im Grünen

22. Februar 2015

Krasse

30. Oktober 2013

Kein Sonnenuntergang, sondern eine krasse BP-Fackel heute Abend.

Fackel

98

16. Juli 2012

Gescheitert ist der erste Bürgerentscheid in der Stadt Meppen, so meldet es der NDR  und nennt den Grund:  Nur 24,6 Prozent aller Wahlberechtigten sprachen sich dafür aus, dass die Stadt eine wertvolle innerstädtische Fläche („Püntkers Patt“)  zwischen Emsstraße, Ems und Dortmund-Ems-Kanal nicht verkaufen darf. 24,6 % sind zu wenig. Mit dem Bürgerentscheid wollte die Schwesterorganisation der Lingener BürgerNahen, die Unabhängige Wählergemeinschaft in Meppen (UWG), den Verkauf  verhindern.  Für einen Erfolg hätten 25 Prozent aller Wahlberechtigten dem Bürgerentscheid zustimmen müssen. Ganze 98 Stimmen fehlten.

In Meppen nahmen von 27919 Meppener Kommunalwahlberechtigten 7583 (27,2 Prozent) an der Abstimmung teil. 6871 von ihnen und damit 91 % waren gegen den Verkauf; nur  699 stimmten den Plänen der Stadt zu. Doch es reichte trotzdem nicht, weil ganze 98 Stimmen fehlten. Nur wenn 25 % aller Wahlberechtigten den Vorschlag unterstützt hätten, wäre der Bürgerentscheid erfolgreich gewesen.

Für die Initiatoren reagierte gestern Abend Günther Pletz, Fraktionsvorsitzender der UWG,  erst einmal enttäuscht auf das Ergebnis und forderte von der CDU-Mehrheit „mehr Bürgernähe“  bei ihren Entscheidungen.  (Mehr…) Zuvor hatte die UWG statt der notwendigen 2800 Unterschriften für die Zulassung des Bürgerentscheid mit 5500 Unterzeichnern fast doppelt so viele Unterzeichner wie notwendig mobilisiert. Deshalb war man sehr zuversichtlich, gestern reichte es aber doch nicht.

Jetzt könnte die Stadt das Grundstück jetzt also „an Investoren veräußern“ (Politsprech). Aber wird sie sich auch trauen? Die Protagonisten um CDU-Bürgermeister Jan Erik Bohling  werden gründlich darüber nachdenken müssen, ob das wirklich klug ist.

Nicht alles, was geht, ist bekanntlich auch klug.  Das zeigen Kommentare von Meppenern, die seit gestern Abend ihrem Ärger auf der Kommentarseite der einzigen Tageszeitung „MT“ Luft machen. Viele verstehen nicht, dass bei Bürgermeisterwahlen in Niedersachsen nach einem von der CDU durchgesetzten Gesetz jede (relative) Mehrheit ausreicht (Wilhelmshaven beispielsweise bekam mit 18,6 % aller Wähler einen neuen CDU-OB) oder dass das unterschriebene Nein von mehr als 50% der Einwohner Dörpens vor zwei Jahren nicht reichte, um das Kohlekraftwerk zu stoppen; es scheiterte dann aus anderen Gründen. Einen niedersächsischen Bürgerentscheid aber müssen 25 % von allen Wählern einer Kommune befürworten – und da fehlten in Meppen eben 98 Kreuze.

Ich denke darüber nach, welche Auswirkungen der Meppener Bürgerentscheid auf die Lingener Kommunalpolitik hat. Es ist sicherlich auch hier notwendig, die Grundstücksgeschäfte der Kommune in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. denn in Lingen werden zu Lasten des Gemeinwesens öffentliche Grundstücke zu schamlosen Spottpreisen an Unternehmen und Vermögende verkauft. diese Art der Vermögensumverteilung nennt sich dann „Wirtschaftsförderung“. Und niemand erfährt es, weil ja Grundstücksgeschäfte „vertraulich“ seien. Wir werden in der BN-Sitzung am Montagabend darüber sprechen, was hiergegen getan werden kann und muss.

Ungeahnt

24. Mai 2012

„Es brennt mal wieder bei Hagedorn!“ Dieses in Osnabrück und Lingen geflügelte Wort bekommt jetzt eine neue, ungeahnte  Bedeutung.  Denn das Chemieunternehmen Hagedorn AG mit dem Sitz in Osnabrück sowie weitere Tochterunternehmen haben gestern beim Osnabrücker Amtsgericht Insolvenzantrag gestellt. So meldete es Abends die Deutsche Presseagentur DPA.

