus dem Emsland.

Es ist, wenn man so will, für alle bloglesenden Interessenten (m)ein kleines Weihnachtsgeschenk, vor allem an die, die sonst einen deutlich helleren und leeren Fleck auf ihrer Wohnzimmertapete zurück behielten, weil sie dort den Emsland Kalender jahrelang platziert und geschätzt haben. Es ist auch eine Hommage an den Emsland-Fotografen Werner Franke.

Wenn die werte Leserschaft ein (oder mehrere) Exemplare erwerben möchte, bitte ich um eine E-Mail an robertsblog(at)email.de. 

Weil alles sehr schnell gestrickt wird, kann ich noch nicht genau sagen, wie teuer ein Exemplar werden wird; das hängt auch von der Zahl der zu bestellenden Kalender ab. Ich rechne mit 10 – 12 Euro (zzgl Versand). Der Überschuss geht an eine gemeinnützige Organisation im Emsland. Schlagen Sie einfach eine vor, wenn Sie wollen. Der Versand erfolgt spät, aber nicht zu spät: Anfang bis Mitte Januar.

Kalender 2015

Kalender CC-Fotoquellen

(Quelle; Werner Franke, Foto @ NOZ), Kalenderfotos)

Gelandet

24. Januar 2014

Emslandfreund Gerhard Kromschröder wurde 1963 Lokalredakteur im Emsland. Ihn interessierte vor allem die Geschichte der Konzentrationslager Börgermoor und Esterwegen. Doch mit seiner Neugier eckte er an und musste seinen Posten schließlich räumen. Ein kleiner Beitrag von ihm auf Gedächtnis der Nation. 

Wenn Sie mal Zeit über haben (es sind ja acht Filmchen zu verschiedenen Themen): vielleicht haben Sie ja Lust, auch sonst mal reinzugucken.

Geschichte lebt!

Geschichte lebt durch Geschichten. Durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Sie in Interviews einzufangen und für spätere Generationen zu bewahren, ist das Ziel des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation„. Das bundesweit einmalige Projekt sammelt Erzählungen von Zeitzeugen zu Alltagserfahrungen und zentralen Momenten der deutschen Geschichte. Vor der Kamera berichten Jung und Alt über ihre ganz individuellen Erinnerungen an historische Ereignisse und Entwicklungen. Sie bilden die Mosaiksteine im Geschichtsbild einer Nation und prägen das Selbstverständnis einer Gesellschaft. Erzählen auch Sie uns Ihre Geschichte und werden Teil eines facettenreichen Archivs der Erinnerungen!

Henschel

8. August 2013

Gerhard Henschel erhält den mit 15.000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis 2013 des Landes Niedersachsen. Mit der Auszeichnung würdigt das Bundesland herausragende „Schriftsteller mit Bezug zu Niedersachsen“. „Gerhard Henschel regt seine Leser zum Nachdenken an, es gelingt ihm aber gleichzeitig, sie zu amüsieren und zu fesseln“, sagte Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) zur Preisvergabe. Nun denn, solche Allgemeinplätze muss eine verantwortliche Politikerin wohl sagen. Ich aber glaube: In Wahrheit zeichnet man in Hannover Henschels literarische Betrachtung des Emslandes aus.

Denn Gerhard Henschel, 1962 in Hannover geboren, wuchs vor allem in Meppen auf und arbeitet sich an dieser besonderen, (passt das Komma?) provinziellen Beziehung ab. Seit 1992 veröffentlichte er zunächst Sachbücher wie die „Kulturgeschichte der Missverständnisse“ oder „Neidgeschrei“. Der Durchbruch gelang Henschel aber mit dem Briefroman «Die Liebenden» und -vor allem- mit seinem 2004 erschienenen «Kindheitsroman», der ersten autobiografischen Abenteuergeschichte um den Meppener Protagonisten Martin Schlosser, die Henschel mit «Jugendroman» (2009) und «Liebesroman» (2010) fortsetzte. Mit «Abenteuerroman» ist im vergangenen Jahr der vierte Teil der auf sechs Bände ausgelegten Chronik erschienen. Einmal mehr mittendrin: Das Emsland.

