Am vergangenen Dienstag hat das NDR Radio Niedersachsen unter dem Sendeformat „Jetzt reicht’s! – Rennen für Ringe und Hakenkreuz“ eine Diskussion über das geplante Rosemeyer-Beinhorn-Museum veranstaltet. Ein  Zusammenschnitt findet sich hier.

Die Veranstaltung selbst enthielt einige besonders tumb-gestrige, die Geschichte mit Füßen tretende Aussagen. So sagte ein ehem. Berufssoldat, an den Vorsitzenden des Forum Juden Christen Dr. Heribert Lange gewandt: „Der erzieherische Wert des Bernd-Rosemeyer-Museums ist größer als alle Ihre Stolpersteine zusammen.“

Bernd Rosemeyer junior, eingespielt von außerhalb, meinte: „Die SS war am Anfang ‚eine positive Geschichte'“.

Pro-Rosemeyer-Gedenkstätte hatte sich Werner Dietrich bereits in Leserbriefen geäußert. Am vergangenen Dienstag dann dies: „Bernd Rosemeyer starb, bevor die Untaten der SS begannen. Er lehne daher eine „kritische Beleuchtung“  Rosemeyers ab.

Man sollte diese NDR-Veranstaltung nicht zu ernst nehmen. Aber ich sage auch mit allem Nachdruck: Wehret den Anfängen!

Ich frage mich, weshalb man angesichts dessen für einen im besten Fall opportunistischen Sportler in der SS, eine museale Gedenkstätte will. Ich verstehe nicht, weshalb hier so geschichtslos argumentiert wird. Jeder Satz der Herren  Rosemeyer jun., oder Werner ist ein Schlag ins Gesicht der SS-Opfer.

In einem Bericht über die NDR-Veranstaltung in der Lingener Tagespost lese ich von all dem nichts. Mir liegt eine Information vor, dass der anwesende LT-Redakteur Carsten von Bevern diese Äußerungen nicht gehört habe. Nun, sie sind für jede/n im Radiomitschnitt zu hören. Anders als ein bornierter Zuruf Richtung Heribert Lange: „S-i-e nehme ich doch überhaupt nicht ernst…“

Der ehem. Lehrer Paul Haverkamp hat jetzt dies zum Thema geschrieben:

  1. Ja, die Stadt Lingen benötigt ein Museum, und zwar zur Ehrung der Personen, die von den Nazis
  • strafversetzt, zwangspensioniert bzw. ihrer Ämter enthoben wurden
  • gedemütigt und gequält wurden – bis in den Tod
  • abgesetzt und verunglimpft wurden
  • sich nicht haben einschüchtern lassen und die sich schützend vor Jugendliche gestellt haben
  • sich nicht davon haben abbringen lassen, ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden vor dem Massaker der SS zu bewahren.
  1. Ja, die Stadt Lingen benötigt ein Museum, um das Verhalten all derjenigen zu würdigen,
  • die im Stillen, im Geheimen zu den von den Nazis in Lingen gedemütigten und ihrer Menschlichkeit beraubten Juden und allen anderen Verfolgten unter Gefährdung ihres eigenen Lebens gestanden und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten geholfen haben
  • die nicht darauf bedacht waren, sich als Claqueure den Nazis zur Verfügung zu stellen, um sich auf diese Weise kurzfristige persönliche Vorteile zu verschaffen
  • die zuihren christlichen Wurzeln und ihren Wertvorstellungen gestanden haben
  • denen die Bewahrung humaner Werte, Geradlinigkeit und Menschlichkeit wichtiger waren als die auf Menschenverachtung, Freiheitsberaubung, Entzug der Menschenwürde, Gewalt, Rassismus und Völkermord aufbauende Naziideologie
  • Nein, wir benötigen kein Museum für einen SS-Hauptsturmführer,
  • der ohne politischen Zwang es vorzog, sich einem Verbrechersystem anzudienen, sowohl aus Überzeugung als auch mit dem Ziel, seine SS-Mitgliedschaft zu nutzen, mit sportlichen Erfolgen zu reüssieren und seinem unstillbaren Verlangen zur Mehrung seines Narzissmus immer wieder neue „Nahrung“ zu verschaffen
  • dem eine Mitgliedschaft im NSKK nicht reichte und vor der Machtübernahme im   Januar 1933 bereits Ende 1932 eine Mitgliedschaft in die SS anstrebte oder dieselbe bereits vollzog
  • dem seine mit pathologischer Obsession verfolgten Ziele der Erlangung sportlicher Trophäen und internationaler Medienaufmerksamkeit wichtiger waren als sich einen kritischen Blick für die auch bis zu seinem Tode bereits unübersehbaren Gräueltaten des NS-Verbrechersystems – vor allem ausgeübt von „seiner“ SS – zu bewahren

Ein Mensch mit einer solchen Biografie kann niemals ein erinnerungswürdiges Vorbild sein – vor allem nicht  für die heutige junge Generation!

