Gestern gab es nach SchachtbauGazdeFranceSuezNeptune zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres eine Fiasko-Nachricht aus dem Rathaus, nämlich diese:

Liebe Ratskolleginnen und -kollegen,

die anliegende Presseinformation „Dralon-Standorte in Dormagen und Lingen werden geschlossen“ habe ich heute Nachmittag leider erhalten.

Diese leite ich Ihnen hiermit zur Kenntnis weiter. Die Wirtschaftsförderung steht in Kontakt zur Geschäftsführung.
Mit freundlichem Gruß
Dieter Krone
Oberbürgermeister

Jetzt frage ich mich, weshalb nicht der Oberbürgermeister selbst sondern „die Wirtschaftsförderung in Kontakt steht“ und was „in Kontakt steht“ heißt.  Aber was weiß ich schon.

Der gründliche Bericht von LT-Mann Thomas Pertz über das Dralon-Aus ist hier abrufbar. Er schließt mit den Worten:

Der Aufbau einer Karbonproduktion, der mehrere Jahre im Gespräch war, und in die Dralon 150 Millionen Euro investieren und 80 neue Arbeitsplätze in Lingen schaffen wollte, ist nicht realisiert worden.

Einmal mehr kam viel heiße Ankündigungsluft aus dem Rathaus, wie der Link zeigt. Jetzt erfuhr OB Krone das Aus der Kunststoffproduktion und dies offenbar per übersandter Pressemitteilung.  Diese setzt sich inhaltlich -sagen wir- etwas ab von der veröffentlichten Unternehmensphilosophie. Auf der Internetseite liest man nämlich:

Mit dralon® nachhaltig in die Zukunft
Verantwortungsvolle Unternehmensführung, soziale Gerechtigkeit und engagierter Umweltschutz sind unser Antrieb
Durch nachhaltiges Handeln in der Unternehmensführung wollen wir konkurrierende Ziele bei Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft in Balance und Kontext bringen.

Die ökonomische Nachhaltigkeit stellt das Postulat auf, dass die Wirtschaftsweise so angelegt ist, dass sie dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet. Von besonderer Bedeutung ist hier der Schutz wirtschaftlicher Ressourcen vor Ausbeutung.

Die ökologische Nachhaltigkeit umschreibt das Ziel, Natur und Umwelt für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Dies umfasst den Erhalt der Artenvielfalt, den Klimaschutz, die Pflege von Kultur- und Landschaftsräumen in ihrer ursprünglichen Gestalt sowie generell einen schonenden Umgang mit der natürlichen Umgebung.

Soziale Nachhaltigkeit versteht die Entwicklung der Gesellschaft als einen Weg, der Partizipation für alle Mitglieder einer Gemeinschaft ermöglicht. Dies umfasst einen Ausgleich sozialer Kräfte mit dem Ziel, eine auf Dauer zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft zu erreichen.

Hierzu gehören:

verantwortungsvolle Unternehmenssteuerung
soziale Gerechtigkeit
engagierter Umweltschutz

Das lass ich mal so stehen.

(Das Dolan-Werk im bayerischen Kehlheim wird übrigens nicht geschlossen, sondern verkauft. Die Dralon-Tochter arbeitet offenbar profitabel. Mehr…)


Foto: Facebook

 

Dralon

6. August 2020

Anfang der 1970er Jahre war es als einer der ersten großen Erfolge für Unternehmensansiedlungen im „Bundesausbauort“  Lingen, der US-Chemieriese Monsanto. Das Unternehmen produzierte die Acrylfaser Dralon. Später ging es an die Bayer Faser GmbH, bevor dann die Dralon GmbH entstand; die hat jetzt wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Der Lingener Betrieb wurde im Jahr 2000 an die Fraver-Gruppe verkauft. Vor diesem Verkauf hatte diese Gruppe bereits einen Anteil von 30% an den Faserwerken Lingen, die eine Produktionsstätte der Bayer Faser GmbH waren. Zusammen mit der Dralon-Produktion im heutigen Chempark Dormagen bildeten die Lingener Faserwerke den operativen Teil der Übernahme.

Jetzt hat die Dralon GmbH mit den Standorten Dormagen und Lingen aufgrund der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und „des anhaltenden Preisdrucks auf dem Markt“ einen Insolvenzantrag im sogenannten Schutzschirmverfahren beim Amtsgericht Düsseldorf gestellt. Das Schutzschirmverfahren ist eine spezielle Verfahrensart; im Gegensatz zum üblichen Regelinsolvenzverfahren bleibt die Eigenverwaltung des Unternehmens in Zusammenarbeit mit einem Insolvenzverwalter bestehen, mit dem Ziel, durch einen erarbeiteten Insolvenzplan eine erfolgreiche Sanierung des Unternehmens durchzuführen. Die Verfahrensdauer beträgt üblicherweise rund 10 Monate und weist eine sehr ordentliche  Erfolgsquote zur Weiterführung des Betriebes auf.