Der Preisträger, der auch schon beim Satiremagazin Titanic tätig war, ist wohl das genaue Gegenteil dessen, was die Eigenwahrnehmung des Emslandes durch dessen gesellschaftliche Regionalliga zuzulassen bereit ist und was sich just in diesen Tagen wieder einmal in einer -online nicht auffindbaren- Wochenjubelserie der emsländischen Lokalblätter niederschlägt. Als beispielsweise vor Jahresfrist die Ausstellung der einzigartigen Emslandaufnahmen des Hamburger Fotojournalisten Gerhard Kromschröder im Geester Moormuseum zwar zu verkürzen aber nicht mehr gänzlich zu vermeiden war [mehr…] und Gerhard Henschel auf Wunsch Kromschröders die Laudatio hielt, boten die Mannen um Ex-Landrat Hermann Bröring mit Theo Mönch-Tegeder, Chefredakteur des Osnabrücker Kirchenbote, einen der Ihren als Widerpart zu Henschel auf. Doch auch ihm gelang es nicht, dem pointiert-exakten Emslandbeobachter Henschel etwas Substanzielles entgegen zu setzen.

Und dieser Mann [mehr…] erhält jetzt den Emsland, korr. Niedersachsen-Kulturpreis. Fein.

Kraft

24. September 2012

Regelmäßige Leser dieses kleinen Blogs wissen, wie sehr mich die Fotoaufnahmen von Gerhard Kromschröder gefangen haben, die er in den letzten drei Jahren im Emsland „schoss“ – ist doch die Reaktion der politisch-gesellschaftlichen Regionalliga auf diese so einzigartig auf den Punkt gebrachte, zynisch-ironische Zusammenstellung so wunderherrlich entlarvend. Jetzt werden die Fotografien Kromschröders einige Wochen in Oldenburg gezeigt werden.  Vor einer Woche bei der Eröffnung dieser Ausstellung seiner „Expeditionen ins Emsland – Ein deutscher Bilderbogen“ in der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hielt Gerhard Kromschröder  diese Rede über „ein anderes Bild aus dem Emsland“, die aufhorchen lässt und die mich berührt:

„Gestatten Sie mir vor dem Rundgang durch die Ausstellung eine persönliche Anmerkung: Ich möchte kurz sagen, warum es für mich so viel bedeutet, meine Fotos an einem Ort ausstellen zu können, der den Namen Carl von Ossietzkys trägt.

Dabei spielt auch ein Emsland-Bild eine Rolle, ein Bild mit Carl von Ossietzky, entstanden in den Dreißiger Jahren und aufgenommen von einem unbekannten Fotografen, ein Bild, das um die Welt ging.

Was hat es mit diesem Bild und mir auf sich? Ossietzkys Namen kannte ich schon als Schüler in Frankfurt, und als Student habe ich mit glühendem Kopf Artikel von ihm in alten Ausgaben der „Weltbühne“ gelesen – was für ein Journalist, was für ein Mann!

Aber nie hätte ich mir träumen lassen, dass sich unsere Lebenswege einmal berühren könnten. Aber sie kreuzten sich – posthum und fern meiner Geburtsstadt Frankfurt. Denn als junger Redakteur der „Ems-Zeitung“ in Papenburg stand ich zu meiner Überraschung plötzlich dort, wo Carl von Ossietzky als Gesinnungshäftling gedemütigt und gequält worden war – am KZ Esterwegen, übrigens gar nicht so weit von hier, mitten in den „killing fields“ der Nazis im emsländischen Moor.

Als ich vor nun 50 Jahren das erste Mal an dieser Stelle stand, dieser Schädelstätte in der Landschaft des Leidens, da hatte ich dieses eine Foto vor Augen – es zeigt Carl von Ossietzky im KZ Esterwegen; auch das ein Emsland-Bild, wie gesagt.

Sie kennen es vielleicht: Ossietzky, ein eher kleiner, schmächtiger Mann, steht mit dem Rücken an einer weißgestrichenen Barackenwand, den Kopf leicht zwischen die Schultern gezogen. Seine beiden Arme hält er etwas linkisch seitlich nach unten gestreckt, als versuche er sich in einer militärisch strammen Haltung. An seinem dürren Leib schlottert die verschlissene, dunkle Sträflingskleidung, über der linken Brusttasche prangt seine Häftlingsnummer: 562.