Beispiele für das unter Punkt I aufgeführte Verhalten von Lingener Bürgern, die sich nicht haben verführen lassen und zu Recht eine Würdigung und Ehrung erwarten können; vor allem können sie Vorbilder für die heutige junge Generation sein:

  • Heinrich Brinkmann, Rektor, seit 1933 in ständigem Konflikt mit den Machthabern, 1937 zwangspensioniert
  • Anna Brauer, Hebamme in Brögbern, 1944 Gestapogefängnis Münster
  • Clara Eylert, Schulleiterin, 1937 strafversetzt und zwangsweise pensioniert
  • Pfarrer Georg Geers, widerständiger Pastor, der sich immer wieder mit den Nazis anlegte; letztlich trauten sich diese nicht, ihn zu belangen.
  • Heinrich Schniers, Pastor St. Bonifatius Kirche;  von den Nazis gedemütigt und gequält, starb 1942 im KZ Dachau
  • Hermann Gilles wurde als Zentrumsbürgermeister Lingens von den Nazis 1933 abgesetzt  und verunglimpft
  • Josef Terstiege, Zentrumsbürgermeister bis 1933, von den Nazis abgewählt
  • Julius Landzettel, Gewerkschaftssekretär und bis 1933 Bürgervorsteher; von den Nazis abgesetzt
  • Paul Keseling, Direktor des Georgianums 1945 – 1954; wurde 1935 strafversetzt, weil er sich schützend vor Schüler gestellt hatte, die ihr ND-Heim in Rheitlage abgebrochen hatten, um es vor Übernahm durch die HJ zu schützen
  • Dr. Mathilde Vaerting aus Messingen, 2. weibliche Lehrstuhlinhaberin in Deutschland; 1933 aus dem Amt geworfen
  • Gerhard Schwenne, Priester und Studienrat, Zentrumspolitiker, 1933 strafversetzt
  • Heinrich Löning (Foto), mutiger Lingener Arzt, der stets darum bemüht war, die ukrainischen Juden von Kowel vor dem Massaker der SS-Mordgesellen Hitlers und Himmlers zu bewahren, und dafür sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.
  • Zu erwähnen bleiben auch mutige Personen wie Altbürgermeister Robert Koop sen., die Eltern des Altoberbürgermeisters Bernhard Neuhaus und der Lingener Arzt Dr. Ferdinand Beckmann.

Lieber Paul Haverkamp, danke!

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In einer früheren Version dieses Beitrags ist ein Teilnehmer-Name im Zusammenhang mit zitierten Äußerungen genannt, die dieser nach eigenem Bekunden nicht getätigt haben will. Das Landgericht Osnabrück hat mich durch Urteil vom 28.05.2019 verpflichtet, die entsprechenden Aussagen im Beitrag zu unterlassen. Der Name ist daraufhin entfernt worden.

Umstände nicht gefallen

5. April 2018

Gerhard Kastein, der „Vater der Lingener Stolpersteine“ [mehr…], war vor zwei Wochen dabei, als durch Peter Lütje vier Stolpersteine vor dem Neubau verlegt wurden, wo früher das Haus der Familie Grünberg stand. Geehrt wurde damit auch Bernard Grünberg, der einzige aus Lingen stammende und noch lebende Jude, der den Holocaust überlebt hat. Bernard Grünberg hatte drei Tage zuvor sein 95. Lebensjahr vollendet. Kastein schrieb jetzt an Oberbürgermeister Dieter Krone:

Hallo Herr Oberbürgermeister Krone.

Ihnen alles Gute für ihre Aufgaben im Sinne einer lebenswerten Kommune.

Sie waren beim Verlegen der vier Grünberg-Stolpersteine anwesend. Ich habe mich gewundert, dass hier keine Sicherheit für die Teilnehmer von ihnen geschaffen wurde. Die Teilnehmer waren teilweise dem Verkehr voll ausgesetzt – wie im beigefügten Bild zu sehen. Eine akustische Kommunikation war teilweise nicht möglich. Wie hat der Jubilar diese Wertschätzung seiner Person wohl empfunden? Lediglich der Schrankenwärter hatte die Situation richtig erkannt und im Fahrplanzyklus für Sicherheit und Ruhe gesorgt.

