Kahlschläger Krone

11. Juni 2018

Ich kann diese Geschichte gar nicht glauben. Sie stimmt aber: .Bekanntlich hat der Gastronomie-Betrieb Baba Can im Ratskeller direkt neben dem historischen Rathaus vor 10 Tagen die Türen geschlossen. Dann stand in der „Lingener Tagespost“ die Erklärung dafür. Natürlich ist sie nur in wenigen Teilen wahr:

„Durch den Baum vor dem Ratskeller seien die darunter stehenden Tische der Außengastronomie ständig dreckig und mit Vogelkot verunreinigt gewesen. Zudem habe es wegen der engen Gasse neben dem Ratskeller keinen vernünftigen Stellplatz für die Müllbehälter gegeben. Immer wieder sei es in der Gasse zu Problemen durch alkoholisierte Personen gekommen, die dort Müll hinterlassen oder eine Notdurft verrichtet hätten. „Die Stadtverwaltung konnte uns bei diesen Problemen nicht helfen!…Dies alles hat dazu geführt, dass wir Gäste verloren haben“

Schon tags darauf veranstaltete OB Krone einen Ortstermin und ersann eine Lösung, seine Lösung. Er will jetzt die 35 Jahre alte Linde neben dem historischen Rathaus absägen und dann das historische Pflaster der Gasse zwischen Ratskeller und E-Blatt herausreißen und die Straße neu pflastern lassen. Wie gesagt, so viel Aktionismus müsste überwältigen, wenn es nur nicht so undurchdacht wäre, was unser Kahlschläger Krone da will. Denn:

Die Gasse besitzt das älteste Pflaster unserer Stadt, das nach dem Wirbelsturm 1927 verlegt wurde. Auch das ist ein Kulturgut und deshalb in den letzten Jahrzehnten stets so behandelt worden. Jemand, der sich wirklich für unsere Stadt interessiert, sollte dies wissen. Also neu richten, mit den alten Steinen neu fassen und gut ist. Merke: Neupflastern kann jeder.

Dann müssen wir zweitens die Frage besprechen, wie in der Innenstadt der Müll entsorgt wird. So wie 1970 oder wie 2018? Da nämlich hat Baba-Can-Gastronom Hasan Müstak recht. Die Stadt tut nichts. So lässt tatsächlich der Meppener Müllbetrieb des Landkreises die Gastronomen und Gewerbetreibenden völlig allein. Das Motto der behördlichen Unternehmung lautet: Sortieren, verwerten, entsorgen“ – Adjektive wie nachhaltig, klug oder intelligent fehlen bezeichnenderweise und auch von Nachdenken ist nicht die Rede. Die vielfache Anregung, Unterflur-Müllsentsorgung zu installieren, wurde in Meppen damit beantwortet, dafür habe man keine Wagen. Deshalb haben bzw. bekommen wir jetzt schwarze Tonnen, blaue Tonnen, gelbe Tonnen und braune Tonnen – jeweils für den entsprechenden Recycle-, Papier,- Kompostier- und sonstigen Müll. Die mögen im Lingener Gauerbach, wo der OB wohnt, oder bspw. in Herbrum in der Garage aufzustellen sein, in einem dicht bebauten Stadtzentrum aber nicht. Die Lingener Stadtverwaltung hat dies nach mehreren Hinweisen aus dem Rat  erkannt und formuliert in einer ersten Stellungnahme zum neuen „Abfallwirtschaftskonzept“ des Landkreises:

„Im Innenstadtbereich der Stadt Lingen (Ems) haben viele Hauseigentümer aufgrund begrenzter Platzverhältnisse nicht mehr die Möglichkeit, die verschiedenen Abfallbe- hälter innerhalb der Gebäude oder auf den eigenen Grundstücken abzustellen. Es ist daher beabsichtigt, gemeinsam mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb, den betroffenen Grundstücks- und Hauseigentümern und der Stadt Lingen (Ems) ein Konzept zum Bau, Betrieb und zur Entsorgung von Unterflurcontainern zu erarbeiten. Hierfür erbittet [da steht tatsächlich „erbittet“] die Stadt Lingen (Ems) die Unterstützung des Abfallwirtschaftsbetriebes des Landkreises Emsland.“

Doch warum bitte so devot? In der Sache macht die Lingener Stadtverwaltung bisher außer Erbitten nichts und lässt die Gewerbetreibenden und Gastronomen allein, worauf Hasan Müstak hinweist. Mein Tipp an die Stadtverwaltung: Man könnte ja mal die Anregungen aus dem Rat aufgreifen und endlich selbst ein konkretes Konzept entwickeln! Aber schnell bitte!