Hintergrund seien „Probleme mit Krediten“, sagte das Unternehmen gestern dazu. Allerdings sei „der operative Geschäftsbetrieb“  stabil und laufe unvermindert weiter. Betroffen sind 134 Mitarbeiter – auch in Lingen. Für sie soll sich nach Angaben des Unternehmens jedoch „zunächst nichts ändern, da sie anstelle ihrer Gehälter Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit“ bekämen. Nicht betroffen vom Insolvenzantrag sind wohl die kunststoffverarbeitende Sparte Hagedorn Plastirol sowie alle Auslandsgesellschaften.

Das Osnabrücker Unternehmen (Foto lks: Firmengründer Anton Hagedorn)  ist mit der Lokalgeschichte mehrfach verbunden; denn 1908 erwarb das damals noch junge Unternehmen von der Schepsdorfer Kirchengemeinde ein Grundstück an der Ems. „Die in Aussicht genommene Parzelle war in landwirtschaftlicher Hinsicht von nur geringem Wert. Entscheidend für den Kirchenvorstand war die Tatsache der Industrieansiedlung überhaupt und die damit verbundenen zusätzlichen und dringend benötigten Steuereinnahmen für die Gemeinde“, berichtet die Firmenchronik und informiert: „1910 konnte die Herstellung von Nitrocellulose als Vorprodukt des Celluloids beginnen. 1911 erfolgte eine Erweiterung der Anlagen (Vergrößerung des Wasch- und Nitrierraumes). Einsprüche des Gutsbesitzers Wess und anderer Landwirte, die die Schädigung von Bäumen, Wiesen und Feldern durch die Ableitung saurer Gase in die Luft befürchteten, wurden im Mai 1911 von den Behörden zurückgewiesen.“

Das Schepsdorfer Werk machte in den Wirtschaftswunderjahren nach dem 2. Weltkrieg regelmäßig Probleme. In die Ems wurde aufgrund der wilhelminischen, unwiderruflichen  wasserrechtlichen Bewilligung tonnenweise schiere Säure geleitet; bis in die 1980er Jahre dauerte es, dass sich dies änderte.  Schlimmer noch: Tödliche Verletzungen erlitten Hermann Brinker und Hermann Kuhl, als am  26. Juli 1955 eine Zentrifuge im Werk an der Emsbrücke ausbrannte. Im Dezember 1977 starben dann Hermann Schomakers und Karl Ottens bei einem weiteren Brand („Verpuffung“) im Schepsdorfer Werk, mehrere Arbeiter wurden schwer verletzt.

Ein Großbrand in der Nacht vom 13. auf den 14. August 1995  vernichtete fast sämtliche Lagergebäude. In Schepsdorf, Darme, Reuschberge und der Innenstadt war es in dieser Sonntagnacht taghell. Die Firma brannte bis zum Montagmorgen , weil das Firmengelände stark mit  der leicht brennbaren Zellulose kontaminiert war. Der Einsatz der Lingener Feuerwehrleute war -man muss sagen- heldenhaft. Erfolgreich verhinderten sie auf der angrenzenden Straße das Übergreifen des Feuers auf die Wohnhäuser. Die Hitze war so groß, dass die Kunststoffjalousien der Wohnhäuser schmolzen, vor denen die Feuerwehrmänner mit Wasserrohren standen.

Skurril wirkte die anschließende Erklärung  des Unternehmens, man gehe von Brandstiftung aus und setze DM 50.000 Belohnung für die Ergreifung der Täter aus; das Geld wurde nie gezahlt, die Brandursache offiziell nie geklärt. Die damalige Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) sowie die Lingener SPD forderten damals die Verlagerung des Standortes des gesamten Werkes, was der Vorstand der Hagedorn AG zurückwies. Dies sei nicht finanzierbar.