Die aus dem oben liegende Fenster klingende Musik war gleichfalls sehr störend. Wieso gehen Sie (oder der gleichfalls anwesende erste Bürgermeister) als Gallionsfigur des Rates  nicht in das Haus und bitten die Bewohner die Störung  abzustellen. Hätte der Sache auf jeden Fall genützt.

Teilen sie mir bitte mit, warum diese Situation so geplant wurde.

Vorab vielen Dank
Gerhard Kastein

Soweit ich weiß, hat die Lingener Tagespost hat inzwischen das Forum Juden Christen Alkreis Lingen offiziell um eine Stellungnahme gebeten.Das Forum hatte die „Aktion Stolpersteine“ mitgetragen. Vorsitzender Heribert Lange schrieb an die Lokalzeitung, die Stolpersteinverlegung sei bei der Stadt Lingen bereits vor einigen Monaten beantragt und dort anstandslos genehmigt worden. Es sei, so Dr. Lange, in seiner Verantwortung, wenn es im Gegensatz zu früheren Stolperstein-Verlegungen Probleme gegeben habe.

In der Stadtverwaltung  habe, so Dr. Lange, man unabhängig davon entschieden, dass „im Hinblick auf den verkehrsruhigen Samstagnachmittag und auf die umstandslosen Stolpersteinverlegungen an selbiger Stelle im Jahr 2012 flankierende Maßnahmen des städtischen Ordnungsdienstes verzichtbar seien“. 

Gerhard Kastein, langjähriges ehemaliges Ratsmitglied, hat bislang noch keine Antwort vom Oberbürgermeister auf seine Kritik erhalten. Das will ich dann hier übernehmen: 

Lieber Gerhard Kastein,
der Festakt vor dem Haus Georgstraße 12 lief wirklich nicht sonderlich würdig ab. Du hast die kritikwürdigen Einzelheiten in Deinem Schreiben dargestellt. Allerdings hat der Oberbürgermeister bei einem solchen mahnenden Festakt andere Aufgaben, als in der direkten Nachbarschaft für angemessene Ruhe zu sorgen; das gilt auch für den Ersten Bürgermeister unserer Stadt Heinz Tellmann (CDU), dem die Umstände -wie allen anderen Anwesenden- auch nicht gefallen haben; das konnte jede/r sehen.

Als aber die Musik aus der Dachgeschoswohnung noch störender wurde, bin ich kurzerhand -gemeinsam mit einer engagierten Dame, die aus Meppen zur Verlegung der Stolpersteine gekommen war – in das Miethaus gegangen. Im Dachgeschoss haben wir einige Zeit energisch an der Wohnungstür geklopft und geklingelt, bis eine verängstigte junge Frau öffnete. Sie sei gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden und versuche sich mit der Musik ein wenig Ablenkung zu verschaffen. Sie beklagte sich, unten vor der Tür von einem Mann angegangen worden zu sein, sie habe die Polizei gerufen.

Tatsächlich hatte es vor der Tür einen, allerdings misslungenen Schlichtungsversuch der herbeigerufenen Polizei gegeben. Die immer noch sehr aufgeregte junge Frau erkannte mich dann („Sie sind doch der Rechtsanwalt?!“) . Meine Meppener Mitschlichterin und ich baten sie  jetzt, ihre Musik leise zu stellen, weil unten vor dem Haus eine Gedenkfeier stattfinde, an der der 95jährige Ehrenbürger und Überlebender des Holocaust Bernard Grünberg teilnehme. Sie drehte sogleich die Lautstärke auf leise und entschuldigte sich. Wir bedankten uns bei ihr und gingen zurück zur Gedenkfeier, die allerdings nicht mehr sehr lange dauerte.

Herzliche Grüße

Robert Koop“

 

 

nopegidaEs wäre ein gutes Zeichen gewesen, sagt Heribert Lange, hätten wir in Lingen heute demonstriert. Eine Montagsdemo zu Weihnachten. Zur Erinnerung daran, dass auch vor 2000 Jahren Flüchtlinge im Nahen Osten unterwegs waren und nur mühsam ein Dach über dem Kopf fanden, weil „in der Herberge kein Platz für sie war„. Der Vorsitzende des Forum Juden-Christen ruft heute dazu auf, Anfang des neuen Jahres montags auf die Straße zu gehen:

„Die in einigen deutschen Städten stattfindenden Montagsdemonstrationen geben Anlaß zur Sorge – zur Sorge um das Bewußtsein unserer Gesellschaft von ihrer Aufgaben, ihrer weiteren Entwicklung und zugleich vom Verständnis ihrer eigenen Verpflichtung auf die Menschenrechte. Grund solcher Sorge sind die Reaktionen der Menschen auf die neue Flüchtlingswelle, die auf Europa zukommt und die damit zugleich transportierte Angst vor Überfremdung durch andere Kulturen und Religionen.