Lasst uns drittens gemeinsam die Linde am Rathaus vor den Sägephantasien des Lingener OB retten, bitte. Sie hat die Hälfte des Jahres keine Blätter und eine Plastikkrähe oder zwei aus dem 1-Euro-Shop würden alles Nötige veranlassen, damit dort keine sich erleichternden Piepmätze sitzen, wenn es sie denn jemals gegeben hat.

Denn auch bei den früheren Gastronomen im Ratskeller Ebi Sadeghi und Jan Kieseling gab es keine gravierenden Vogelprobleme. Kieseling hatte zudem auch eine Markise, die der letzte Gastronom Hasan Müstak  im vergangenen Jahr nicht eingefahren hatte und die daraufhin bei einem Sturm das Zeitliche segnete…

Haben Sie es übrigens erkannt?
Die eigentliche Frage hat den OB Krone nicht erreicht: Ist die monatlich vom Hauseigentümer beanspruchte Pacht zu erwirtschaften? Ich höre, dass die verlangte Bruttorendite deutlich (!) zu hoch sei.  

(Foto: Ratskeller mit Linde und Markise, © Mike Roeser, Lingener Tagespost; Danke für das OK)

 

cropped-robertsblog_header.png31.12., also Zeit für einen Rückblick auf ein, für mich persönlich absolut spannendes und großartiges Jahr. Mich interessierte gestern Abend die Frage, welche Beiträge dieses kleinen Blogs eigentlich in 2016 am häufigsten angeklickt wurden. Hier meine Übersicht.

Mein wiederkehrender Streit mit der Lokalzeitung und ihren Protagonisten um Lokalchef Thomas Pertz, die uns täglich (!) mit zuckersüßen „Hach-wie-wunderbar-ists-hier“-Ausgaben beglücken, zog sich auch durch 2016. Der Beleg: Auf Platz 10 schaffte es mein Widerspruch, als Thomas Pertz nach der Kommunalwahl das Erstarken der völkisch-rechten AfD im südlichen Emsland relativierte: „Wenn die gewählten AfD-Vertreter dort bereit sind, konstruktiv mitzuwirken, wäre es undemokratisch, sie auszuschließen.“ Es läuft mir heute noch kalt über den Rücken.

Als ich mich Tage später über die neue Nutzung meines elterlichen Hauses durch ein Lebensmittelgeschäft im Stadtzentrum freute und fragte, „was mein Vater wohl sagen würde, hätte er noch erlebt, dass aus seiner feinen Konditorei ein Geschäft für Lebensmittel, Obst und Gemüse mit hauseigener Fleischerei unter arabischem Namen geworden ist“, interessierte die Neuigkeit so viele aus Lingen und umzu, dass der Beitrag auf Platz 9 kommt. Mein Optimismus hat mich übrigens nicht enttäuscht. Dort einzukaufen, bringt herrliche Genüsse. Ich erinnere mich da an ein wunderbares Abendessen mit zwei frischen Doraden, die es im Medina-Markt gab – mit exklusiven Zubereitungtipps von Ex-Piano-Chef Ebi Sadeghi, der zufällig auch gerade dort einkaufte.

Platz 8 belegt meine Kritik an der emsländischen Polizei, deren Twittereien und Pressemitteilungen zu dem gleichermaßen falschen wie subjektiven Eindruck vieler in Lingen führen, wir lebten im Auge eines ungeheuren Kriminalitätssturms. Das Gegenteil trifft zu, wie alle Statistiken belegen. Als aber im Frühsommer der bekannte Lingener Rechtsradikale Moritz H. mit einer Druckluftwaffe auf Flüchtlinge schoss, verstieg sich die lokale Polizei zu dem verharmlosenden Satz: „Ob die Tat politisch motiviert ist, steht derzeit nicht fest.“ Damals wie heute eine bodenlose Frechheit, wie ich finde.

Der kritische Blogbeitrag zum Lingener Weihnachtsmarkt („Symbolfoto“), die von manchen Glühweinkirmes genannte Spätjahresveranstaltung, klettert auf Rang 7 meiner Jahresliste. Anfang des Jahres empörte der bürokratische Versuch die Lingener, der Kultkneipe Koschinski die Musikveranstaltungen zu verbieten. Meine Appell schafft es auf Rang 6 der Postings und durfte auch ein wenig dazu beitragen, dass das Koschinski weiterlebt. Mit Live-Musik.

