Hafen 8

2. Mai 2014

Blogpause – Gefühlvolle Hafenbilder aus Lingen (Ems) [heute: ©milanpaul via flickr]

Hafen8

Hafen 7

2. Mai 2014

Blogpause – Gefühlvolle Hafenbilder aus Lingen (Ems) [heute: ©milanpaul via flickr]

Hafen7

Ausschreibung

14. März 2013

histrathaus2011Am Wochenende las ich, dass in Hamburg eine Brücke eingeweiht wurde. Das neue Fußgänger-Bauwerk führt, etwa 200 m lang, vom S-Bahnhof Wilhelmsburg zum Gebäude der Behörde für Umwelt und Stadtentwicklung zunächst von der Bahnhofspassage nach Westen, dann über die Trasse der S-Bahn und des ICE  und endet beim Vorplatz des BSU-Neubaus. Sie ist benannt nach Muharrem Acar (1957 – 2009), der 1971 mit 14 Jahren als türkischer Einwanderer nach Hamburg kam, die deutsche Sprache erlernte, zunächst in der Gastronomie, dann in einer Lackfabrik in Wilhelmsburg und später bei der Norddeutschen Affinerie arbeitete. Acar engagierte sich gewerkschaftlich als Betriebsrat und war ehrenamtlicher Arbeitsrichter, gründete eine Familie und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. 1998 machte er sich als Einzelhändler und Marktbeschicker selbständig. Die Brücke ist nach Muharrem Acar benannt, weil er bis zu seinem plötzlichen Tod vor vier Jahren stellvertretend und beispielhaft für eine ganze Generation türkischer Einwanderer steht, die sich in Deutschland integriert und engagiert haben.

Auch architektonisch ist das Bauwerk etwas Besonderes. Zusammen mit dem ebenfalls neu gebauten Eingangsbauwerk des S-Bahnhofs Wilhelmsburg bildet es das „Tor zur IBA“, zur Internationalen Bauausstellung. Die von den Architekten Gössler Kinz Kreienbaum (Berlin/Hamburg) entworfene Brücke verhindet zwei seit rund 50 Jahren Jahren getrennte Hamburger Stadtteile und führt sie wieder zusammen. Von hier aus gelangen Anwohner und Besucher der Internationalen Bauausstellung in die Neue Mitte Wilhelmsburg. „Die Architekten beziehen die dynamische Form der Brücke, deren Brückenläufe einige Richtungswechsel vollziehen, auf die Analyse der „Bewegungsströme, welche den wichtigen Mobilitätsknotenpunkt täglichen passieren. Allein der S-Bahnhof wird von mehr als 17.000 Fahrgästen täglich frequentiert.“ (BauNetz)

Als ich all dies nun am letzten Wochenende las, dachte ich an eine der zahlreichen ungelösten Fragen der Lingener Stadtplanung: Die Fuß- und Radfahrer-Verbindung vom und zum Emsauenpark in Reuschberge über den Dortmund-Ems-Kanal in das Stadtzentrum. Seit langem fürchte ich, dass dort eine provinzielle Normbrücke á la  Bundeswasserstraßenverwaltung entsteht und so die Chance vergeben wird, stadtgestalterisch etwas Einzigartiges zu bauen. Dafür spricht die Untätigkeit des scheidenden Lingener Stadtbaurats.

Heute Nachmittag beschließt der Lingener Stadtrat die Ausschreibung der Stelle des Stadtbaurats. Gelingt dadurch ein Neuanfang? Ich hoffe es; denn man muss beklagen, wie wenig innovativ und nachhaltig unser scheidender Stadtbaurat in seiner Amtszeit gearbeitet hat. Der Kommentar in der Lingener Tagespost, dass die Bilanz des jetzigen Stadtbaurats „Bilanz durchwachsen“ sei, ist eigentlich geschönt. Man findet in Lingen kaum vom scheidenden Amtsinhaber entwickelte, nachhaltige Projekte aber statt dessen viel Ungelöstes und zahlreiche Baustellen.  Der Mann wusste wohl zu keiner Zeit, wie seine Stadt aussehen soll. Wohl kaum wird er nach dem Ende seiner Amtszeit am 14. Oktober noch einmal nach Lingen zurückkehren. Angekommen ist er bei uns ohnehin nicht.

(Foto: Eingerüstet: Historisches Rathaus in Lingen, Mai 2011; © Die Kivelinge)

 

Entwickeln

21. November 2011

OB Dieter Krone hat unlängst die „Vermarktung des Emsauenparks“ im Lingener Stadtteil Reuschberge zu einem seiner politischen Arbeitsschwerpunkte erklärt. Immerhin soll auf dem Gelände der ehemaligen, übereilt, sinnfrei und reichlich kopflos abgerissenen Scharnhorstkaserne der Bundeswehr  ein völlig neues Stadtquartier entstehen. Da muss man dann das Beste draus machen.