Vor Ossietzky hat sich, leicht von hinten fotografiert, ein hochgewachsener SS-Mann aufgebaut in seiner schwarzen Uniform, besetzt mit silbernen Zierknöpfen. Im Bewusstsein seiner Überlegenheit hat der KZ-Aufseher beide Arme in die Hüfte gestemmt, in der linken Hand hält er dabei kokett ein Paar Lederhandschuhe. Von oben herab blickt er mit leicht nach vorn geneigtem Kopf auf den kleineren Ossietzky an der Barackenwand, der die Augenlider gesenkt hält und etwas zu sagen scheint.

Dieses Bild habe ich auch später oft genug aus meinem Erinnerungsarchiv abgerufen. Denn was mich dabei immer wieder beeindruckt, ist die Tatsache, dass der Mann an der Barackenwand auch in dieser scheinbar ausweglosen Situation noch seine Würde behält gegenüber dem gockelhaft auftretenden SS-Mann. Und bis zum Schluss hat sich Ossietzky den Nazis nicht gebeugt, ist trotz widrigster Umstände seinen Überzeugungen treu geblieben. Er zeigte, was geistige Freiheit, moralische Unantastbarkeit und Zivilcourage bedeuten können.

So habe ich aus diesem Bild auch später Kraft geschöpft, wenn ich selbst einmal mit dem Rücken zur Wand stand. So wurde es für mich zum Sinnbild, dass man auch gegen eine scheinbare Übermacht ankämpfen kann.

Zugleich ist dieses Foto Carl von Ossietzkys aus dem Emsland ein Appell, sich nicht zu unterwerfen, sondern einzutreten für eine gerechtere Welt. Dafür gibt es viele gute Gründe. Bert Brecht hat 1935 einen davon aufgeschrieben, in dem Jahr, für das Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern!
Er will er unter sich keinen Sklaven sehn
Und über sich keinen Herrn.“ „

Ausstellung: „Gerhard Kromschröder – Expeditionen ins Emsland
Ein deutscher Bilderbogen“
Dienstag, 18. September  2012 bis Mittwoch 31. Oktober 2012
Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
Foyer der Universitätsbibliothek, Uhlhornsweg 49-55, Oldenburg

Eintritt frei. Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek.

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17. August 2012

(Eierhandel in Münnigbüren; © dendroaspsis2008 via flickr. Diesen  Blogeintrag widme ich zu gleichen Teilen der Deichkönigin, dem Fotojournalisten Gerhard Kromschröder (Hamburg) und dem amtierenden Landrat Reinhard Winter (Meppen))

Ausflug

8. Juli 2012

Darüber schimpft Ehrenlandrat Hermann B.: Kromos Bilder. Das ist heute mein Ausstellungstipp für alle, die einen Ausflug ins Emsland planen oder, so sie schon im Emsland sind, einen Ausflug im Emsland am Planen fangen (Ortssprache). Der taz-Beitrag muss zur Einstimmung sein. Es lohnt sich.
(Ab 10 Uhr bis 18 Uhr, hier)

Und mittendrin natürlich nach Emslage zum Fußball. Heute nämlich schrubbt die Kreisliga-Auswahl den hochgelobten SV Meppen mit 2:0. Was Preußen kann, können die KEI-Kicker erst recht.
(Ab 15.00, hier -Nachtrag: Rechtzeitig zum Anpfiff stoppt auch der Regen).

ps Mein sonntäglicher Tipp kommt heute ein wenig spät. Wegen der 3. Lange Nacht der Kirchen in Lingen, die dann doch deutlich länger war, als ich vorab gelästert hatte. Mein Tipp  gestern war das Orgelkonzert in St. Bonifatius. „Skurriles, Heiteres und Pompöses – Ungewöhnliche Orgelwerke und Transkriptionen“ klingt viel schwieriger, als es war. Es war nämlich einzigartig. The Entertainer (mit) Joachim Diedrichs auf der Lingener Bonifatius-Orgel. Und natürlich Pomp: Eingangs Jerusalem von Hubert Parry und der furiose Schluss mit Pomp and Circumstandes March No 1 von Sir Edward Elgar. Bonifatius-Kirche als Albert-Hall. Aber bei uns mit Zugabe. Wow!

Vergeblich habe ich übrigens versucht, für diesen kleinen Blog ein passendes Youtube-Video zu finden, um das volle Hörgefühl der brausenden Orgel bei Edward Elgars Marsch zu präsentieren. Sie alle sind viel zu flach, es geht nicht. Eine Knäckebrotscheibe ist auch kein 10-Kilo-Weggen.

Danke, Joachim Diedrichs!