Das überflüssige Ende des traditionsreichen TuS Lingen und die Frage, was der ehedem Musik (und nicht Sport) lehrende Lingener Oberbürgermeister in dieser Sache tut, tat und nicht tat, schaffte es auf den 5. Platz. OB Krone, der alljährlich die üppige Förderung der HSG Nordhorn-Lingen promoted und in diversen städtischen Töpfen -sagen wir- versteckt, informierte niemanden über den Hilferuf des 104 Jahre alten Oberliga (!)-Vereins, um später im Jahr dann die krude Idee eines höherklassigen Lingener Fußballteams zu ersinnen; dazu gab es übrigens am 20. Dezember keine Bescherung sonderm im Gespräch mit den lokalen Fußballfürsten die erwartete und verdiente Bauchlandung. Weshalb ich en detail darauf hinweise? Nun, auch Platz 4 meiner diesjährigen Rangliste befasst sich mit dem gescheitert-peinlichen Krisenmanagement des OB in Sachen TuS Lingen.

Wer kam in diesem Jahr auf’s Treppchen? Das Ende der guten Küche in Lingen steht auf Platz 3. Viereinhalb Jahre war es derm junge Jan Kieseling  gelungen, im Ratskeller gute Küche an den Mann und die Frau zu bringen. Als er dann den Bib Gourmand des Michelin erhalten hatte, schloss er. Ein wirklicher Verlust an Kultur in unserer Stadt. Rang 2 hat das Blog Heinrich Essmann zu verdanken und seiner Idee den Nachfolgeverein des in Insolvenz befindlichen TuS „Rasenballsport Lingen“ (kurz: „RB Lingen“)  zu nennen. Ein genialer Schachzug Essmanns, der bundesweit die Aufmerksamkeit der Medien nach sich zog. Meine Prognose lag richtig: Keine Frage: Der Name RB wird Aufmerksamkeit hervorrufen, kontrovers diskutiert werden und zu manch neidischer Aufregung führen.

Und Platz 1? Es ist -mit großem Vorsprung- eine kleine Geschichte aus dem Alltag unserer Bürokratie. Da traf in meiner Anwaltskanzlei eine Aufforderung der Staatsanwaltschaft ein, und ich fragte -„aus mancherlei Gründen persönlich verhindert- in die geschätzte Leserrunde: „Wer möchte den Abholungstermin telefonisch absprechen und nach Osnabrück fahren?“ – Sie erinnern sich an die Abholung, oder?!

Was noch? Nicht ganz 140.000 Blog-Besucher haben sich im zu Ende gehenden 2016 bei mir umgeschaut. Ihnen wünsche ich ein gutes, gesundes neues Jahr, vor allem ein gesundes, wobei ich meine Wünsche in diesem Punkt ganz besonders nach Messingen schicke. Ich danke denen, die fast 500 Kommentare geschrieben haben, und wünsche mir für 2017 ein paar mehr. Wir haben ja Bundestagswahl, und ich werde mich anstrengen, dem gerecht zu werden. Ich habe vor ein paar Tagen den 10. Blog-Geburtstag gefeiert und will noch ein paar Jährchen dranhängen, wenn man mich Rentner lässt. Guten Rutsch!

Musikerstammtisch

11. Oktober 2013

Musikerstammtisch
Das Jubiläumskonzert 
Lingen (Ems) – Gaststätte Koschinski, Schlachterstraße

Samstag, 12.10.2013, ab 20 Uhr

20 Jahre gibt es nun den Lingener Musikerstammtisch schon, früher im alten „Piano“ und die letzten Jahre im Koschinski. Die neuen und alten Gastgeber, also das Koschi sowie Ebi und Barbara (Piano), Pete Budden als Nestor des Musikerstammtischrs und jede Menge Musiker laden ein, um nicht Montags wie üblich sondern dieses Mal am Samstag eine der inzwischen ältesten bestehenden Jam Session im deutschen Nordwesten zu feiern.

Après

12. Oktober 2010

Mehr als zehn Monate nachdem Ebi und Barbara Sadeghi ihr auch jazzig-überzeugendes Piano geschlossen haben, eröffnet Lingens agiler Kultgastronom Markus Quadt jetzt im ehemaligen Ratskeller (hist. Foto, re) vorübergehend (s)einen Q-Stall und kündigt propper an:  „Manche Leute behaupten, après Ski sei so wichtig wie das Skifahren selbst. Wenn man im Emsland schon nicht Skifahren kann, so kann man in dieser Saison zumindest zünftig im urigen Lingener Q-Stall ordentlich Après Ski feiern.“

Das ist doch mal eine Ansage für die ganz unbescheiden angekündigte „beste Après Ski-Party nördlich der Alpen“ . Neben dem historischen Rathaus gibt es also ab 18. November einen Q-Stall im echten Tiroler „Altholzstil“. Diese  vorübergehende Nutzung endet pünktlich am Tag vor Heiligabend. Bis dahin soll eine Original-Skihütte mit Platz für reichlich „Wintersportler“ und Freunde alpenländischer Gemütlichkeit Fans anlocken.