Während am 11. Juni 1996 im Rathaus der städtische Verwaltungsausschuss tagte, brannte es dann erneut bei Hagedorn in Lingen-Schepsdorf und die zuständigen Dezernenten eilten nach Schepsdorf; die Sitzung musste stundenlang unterbrochen werden.  Ein dicke schwarze Rauchwolke hing über der westlichen Stadt und so gar das an diesem Sommertag gut besuchte Freibad musste evakuiert werden, was nicht problemlos gelang; orientierungslos standen nicht wenige Sprösslinge anschließend vor dem Freibad und niemand kümmerte sich um sie. Viele Eltern waren in großer Sorge um ihre Kinder. Sogar der damalige DGB-Kreisvorsitzende Helmut Hartmann forderte „die Schließung von Hagedorn jetzt“. Als es dann wenige Tage später auch noch bei Bärlocher Chemie Lingen brannte,  brachte dies das Fass in der Bevölkerung zum Überlaufen.

Wütende Lingener warfen Ingenieur Paul Gerhard Meyer, technischer Leiter des Schepsdorfer Werks,  Unfähigkeit, Schlamperei und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen vor. In  Demonstrationen und Protesten forderten viele Bürger  Konsequenzen, die sie mehrheitlich aber selbst nicht zogen. Zwar gründete sich  im Juli 1996 die  Bürgerinitiative „Brennpunkt Hagedorn“ und forderte die komplette Auslagerung des Werks an einen anderen Standort. Sie scheiterte jedoch bemerkenswert und eindeutig: Bei der Kommunalwahl im September 1996 wählten mehr als 70% der Schepsdorfer die CDU, die sich beschwichtigend für den Erhalt des Hagedorn-Werkes am bisherigen Standort an der Ems eingesetzt hatte.

In den Jahren danach wurde das Schepsdorfer Hagedorn-Werk grundlegend saniert. Erst vor vier Jahren gab es dann wieder Diskussionen um Hagedorn, als die Stadtverwaltung um OB Heiner Pott dem Unternehmen vorschlug, sich im Altenlingener Forst anzusiedeln. Eilig, manche sagen vorschnell, wurde dafür der Bebauungsplan Nr. 20 gezimmert und der Wald abgeholzt, das Gelände gerodet. Hierüber und den Kampf der Bürgerinitiative pro-Altenlingener Forst habe ich vielfach berichtet. Längst ist klar, dass Hagedorn dort nicht mehr produzieren wird. Statt dessen will inzwischen die BP in abgeholzten Areal eine neue Kantine, Verwaltungs- und Werkstattgebäude und die Feuerwehrzentrale, wenn es mal brennen sollte…

(Quelle: Firmenchronik Hagedorn -lesenwert!)

Aktuell

20. Mai 2012

Zusätzliche Abstellgleise für Eisenbahn-Kesselwagen benötigt die BP-Erdölraffinerie in Lingen, „um das Rohöl besser verarbeiten zu können“. Das sagte Peter Brömse (BP) im Interview mit der Lingener Tagespost. Auf dem Raffineriegelände, so der Diplom-Ingenieur, gebe es allerdings „keine Möglichkeiten zur Erweiterung der Gleiskapazitäten“. Steht ein neuerlicher Eingriff in den Rand des Altenlingener Forstes bevor?  Entschieden sei noch nichts, sagt Brömse und ergänzt: „Wie die Lösung aussehen wird, kann ich heute noch nicht sagen.“ Die BP sei „aber für alle Lösungen offen“, so Brömse, Vorsitzender der lokalen Geschäftsführung der Raffinerie.

Abstellgleise, um besser verarbeiten zu können? Das bedarf besonderer Erläuterung, finde ich. Nach einer Skizze in der LT (oben) soll die neue Gleisanlage den Forst im Bereich der Bahn in Anspruch nehmen. Ich erfahre, dass zwei Hektar Wald gefällt werden sollen. Das sind rd 300m mal 65m; Kollege Joachim Reul korrigiert gerade:“600 mal 35 Meter!“ was auch stimmt. Die LT-Skizze schönt also, tatsächlich ist der Eingriff merklich größer und berührt richtig schönen Mischwald, nicht etwa nur ein paar altersschwache Kiefern.

Heute veranstaltet beispielsweise die BI pro Altenlingener Forst einen Rundgang durch das bedrohte Waldgelände (Treffpunkt 16 Uhr, Hohenpfortenweg/Waldstraße; festes Schuhwerk!). Denn auch der Kahlschlag im nördlichen Altenlingener Forst  ist wohl weiterhin aktuell:  In Gesprächen erzählt man mir, dass der Wald südlich des Tanklagers zwischen heutiger Raffineriegrenze und geplanter Nordtangente fallen soll. Dorthin wolle die Raffinerie ihre Werkstätten verlegen – „schon bald“ formuliert mein Gesprächspartner.

