Eisenbahnausbesserungswerk

14. November 2020

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Deutschland eine Monarchie und die Eisenbahn war eine „königliche Eisenbahn“. Im November 1918 ging der deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., nach Holland ins Exil. Aus der „königlichen Hauptwerkstätte“ in Lingen wurde die „preußische Hauptwerkstätte“. 1920, vor genau einhundert Jahren, ging die Preußische Eisenbahn dann in der Deutschen Reichsbahn auf.

Eisenbahner im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Unmittelbar nach Kriegsende begann im Lingener eine kurze Blütezeit. Doch es war nur eine Scheinblüte. Der kriegsbedingte Reparaturrückstau an Dampfloks und Waggons musste dringend abgearbeitet werden. Als weitere Aufgabe kam bald die Aufarbeitung von Lokomotiven und Wagen für die Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien hinzu. Die einstigen Kriegsgegner akzeptieren nur vollständig instandgesetzte und intakte Fahrzeuge. Möglich war dies nur durch die Einstellung von zusätzlichem Personal. 1919 erreichte die Beschäftigtenzahl mit 2287 Arbeitern einen Höchststand. Viele Eisenbahnarbeiter zogen mit ihren Familien nach Lingen – die Wohnungsnot stieg.

Die Lehrlingswerkstatt Anfang der 1920er-Jahre. Links die damals neue Halle I (heute Campus Lingen)

Lingen war ein wichtiger Standort, weil man hier während des Krieges die große Lokrichthalle gebaut hatte (Halle I, heute: Campus Lingen). 1919 wurde hier die sogenannte „Fließfertigung“ aufgenommen, die den Reparaturablauf wesentlich vereinfachte. Betrug die Reparaturzeit für eine Dampflok bei einer Hauptuntersuchung in der Zeit um 1900 je nach Aufwand noch drei bis sechs Monate, so war sie mit dem „Fließverfahren“ in der Regel nach vier Wochen wieder fahrbereit. Durch die Einführung des „Kesseltauschverfahrens“ verringerte sich die Standzeit noch einmal auf 16 bis 18 Tage. Hierfür war jedoch ein Ausbau der Kesselschmiede durch seitliche Anbauten notwendig.

Übergabe einer Dampflok Anfang der 1920er-Jahre

Parallel dazu erfolgte eine wichtige Neuorganisation im deutschen Eisenbahnwesen. Am 1. April 1920 wurde aus den bislang selbständigen Ländereisenbahnen der deutschen Bundesstaaten zunächst die „Reichseisenbahn“, die dann zur „Reichsbahn“ umfirmierte. Die Werkstätten wurden organisatorisch vom Eisenbahnbetriebsdienst getrennt und einer eigenen „Direktion für das Werkstättenwesen“ zugeordnet. Aus der „Preußischen Hauptwerkstätte“ wurde das „Reichsbahn-Ausbesserungswerk“ (RAW) im Rang eines eigenen „Werkstättenamtes Lingen-Ems“.

Die Arbeitsbedingungen für die Eisenbahner verbesserten sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Der 8-Stunden-Tag wurde eingeführt, neue Sozialeinrichtungen geschaffen: ein Speisesaal, Wasch- und Umkleideräume sowie eine neue Badeanstalt mit Brausebädern und Badewannen. Eisenbahn und Baugenossenschaften nahmen Wohnungsbauprogramme für Eisenbahnerfamilien in Angriff. Im Strootgebiet entstanden neue Arbeitersiedlungen.

Hungerdemonstration der Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919
Demonstrierende Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919

Die Eisenbahner vor Ort hatten nach dem Krieg in ihrem Alltag viele Sorgen. An der miserablen Versorgungslage änderte das Kriegsende zunächst wenig und im Frühjahr 1919 kam es in Lingen zu Hungerdemonstrationen der streikenden Eisenbahnarbeiter. In den folgenden Jahren hatten die Eisenbahner zwar Arbeit, aber die aufziehende Inflation vernichtete den Wert des Einkommens. Die Belegschaft in Lingen machte von ihrem Streikrecht Gebrauch, um auf die wachsende Not aufmerksam zu machen. Mit eigenem Notgeld in Milliardenwerten versuchte die Eisenbahn, die Auszahlung der Löhne sicherzustellen.

Die „Verreichlichung“ der Ländereisenbahnen zur „Reichseisenbahn“ von 1920 war nur der erste Schritt beim Umbau des Eisenbahnwesens. 1924 wurde die „Reichseisenbahn“ von einem staatlichen Betrieb zu einem selbständigen Unternehmen umgewandelt, der „Deutschen Reichsbahn“. Diese übernahm 1925 auch die Bahnstrecke von Salzbergen bis zur niederländischen Grenze, die bis dahin eine holländische Eisenbahngesellschaft betrieben hatte.

