Welche Fußgängerzone?

6. August 2018

Unser Oberbürgermeister ist aus dem Jahresurlaub zurück. Das erkennt man an manchen Dingen. Überwiegend an den täglichen OB-Fotos in der Lingener Tagespost“. Und er setzt offenbar konsequent zum Kampf für die Radfahrer an. Ab heute werden sie in der „Fußgängerzone“ kontrolliert. „Es ist ein leidiges Thema. Immer wieder erreichen uns Beschwerden über Radfahrer, die tagsüber unerlaubterweise durch unsere Fußgängerzone fahren und nicht absteigen. Dem wollen wir nun seitens der Stadt und der Polizei entgegenwirken“, sagte OB Krone zur Presse und platzierte sich fotowirksam vor einem dieser Schilder, die unsere „Fußgängerzone“  eröffnen.

Am Wochenende wurde dann in den sozialen Medien in Lingen diese Politik gegen Radfahrer diskutiert. Bisweilen stuften die Radfahrer-Skeptiker die radelnden Mitmenschen gar pauschal als Anarchisten ein. Manchmal aber kamen auch interessante Tweets – in diesem Fall aus der Hauptstadt von einem Fachmann, dem Fahrradaktivisten „BerlinCyclist„:

und gleich schrieb er  im Rahmen seiner rechtlichen Nachhilfe für die lokalen Polizeibehörden noch hinterher:

Ausserdem in der VwV-StVO: „Mehrere Verkehrszeichen […] dürfen gemeinsam auf einer weißen Trägertafel aufgebracht werden. Die Trägertafel hat einen schwarzen Rand und einen weißen Kontraststreifen. Zusatzzeichen werden JEWEILS von einem ZUSÄTZLICHEN schwarzen Rand gefasst.““

Also: „BerlinCyclist“ sagt, die Lingener Fußgängerzone sei gar nicht rechtsverbindlich-korrekt beschildert, sondern eher, nun sagen wir, anarchistisch. Ich habe neben diesen formajuristischen  Dingen aber noch ganz andere Fragen, zum Beispiel:

  • Warum beispielsweise bekommt eine Radfahrerin um 10.01 Uhr ein Knöllchen, wenn sie durch die Fußgängerstraßen radelt, wenn aber ein 40-Tonnen-Lkw um 11.00 Uhr einfährt, um zu liefern, ist das in Ordnung?
  • Warum gibt es -zig Ausnahmegenehmigungen des Ordnungsamtes für Autofahrer auch für Zeiten darüber hinaus?
  • Und ist ein Lasten- oder Lieferfahrrad um 11.00 Uhr unerlaubt, der besagte 40-Tonner-Lkw aber immer noch nicht?

Der lokale Kabelsender EV1.tv hat die Aktion von OB Krone gegen die Radfahrer-Anarchos mit einem TV-Beitrag gewürdigt. Die Radfahrer fahren in dem Streifen sämtlich langsam und ohne jede Gefährdung anderer. Aber, liebe Leser, zählt in diesem TV-Beitrag mal die Autos in der Fußgängerzone:

Merke: Mit einem Feldzug gegen die Radfahrer wird das nichts mit einem zukunftsorientierten Verkehrskonzept in unserer Stadt. genauso wenig wie mit einer anderen Krone-Idee – der Grünen Welle auf dem Konrad-Adenauer-Ring, für die aber die Rot-Phasen der Fußgänger an den drei Fußgängerampeln verlängert werden müssen.

Merke: Unser OB hat nicht deshalb schon Fachkenntnisse, weil er manchmal mit dem Rad zur Arbeit radelt. Sicherlich hat er aber gute PR-Leute; doch gute PR-Arbeit löst keine Sachprobleme. Recht hat daher der lokale Twitterer @Lingen_Fehler:

(Foto ganz oben: Julia Mausch, Lingener Tagespost)

Sichtachse

28. April 2008

Heute hat es eine kleine Feier gegeben, bei der der neugestaltete Bereich Burgstraße/Am Markt eingeweiht wurde. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich für das schlechte Wetter bei dieser Feier nicht verantwortlich war. 😉

Allerdings darf und muss neben dem allgemeinen Jubel (Motto: „Wie isses doch schön geworden…“), den morgen die Lokalpresse intonieren wird, natürlich kritisiert werden:

  • Die Platanen sind weg, man hätte sie erhalten müssen und trotzdem die „Fußgängerzone modernisieren“ können.
  • Die „Sichtachse“ vom historischen Rathaus in Richtung Marienstraße ist völlig verunglückt; die Platanen vor der alten Kreissparkasse hinderten den Blick auf das  etwas angeschmutzte Weißklinkergebäude und den rosa Marmor der alten Kreissparkasse; jetzt glänzt es gammel-weiß und rosarot, weil die drei Graukübel mit Ziergewächs das satte Grün der Platanen nicht ersetzen.
  • Auch in der Gegenrichtung ist die Sichtachse beschädigt. Denn jetzt verhindern fünf Fahnenmasten vor dem Haus „Alte Marktapotheke“ mit jeweiligem Behang, dass die Augen der Innenstadtbesucher aus der Marienstraße auf das historische Rathaus blicken. 

Schade. Niemand der Verantwortlichen hat die neue Gestaltung im Kontext der vorhandenen Sichtachsen gesehen. Das aber ist etwas, was jedenfalls von einem Stadtbaurat und anderen Stadtplanern erwartet werden kann.  

Übrigens soll der Platanen-Kahlschlag weitergehen: Jetzt sollen auch die Platanen auf dem „Andreasplatz“ zwischen dem italienischen Eiscafé und dem Kochlöffel-Imbiss gefällt werden, weil sie zu hoch gewachsen seien. Auf die Idee, sie fachgerecht zu beschneiden und das grüne Blätterdach über dem Platz dauerhaft zu erhalten, ist man im Rathaus noch nicht gekommen. Wie gesagt, es muss fachgerecht beschnitten werden, damit nicht weitere Zahnstocher-Platanen entstehen wie im Februar in der Elisabethstraße vor dem parlamentarischen Bereich des Rathauses.  

 

Sachlich

20. Januar 2008

Meine kleine Flugblatt-Aktion hat mächtig Aufsehen erregt. Seit dem letzten Wochenende wird in Lingen über den geplanten Platanen-Kahlschlag diskutiert. Zur Erinnerung: Nach den Plänen sollen die Innenstadt-Platanen abgeholzt werden und verschwinden, zunächst zehn, das Stadtbild prägende Platanen im Kreuzungsbereich von Burgstraße und Markt. Die Pläne des Dresdener Architekturbüros r+b machen allerdings Schluss mit allen Platanen.

Am Montagmittag wurden meine Flugblätter von den Platanen entfernt. Nun steht an der Kahlschlagstelle eine große Propagandatafel -bezahlt mit Steuergeldern. Sie kündet von den großartigen Platanen-ab-Plänen, und wie toll doch alles wird. Gleichzeitig verlautbart Stadtbaurat Lisiecki, der städtische Planungs- und Bauausschuss habe am 10. Oktober „einstimmig“ die Abholzaktion genehmigt. So ist es. Was er nicht erwähnt: Ich habe in dem Ausschuss nur ein Grundmandat und darf daher gar nicht abstimmen. Ein kleiner, unfairer Schönheitsfehler in der Erklärung des Stadtbaurats, wie ich meine. Ähnlich trickreich ist es, ein tristes Winterfoto blattloser Platanen in den städtischen Prospekt zu setzen, um gar nicht erst den Gedanken an ein grünes Blätterdach entstehen zu lassen.
Samstag morgen lese ich außerdem in der „Lingener Tagespost“ einen kleinen Artikel, der auf eine Presseerklärung der CDU-Jugendorganisation „Junge Union“ zurückgeht. Hinter der versteckt sich der Ratskollege Björn Roth, der im Rat zumeist schweigt, aber deshalb wohl um so häufiger JU-Erklärungen schreibt. Auf der JU-Internetseite habe ich das Original der zitierten Presseerklärung von Herrn Roth gefunden, auf die sich der „LT“-Artikel gründet. Die ist bemerkenswert, denn da heißt es:

Eine Versachlichung der Diskussion um die geplante Fällung von Bäumen in der Innenstadt fordert der Stadtverband der Jungen Union (JU) Lingen (Ems). „Die teilweise heftigen Reaktionen von Teilen der Ratsopposition und einigen Bürgern scheint uns etwas zu übertrieben zu sein“, meinen die jungen Christdemokraten in einer Pressemitteilung. „Wir sollten dabei vielleicht besser auf dem Teppich bleiben!“