Bei den BürgerNahen (BN) hat angesichts dessen die Diskussion über den BP-Vorstoß begonnen. Der BN-Blog weiß:

Wenn das Lingener „Ölwerk“ mehr Fläche für Bahnanschlüsse braucht, stehen die BürgerNahen dem grundsätzlich nicht im Wege: „Wir haben uns selber bei einer Betriebsbesichtigung davon überzeugen können, dass diese Raffinerie zu einer der effizientesten Anlagen Europas gehört,“ sagt Marc Riße.

Die BürgerNahen vertraten stets, dass im Altenlingener Forst „kein weiterer Baum mehr fallen darf“. Kompromissvorschläge haben sie bisher konsequent abgelehnt. Jetzt kommt nach Ansicht der Wählervereinigung endlich Bewegung ins Spiel. Riße betont: „Wenn die Gleisanlagen betrieblich nötig sind, tragen wir das gerne mit: Dann müssen die Bebauungspläne 19 und 20 sowieso geändert werden und die Nordtrasse ist damit endlich vom Tisch.“

„Wir brauchen aber exakte Informationen, Material von der BP, nicht von der Verwaltung“, sagt Robert Koop dazu. Er sieht das Vorhaben kritischer als Riße und fragt, weshalb nicht bei der Betriebsbesichtigung des Umweltausschusses kürzlich über diese Planungen gesprochen wurde. „Das schafft kein Vertrauen.“

Joachim Reul, Mitglied der BürgerNahen im Ortsrat Altenlingen (Foto re.), fragt, warum die Gleise nicht weiter nördlich angelegt werden können, dort seien nur Wiesen und Felder. Die ideale Lösung sieht nach Meinung der BürgerNahen so aus, dass die BP die Gleise erhält und die Altenlingener den Wald behalten. „Unterm Strich muss also kein Wald den Weichen weichen,“ meint Riße. „Das nenne ich einen tragfähigen Kompromiss für alle Beteiligten.“

Wie sich die BürgerNahen im Falle einer Abstimmung über das Vorhaben verhalten werden, liegt also ganz an den detaillierten Informationen und den Zugeständnissen der anderen Seiten. Bislang gäbe es nach Meinung der BürgerNahen nur Forderungen.

Weiter geht’s mit dem Thema bei der BN morgen Abend um 20 Uhr im Bürgerhaus Heukampstannen.

(Fotos: © Luftaufnahme © Lingener Tagespost; Portrait: © BN Lingen)

unterschätzt

17. April 2011

Sind die schweren Umweltschäden im Dortmund-Ems-Kanal zwischen Lingen (Ems)  und Meppen durch eine zu schnelle Freigabe des Kanals nach der Tankerexplosion im ERE-Hafen mitverursacht worden? Das glauben nicht nur  Umweltschützer und sagen: „Das Fischsterben lässt sich nicht allein mit dem Sauerstoffmangel im Gewässer erklären“, so Marike Boekhoff (NABU Niedersachsen) am Wochenende in Leer. Sie warnt: „Es gibt toxische Stoffe, die noch lange anwesend sein werden“.

Nach der Explosion des Tankschiffs Alpsray avor drei Wochen beim Beladen an der Lingener BP-Raffinerie flossen große Mengen Superbenzin in den Dortmund-Ems-Kanal (kurz: DEK). Die Feuerwehr setzte Löschschaum ein, um ein Übergreifen der Flammen auf zwei weitere Tankschiffe und die Ladeanlagen der ERE zu verhindern. Bereits drei Tage später wurde der mit Benzin und Löschschaum verdreckte Kanal wieder für die Schiffahrt freigegeben. Im Anschluss verendeten in dem Kanalabschnitt zwischen dem ERE-Hafen und Meppen-Varloh fast der komplette Fischbestand.

Der  Landkreis Emsland führte nach mehrtägigem Schweigen das große Fischsterben vor allem auf den zu geringen Sauerstoffgehalt im Kanal zurück, der seinen „Grund in dem Abbau des Löschmittels“ habe. „Das Sauerstoffproblem wird sich wahrscheinlich relativ schnell lösen“, sagte dazu NABU-Expertin Boekhoff. Noch gar nicht geklärt sei aber die Frage, welche sonstigen Schadstoffe in den Kanal gelangt und wie stark die Fische belastet seien.  „Die Fische kann man im Moment nicht essen. Aber auch, wenn neuer Fisch einwandert, kann es sein, dass diese Bestände immer wieder kontaminiert werden, weil das Sediment kontaminiert ist, oder die Ufer oder die Algen“, erläuterte Boekhoff. Wann man es wieder wagen könne, Fische aus dem Kanal zu essen, könne derzeit niemand sagen.