Die Rat- und Hilflosigkeit, mit denen die Regierenden dieser durch unsere Gesellschaft wabernden, von PEGIDA beförderten und transportieren Fremden-, Ausländer-, Randgruppen-also Menschenfeindlichkeit – von de Maiziere bis Gabriel – begegnen, ist Grund zu weiterer Sorge, nämlich der, dass es PEGIDA gelingen könnte, sogar die Hirne vernünftiger und rational Denkender zu vergiften. Allemal dann muß man das befürchten, wenn diese und andere Politiker tönen, man müsse die Sorgen und die Ängste der PEGIDA-Leute ernst nehmen.

Mit Feindbildkonstrukten wurden die europäischen Gesellschaften vor 100 Jahren auf die Rassenideologie der Nazis eingestimmt. Die damit verbundenen Schuldzuweisungen, die im Wesentlichen mit anderen Lebens- und Kulturgewohnheiten von Juden, Roma oder auch Homosexuellen belegt wurden, wurden von der verunsicherten und staunenden Gesellschaft widerspruchslos und geradezu dankbar aufgenommen. Am Ende dienten sie als moralische Rechtfertigung des furchtbaren und gigantischen Völkermords der Nazis.

Wenn wir vor diesem historischen Hintergrund heute die Verständnislyrik gestandener Politiker hören, müssen wir dann nicht fürchten, dass ihr nächster Schritt das Aufspringen auf die Trittbretter des Zugs PEGIDA sein könnte, was nichts anderes bedeutet? Entlassen sie dann als nächstes den Satz unserer Verfassung „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, aus seiner ausnahmslosen Geltung?

Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten kommen mit keinem anderen Begehren zu uns, als der Frage, ob die Grundrechte unserer Verfassung auch für sie gelten; denn sie sind Menschen wie wir. Und allein um dieses Menschenrecht geht es, wenn wir zu ihnen Ja oder Nein sagen, und damit auch darum, ob wir bereit sind, Menschenrechte, die sich der abendländischen Kultur wie auch unserer jüngeren deutschen Geschichte verdanken, zur Disposition zu stellen und damit übrigens auch unser eigenes Recht, sie für uns selbst noch in Anspruch nehmen zu können.

Sprüche wie „Das Boot ist voll“ oder „Kampf der Überfremdung“ oder „Aushöhlung unsere Sozialsysteme“ sind Rattenfänger-Botschaften, die allein dazu dienen, die Frage unserer moralischen Verpflichtung und der Glaubwürdigkeit unserer Gesellschaft gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Es bleibt also dabei, dass es zumindest einen menschlichen Weg am Asylrecht unserer Verfassung vorbei weder geben kann noch geben darf. Und es bleibt dabei, dass die Pflicht zur humanitären Hilfe unabweisbar ist und bleibt. Und das Argument „weil in der Herberge kein Platz war“ ist kein Argument – genauso wie in den Tagen von Jesu Geburt.

In einer aufgeklärten Gesellschaft kann es nicht um Ausgrenzung, sondern nur um Solidarität gehen – allemal gegenüber denen, die um unsere Hilfe und unseren Schutz nachsuchen.

Deshalb rufen wir zu einer bald stattfindenden Montagsdemonstration in Lingen auf, etwa als Lichterprozession auf dem dann durchaus symbolträchtigen Weg vom Bahnhof zum Rathaus, und wir möchten um Ihre Zustimmung dafür werben. Aber auch dafür, dass diese Veranstaltung, deren Stoßrichtung PEGIDA wäre, sich breitester Unterstützung aus der Politik und der Verwaltung, den Betrieben und Gewerkschaften, den Jugendorganisationen, dem Stadtjugendring und den Schulen, Vereinen, den Schützenvereinen und Kivelingen und last but not least der Kirchen sicher sein könnte.

 

„Ihre Namen leben“

27. Januar 2013

ZwangsarbeiterdenkmalLingen

„Werden sie uns wehtun?“
Kinder und Jugendliche in Auschwitz 1940 – 1945
Gedenkstätte Esterwegen  –  Esterwegen
So 27.01.- 14 Uhr
Ausstellungsdauer: 27. Januar bis 31. März 2013

Ausstellungsprojekt der Realschule Friesoythe
Die Schüler Willi Istomin, Maik Lungren, Delia Beifus, Anne Budde, Kurt-Simon Eggert, Michael Hagen und ihr betreuender Lehrer Michael Podkrajac führen in die Thematik ein.