Die Eisenbahn galt als sicherer Arbeitsplatz – Lehrwerkstatt im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Die Zusammenlegung der Ländereisenbahnen zur Reichsbahn brachte für den Eisenbahnverkehr in Deutschland viele Vorteile. Die Organisationsstrukturen wurden vereinheitlich, technische Neuerungen konnten nun deutschlandweit eingeführt und umgesetzt werden. Allerdings überschattete die Wirtschaftskrise die vielen Verbesserungen, die Anfang der 20er-Jahre bei der Eisenbahn erfolgten. Auch im Lingener Eisenbahnwerk kam es zu Massenentlassungen. Viele, die geglaubt hatten, sie hätten einen sicheren Arbeitsplatz bei der Bahn, waren nun von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Personalabbau war begleitet von Protesten der Arbeiter. Im Herbst 1924 wurde eine ganze Kompanie Reichswehr zum Schutz der Werkstatt nach Lingen verlegt. Vor den Haupteingängen brachten die Soldaten Maschinengewehre in Stellung, die ihre Mündungen auf die Werkshallen richteten. Die Lage blieb friedlich, aber das Vertrauen in die neue Republik wurde durch solche Maßnahmen nicht gerade gestärkt. Die Entlassungswellen liefen weiter. Ende der 20er-Jahre waren nur noch gut 1100 Eisenbahner im Werk beschäftigt, Anfang der 30-er-Jahre sank die Zahl weiter auf unter 1000 Mitarbeiter.


Gefunden im Blog des Emslandmuseum Lingen.

Campus in Concert 2019
Lingen (Ems) – Campus, Halle I/II
Do 23. Mai – ab 18 Uhr
Eintritt: frei

Line-Up:

The Six Leaves
Liebe 3000
Gabriel Zanetti
Miles King & the Foolish Knights
radiovegas
Al Ray

Aufstrebende Singer/Songwriter und Bands vom Institut für Musik der Hochschule Osnabrück treten bei diesem Newcomer-Festival auf dem Campus Lingen der Hochschule auf der großen Bühne im ehemaligen Lingener Eisenbahnausbesserungswerk auf und stehen dabei teilweise zum ersten Mal vor einem größeren Publikum.

Der Eintritt ist nach dem Motto „umsonst und drinnen“ für alle Besucher frei. Organisiert wird die Veranstaltungsreihe von Studierenden verschiedener Studiengänge an den Standorten Lingen und Osnabrück.

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keine Namen

24. Mai 2018

Heute entscheidet der Kulturausschuss der Stadt Lingen (Ems) über das Anbringen einer Gedenktafel zur Erinnerung an die gefallenen Mitarbeiter des ehem. Lingener Reichsbahnausbesserungswerks. Still, klamm und heimlich haben sich die Sozialdemokraten und Christdemokraten darauf verständigt, die erstmals 1935 zu NS-Zeiten aufgehängten „Heldentafeln“ an die Außenwand der Kunsthalle zu hängen. Da haben sie zwar nie gehangen, aber es sei eben Platz dort, meint beispielsweise Ratsmitglied Edeltraut Graeßner (SPD). Was damit für die Kunsthalle an Problemen entsteht und wie sehr dadurch die Aufgabe dieser kulturellen Einrichtung beschädigt wird, ist ihr ebenso egal wie den anderen Kommunalpolitikern, die das Thema jetzt abschließen wollen.

Nun hab ich ja bereits früher über das in Form und Funktion typische nationalsozialistische Propagandaprodukt berichtet, das Ausgangspunkt der Überlegungen ist,  und vor einem Vierteljahr sah es so aus, als gehe der NS-Spuk an der renommierten Kunsthalle vorüber: Die „Heldentafeln“ sollten nahe des Ehrenmals am Alten Friedhof aufgehängt werden. Die SPD will das aber nicht und erkennt die Fragestellung nur unvollkommen: „Dürfen Demokraten mittels propagandistischer Nazi-Kunst an tote Soldaten der beiden Weltkriege erinnern?“

Denn die Wandplatten spiegeln typische Nazi-Ästhetik, also die Kunstsprache der Nationalsozialisten, wider – ganz im Sinne Hitlers: „Blut und Rasse werden wieder zur Quelle der künstlerischen Intuition“. Ist die heroisierend-völkische Darstellung mit einem Soldaten auf der einen und einem, ihm  und den Namen  der „Gefallenen“ zugewandten Arbeiter auf der anderen also überhaupt eine akzeptable Form des Gedenkens? Und ist nicht der Ort, an dem 1935 die „Heldentafeln“ angeschlagen wurde, auch Teil der NS-Propaganda?

