Mittendrin

29. März 2010

„Die Arbeit unserer Einrichtung ist bis ins Detail darauf ausgerichtet, den Jungen zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu festigen.“ So beschreibt sich die katholische Internatsschule in Thuine. Ihr Rektor, der Franziskanermönch Heinz-Günther H. ist jetzt aller Ämter enthoben worden.

Andreas H., Pfarrer der Kirchengemeinden Spelle, Schapen, Venhaus und Lünne, segnete noch am 14. Januar im Beisein des niedersächsischen Innenministers die neue Polizeistation in Spelle ein und verschwand dann „wegen psychischer Erkrankung“ quasi über Nacht. Jetzt hat ihn der Osnabrücker Bischof, wie die lokale Presse am Samstag etwas verschämt meldete, „von seinem Amt entpflichtet“.
Beide Männer sind Priester und beide haben sich in den sexuellen Missbrauch verstrickt. Der Speller Seelsorger H. ist dabei, folgt man der taz,  „ein mitreißender Gottesmann“. Im Rahmen der fundamentalistischen Christusgemeinschaft (mehr…) scharte er mit der aus dem Orden der Franziskanerinnen ausgeschlossenen Stephanie Bensmann  junge Menschen um sich und veranstaltete für sie Extra-Treffen und Exerzitien. „Wahre Indoktrinationsmeetings“ müssen das gewesen sein, wusste 2005 die taz. Zunächst seien „die Beziehungen zu den Eltern hinterfragt“ worden, „weil angeblich Eltern ihre Kinder immer festhalten wollen“. Deshalb würden sie den Blick dafür verlieren, was gut und was schlecht für ihre Kinder ist. Und deshalb sollte man ihnen nur das Nötigste über die Erbauungsveranstaltungen erzählen. Auch andere soziale Kontakte seien nach und nach torpediert worden. Den Mitgliedern sei im Wesentlichen vermittelt worden, sie seien schlecht, die Welt ebenso und die Menschen ohnehin. Ein ganz anderer Missbrauch, aber durchaus auch, wie wir jetzt sehen, ein selbstkritischer Ansatz…

Der Thuiner Pater soll  schlüpfrige Parties im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus gefeiert haben, das sich bekanntlich als intellektueller Brutofen des katholischen Konservatismus begreift. So schaffte er es gar mit „perversen Knobelspielen“ in die BILD-Zeitung, den -wie man weiß-  Schneidbrenner des Boulevardjournalismus. Lange bekannte Missbrauchsfälle in Papenburg, Haren, Meppen und Dalum  kommen zu den beiden jetzt öffentlich gewordenen Fällen hinzu und zeigen, dass „wir im Emsland“ mittendrin statt nur dabei sind: In der aktuellen Missbrauchsdebatte, die die katholische Kirche peinigt.

Die Gründe für die Missbrauchsfälle sind vielfältig. Sie haben jenseits der individuellen Schuld sicherlich auch mit dem Zölibat und der damit zusammenhängenden Frage zu tun, wer das Priesteramt anzunehmen bereit ist. Noch mehr betreffen die Missbrauchsfälle das schädlich-verklemmte Verständnis der katholischen Amtskirche von Sexualität. Doch vor allem finden sie ihren Boden in der hierarchischen und autoritären Struktur der katholischen Kirche und dem entsprechenden Selbstverständnis ihrer Amtsträger. Beides begünstigt  eben Machtmissbrauch jeder Art. Diese Strukturen führen zum Schweigen der katholischen Christen und sollen es auch. Selbst jetzt.

Neues (30.03.2010) aus Spelle hier.

(Foto: Dom St. Peter in Osnabrück © Birgit Winter, pixelio.de)