Eintritt: frei

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„Ihre Namen leben“
Freren – Alte Molkerei
So 27.01. – 17 Uhr
Eintritt frei

Ausstellung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Dargestellt werden die Schicksale der Frerener jüdischen Familien und die Ausstellung ehemaligen Schülern der Klasse 10a RS der Franziskus-Demann-Schule in Freren anläßlich der Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2012.

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Lingen (Ems) – Kreuzkirche, Universitätsplatz

So 27.01. – 17.30 Uhr
Eintritt frei

Zum heutigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus veranstaltet das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e. V. gemeinsam mit der Stadt Lingen (Ems) und dem Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen seine kulturell geprägte Gedenkveranstaltung in der Kreuzkirche in Lingen, in der zurzeit 45 Lithographien und Radierungen der Ausstellung „Leiden und Hoffen im Leben und Werk Marc Chagalls“ zu sehen sind. Brigitte von Stephani liest aus der im vergangenen Jahr erschienenen Anthologie „Ist es Freude, ist es Schmerz? Jüdische Wurzeln – Deutsche Gedichte“ vor. Musikalisch wird der Abend von Kantor Peter Müller begleitet.
Nach der Lesung findet auf dem Marktplatz eine Mahnwache gegen Rechtsextremismus des Kinder- und Jugendparlamentes und des Stadtjugendringes der Stadt Lingen statt.
ab 17:30 Uhr
Möglichkeit zur Besichtigung der Ausstellung
18:00 Uhr
Begrüßung Edeltraud Sänger, Pastorin, Vorsitzende des Hospizvereins
Einführung Dr. Heribert Lange, stellv. Vorsitzender Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e. V.
Musik: Kantor Peter Müller
Lesung Brigitte von Stephani
19:15 Uhr
Mahnwache gegen Rechtsextremismus des Kinder- und Jugendparlamentes und des Stadtjugendringes Stadt Lingen (Ems), Marktplatz
jüdischerfriedhoflingen

(Fotos, von oben: Zwangsarbeiterdenkmal in Lingen, geschaffen von Bildhauer Friedel Kunst (c) dendroaspis2008 via flickr; Davidstern {c} Alte Molkerei Freren; Jüdischer Friedhof Lingen (c) Forum Juden-Christen)

Wortlaut

11. November 2012

Hier im Wortlaut die Rede des Sprechers Dr. Heribert Lange am 9. November 2012 anlässlich der Gedenkfeier am Gedenkort Jüdische Schule (Lingen) zur 74. Wiederkehr der Nacht des Novemberpogroms 1938.

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe ältere und jüngere Mitbürgerinnen und Mitbürger Lingens,

sehr herzlich möchte ich Sie wieder willkommen heißen zur Gedenkfeier von Forum Juden- Christen im Altkreis Lingen und der Stadt Lingen an den 9. November 1938, die Reichspo- gromnacht. Besonders freuen wir uns, dass auch in diesem Jahr wieder eine ganze Reihe Jugendlicher dabei sind – m.W. vom Stadtjugendring, vom Kinder- u. Jugendparlament und von den Berufsbildenden Schulen. Das macht Mut – besonders den ÄÄteren unter uns.

Jeder und jedem der hier Anwesenden ist hinlänglich bekannt, dass in der Nacht zum 9. November überall im damaligen Deutschen Reich, und zwar auf Befehl Hitlers, die Synago- gen in Brand gesteckt wurden, und dass es auch den hilfswilligen Feuerwehrleuten untersagt war, mit ihren Wehren gegen das unermessliche Flammenmeer vorzugehen. Das Naziregime wollte seinen ungeheuerlichen Frevel an den jüdischen Gotteshäusern in Deutschland ausdrücklich als Racheakt verstanden wissen, wobei man wissen muß, dass es zwar für Strafe und Sühne, nie aber für Rache, noch dazu solchen Ausmaßes, einen auch nur halbwegs vernünftigen Grund geben kann. Tatsächlich ging es den Machthabern des Hitlerregimes allein um einen weiteren und diesmal spektakulären Schlag gegen die Juden in Deutschland, nachdem beinahe allen von ihnen in den Jahren davor schon ihre Rechte als Staatsbürger aus dem einzigen Grund, dass sie Juden seien, aberkannt worden waren. Die Reichspogromnacht kennzeichnete auf furchtbare Weise den Anfang vom Ende jüdischen Lebens in Deutschland und in jenen Staaten Europas, deren sich die Hitlerarmeen mit der nachrückenden SS im spä- teren Krieg bemächtigt hatten. Am Ende waren es 6 Millionen jüdische Menschen, die der NS-Staat gemäß der Logistik von Mordfabriken umbringen ließ.

