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19. Juni 2022

GESTERN
ERÖFFNETE DIE DOCUMENTA FIFTEEN:

Am gestrigen Samstag startete die documenta fifteen in Kassel. Von 10 bis 20 Uhr waren die zahlreichen Ausstellungsorte in Kassel-Mitte, Fulda, Nordstadt und Bettenhausen geöffnet. Zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Kunstausstellung eröffnet. Er unterstrich dabei die Bedeutung der Kunstfreiheit, machte aber auch deutlich, dass das Existenzrecht Israels nicht Gegenstand dieser Kunstfreiheit sein kann und kritisierte, dass ruangrupa aus Indonesien, die Kuratoren der Ausstellung, keine jüdischen Künstschaffenden aus Israel eingeladen haben. Allerdings sei die Ausstellung nicht antisemitisch, schreibt die FAS, die dafür der Documenta-Direktion katastrophales Krisenmanagement vorwirft:

„Journalisten wurde von der Documenta-Leitung allen Ernstes untersagt, den Kuratoren Fragen zum BDS und Israel zu stellen. Antworten wurden verweigert mit dem Verweis auf die zu hohe Komplexität des Themas, das bei einem Kongress mit dem Titel ‚We need to talk‘ in Berlin verhandelt werden sollte. Der wurde dann aber abgesagt. Dafür fand wenig später eine Tagung zum Holocaust und der Neuen Rechten statt, bei dem die problematische Haltung der alten Linken zu Israel ausdrücklich nicht das Thema war. Schon davor hatte Documenta-Generaldirektorin [Sabine] Schormann sich schützend vor den BDS gestellt … Während von Ruangrupa tatsächlich keine einzige antisemitische Bemerkung zu hören war, muss man sich fragen, was von einer Generaldirektorin zu halten ist, die Antisemitismus als Nebenprodukt der ‚vielfältigen‘ Ausprägungen von Kunst- und Meinungsfreiheit abhakt, aber bei Diskussionen den Zentralrat der Juden lieber nicht dabeihaben will.“ (FAS)

Man hätte übrigens auch gern gewusst, was VW als Sponsor auf einer Kunstschau zu suchen hat, die die westliche Ausbeutung kritisiert.

Im Anschluss besuchten Tausende die Eröffnungspartys der Ausstellung mit Bühne auch auf dem Friedrichsplatz. Parallel dazu luden zahlreiche Events in der Stadt zum Flanieren und Erkunden ein. Über das detaillierte Programm zur Eröffnungswoche informiert ein separater Veranstaltungsnewsletter sowie der Kalender der documenta fifteen.

documenta fifteen? Nun, Kassel erlebt die fünfzehnte Ausgabe der 1955 gegründeten documenta, die als weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst gilt. Sie dauert 100 Tage, nämlich vom 18. Juni bis zum 25. September 2022, und findet an 32 Standorten in Kassel statt. Das Kollektiv ruangrupa hat damit eine prall gefüllte Documenta fifteen zusammengestellt.“Eine Woche in Kassel würde, so Stefan Trinks in der FAZ, nicht ausreichen, um alles zu entdecken. „Zu den vertrauten Austragungsorten Fridericianum, Documenta-Halle, Naturkundemuseum und Karlsaue kommen diesmal etliche bislang unentdeckte Orte wie das prächtige Gloria-Kino von 1954 … oder ein Bauhaus-Bad hinzu. Klar ist, dass Ruangrupa diese Erweiterung in die Außenbezirke politisch verstanden wissen will: Der alte Kampf zwischen reichem, zumindest repräsentativem Zentrum und abgehängter Peripherie wird durch diese Ausweitung der Kampfzone allein schon durch die Anfahrt über trostlose Straßenschneisen plausibel.“

Wie alljährlich wird auch der Kulturausschuss unserer Stadt die Weltausstellung aktueller Kunst besuchen. Wann ist noch geheim und wird erst in der kommunalen Kulturausschusssitzung am kommenden Dienstag, 21. Juni bekannt gegeben. Das ist also so ein bisschen wie Geschenke zu Weihnachten auszupacken. Aber im Vertrauen- man fährt am Donnerstag, den 25. August, auch um diese Werke anzuschauen.  Gleichzeitig erfährt der Ausschuss übrigens auch, wer künftig das Kulturamt („Fachdienst Kultur“)  übernimmt. Die Entscheidung wurde im Gegensatz zur Besetzung des Amtes mit dem im Herbst scheidenden Rudolf Kruse vor knapp 25 Jahren nämlich völlig an dem Gremium und seiner Fachkunde vorbei getroffen – nicht-öffentlich im Verwaltungsausschuss.

Scheitern

3. Januar 2012

Wie ruiniere ich mich selbst? Medienjournalist Stefan Niggemeier analysiert das, was man einen Ausbruch nennt. Das mediale Scheitern des Christian Wulff an sich selbst und seinem Amt. Hier sein Beitrag auf SPIEGEL-online:

„Dass die Geschichte stimmt, daran gibt es keinen Zweifel: Bundespräsident Christian Wulff hat Mitte Dezember auf die Aufforderung der „Bild“-Zeitung, Fragen zur Finanzierung seines Hauses zu beantworten, mit einem aufgebrachten Drohanruf bei Chefredakteur Kai Diekmann reagiert. Weil er ihn nicht persönlich erreichte, hinterließ er eine Nachricht auf der Mailbox, weshalb der offenbar wenig präsidiale Ausbruch anscheinend bestens dokumentiert ist. Doch wie gelangte der Inhalt nun in die Öffentlichkeit?

Die ursprüngliche Quelle der Geschichte ist klar: Kai Diekmann selbst. Aber der Chefredakteur verbreitete sie nicht in seinem eigenen Blatt. Zunächst haben weder „Bild“ noch Bild.de über den Fall berichtet. Erst nachdem die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“) und die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) die Mailbox-Tirade zum Thema machten, reagierte „Bild“ mit einer kurzen „Erklärung in eigener Sache“.

Aber Wulffs Anruf war natürlich schon lange vorher Thema in derBild-Redaktion. Und von der Nachricht existiert auch…“

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Wir erkennen den Wulff’schen Denkfehler: Anrufen konnte er bei der NOZ-Chefredaktion, solange er noch in Osnabrück und Hannover herumpolitisierte. Bundespräsident ist aber anders. Vielleicht sollte der Noch-Amtsinhaber seinen Vorgänger Richard von Weizsäcker fragen – oder Joachim Gauck…