Daher haben inzwischen die Protagonisten aus SPD und CDU die Idee entwickelt, den Teil der Wandtafel zu entfernen, den sie als NS-Propaganda verstehen. Die Seitentafeln kommen weg, die einen Arbeiter und einen Soldaten in jeweils heroischer Pose zeigen. Doch mit diesem Zerlegen der Tafeln erweist man der Geschichte erst recht einen Bärendienst. Anstatt im Lingener Emslandmuseum die Tafel komplett aufzuhängen und daran vor allem jungen Menschen die Funktion derartiger „Kunst“ im NS-Staat zu erklären, beseitigt man tolpatschig diese Chance der Aufklärung.

Übrigens hilft das nicht einmal:
Denn auf der Wandtafel finden sich auch mindestens zwei SA- und SS-Angehörige wieder; (nicht nur) ich empfinde es als besonders perfide, solche Täter-Namen vor die Tür der Kunsthalle zu hängen, die doch der Weltoffenheit, der Völkerverständigung und der Toleranz in besonderer Weise verpflichtet ist. Hinzu kommt, dass sowohl die Opfer des NS-Terrors unter den Lingener RAW-Arbeitern als auch die in der Zwangsarbeit  im Lingener Reichsbahnausbesserungswerk Getöteten bis heute namenlos geblieben sind. Kommunalpolitiker, die daran nichts ändern, aber der Täter namentlich gedenken, entehren diese Opfer ein weiteres Mal. 

Die kleinen Fraktionen im Kulturausschuss (Die BürgerNahen, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP) lehnen das Projekt ab; auch die fachkundigen Bürger im Ausschuss sind entsetzt. Sie und das Forum Juden-Christen haben in mehreren Briefen an den Oberbürgermeister gefordert, das Projekt aufzugeben. Der aber ist -wen überrascht es?– einmal mehr abgetaucht und bezieht keine inhaltliche Position.

Ich fürchte heute: Der Protest wird nicht helfen. Aber ich weiß auch: Das Thema wird damit nicht abgeschlossen. Ganz im Gegenteil.

Übrigens: Nicht dabei ist heute Irene Vehring (CDU). Die kluge Ausschussvorsitzende ist eine erklärte Gegnerin des Erinnerungsprojekts, konnte sich aber in ihrer Fraktion nicht durchsetzen. Also ist sie in Urlaub gefahren.

Zwei Frauen

8. Oktober 2012

Dieser Montag ist ein richtig guter Tag für unsere Stadt. Der Hochschul-Campus in der ehem. Lokrichthalle I/II des Eisenbahnausbesserungswerks wird offiziell eröffnet. Es werden sich viele feiern lassen, die nicht für diesen regionalpolitischen Erfolg verantwortlich waren.

Daher ist es Zeit an diese zwei Frauen zu erinnern: Elke Müller (Foto lks) und Helga Schuchardt. Denn „ohne den Einsatz von Frau Müller und der damaligen Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt hätten wir 1995 die Fachhochschule in Lingen niemals eröffnen können.““ (Karl-Heinz Vehring, Lingens damaliger Oberstadtdirektor).

Danke, Ihr Zwei!

Pausenbild 2

14. August 2012

(EAW Lingen (Ems), © Milanpaul via flickr)

Entwickeln

21. November 2011

OB Dieter Krone hat unlängst die „Vermarktung des Emsauenparks“ im Lingener Stadtteil Reuschberge zu einem seiner politischen Arbeitsschwerpunkte erklärt. Immerhin soll auf dem Gelände der ehemaligen, übereilt, sinnfrei und reichlich kopflos abgerissenen Scharnhorstkaserne der Bundeswehr  ein völlig neues Stadtquartier entstehen. Da muss man dann das Beste draus machen.