Der Rassenwahn war es, der die Nazis in fanatischer Weise zu ihren Untaten antrieb: die aberwitzige, nie plausible Idee von der Minderwertigkeit der Juden, die man zu einer Rasse und zu Schädlingen des sogenannten gesunden arisch-deutschen Volkskörpers bestimmt hatte, und zwar mit Hilfe ebenso willfähriger wie beschränkter Mediziner und Erbbiologen. Menschenrechte, die es, auch wenn sie erst nach der furchtbaren menschlichen und morali- schen Katastrophe des Holocaust, der Shoah, aufgeschrieben wurden, schon immer gegeben hatte, leiten ihren Anspruch, nämlich die Achtung der Menschenwürde, indessen nicht von der Hautfarbe, der Begabung, der Rasse oder ethnischen Abstammung ab, und auch nicht von Alter, Geschlecht, Krankheit, Behinderung oder Migrationshintergrund, sondern allein von der Schuldigkeit jedes Staats und seiner Gesellschaft gegenüber jedem Menschen und jedem Bürger, für den und auf den hin jede freie und humane Gesellschaft mit ihrer staatlichen Ordnung verfasst ist: Die Gewährleistung der Menschenrechte zur Gewährleistung der Menschenwürde ist somit nicht mehr, aber auch nicht weniger als des Staates Schuldigkeit gegenüber jedem seiner Bürgerinnen und Bürger und keineswegs eine Gnade, die uns nach Gutdünken der Regierenden zuteil wird oder nicht.

Dies ist übrigens ein Grund, warum auch NSU-Leute zurückschauen sollten und des Unheils gedenken und befinden, dass nur das Konzept der wechselseitigen Achtung vor der Men- schenwürde des jeweils anderen sie selbst davor bewahrt, zwischen die Mahlsteine einer Men- schenwürdebatte zu geraten und dabei nicht nur politischen, sondern auch physischen Scha- den zu nehmen. Denn an der Hand, mit deren einem Finger sie auf die anderen zeigen, sind vier weitere Finger, die auf sie selbst weisen. Nur die wechselseitige Achtung jedes, aber auch wirklich jedes Menschen aufgrund seiner, mindestens schon aus staatlichen Rechten resultie- renden Menschenwürde, nicht zu reden von der Menschenwürdebegründung Immanuel Kants und der Gottesebenbildlichkeit, die Christen sich und gewiß auch allen anderen Menschen aus ihrem Glauben zuschreiben, NUR solche wechselseitige Achtung kann Frieden schaffen und die Befriedung einer Gesellschaft leisten. Auch wird damit klar, dass ein Staat dann schon die Axt an die Wurzeln seiner Glaubwürdigkeit und seiner eigenen Humanitätskultur legt, wenn er wie Hitler und seine zahllosen Mordgesellen sich berufen und auch berechtigt fühlen wür- de, einzelne Menschen und Gruppen aus ihrem existenziellen Menschenwürdeanspruch aus- zugrenzen und sie dessen zu berauben – egal aus welchen Gründen.

Judentum ist eine Religions- und Kulturgemeinschaft und ohnehin nie einer Rasse gleich g wesen. Würden wir aber billigen, dass unsere Bewertungen anderer Menschen, Völker, Rassen an die Stelle ihrer Menschenwürde und der dieser dienenden Menschenrechte träten, dann hätte es in den USA nie einen Präsidenten Barack Obama und in Südafrika nie einen Nelson Mandela geben können, beide übrigens Träger des Friedensnobelpreises. Und wer kann das vernünftigerweise wollen bzw. nicht wollen?

Meine Damen und Herren, wir wollen gedenken und zu diesem Gedenken auch die Ansprache unseres Oberbürgermeisters hören und wir wollen singen und wir wollen als Zeichen unseres Gedenkens einen Kranz beim Synagogengedenkstein niederlegen und wir wollen dann zusammen mit Gertrud Anne Scherger zur Schlachterstraße 12 gehen, wo sich der Stolperstein, ein Gedenkstein also auch, für Max Hanauer befindet, der in einem sogenannten Vorzugsghetto für altgewordene Juden, im KZ Theresienstadt nämlich, umgekommen ist. Ich lade Sie dazu entsprechend Ihren Möglichkeiten am Ende unserer Feier hier herzlich ein, und ich danke Ihnen für Ihre Geduld.“

(Foto: (c) LWT)