Vorgestern, am Samstag, gab es dazu einen wichtigen Termin im IT-Zentrum der Hallen des ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks, über den heute die Lokalpresse, die Ems-Vechte-Welle und abends dann auch EV1-tv durchweg positiv berichten. Regionale Architekten präsentierten ihre Entwürfe, Grundrisse und Ideen für neue Häuser im Emsauenpark Reuschberge. Durchweg alle Teilnehmer der Veranstaltung waren am Samstag voll des Lobes und freuten sich über den unerwartet großen Ansturm. Die Messe-Idee hatten maßgeblich Hochbauamtsleiter Peter Krämer und Helmut Höke, Prokurist der kommunalen Grundstücks- und Erschließungsgesellschaft (GEG), entwickelt. Grundlage war die Überlegung, dass das Baugebiet für 300 bis 400 neue Wohnungen städtebaulich wie gestalterisch nur gelingen könne, sofern Bauwillige einen Überblick über die unterschiedlichen Vorstellungen der Architekten und Bauträger gewinnen können. Bei einer herkömmlichen Vergabe gelingt dies regelmäßig nicht.

Das neue Wohnen entsteht bekanntlich nur etwa 1000-Meter-Luftlinie vom Marktplatz entfernt, zwischen Dortmund-Ems-Kanal im Osten und der Ems im Westen. Der Vorteil gegenüber den vermeintlich günstigeren Grundstücken in Nachbargemeinden oder Ortsteilen: Familien brauchen kein zweites Kraftfahrzeug. Entstehen sollen Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser, Stadtvillen und Stadthäusern. Südlichwestlich des Wohngebietes entsteht ein rund 14 Hektar großer Park, der „die natürlichen Landschaftselemente der Emsauen mit modernen Wasserelementen, Gastronomie und Spielflächen vereint“, wie es auf der Internetseite der Stadt heißt.

Noch vor Weihnachten sollen im Stadtrat die Grundstückspreise festgelegt werde. Unterschiedliche Grundstücksgrößen von ca. 250 m² für Stadthäuser bis 1.500 m² werden dann auch zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden. Die ersten Grundstücke im neuen Emsauenpark werden voraussichtlich schon in zwei, drei Monaten vergeben. Zusätzliche Informationen zum Emsauenpark vermittelt die Broschüre Emsauenpark. Gebaut wird dann ab Sommer 2012. Interessenten können sich unverbindlich hier für ein Grundstück bewerben.
Zusammen mit Mitgliedern  der Stadtratsfraktion „Die BürgerNahen“  habe ich mich am Samstagnachmittag über die Pläne und Entwürfe der ausstellenden Architekten und Bauträgern informiert: Bau- und Planungsteam Hansi Surmann GmbH/Freren, Bruno Braun Architekten/Düsseldorf (Stöckler Immobilien und Bau GmbH/Lingen), Conzeptbau M. Wessmann Immobilien & Gutachterbüro/Lingen, Deeken Architekten/Lingen, Fickers Architekten/Lingen, Krämer + Susok Architekten BDA/Lingen, Liedtke + Lorenz GbR/Lingen, Meyerrose | Wübben Architekten/Meppen, mg architekturgesellschaft mbh/Meppen, Plan |Concept Architekten/Osnabrück, PRO Immobilien GmbH/Lingen, WBR Architekten • Ingenieure/Lingen, w+ID InnenArchitektur und Design/Lingen und 2e Architekten Hülsmann und Sowka/Meppen. Besonders gefiel dabei die Zusammenstellung von zehn völlig unterschiedlichen Stadthausentwürfen. Sie war übrigens deutlich besser als das nachstehende Foto.
An der Ausstellung nahmen außerdem auch die Architektenkammer Niedersachsen und die Stadt selbst sowie mit der Sparkasse Emsland und der Volksbank Lingen eG teil, also die beiden führenden regionalen Kreditinstitute. Leider war die Veranstaltung schon nach sieben Stunden zu Ende. Sinnvoll ist es daher, die einzelnen Arbeiten und Ideenskizzen der beteiligten Architekten dauerhaft online ins Netz zu stellen. Allerdings hat der Lingener Fahrradhändler Andreas Lutter die Domains emsauenpark.de und  emsauenpark-lingen.de -sagt man- gegrabbt? Er hat sie sich jedenfalls schon vor geraumer Zeit unter den Nagel gerissen, wird sie aber sicherlich gern abgeben, wenn man ihn höflich fragt.
Und dann wird eine neue Fußgänger- und Radfahrer-Brücke von Reuschberge über den Dortmund-Ems-Kanal in die Stadtmitte geführt werden. Da hoffe ich persönlich ganz still und leise darauf, dass dies kein 08/15-Bauwerk nach Art der Bundeswasserstraßenverwaltung („schnell, genormt und preiswert“) wird sondern eine Verbindung, die das Stadtbild deutlich aufwertet, mag es dann vielleicht auch ein bisschen teurer werden (Blätterst Du hier…).
Foto: Junge Lingener Architekten auf der Emsauenpark-Messe: Arnd Vickers und Sebastian Deeken, von lks., © robertsblog;)