Quadt will  eine „urige Stube unter 100 Jahre alten Holzschindeln und bei Kaminfeuer“  und mit -wie könnte es auch anders sein- Glühwein, Jagertee, Flügerl und Alpenglüher, und er verspricht, wer im Q-Stall in stilechter Ski- oder Snowboardkleidung auftaucht, bekommt kostenlos einen Überraschungsdrink. Weihnachtsfeier- und andere Reservierungen sind jetzt schon hier möglich.

2011 wird das Traditionslokal dann nach Markus Quadts munterer Zwischennutzung durch die neuen Eigentümer gründlich renoviert;  es soll wohl zum Kivelingsfest 2011 wieder als Lokal geöffnet werden.  Meine Sorge:
Hoffentlich übersteht der traditionsreiche und unter Denkmalschutz stehende Ratskeller diese Grundrenovierung und das obligate Geld-in-die-Hand-Nehmen. Ich wünsche mir jedenfalls eine vorsichtige, sensible Renovierung und das kann man ebenso festmachen am Erhalt der uralten Ton-Dachpfannen wie der Bleiglasfenster und des  rund 90 Jahre alten in der Region einmaligen Klinkerpflasters in der Gasse hin zum Koschinski. Das Problem dürfte dabei einmal mehr der Oldenburger L. sein, der ja schon mehrfach als Stadtbaurat bewiesen hat, wie wenig er  für Denkmalschutz empfindet und tut, wenn nur jemand mit Geld in der Hand…

Palmen

12. Januar 2008

In der letzten Sitzung des Lingener Planungs- und Bauausschusses am vergangenen Mittwoch habe ich mich noch einmal erkundigt, was denn nun aus den Plastikpalmen am Anfang der Sturmstraße wird. Dort hat ein Lokalbesitzer vor zwei Monaten zwei, nächtens grellgrün blinkende Gestaltungsmonster vor den Eingang zu seinem Etablissement „gepflanzt“, und man denkt nun unwillkürlich, nicht in Lingens Innenstadt sondern am Ballermann auf Malle zu sein. Als ich dies in der Dezembersitzung ansprach, wusste niemand der Verantwortlichen etwas von diesem besonderen Beitrag zur Stadtgestaltung. Ist ja auch nur 10m vom Rathaus entfernt…

Auf meine erneute Palmen-Frage antwortete der Stadtbaurat jetzt: „Dagegen können wir nichts tun!“; er habe sich „erkundigt“.
Natürlich ist es unwahr, dass die Stadt nichts tun kann. Denn die Gestaltungsmonster stehen auf öffentlicher Straßenfläche, und außerdem sind sie Teil einer Kneipen-Werbeanlage. Aus beiden Gründen kann man sie beiseite räumen. Man muss es allerdings wollen. Deshalb offenbaren die falsche Antwort und die nachhaltige Untätigkeit einmal mehr, dass den Verantwortlichen die Individualität und die Gestaltung der historischen Stadtkerns inzwischen einigermaßen gleichgültig ist. Wir müssen folglich ansehen, wie das historische Rathaus durch eine „zeitgemäße“ Lichtgestaltung verhunzt wird, eine Ausnahmegenehmigung nach der nächsten für Werbeanlagen in der Altstadt erteilt wird, man die vor 30 Jahren gepflanzten Platanen fällt und durch gestalterische Beliebigkeiten ersetzt, die republikweit, also sozusagen auch in Wanne-Eickel, Plön oder Salzgitter zu finden sind. Die Botschaft lautet: Egal was – Hauptsache, es wird etwas gemacht.
Nikolaus Neumann, der parteilose langjährige Stadtbaurat, ist angesichts dieser Entwicklung jüngst nach Oldenburg verzogen. Fast 40 Jahre intensive Stadtgestaltung, die er maßgeblich beeinflusst hat, werden hektisch durch „zeitgemäße Gestaltung“ oder „attraktive Neugestaltung“ beiseite gewischt, und das will er sich offenbar nicht antun. Ich meine, sein Entschluss ist nur zu verständlich. Alle haben wir ja oft über ihn geschimpft. Aber was er tat, hatte „eine Struktur“, wie mir Gastwirt Ebi Sadeghi am Freitag sagte. Er war ein Hochbauarchitekt, dem konsequente Stadtgestaltung ein Herzensanliegen war, das er gegen alle Widerstände durchsetzte. Jetzt gibt es nur noch Aktionismus, zumeist unter dem willfährigen Applaus der „Lingener Tagespost„.
Ist es nicht wirklich ein schlechter Witz, wenn 2008 mit Billigung von OB Pott und Baurat Lisiecki in Lingen Plastikpalmen in die Innenstadt gestellt werden und beide zugleich unsere Platanen am Markt und in der Burgstraße fällen lassen?
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