Wortlaut

11. November 2009

test5Einmal mehr gedachten mehrere Dutzend Lingenerinnen und Lingener am Montagabend der grauenhaften Vorgänge des 9. November 1938. Einmal mehr auch fiel mir auf, dass wieder kein offizieller Vertreter der katholischen Kirchengemeinden Lingens bei der Veranstaltung am Gedenkort Jüdische Schule zugegen war. Zum Nachlesen hier im Wortlaut die Rede, die  Dr. Heribert Lange,  stellv. Vorsitzender des Arbeitskreises Juden Christen, bei der Gedenkveranstaltung hielt:

Sehr herzlich möchte Sie alle, junge und alte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Lingen, am Ort des Pogroms vom 9. November 1938 gegen die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Lingens und ihre Einrichtungen begrüßen – des Pogroms, dessen wir auch in diesem Jahr wieder gedenken wollen und dessen wir soeben im ökumenischen Gottesdienst in der Trinitatis-Kirche im gemeinsamen Gebet gedacht haben.

An dieser Stelle, an. der wir uns heute Abend versammelt haben, stand, bis sie am 9. November in einem von den Nazis über das gesamte damalige deutsche Reich entfachten Flammenmeeer versank, die jüdische Synagoge. –

Als der Gründervater vom Forum Juden Christen, Josef Möddel, sich in den 1970er Jahren erstmals auf den jüdischen Friedhof unserer Stadt begab, da fand er ihn verrottet und verwahrlost vor und offenbar auch zum Steinbruch verkommen; denn eine Reihe der Gedenksteine auf den Gräbern war nicht mehr da,

Als nach Wiederherrichtung des Friedhofs Bernhard Grünberg, der mit 15 Jahren als einziger seiner Familie dem Holocaust durch die Flucht mit einem Kindertransport nach England mit geraumer Not entkommen war, als inzwischen betagter Mann nach Lingen zurückkehrte, beschloss er, für seine Familie, die nach Riga verschleppt worden war und im dortigen Ghetto den Tod fand, einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof aufzustellen, und er beschloss auch, sich am Ende seines Lebens an dieser Stelle beisetzen zu lassen. Indessen bedurfte es einiger Mühe, Überzeugungsarbeit und Entschlossenheit, um alle Beteiligten dann auch davon zu überzeugen, dass nur das Wort „ermordet“ als einzig authentische Bezeichnung für den Tod seiner Familie tauge und darum auch so auf diesem Gedenkstein zu stehen habe.

Helga Hanauer schließlich, die als Kind den Holocaust in Holland unter der fürsorglichen Obhut wahrlich gottgefälliger Ordensfrauen überlebt hatte, geriet die völlige Außerachtlassung der Geschichte der jüdischen Familien Lingens während der Naziherrschaft bei der Aufzeichnung der 1000 jährigen Stadtgeschichte – ebenfalls in den 1970-er Jahren – zu aussichtsloser und darum tödlicher Enttäuschung.

Hannah Arendt, die große jüdische Autorin und Vordenkerin hat gesagt:“ Bewältigen können wir die Vergangenheit nicht, so wenig wie wir sie ungeschehen machen können. Wir können uns aber mit ihr abfinden. Die Form, in der dies geschieht, ist indessen die Klage, die aus aller Erinnerung steigt.“ Und sie sagte weiter:“ Sofern es überhaupt ein Bewältigen  der Vergangenheit gibt, besteht es im Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat. Es regt zu immer wiederholendem Erzählen an: der Dichter in seinem sehr allgemeinen, der Geschichtsschreiber in einem sehr speziellen Sinn. haben die Aufgabe, dieses Erzählen in Gang zubringen und uns in ihm anzuleiten.

Wenn wir uns heute hier und in inzwischen guter Tradition alljährlich an die Aufgabe machen, an das Unrecht des Nazitenors zu erinnern  und seiner zahllosen Opfer gedenken, dann versuchen wir das in Hannah Arendts Weise, damit der unvorstellbare, unsägliche und wahnsinnige Völkermord niemals in  Vergessenheit geraten möge; wir tun dies aber auch, um den Millionen. Toten durch  unser Gedenken, wenn es denn Verzeihung und Vergebung kaum, vermutlich nie geben kann. um ihnen allen .durch. unsere Ehrerbietung und die Trauer um das furchtbare Opfer ihres millionenfachen Tods ihre Würde zurückzugeben – die  Menschenwürde, das wichtigste Unterpfand und im Übrigen auch. Organisationsprinzip jeder Gesellschaft, die auf den Grundsätzen des Humanismus oder des Glaubens ihrer Menschen gründet.