OK, der Appell zur Sachlichkeit liest sich gut, und so geht es ein paar Zeilen später  weiter:

„Derbe Kritik erntet derweil der fraktionslose SPD-Ratsherr Robert Koop von Seiten der Jungen Union. „Dieser Mann gibt sich in Lingen allmählich der Lächerlichkeit preis. Wir warten nur noch darauf, dass sich Herr Koop an die Bäume kettet, um das Fällen zu verhindern.“ Dass die inszenierte und hochstilisierte „Koop’sche Kampagne“ mittlerweile in persönliche Angriffe und heftige Attacken gegen Oberbürgermeister Heiner Pott und Stadtbaurat Georg Lisiecki gipfele, habe der „ratsoppositionelle Einzelkämpfer“ aus „populistischem Profilierungswahn“ heraus alleine zu verantworten.“

Wirklich sachlich – oder? 😉
ps  Mich haben in den letzten Tagen eine Reihe von Lingenern angerufen und meine Aktion unterstützt. Das hat mich gefreut. Zuletzt meldete sich eine Frau,  in deren Garten die aus Ostasien stammende Magnolie wächst. Sie klagte darüber, wie viel Arbeit diese Pflanze macht, und fragte, wie man so etwas in die Fußgängerzone pflanzen könne. Das mit dem Pflanzen in der Fußgängerzone frage ich mich bekanntlich seit Bekanntwerden der Pläne, und viel Arbeit macht die nicht-heimische Magnolie allemal, wie hier nachgelesen werden kann.

retten 2

17. Dezember 2007

Wolfram Siebeck schreibt in seinem Jahresrückblick in der ZEIT 50/2007:
Ich bin viel herumgereist in den letzten zwölf Monaten und habe über die Veränderung in Deutschland gestaunt. Unser Land ist deutlich schöner geworden, nämlich grüner. Bäume, die die Kommunen vor 30 Jahren als mickrige Stecklinge in den Boden gesetzt haben, sind groß geworden und bedecken eine Menge von dem, was früher so hässlich war. Wenn Ausländer uns eine irrationale Liebe zu Bäumen nachsagen, so ist das kein Wunder. Wer freute sich nicht über grünes Laubwerk, das den schlechten Geschmack der Häuslebauer verdeckt, trostlose Wohnstraßen in Flaniermeilen verwandelt und schicke Straßencafés entstehen lässt?“

In meiner Stadt wissen nicht viele, dass hier alles ganz anders wird, als Siebeck es zu recht so schätzt – jedenfalls in der Innenstadt, von Gutmeinenden als „Fußgängerzone“ tituliert. Hier wird jetzt modernisiert! Dazu werden in wenigen Wochen  alle im Zentrum stehenden Platanen abgesägt und durch Betonplanzkübel mit frostempfindlichen Magnolien ersetzt.

Sie kennen Magnolien ? Das sind diese Pflanzen, die im Frühjahr längstens zwei Wochen blühen und den Rest des Jahres wie eine Mischung von ausgeblühten Rhododendren und Gummibäumen aussehen. Ergänzt wird diese angeblich „zeitgemäße“ (neues Modewort aus dem Rathaus) Stadtumgestaltung durch so genannte Laufbänder im Straßenpflaster, eine neue Möblierung (Laternen, Bänke, Mülleimer usw), neue Brunnen usw. Das alles kostet einige Millionen Euro.   
Stadtbaurat Lisiecki („Wenn Sie wissen, wie man mich schreibt, wissen Sie nicht mehr, wie ich ausgesprochen werde!“) hat sinngemäß gemeint, die Lingener Innenstadt habe kein individuelles Gesicht. Das müsse jetzt um der Attraktivität willen her – eine Einschätzung, die natürlich ebenso unberechtigt wie falsch ist.Denn Lingens Zentrum hat eine in Jahrzehnten teuer

Plasterklinker aus Bockhorn

Plasterklinker aus Bockhorn

 und Schritt für Schritt entstandene, individuelle und  klare Struktur: das rote Pflaster aus Bockhorner Klinker. Noch vor drei Jahren wurde fein säuberlich und kunstvoll die Neue Straße im Stil der übrigen Innenstadtstraßen gepflastert. Keine andere Stadt in der Region hat ein so markant gepflastertes Zentrum.