Fische

10. August 2011

Das Tankerunglück im Hafen der BP-Raffinerie in Lingen (Ems) am 4. April hat viel weitreichendere Folgen als bisher gedacht. Seit gestern warnt der Landkreis Emsland  vor dem Verzehr von Fischen aus dem Dortmund-Ems-Kanal (Kürzel DEK)  in dessen Abschnitt Lingen bis Dörpen. Das ist mehr als vier Monate nach der Brandkatastrophe neu und es belegt -entgegen allen Beschwichtigungen der führenden Verwaltungsbeamten– die Umweltkatastrophe, die vor allem durch den eingesetzten Löschschaum eingetreten ist. Raffinerie Lingen bis Dörpen – das sind rund 50 km  Wasserlauf.

Bleibt die Frage, was in Lingen ist?

Denn das südlich von Lingen gelegene Atomkraftwerk KKE dürfte ausreichend Kühlwasser benötigt haben; aber Mai und  Juni waren sehr trocken. Diese  Frühsommertrockenheit hat  daher, wie ich annehme, zur Entnahme von Wasser aus dem Speicherbecken Geeste  (das dafür gebaut ist; Foto lks) geführt. Das Wasser wurde über den DEK nach Süden in Richtung Kernkraftwerk Emsland geführt.
Sind dabei die gefährlichen perfluorierten Tenside (PFT)  oder andere  Schadstoffe dabei auch in Lingen DEK-Fische vergiftet worden? Vielleicht werden wir informiert, ob auch hier gesucht und gefunden wurde, was nicht in Fische gehört. Und vielleicht kann uns auch die BP darüber aufklären, was sie eigentlich unternimmt oder unternehmen will, um den im Hafen ihres Unternehmen entstandenen ökologischen Schaden auszugleichen.

 

(Foto: Entnahmebauwerk Speicherbecken Geeste, © dendroaspis2008)

Innenbereich II

21. Juli 2011

Die Internetseite BauNetz.de ist  nach eigenen Angaben das größte deutschsprachige Online-Architekturmagazin. Ihr Herzstück sind die täglichen Meldungen zu den wichtigsten Themen der internationalen Architekturszene: „immer um halb vier auf der Website und bei 25.000 Abonnenten direkt in der Mailbox“. BauNetz berichtet jetzt über  die Entwicklung des Bereichs Alter Hafen in unserer Stadt.

Die Verwaltung hat nämlich -ich finde gerade gar nicht, wo dies beschlossen worden ist-  „drei Architekturbüros“ damit beauftragt, Konzeptplanungen zu erstellen. Man wolle  ein Höchstmaß an städtebaulicher Qualität und architektonischer Aussagekraft sicherstellen“, heißt es in einer aktuellen Vorlage.

Alle drei Entwürfe, berichtet BauNetz unter Berufung auf die Stadtverwaltung, seien „gleichermaßen noch im Rennen“. Das wundert mich etwas, weil die beiden Beiträge von Fritzen + Müller-Giebeler (Ahlen) und nps Tchoban Voss (Hamburg) eher nicht so pralle und gegenüber den ersten Überlegungen vor 15 Jahren keine Weiterentwicklung sind. Auch beim, von der Bauverwaltung favorisierten Plan von Bolles + Wilson (Münster) muss man sicherlich noch sehr genau hinsehen. So wird durch den Hotelriegel nebst Innenhof rund ein Viertel des Uferzugangs und ein Rundweg um den Hafen blockiert. Und vor allem: Wo bleiben die Kfz?

Etwas Sorge macht mir auch das Planverfahren: Der Bebauungsplan, also die kommunale Vorgabe, wie der Bereich künftig genutzt werden soll, wird im beschleunigten Verfahren aufgestellt. Es gibt also beispielsweise keine Umweltverträglichkeitsprüfung, worüber man aber im Bereich der Halbinsel zwischen Alter Hafen und Kanal aber nachdenken muss. Vor allem ermöglicht das Verfahren vorweg genommene Baugenehmigungen, bevor der Bebauungsplan bestandskräftig ist. Da wird der Rat um der Stadtentwicklung willen Verantwortung übernehmen sowie aufpassen müssen und nicht schon den Umstand für ausreichend halten, dass ein Investor kommt, der Geld in die Hand… Das kennen wir ja zur Genüge – und was dabei an Gemeinwohl auf der Strecke bleibt.