Es sei ein Fehler der Verantwortlichen gewesen, den Kanal schon zwei Tage nach dem Unglück wieder für die Schifffahrt freizugeben, meinte die Expertin. Zwar seien große Mengen des Löschschaums abgesaugt worden, aber zum Zeitpunkt der Freigabe seien noch viel Schaum und Benzin im Kanal gewesen, was durch die Schiffe immer wieder neu hochgeschäumt worden sei. „Ich glaube, das haben sie ganz massiv unterschätzt“, sagte Boekhoff.

Damit widersprach die Umweltschützerin direkt dem emsländischen Landrat Hermann Bröring (CDU). Der hatte die Folgen für die Umwelt deutlich relativiert und gesagt, es sei „zu bedenken, dass durch das Löschen des Brandes in Lingen ein mögliches Übergreifen auf die Raffinerie und damit Schlimmeres verhindert werden konnte. Die Verhältnismäßigkeit der Situation darf nicht aus dem Blick geraten.“

Mich überzeugt das nicht, zumal der Landkreis zeitgleich  mit Begriffen den Bürgern Handlungskraft vorgaukelt, die er nicht hat:  Monitoring ist so ein Begriff. Der Landkreis wolle ein Monitoring, hieß es. Das heißt im Kern nichts anderes, als „eine längere Zeit“ (wie lange wird verschwiegen) systematisch tote Fische und Wasserproben untersuchen zu lassen, also den Ist-Zustand festzustellen.  Die offenkundigen Versäumnisse der Behörden werden damit nicht ungeschehen und -ganz ehrlich- ich höre sie nach dem Ende der Untersuchung  heute schon „unterstreichen, dass zu keiner Zeit eine Gefährdung für Mensch, Natur und Umwelt bestanden hat, weil …“  und frage mich, ob trotz des eingesetzten giftigen Löschschaums die entsprechende Presseerklärung bereits  vorformuliert und fertig ist.

Genauso vordergründig ist für mich Brörings Aussage, dass  „bislang fünf bis sechs Zentner verendeter Fisch der Tierkörperbeseitigung zugeführt worden“ seien.  „In der Hauptsache  Rotauge, Flussbarsch und Aal, aber keine besonders geschützten Arten.“  Er sagt es nicht, aber meint wohl „nur fünf bis sechs“ – was sonst?!  Dabei sprechen Angler längst  von weitaus größeren Mengen getöteter Fische und erwähnen neben dem gefährdeten Aal auch Hechte und Zander. Nun,  Brörings Schlussfolgerung scheint zu sein, der Schaden sei nicht umfangreich genug, um konsequent zu handeln. Die Sperrung sei unverhältnismäßig; denn die „Meppener Tagespost“ zitiert ihn so:

„Unter den gegebenen Umständen ist es unverhältnismäßig, den Schifffahrtsbetrieb zu untersagen. Es ist mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Meppen vereinbart worden, dass ein Schleusenbetrieb mit sparsamer Wasserabgabe erfolge, um den relativ guten Sauerstoffwert nördlich der Schleuse (Varloh) zu erhalten.“

Sparsame Wasserabgabe? Das steht im Widerspruch zu den Angaben des Bröringschen Landkreises von Anfang der  Woche. Da hatte es aus dem Landkreis mit Blick auf die verendenden Fische geheißen: Mit der Erhöhung der Fließgeschwindigkeit im Kanal und der Belüftung werde versucht, das Sauerstoffdefizit zu verringern. (update vom 19.04.: Und das untereicht die Behörde aktuell  erneut) Und Reinhard Lömker Untere Wasserbehörde unserer Stadt Lingen, sagte Anfang der letzten Woche,  Ziel sei es jetzt, dass das schadstoffbelastete Wasser durch möglichst viel Bewegung im Kanal verdünnt wird. Der Naturschutzbund NABU hatte diese Strategie als schlechte Notlösung kritisiert:  „Mit jeder Schleusung werden die Schadstoffe weiter diffus verteilt“, sagte Jutta Over (NABU Meppen). Jetzt also wird nur sparsam das Wasser bewegt. Vor Hintergrund von Fischsterben, Superbenzin und Schaum im Kanal hatte Jutta Over schon vor einer Woche die Frage gestellt, ob der Kanal nicht zu schnell wieder für die Schifffahrt freigegeben worden sei. Im Internet findet sich ein selbst gestricktes Youtube-Video, dessen inhaltliche Aussagen man nicht teilen muss, das aber authentisch und ungeschminkt den ungereinigten Zustand des DEK (direkt nach der Explosion!) und die Folgen zeigt.