Es besteht zurzeit auch keine Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens, so dass keine Insolvenzantragspflicht gegeben ist. Darauf weist das Unternehmen deutlich hin.

Für den Standort Lingen ist seit Anfang August die Kurzarbeit beendet. Die Produktion und der Produktabsatz sind wieder aufgenommen. Seit 1972 wird im Werk Lingen die nass gesponnene Dralon-Faser produziert, mit einer momentanen Gesamtproduktion von 68.000 Tonnen jährlich. Die NOZ sprach vor einiger Zeit von 188.000 Tonnen Acrylfaser pro Jahr; das ist aber die in Dormagen und Lingen produzierte Gesamtmenge des Unternehmens. Lingen produziert mit 185 Mitarbeiter/iinen nur etwa halb so viel wie das Werk in Dormagen.  Apropos Mitarbeiter/innen: Die wurden i  einer Betriebsversammlung informiert und se erhalten im Rahmen des Verfahrens Insolvenzgeld aus der Bundeskasse. Dies soll laut den Angaben der Werksleitung dem bisherigen Nettoeinkommen der Beschäftigten entsprechen (mehr: NOZ)

 

Unwirksam

11. August 2011

Diese  Presseerklärung hat das Verwaltungsgericht Osnabrück veröffentlicht:

„Das Verwaltungsgericht Osnabrück hat heute einer Klage stattgegeben, mit der sich die Kläger gegen ihre Heranziehung zu Abwassergebühren für Schmutzwasser durch die Stadt Lingen für die Jahre 2010 und 2011 gewandt haben. Zur Begründung hat das Gericht ausgeführt, dass die Gebührenerhebung von den Klägern rechtswidrig ist, weil die Abwassergebührensatzung der Stadt Lingen im Hinblick auf den Gebührensatz für Schmutzwasser unwirksam ist.

Hintergrund ist, dass die Dralon Faserwerke GmbH ihr Abwasser über eine Druckrohrleitung zur Kläranlage der Stadt Lingen leitet und mit dieser einen Sondereinleitervertrag über das hierfür zu zahlende Entgelt geschlossen hat. Das Unternehmen ist als im Stadtgebiet ansässiger Gewerbebetrieb jedoch gebührenpflichtig. Die Stadt Lingen hätte daher die Dralon Faserwerke GmbH als Gebührenschuldner in ihrer Gebührenkalkulation berücksichtigen müssen. Die mit dem Unternehmen vereinbarte vertragliche Ausnahme von der Gebührenpflicht verletzt die Gleichbehandlung aller Gebührenpflichtigen und führt – unter Zugrundelegung des geltenden Satzungsrechts – zu einer nicht gerechtfertigten erheblichen Mehrbelastung der übrigen Gebührenzahler.

Das Urteil ist mit dem Antrag auf Zulassung der Berufung zum Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg anfechtbar.

Aktenzeichen: 1 A 73/11″

Meine Stellungnahme: Wenn es um die Abrechnung von Schmutzwasser geht,  halte ich es für angebracht, einen örtlichen Großbetrieb wie die Faserwerke mit einer ganz spezifischen Abwasserfracht  „gebührentechnisch“ anders zu behandeln als zum Beispiel mich und meine Familie mit Hausabwässern. Ich will gar nicht mit einem Großbetrieb wie Dralon gleich behandelt werden. Wenn dies -wie auch immer- in die Gebührensatzung eingearbeitet werden muss, dann muss dies geschehen – rückwirkend zum 01.01.2010.  Der Abschluss von Sondereinleitungsverträgen mit ganz wenigen, bestimmten Unternehmen mit jeweils hoher Abwassermenge ist übrigens immer in den Ratsgremien beschlossen worden – seit es solche Betriebe und die Kläranlage gibt. Und das halte ich auch für richtig. Es hat sich bewährt.

Übrigens: Presseerklärungen von Gerichten über Entscheidungen sollten grundsätzlich erst veröffentlicht werden, wenn die jeweilige Prozesspartei die Entscheidung erhalten hat. Dann kann sie Stellung nehmen, wenn sie von der Presse dazu befragt wird, und muss nicht Achsel zuckend sagen, dass sie noch nichts weiß.