Auch der Beschlussvorschlag selbst gibt zu Bedenken Anlass, beschreibt er das Plangebiet doch sehr (!) ungenau als „das gesamte Areal des Alten Hafens, sowohl östlich der Wasserfläche nördlich der Lindenstraße einschließlich der derzeit unbebauten Grundstücke nördlich der Kanalgasse“.

Der Bebauungsplan Nr. 173 soll (immerhin und endlich!) in der nächsten Zeit erstellt  werden, und es werden, wie ich bei BauNetz lese, auch  „Investoren ausgewählt“. Von wem und nach welchen Kriterien, ist da nicht vermerkt. Die Beiträge der drei „von der Verwaltung“ ausgesuchten und beauftragten Architekturbüros sind jedenfalls vom 25. Juli bis zum 15. August im Foyer des Rathauses (während der Rathausöffnungszeiten) ausgestellt. Leider mitten in der Sommerferienzeit, was eigentlich nicht der Fall sein soll; darüber haben sich die Ratsvertreter schon vor Jahren geeignet. Aber die Verwaltung macht mit heftiger Billigung der CDU-Ratsmehrheit eh, was ihr in den Kram passt; daher ist auch niemand auf die nahe liegende Idee gekommen, die Ausstellung bis Ende August zu präsentieren und ie Vorschläge der Architekten durch diese selbst den Bürgerinnen und Bürgern vorstellen zu lassen. Immerhin soll (zu den Architektenvorschlägen) aber eine Bürgerversammlung stattfinden, für die ich mich eingesetzt habe. Der Bebauungsplan allerdings wird vorher ohne größere Öffentlichkeit zurecht gelegt. Dazu gibt es nur „Gesprächstermine in der Verwaltung“. Also muss man, wenn man kann und will, sehr darauf achten, dass sich eine Bebauung präzise an der Arbeit des letztlich beauftragten Architekturbüros ausrichtet und nicht nach dem wahrscheinlich deutlich großzügigeren Rahmens des B-Planes.

Womit wir wieder bei der Auswahl des Investors und der inhaltlichen Vorgaben für ihn wären. Immerhin geht es um einen der letzten großen und freien Bereiche im Innenbereich unserer Stadt.

(Grafiken oben: Bolles + Wilson, Entwurfskonzept Alter Hafen Lingen: © Bolles + Wilson (Münster); Bildergalerie hier)

unterschätzt

17. April 2011

Sind die schweren Umweltschäden im Dortmund-Ems-Kanal zwischen Lingen (Ems)  und Meppen durch eine zu schnelle Freigabe des Kanals nach der Tankerexplosion im ERE-Hafen mitverursacht worden? Das glauben nicht nur  Umweltschützer und sagen: „Das Fischsterben lässt sich nicht allein mit dem Sauerstoffmangel im Gewässer erklären“, so Marike Boekhoff (NABU Niedersachsen) am Wochenende in Leer. Sie warnt: „Es gibt toxische Stoffe, die noch lange anwesend sein werden“.

Nach der Explosion des Tankschiffs Alpsray avor drei Wochen beim Beladen an der Lingener BP-Raffinerie flossen große Mengen Superbenzin in den Dortmund-Ems-Kanal (kurz: DEK). Die Feuerwehr setzte Löschschaum ein, um ein Übergreifen der Flammen auf zwei weitere Tankschiffe und die Ladeanlagen der ERE zu verhindern. Bereits drei Tage später wurde der mit Benzin und Löschschaum verdreckte Kanal wieder für die Schiffahrt freigegeben. Im Anschluss verendeten in dem Kanalabschnitt zwischen dem ERE-Hafen und Meppen-Varloh fast der komplette Fischbestand.

Der  Landkreis Emsland führte nach mehrtägigem Schweigen das große Fischsterben vor allem auf den zu geringen Sauerstoffgehalt im Kanal zurück, der seinen „Grund in dem Abbau des Löschmittels“ habe. „Das Sauerstoffproblem wird sich wahrscheinlich relativ schnell lösen“, sagte dazu NABU-Expertin Boekhoff. Noch gar nicht geklärt sei aber die Frage, welche sonstigen Schadstoffe in den Kanal gelangt und wie stark die Fische belastet seien.  „Die Fische kann man im Moment nicht essen. Aber auch, wenn neuer Fisch einwandert, kann es sein, dass diese Bestände immer wieder kontaminiert werden, weil das Sediment kontaminiert ist, oder die Ufer oder die Algen“, erläuterte Boekhoff. Wann man es wieder wagen könne, Fische aus dem Kanal zu essen, könne derzeit niemand sagen.