Das kilometerlange Fischsterben hätte vermieden werden können, wenn der Kanal erst wieder geöffnet worden wäre, nachdem alle  Lösch- und Benzinrückstände mit Spezialschiffen und Fahrzeugen aufgenommen gewesen wären. Aber das war nicht nur dem sinnfrei-dynamischen Landrat  unverhältnismäßig.  Das Wasser sei bestmöglich gereinigt worden, hatte auch Reinhard Lömker gemeint. Genau das ist es natürlich nicht, und ich ärgere mich über solche falschen Aussagen.  Man hätte es viel besser machen können und müssen, aber ein gründliches Schadensbeseitigung hätte dann deutlich mehr Geld gekostet. Und da denkt man lieber an die Haftpflichtversicherungen oder die BP, die die Kosten der Schadensbeseitigung  bezahlen, und die Binnenschiffer und ihre Gesellschaften, die den Dortmund-Ems-Kanal schnell wieder benutzen wollen.

(Foto:  Dortmund-Ems-Kanal und  BP-Raffinerie – vor der Explosion  Alle Rechte vorbehalten von Greune Stee, flickr.com)

Ursachenforschung

31. März 2011

Das niederländische Online-Fachmagazin „Schuttevaer“ berichtet heute über mögliche Ursachen der Explosion des Tankmotorschiffs Alpsray am Montagabend im Raffineriehafen der BP in Holthausen-Biene – wie das im Nachbarland so normal ist, in niederländischer Sprache.  Hier das Original – eine Übersetzung folgt der interessanten Passage finden Sie hier:

BP verletzt eigene Sicherheitsvorschriften

‘’Berichte von Schiffern, die regelmäßig in Lingen laden und entladen, weisen auf unsichere Arbeitsverfahren beim Beladen und Entladen hin. So sollten Mitarbeiter des BP-Terminals in Lingen regelmäßig Deckel von Ladetanks aufreißen, schon bevor das Schiff vollständig angelegt hat, und ohne um die Zustimmung des Schiffers zu fragen und zu kontrollieren, ob die Tanks unter Druck stehen. Nach dem Beladen bleibt in dem Schlauch des diagonalen Ladearms des BP-Terminals immer etwas Produkt zurück. Üblich ist es in Lingen, dieses mit einer Art Hilfsschlauch, durch einen geöffneten Tankdeckel, ins Schiff fließen zu lassen. Der Schlauch in dem Arm wird dann leergedrückt. Solche Verfahren widersprechen den  EBIS [European Barge Inspection Scheme ≈ Europäisches Binnenschiff-Inspektionssystem] und eigenen Sicherheitsregeln von BP. Nach Angaben von Schiffern in Lingen wird aber trotzdem seit Jahr und Tag so verfahren.
’Wir haben dort auch Benzin geladen. Da war es sicherlich 30 Grad’, berichtet einer von ihnen. ’Die Terminalbesatzung fragte, ob wir einen Tankdeckel öffnen wollten, damit sie eine Art Deckwaschschlauch in den Tank hängen konnten. Der war an den Ladearm angeschlossen, damit sie diesen leerdrücken konnten. Bei der Hitze strömen die Benzindämpfe dann in einer dicken Schicht über das Deck. Sie sagten, das machen wir immer so. Ich habe dieses später meinem Sicherheitsberater gemeldet und gefragt, ob er Van de Ven – der EBIS-Mann von BP – bitten wollte, dagegen etwas zu tun. Später bat er mich freundlich, hierüber meinen Mund zu halten, um keine Kunden zu verlieren. Van de Ven war über das Verfahren nicht glücklich und wollte dafür sorgen, dass sich das während einer zukünftigen Modernisierung des Terminals ändern würde. Als ich jetzt von der Explosion erfuhr, habe ich sofort gedacht, dass es genauso passiert sein kann’.