Die, Juden und Christen gleichermaßen “Heilige Schrift“ erklärt uns unsere Herkunft gemäß dem Schöpfungsakt im 2. Kapitel des Buches Genesis im 7. Vers:

„Dann formte Gott den Menschen aus der Erde des Ackerbodens und blies in seine Nase den Odem des Lebens. So wurde der Mensch zu (s)einem lebendigen Wesen“. Wir haben gelernt zu sagen: Gott schuf den Mensch nach seinem Bild und Gleichnis. Würde und Menschenwürde, die wir uns zurechnen, sind uns so vom Schöpfer zu Lehen gegeben und an keiner Stelle dieses Buchs oder in einer anderen weltlichen oder Religionsverfassung steht geschrieben, dass sie, die Menschenwürde, nur den einen zukommt und den anderen nicht. Denn nach dem Plan Gottes sind alle  Menschen derselben Abkunft. und ihre Würde ist demselben, seinem Geist geschuldet. Und dennoch haben Christen und Juden, obwohl als Kinder desselben Schöpfers beide gleich, die einen gegen die anderen, sich gleich den biblischen Brüdern Kain und Abel und wie diese gegeneinander erhoben, indem die einen die Ebenbürtigkeit der anderen wie mit dem mörderischen Anschlag des Kain gegen seinen Bruder zunichte machten.

Für die Christen und ihre Kirchen wurde der Antisemitismus zu ihrem Kainsmal und durchzieht seit es Christentum gibt., unheilvoll die Geschichte der Menschheit: Die Ungleichheit von Menschen, das Infragestellen ihrer gleichrangigen Würde, die Idee vom Übermenschen oder der Überlegenheit einer besonderen Rasse, womöglich der so genannten nordischen Rasse, und die mindere Achtung der Kleineren, der Ärmeren, der Anderen – dies alles sind Haltungen, die der Spur der unseligen.Antisemitismus-Ideologie folgen und bis heute wirksam sind: Auch in unserer Gesellschaft – gegen. Migranten, gegen Roma, gegen Analphabeten, Andersgläubige, Homosexelle, gegen Hilfsbedürftige, gegen behinderte Menschen oder gegen die Alten.

Es bedurfte also nicht mehr der Erfindung der faschistischen Ideologie, um sich gegen andere Menschen oder ethnische Gruppen zu stellen – unter der Naziherrschaft dann mit millionenfacher tödlicher Perfektion. Denn nicht die verblendeten und wahnsinnigen Naziherrscher haben diesen Ungeist erfunden, vielmehr ist er, der Antisemitismus, ihm, dem Hitler-Faschismus gleich einer Blaupause in die Hände gefallen und damit, wenn auch ungewollt, zu seinem furchtbaren ideologischen Werkzeug geworden. Der perversen Fähigkeit der terroristischen Nazi-Ideologen war es indessen vorbehalten, sich dieser unsäglichen geistigen Tradition des christlichen Abendlands auf ihre einzigartig teuflische Weise perfekt zu bedienen.

Wenn wir schaffen wollen, was man von uns an diesem Tag, an diesem Abend erwarten darf, erwarten muss, dann haben wir bei unserem Erinnern und Gedenken zu bedenken, dass es auch eine Schuld, mindestens aber eine Mitschuld des gesamten christlichen Abendlands und des traditionellen Christentums gibt, ganz gleich, ob ihre Protagonisten Bischof  Williamson von der Pius-Bruderscbalt oder Martin Luther heißen. Und wir haben weiter zu bedenken, dass das blinde Hinterherlaufen  hinter unreflektierten Vorurteilen, Affekten oder Ideologien, wie wir selbst erlebt haben und wie die Geschichte zeigt, den Anfang vorn Ende einer humanen und miteinander befriedeten Gesellschaft bewirken kann.

Künftiger neuer Schuld werden wir nur entgehen können, wenn wir dies nicht nur immer wieder neu bedenken, d.h. den Tod bringenden Ungeist und seine Wurzeln nie zu vergessen und an seine furchtbare Folge, die Shoah erinnern, die am 9. November 1938 ihren Anfang nahm, sondern auch zu handeln, und zwar Tag für Tag, wie es uns von allem Anfang an durch die Bestimmung des Schöpfers aller Menschen aufgegeben ist und wie es in unserer Verfassung in Artikel 1 gleich  im ersten Satz heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und die Väter unserer Verfassung meinten damit die Würde jedes Menschen. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!

Über eine lebhafte Diskussion zu Heribert Langes Aussagen würde ich mich freuen. Ich teile nicht alles, was er gesagt hat, einzelnes halte ich gar für problematisch. Und Sie?

(Foto © Verein Judentum Christentum)