Es sei ein Fehler der Verantwortlichen gewesen, den Kanal schon zwei Tage nach dem Unglück wieder für die Schifffahrt freizugeben, meinte die Expertin. Zwar seien große Mengen des Löschschaums abgesaugt worden, aber zum Zeitpunkt der Freigabe seien noch viel Schaum und Benzin im Kanal gewesen, was durch die Schiffe immer wieder neu hochgeschäumt worden sei. „Ich glaube, das haben sie ganz massiv unterschätzt“, sagte Boekhoff.

Damit widersprach die Umweltschützerin direkt dem emsländischen Landrat Hermann Bröring (CDU). Der hatte die Folgen für die Umwelt deutlich relativiert und gesagt, es sei „zu bedenken, dass durch das Löschen des Brandes in Lingen ein mögliches Übergreifen auf die Raffinerie und damit Schlimmeres verhindert werden konnte. Die Verhältnismäßigkeit der Situation darf nicht aus dem Blick geraten.“

Mich überzeugt das nicht, zumal der Landkreis zeitgleich  mit Begriffen den Bürgern Handlungskraft vorgaukelt, die er nicht hat:  Monitoring ist so ein Begriff. Der Landkreis wolle ein Monitoring, hieß es. Das heißt im Kern nichts anderes, als „eine längere Zeit“ (wie lange wird verschwiegen) systematisch tote Fische und Wasserproben untersuchen zu lassen, also den Ist-Zustand festzustellen.  Die offenkundigen Versäumnisse der Behörden werden damit nicht ungeschehen und -ganz ehrlich- ich höre sie nach dem Ende der Untersuchung  heute schon „unterstreichen, dass zu keiner Zeit eine Gefährdung für Mensch, Natur und Umwelt bestanden hat, weil …“  und frage mich, ob trotz des eingesetzten giftigen Löschschaums die entsprechende Presseerklärung bereits  vorformuliert und fertig ist.

Genauso vordergründig ist für mich Brörings Aussage, dass  „bislang fünf bis sechs Zentner verendeter Fisch der Tierkörperbeseitigung zugeführt worden“ seien.  „In der Hauptsache  Rotauge, Flussbarsch und Aal, aber keine besonders geschützten Arten.“  Er sagt es nicht, aber meint wohl „nur fünf bis sechs“ – was sonst?!  Dabei sprechen Angler längst  von weitaus größeren Mengen getöteter Fische und erwähnen neben dem gefährdeten Aal auch Hechte und Zander. Nun,  Brörings Schlussfolgerung scheint zu sein, der Schaden sei nicht umfangreich genug, um konsequent zu handeln. Die Sperrung sei unverhältnismäßig; denn die „Meppener Tagespost“ zitiert ihn so:

„Unter den gegebenen Umständen ist es unverhältnismäßig, den Schifffahrtsbetrieb zu untersagen. Es ist mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Meppen vereinbart worden, dass ein Schleusenbetrieb mit sparsamer Wasserabgabe erfolge, um den relativ guten Sauerstoffwert nördlich der Schleuse (Varloh) zu erhalten.“

Sparsame Wasserabgabe? Das steht im Widerspruch zu den Angaben des Bröringschen Landkreises von Anfang der  Woche. Da hatte es aus dem Landkreis mit Blick auf die verendenden Fische geheißen: Mit der Erhöhung der Fließgeschwindigkeit im Kanal und der Belüftung werde versucht, das Sauerstoffdefizit zu verringern. (update vom 19.04.: Und das untereicht die Behörde aktuell  erneut) Und Reinhard Lömker Untere Wasserbehörde unserer Stadt Lingen, sagte Anfang der letzten Woche,  Ziel sei es jetzt, dass das schadstoffbelastete Wasser durch möglichst viel Bewegung im Kanal verdünnt wird. Der Naturschutzbund NABU hatte diese Strategie als schlechte Notlösung kritisiert:  „Mit jeder Schleusung werden die Schadstoffe weiter diffus verteilt“, sagte Jutta Over (NABU Meppen). Jetzt also wird nur sparsam das Wasser bewegt. Vor Hintergrund von Fischsterben, Superbenzin und Schaum im Kanal hatte Jutta Over schon vor einer Woche die Frage gestellt, ob der Kanal nicht zu schnell wieder für die Schifffahrt freigegeben worden sei. Im Internet findet sich ein selbst gestricktes Youtube-Video, dessen inhaltliche Aussagen man nicht teilen muss, das aber authentisch und ungeschminkt den ungereinigten Zustand des DEK (direkt nach der Explosion!) und die Folgen zeigt.