Vorgestern, am Samstag, gab es dazu einen wichtigen Termin im IT-Zentrum der Hallen des ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks, über den heute die Lokalpresse, die Ems-Vechte-Welle und abends dann auch EV1-tv durchweg positiv berichten. Regionale Architekten präsentierten ihre Entwürfe, Grundrisse und Ideen für neue Häuser im Emsauenpark Reuschberge. Durchweg alle Teilnehmer der Veranstaltung waren am Samstag voll des Lobes und freuten sich über den unerwartet großen Ansturm. Die Messe-Idee hatten maßgeblich Hochbauamtsleiter Peter Krämer und Helmut Höke, Prokurist der kommunalen Grundstücks- und Erschließungsgesellschaft (GEG), entwickelt. Grundlage war die Überlegung, dass das Baugebiet für 300 bis 400 neue Wohnungen städtebaulich wie gestalterisch nur gelingen könne, sofern Bauwillige einen Überblick über die unterschiedlichen Vorstellungen der Architekten und Bauträger gewinnen können. Bei einer herkömmlichen Vergabe gelingt dies regelmäßig nicht.

Das neue Wohnen entsteht bekanntlich nur etwa 1000-Meter-Luftlinie vom Marktplatz entfernt, zwischen Dortmund-Ems-Kanal im Osten und der Ems im Westen. Der Vorteil gegenüber den vermeintlich günstigeren Grundstücken in Nachbargemeinden oder Ortsteilen: Familien brauchen kein zweites Kraftfahrzeug. Entstehen sollen Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser, Stadtvillen und Stadthäusern. Südlichwestlich des Wohngebietes entsteht ein rund 14 Hektar großer Park, der „die natürlichen Landschaftselemente der Emsauen mit modernen Wasserelementen, Gastronomie und Spielflächen vereint“, wie es auf der Internetseite der Stadt heißt.

Noch vor Weihnachten sollen im Stadtrat die Grundstückspreise festgelegt werde. Unterschiedliche Grundstücksgrößen von ca. 250 m² für Stadthäuser bis 1.500 m² werden dann auch zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden. Die ersten Grundstücke im neuen Emsauenpark werden voraussichtlich schon in zwei, drei Monaten vergeben. Zusätzliche Informationen zum Emsauenpark vermittelt die Broschüre Emsauenpark. Gebaut wird dann ab Sommer 2012. Interessenten können sich unverbindlich hier für ein Grundstück bewerben.
Zusammen mit Mitgliedern  der Stadtratsfraktion „Die BürgerNahen“  habe ich mich am Samstagnachmittag über die Pläne und Entwürfe der ausstellenden Architekten und Bauträgern informiert: Bau- und Planungsteam Hansi Surmann GmbH/Freren, Bruno Braun Architekten/Düsseldorf (Stöckler Immobilien und Bau GmbH/Lingen), Conzeptbau M. Wessmann Immobilien & Gutachterbüro/Lingen, Deeken Architekten/Lingen, Fickers Architekten/Lingen, Krämer + Susok Architekten BDA/Lingen, Liedtke + Lorenz GbR/Lingen, Meyerrose | Wübben Architekten/Meppen, mg architekturgesellschaft mbh/Meppen, Plan |Concept Architekten/Osnabrück, PRO Immobilien GmbH/Lingen, WBR Architekten • Ingenieure/Lingen, w+ID InnenArchitektur und Design/Lingen und 2e Architekten Hülsmann und Sowka/Meppen. Besonders gefiel dabei die Zusammenstellung von zehn völlig unterschiedlichen Stadthausentwürfen. Sie war übrigens deutlich besser als das nachstehende Foto.
An der Ausstellung nahmen außerdem auch die Architektenkammer Niedersachsen und die Stadt selbst sowie mit der Sparkasse Emsland und der Volksbank Lingen eG teil, also die beiden führenden regionalen Kreditinstitute. Leider war die Veranstaltung schon nach sieben Stunden zu Ende. Sinnvoll ist es daher, die einzelnen Arbeiten und Ideenskizzen der beteiligten Architekten dauerhaft online ins Netz zu stellen. Allerdings hat der Lingener Fahrradhändler Andreas Lutter die Domains emsauenpark.de und  emsauenpark-lingen.de -sagt man- gegrabbt? Er hat sie sich jedenfalls schon vor geraumer Zeit unter den Nagel gerissen, wird sie aber sicherlich gern abgeben, wenn man ihn höflich fragt.
Und dann wird eine neue Fußgänger- und Radfahrer-Brücke von Reuschberge über den Dortmund-Ems-Kanal in die Stadtmitte geführt werden. Da hoffe ich persönlich ganz still und leise darauf, dass dies kein 08/15-Bauwerk nach Art der Bundeswasserstraßenverwaltung („schnell, genormt und preiswert“) wird sondern eine Verbindung, die das Stadtbild deutlich aufwertet, mag es dann vielleicht auch ein bisschen teurer werden (Blätterst Du hier…).
Foto: Junge Lingener Architekten auf der Emsauenpark-Messe: Arnd Vickers und Sebastian Deeken, von lks., © robertsblog;)