 Inzwischen gibt es sicherlich ein paar klare Schwachstellen:

  • Das Bockhorner Pflaster ist an vielen Stellen schadhaft und eine ebenso teuere wie unfachmännische Reparatur vor drei Jahren hat alles nur noch schlimmer gemacht.
  • Die Straßenmöbel sind in die Jahre gekommen, also die historisierenden oder modernen, immer aber dreckig wirkenden Laternen und Kandelaber, die hässlichen grünen Zweisitzerbänke, schmutzige alte kleine sowie meist angedetschte neue große Müllbehälter, Dauerwerbetafeln, werbesonnenschirme, Sandsteintröge, Fahnenmasten, und DIESE SCHRECKLICHEN PLASTIKTÖPFE IM TERRAKOTTA-IMITAT.
  • Die Lookenstraße ist ein Relikt des Waschbetonzeitalters. 
  • Die für den Stadtkern beschlossene und fast 30 Jahre konsequent angewendete „Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen“ ist gerade unter dem amtierenden Baurat Lisiecki faktisch aufgegeben worden;  über großzügig an den städtischen Gremien vorbei und ohne Not bewilligte Ausnahmeregelungen verliert sie zunehmend ihre stadtgestaltende Wirkung.
  • Das Lichtkonzept der Hamburgerin  Ulrike Brandi erinnert eher an  den Ocean drive in Miami, als dass es die historischen Gegebenheiten Lingens aufnimmt. Frau Brandi ist mit ihren Lichtmodulationen eine nationale Größe, aber das historische Lingener Rathaus und Brandis Beleuchtungsstreifen passen nicht zueinander.

Auch das Verfahren war wenig überzeugend: In den städtischen Gremien hieß es zuerst, es müsse entsprechend dem Preisgericht der erste Preisträger beauftragt werden. Dann wurde den Anliegern in Versammlungen gesagt, man könne an dem preisgekrönten Konzept überhaupt nichts mehr ändern. Anschließend wurde in den Ratsgremien berichtet, die Anlieger wollten die vorgeschlagene Umgestaltung und wollten sie sogar bezahlen, deshalb dürften die Ratsgremien jetzt nichts mehr ändern.

Jetzt rollt jedenfalls die Realisierung. Dabei will eigentlich niemand, mit dem ich gesprochen habe, dass in Lingen die Platanen geköpft werden. Der Baumkahlschlag und die Umgestaltung von vier Straßen sowie des Marktes ist jedenfalls stadtgestalterisch ein Stückwerk; denn die übrigen Innenstadtstraßen bleiben Bockhorner-Klinker-Straßen. Außerdem werden wir nach der Fällaktion künftig wieder „den schlechten Geschmack der Häuslebauer“ (Siebeck) sehen und die überdimensionierte Werbeanlagen in grellen RAL-Farben weiterhin und in zunehmender Zahl bewundern dürfen. Individuell wird das Gesicht Lingens auch nicht werden. Denn Pflanzkübel und Laufbänder sind gerade bundesweit „in“. Sie entstehen in vielen deutschen Innenstädten.  

Ich habe statt dessen diesen (Gesamt-)Vorschlag:

  1.  Sorgfältige Reparatur der schadhaften Bockhorner-Klinker in den Stadtstraßen.
  2. Einrichtung einer Pflasterkolonne auf dem städtischen Bauhoff, die künftig die Innenstadtstraßen „in Schuss“ hält.
  3. Neue, zeitgemäße Straßenmöblierung „aus einem Guss“.
  4. Konsequente Anwendung der Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen im Stadtkern und Umgestaltung der Werbeanlagen am Markt mit indirekt beleuchteten Werbeanlagen aus Messing, Krieg den Werbesonnenschirmen (West, Königs Pilsener, Erdinger) und Werbeaufstellern.
  5. Umbau der Pflanzbeete aus Bahnschwellen am Beginn der Burgstraße.
  6. Umgestaltung der Lookenstraße nach dem „Bockhorner Muster“.
  7. Aufgabe des Lichtbandkonzepts Brandi an den historischen Gebäuden.

Ich möchte also eine sanfte und nicht nur modische Veränderung, damit die Lingener Innenstadt sich so weiter entwickelt, dass wir uns gern mit ihr identifizieren.