Das kilometerlange Fischsterben hätte vermieden werden können, wenn der Kanal erst wieder geöffnet worden wäre, nachdem alle  Lösch- und Benzinrückstände mit Spezialschiffen und Fahrzeugen aufgenommen gewesen wären. Aber das war nicht nur dem sinnfrei-dynamischen Landrat  unverhältnismäßig.  Das Wasser sei bestmöglich gereinigt worden, hatte auch Reinhard Lömker gemeint. Genau das ist es natürlich nicht, und ich ärgere mich über solche falschen Aussagen.  Man hätte es viel besser machen können und müssen, aber ein gründliches Schadensbeseitigung hätte dann deutlich mehr Geld gekostet. Und da denkt man lieber an die Haftpflichtversicherungen oder die BP, die die Kosten der Schadensbeseitigung  bezahlen, und die Binnenschiffer und ihre Gesellschaften, die den Dortmund-Ems-Kanal schnell wieder benutzen wollen.

(Foto:  Dortmund-Ems-Kanal und  BP-Raffinerie – vor der Explosion  Alle Rechte vorbehalten von Greune Stee, flickr.com)

Umweltkatastrophe

12. April 2011

Die Tankerexplosion im Hafen der BP-Raffinerie und die anschließenden Löscharbeiten haben zu einer regionalen Umweltkatastrophe geführt. Das ist inzwischen klar. Klar ist auch, dass die Behörden dieser Umweltkatastrophe hilflos gegenüber stehen. Sie fordern zwar dazu auf, keine Fische zu verzehren, die im Dortmund-Ems-Kanal gefangen worden sind. Aber diese und ihreanderen Reaktionen wirken reichlich hilflos.

Die Warnung vor dem Fischverzehr können sie sich ruhig schenken. Ich kann mir niemanden vorstellen, der aus der aufgeschäumten Wasserbrühe Fisch angelt.  Es gibt wohl ohnehin kaum noch Fische in dem Gewässer zwischen Holthausen und Meppen, seit es mit Löschschaum und Benzin kilometerlang verschmutzt ist. Beschleunigt durch die Schleusungen fließt es langsam aber stetig in Richtung Ems. Unterwegs gibt es tonnenweise tote Fische. Das bestätigt auch Reinhard Lömker, Leiter der Unteren Wasserbehörde der Stadt Lingen (Ems).   Mitglieder des Angelsportvereins Meppen bergen derweil noch lebende Tiere und bringen sie in andere Gewässer. „Ob wir die Tiere dadurch wirklich retten, wissen wir nicht“, sagt Vereinssprecher Dieter Heuwers.

Umweltschützer und Angler kritisieren immer heftiger das Katastrophenmanagement der Behörden. Der Landkreis sei überhaupt nicht vorbereitet auf die Katastrophe. Maria Feige-Osmers (BUND Emsland) bezeichnet das Geschehen als „Umweltsauerei“. Jutta Over (NABU Emsland) beanstandet, dass „die ökologischen Ausmaße der Katastrophe von den Behörden verharmlost werden.“ Neben dem Löschschaum seien auch Tausende Liter Benzin in den Kanal geflossen. Dort fließe jetzt „eine hochgiftige wasserlösliche Emulsion, die von Wassertieren auch über Haut und Kiemen aufgenommen werden.“ Gewässersohle, Steinschüttungen und Uferstauden seien wohl auf längere Zeit verseucht. Vorübergehende Sauerstoffarmut durch den Abbau der Löschschäume reiche als Erklärung für das Fischsterben nicht aus, sagte die Biologin zur „Meppener Tagespost“.

Das Prinzip, mit dem die Behörden agieren, ist ebenso simpel wie gefährlich: Verdünnen. Aber das, so Juklia Over, löst das Problem nicht, „weil sich die toxischen Stoffe anreichern. Mit jeder Schleusung werden die Schadstoffe weiter diffus verteilt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Kanal nicht zu schnell wieder für die Schifffahrt freigegeben worden ist.“

Die Freiwillige Feuerwehr Meppen versuchte gestern erneut das sauerstoffarme Kanalwasser zu belüften – wie schon am vergangenen Freitag, als auch die Feuerwehren aus Bawinkel, Osterbrock und Emsbüren mithalfen. Beim Landkreis Emsland hieß es derweil, der Sauerstoffgehalt unterhalb der Schleuse Meppen betrage bis zu 8 Milligramm pro Liter. Das bedeute keinerlei Gefährdung für Lebewesen. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist offenbar so niedrig wie der Sauerstoffgehalt im Kanal, der alle Fische ersticken lässt.  Denn MT-Redakteur Tobias Böckermann zitiert „Beteiligte vor Ort“.  Nach ihren Angaben lag der Sauerstoffwert im Kanal direkt unterhalb der Schleuse Varloh keineswegs bei 8 Milligramm sondern  zwischenzeitlich bei tödlichen 0,2 Milligramm. Der biologische Abbauprozess des verbliebenen weißen Löschschaums zehrt so viel Sauerstoff aus dem Wasser, dass die Fische ersticken. Vom Sauerstofftod bedrohte Aale springen im Todeskampf an Land.  Zu beklagen sind längst auch tote Hechte und Zander.