Mehrere Schiffer bestätigen diese Berichte. ’Es findet schon so lange statt, wie ich hierher komme und ich komme schon seit Jahren’, sagt ein etwas älterer Schiffer.

Eine andere oder eine begleitende Ursache könnte sein, dass ein oder mehrere Überdruckventile nicht richtig funktionierten, wodurch der Druck in einem oder mehreren Tanks zu hoch anstieg. Die Alpspray soll auf einer Werft neue Überdruckventile erhalten haben, möglicherweise war eines nicht geöffnet.

Tanker werden bei BP in Lingen wohl standardmäßig über eine Gaspendelleitung zum Kai hin entgast. Aber auch das scheint nicht immer sicher zu geschehen. ’Ich habe miterlebt, dass man fragte, ob ich Dampf durch die Tanks blasen wollte, um die Entgasung zu beschleunigen. Ich war gerade leer von Benzin und befand mich voll an der Explosionsgrenze’, sagt ein Schiffer. ’Dieser Dampf hat eine Temperatur von 350 Grad.’.
…“

Hier ein weiterer Bericht aus der Lokalpresse „Lingener Tagespost, der in etwa in dieselbe Richtung weist. Ich lese:

„Die Beschäftigten in der Be- und Verladung waren erst vor kurzer Zeit an den Personaldienstleister „iHp“ ausgegliedert worden. Dennoch seien das Engagement und die Motivation der dort arbeitenden 50 Mitarbeiter nach wie vor gut, erklärte Mohr (kfm. Leiter der ERE). „Wir arbeiten schon seit vielen Jahren und in vielen Bereichen mit der iHp zusammen. Bisher hat es noch keine Klagen gegeben.“

„Dennoch“ und „nach wie vor“ irritieren mich dann doch. Dann ging bei mir noch diese Information ein:

Sämtliche Großkonzerne (…) betreiben dem „Gewinnmaximierungsprinzip“ gehorchend eine ganz gefährliche Politik zu Lasten der Arbeitssicherheit etc.: outsourcing – like devil – anstatt Fachkräfte, die definitiv fehlen, seriös auszubilden.
… ist die „Verladung“ bei BP ebenfalls in Händen von „Fremdarbeitnehmern“.  Tja, eine Abrechnung des Einkaufs kann ExxonMobil über Ungarn/Tschechien fahren, iHP macht die Personalkostenabrechnung für BP-Mitarbeiter. Aber sicherheitstechnisch sensible Bereiche in die Hände von werksfremden Niedriglöhnern zu legen: Da kann es nur knallen! Hat/ wird es auch…“

Lingens CDU-Fraktionschef Uwe Hilling wird heute mit diesem Satz zitiert: „Wenn die Ursachen bekannt sind, müssen BP und die Verantwortlichen in der Stadt prüfen, welche Vorkehrungen und Regelungen notwendig sind, damit solch ein Vorfall sich nicht wiederholen kann.“ – Recht hat er, der Mann. Danach muss die Abhilfe aber auch durchgesetzt werden.

Enttäuscht

31. März 2011

Der Großbrand im Lingener Raffineriehafen ist noch einmal glimpflich abgelaufen. Personen kamen nicht zu schaden. Doch es hätte weitaus schlimmer ausgehen können.

Ein Kommentar von Peter Kliemann (NDR).

Drei Schiffe, jeweils mit einer Million Liter Benzin beladen, auf einem bricht ein Feuer aus. Ein Horrorszenario, das gestandenen Feuerwehrleuten schon als Übungsszenario Schauer über den Rücken jagt. Entsprechend waren die Befürchtungen der Journalisten Dienstagmorgen vor einer eilig anberaumten Pressekonferenz. Vertreter von Raffinerie, Landkreis, Feuerwehr, Polizei und Stadt Lingen wurden aufgeboten. Doch es sprach nur einer: der Oberbürgermeister.

Er verlas eine nichtssagende, längst bekannte Erklärung, grüßte und ließ nach zwei Minuten eine verdutzte Runde zurück. Schweigen bei den anderen Vertretern, keine weitergehenden Fragen, keine Erläuterungen. „Alles im Griff, es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung!“ Punkt. Aus. Dieser ebenso banale wie meistens falsche Satz im Fall eines Unglücks mit diesen Ausmaßen sorgte für Ärger und Verwunderung in der Journalistenrunde. Was wollte der OB damit sagen? Drei Millionen Liter Benzin neben einer Raffinerie mit riesigen Tanklager, 70 Meter hohe Feuersäulen, 10 Hektar Schaumteppich auf dem Dortmund-Ems-Kanal, vielleicht hunderttausende Liter Benzin im Wasser – für den Oberbürgermeister kein Problem.