Ein weiteres Versäumnis: Sie Verantwortlichen im Kreishaus haben bislang keine Fische auf Schadstoffe und Gift untersuchen lassen. untersuchen lassen. „Wir wissen einfach nicht, was man tun kann oder tun müsste“, beklagt Dieter Heuwers vom Anglersportverein Meppen gegenüber der MT. „Wenn die Fische nur am Sauerstoffmangel eingegangen sind, dann besteht ja keine weitere Gefahr. Wenn aber auch Gift im Spiel ist, dann hätte man die Kanalufer sperren oder zumindest Warnschilder aufstellen müssen.“

Ziel der Behörden ist jetzt, dass sich „das schadstoffbelastete Wasser durch möglichst viel Bewegung im Kanal“ verdünnt. Der NABU kritisiert dieses Vorgehen als „schlechte Notlösung“. Und: Noch immer schweigen die Wasser- und Umweltbehörden darüber, welche Stoffe sich seit der Explosion im Kanalwasser befinden.  Mit der Erhöhung der Fließgeschwindigkeit im Kanal und der Belüftung werde versucht, das Sauerstoffdefizit zu verringern. „Weitere technische, mechanische oder biologisch-chemische Maßnahmen sind nicht möglich.“ Sobald das belastete Wasser die Hase und die Ems erreiche – voraussichtlich in mehr als drei Tagen –, sei mit einer Entspannung der Situation zu rechnen, da neben einer starken Verdünnung der Rückstände zugleich ein hoher Sauerstoffeintrag erreicht werde. Wer’s glaubt…

Christoph Elbert, Vorsitzender des Angelsportverein Meppen ist realistischer: „Dass die Natur sich wieder regeneriert, wird wahrscheinlich Jahre dauern.“  Dafür gibt es ein Beispiel, weiß MT-Redakteur Tobias Böckermann: Vor vier Jahren  hatten Löschschäume im Saarland das Wasser des Flusses Blies so verunreinigt, dass das Angeln 14 Monate lang verboten war.  Die Schäume enthalten auch  PFOS (Perfluorooctane sulfonic acid). Der  Stoff wird von der Europäischen Union  gemeinsam mit dem berüchtigten DDT genannt und  ist ab  Mitte des Jahres EU-weit verboten. Bei dem Tankerunglück in Lingen kam er aber noch legalerweise zum Einsatz . PFOS-Schaum erleichtert das Löschen von brennenden Flüssigkeiten, reichert sich aber in der Tier- und Umwelt an und ist stark  gesundheitsschädlich.

Ach ja: BP schweigt. Und irgendwer dröhnt sicherlich auch wieder, dass zu keiner Zeit eine Gefährdung der….

(Quellen: Meppener Tagespost, NDR; PFOS-Formel Grafik: wikipedia CC)

Enttäuscht

31. März 2011

Der Großbrand im Lingener Raffineriehafen ist noch einmal glimpflich abgelaufen. Personen kamen nicht zu schaden. Doch es hätte weitaus schlimmer ausgehen können.

Ein Kommentar von Peter Kliemann (NDR).

Drei Schiffe, jeweils mit einer Million Liter Benzin beladen, auf einem bricht ein Feuer aus. Ein Horrorszenario, das gestandenen Feuerwehrleuten schon als Übungsszenario Schauer über den Rücken jagt. Entsprechend waren die Befürchtungen der Journalisten Dienstagmorgen vor einer eilig anberaumten Pressekonferenz. Vertreter von Raffinerie, Landkreis, Feuerwehr, Polizei und Stadt Lingen wurden aufgeboten. Doch es sprach nur einer: der Oberbürgermeister.

Er verlas eine nichtssagende, längst bekannte Erklärung, grüßte und ließ nach zwei Minuten eine verdutzte Runde zurück. Schweigen bei den anderen Vertretern, keine weitergehenden Fragen, keine Erläuterungen. „Alles im Griff, es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung!“ Punkt. Aus. Dieser ebenso banale wie meistens falsche Satz im Fall eines Unglücks mit diesen Ausmaßen sorgte für Ärger und Verwunderung in der Journalistenrunde. Was wollte der OB damit sagen? Drei Millionen Liter Benzin neben einer Raffinerie mit riesigen Tanklager, 70 Meter hohe Feuersäulen, 10 Hektar Schaumteppich auf dem Dortmund-Ems-Kanal, vielleicht hunderttausende Liter Benzin im Wasser – für den Oberbürgermeister kein Problem.

Lingen ist nicht Fukushima und nicht die „Deepwater Horizon“. Aber für einen Mann, der mit dem Anspruch „mehr Transparenz“ angetreten ist, ein schwaches Bild. Journalisten können in der Regel selber lesen, dafür braucht’s kein hochbezahltes Stadtoberhaupt. Krisenmanagement sieht inzwischen anders aus. Krisenmanagement erfordert die Analyse und den systematischen Umgang mit dem Problem. Kann man übrigens auch nachlesen, Herr Oberbürgermeister!

-.-.-.-.

Ich weiß nicht, ob Peter Kliemann etwas dagegen hat, dass ich hier seinen Beitrag vollständig veröffentliche. Aber er ist zu wichtig, als dass er in einem Leser-Kommentar versteckt bleiben darf (Danke J. Reul für den Hinweis!). Also eben ganz und im Wortlaut der Peter-Kliemann-Kommentar. Mit meiner Ergänzung, dass ich reichlich irritiert und enttäuscht bin, wie wenig professionell der OB da agiert hat.

Nachtrag: Auch die Lokalpresse krtisiert OB Krone: Amateurhaft.

Ems21

30. Dezember 2010

Es ist eine dieser Ideen, von denen ich unverhofft lese und mir die Augen reibe, ob so viel blinden Machbarkeits- und Fortschrittsglaubens: Um die immer größer werdenden Ozeanriesen weiterhin bei der Papenburger Meyer-Werft, dem industriellen Herz zwischen Lingen und Emden, bauen zu können, soll ein Kanal her. Für diesen Emskanal zwischen Papenburg und Leer, der bis nach Dörpen zum Dortmund-Ems-Kanal verlängert werden könnte, hat das Land Niedersachsen vor einiger Zeit eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, an der eine „Lenkungsgruppe“ werkelt.

Dass die Industriedebatte im oberen Nordwesten immer seltsamere Züge annimmt, zeigt auch dies: Auf der traditionsreichen Neptun-Werft in Rostock-Warnemünde direkt an der Ostsee werden Sektionen für die Kreuzfahrtschiffe der Meyer-Werft in Papenburg gebaut ( und Flusskreuzfahrtschiffe!). Seit 1997 gehört die Neptun Werft zur „Meyer Neptun Gruppe“, ein Schwesterunternehmen der Papenburger Meyer-Werft. Die in Rostock gebauten Sektionen werden durch die  Ostsee, den Nord-Ostsee-Kanal und über die Nordsee mit Hochseeschleppern bis in die Ems und ins heimische Papenburg geschleppt und dort auf der Meyer Werft dann zu den riesigen Kreuzfahrtschiffen zusammengeschweißt (- an einem Fluss!).

Kommt jetzt also der Emskanal? Diese Idee durchzusetzen, wird zunehmend skeptischer gesehen; auch die „Lenkungsgruppe“ hat erkannt, dass der Emskanal nicht ohne weiteres durch das rechtsemsisch-ostfriesische Westoverledingen hindurch gebaut werden kann. Das könnte schon an den „Bodenverhältnissen“ scheitern, heißt es. Daneben nimmt der Widerstand (s. Grafik rechts) in der Region rapide zu  (mehr…). Also diskutiert jetzt die „Lenkungsgruppe“, die sich gerade in der Staatskanzlei von Ministerpräsident McAllister (CDU) getroffen hat, doch besser die Ems zu kanalisieren oder dauerhaft aufzustauen -weiß der ostfriesische General-Anzeiger. Dazu müsste beispielsweise das Ems-Sperrwerk bei Ganderum dauerhaft geschlossen und eine Schleuse für den Schifffahrtsverkehr am oder im Sperrwerk entstehen. Bisher passen die Papenburger Kreuzfahrtriesen nur durch die Hauptöffnung des Speerwerks, nachdem zuvor die Ems tagelang aufgestaut worden ist.

Soll also die Ems zwischen Papenburg und dem Sperrwerk bei Gandersum zu einer künstlichen Wasserstraße werden? Trotz EU-Recht und FFH (mehr…)?  Man braucht kein Stuttgarter zu sein, um zu sehen, dass solche Pläne unser regionales „Ems21“  werden.

(Grafik: © www.kein-ems-kanal.de)