Lingen ist nicht Fukushima und nicht die „Deepwater Horizon“. Aber für einen Mann, der mit dem Anspruch „mehr Transparenz“ angetreten ist, ein schwaches Bild. Journalisten können in der Regel selber lesen, dafür braucht’s kein hochbezahltes Stadtoberhaupt. Krisenmanagement sieht inzwischen anders aus. Krisenmanagement erfordert die Analyse und den systematischen Umgang mit dem Problem. Kann man übrigens auch nachlesen, Herr Oberbürgermeister!

-.-.-.-.

Ich weiß nicht, ob Peter Kliemann etwas dagegen hat, dass ich hier seinen Beitrag vollständig veröffentliche. Aber er ist zu wichtig, als dass er in einem Leser-Kommentar versteckt bleiben darf (Danke J. Reul für den Hinweis!). Also eben ganz und im Wortlaut der Peter-Kliemann-Kommentar. Mit meiner Ergänzung, dass ich reichlich irritiert und enttäuscht bin, wie wenig professionell der OB da agiert hat.

Nachtrag: Auch die Lokalpresse krtisiert OB Krone: Amateurhaft.

Danke

29. März 2011

Zwar habe ich noch nichts derartiges gehört, nehme aber an, dass längst alle Verantwortlichen ein dickes Dankeschön  jedem Einzelnen der  250 Feuerwehr- und Einsatzkräften  gesagt haben, die heute Nacht ebenso umsichtig wie mutig dafür gesorgt haben, dass die Flammen des explodierten Tankers Alpsray nicht -mit unabsehbaren Folgen- auf weitere Schiffe im Raffineriehafen übergreifen konnten.

Ich schließe mich dem Dank gern und aus Überzeugung an und denke dabei sogleich zurück an die Hagedorn-Brandkatastrophen vor 15 Jahren, als Feuerwehrleute vor den  angrenzenden Wohnhäusern stehend trotz extremer Hitze die Flammen bekämpften, als hinter ihnen schon die Fenstjalousien schmolzen. Es sind schon wirklich tapfere Feuerwehrleute, die wie hier in Lingen haben.

Deepwater horizon

29. März 2011

Unisono beklagten sich die Journalisten  über eine mehr als seltsame Informationspolitik nach der Explosion des Tankschiffs Alpsray im Hafen der Erdölraffinerie Emsland. Hier der Podcast der Ems-Vechte-Welle über BP, Deepwater horizon, die Informationspolitk, 80 Sekunden OB und viele falsche Ausagen:

“’Am Montag, den 28.03.2011 kam es um 22.50 Uhr zu einem Brand im Hafenbereich der Erdöl-Raffinerie Emsland. Ein Schiff, das mit Benzin beladen wurde fing Feuer und es kam zu insgesamt drei größeren Verpuffungen. Die Besatzung, die zum Zeitpunkt des Unfalls aus fünf Personen bestand, konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ein Mitarbeiter der Schiffsbesatzung wurde leicht verletzt.‘ So beginnt die Pressemitteilung der BP. Viele Informationen hat der Erdöl-Riese zum Unglück in seinem Hafen allerdings nicht rausgegeben. Ems-Vechte-Welle-Reporter Mario Köhne war vor Ort und einer von den verdutzten Journalisten.“

Hier geht es zum -eindrucksvollen- podcast der Emsvechtewelle

Nachtrag:

«Derzeit kann man davon ausgehen, dass die Lage unter Kontrolle ist», sagte gegen (Dienstag-)Mittag Ralf Büring, Erster Stadtrat in Lingen (Ems). Das Technische Hilfswerk und eine Spezialfirma waren noch damit beschäftigt, das Wasser-Benzin-Gemisch und den Löschschaum abzupumpen. Wann das Schiff geborgen werden kann, ist noch unklar.

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat unterdessen -wie in derartigen Fällen üblich-  Ermittlungen wegen fahrlässiger Brandstiftung eingeleitet. Brandexperten untersuchen den Unglücksort. Der Kapitän des Tankschiffes steht unter Schock. Er konnte nach Angaben von BP noch nicht befragt werden.

(Quelle und Foto: © Ems-Vechte-Welle, Kieler Nachrichten)