Interpretationshoheit

10. August 2019

Einmal mehr meldet sich (nur) die taz mit einem Beitrag über die elende Art und Weise, wie das offizielle Emsland die Interpretationshoheit um die Gedenkstätten im Emsland  gewinnen will.

taz-Redakteurin Simone Schnase hat die im CDU-Dunst des Landkreises verdeckten Informationen zusammengetragen. Die Autorin hat die Aufarbeitung der NS-Geschichte im Emsland und die Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen seit mehr als 10 Jahren begleitet, damals noch als Redakteurin des emsländischen Stadtmagazins „Emskopp“. Für ihren 2011 dort erschienenen Artikel „Die Emslandlager und ihre Folgen: Eine Geschichte von 1933 bis in die Gegenwart“ erhielt sie 2012 den Alternativen Medienpreis

Also mein „Lesebefehl“ an diesem Samstag:

Es ist 18 Jahre her, dass der Landkreis Emsland das bis dahin von der Bundeswehr genutzte Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen übernahm, um dort eine Gedenkstätte einzurichten für die insgesamt 15 emsländischen Konzentrations- und Strafgefangenenlager, in denen während der NS-Zeit vorwiegend politisch Verfolgte und Kriegsgefangene inhaftiert waren.

2011 wurde die Gedenkstätte Esterwegen feierlich eröffnet – aber jetzt, keine acht Jahre später, droht die Kooperation zwischen dem Landkreis als Träger der Stiftung, die die Gedenkstätte betreibt, und dem für die Erinnerungsarbeit verantwortlichen Verein Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) zu zerbrechen.

Denn drei der vier hauptamtlichen DIZ-MitarbeiterInnen sind in diesem Jahr in den Ruhestand gegangen, der Leiter des Zentrums, Kurt Buck, geht Ende des Jahres in Rente und bisher ist beim Verein keine der Stellen neu besetzt worden. Finanziert wurden die MitarbeiterInnen bisher vom Land Niedersachsen, vom Landkreis und von dem mehr als 300 Mitglieder zählenden Verein. Die frei werdende Stelle von Kurt Buck will sich das DIZ auch künftig durch das Land Niedersachsen, genauer gesagt durch die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, finanzieren lassen – aber jetzt beansprucht der Landkreis Emsland diese Förderung für sich. „Es geht im Wesentlichen um die Frage, wer bei einer der wieder zu besetzenden Stellen sinnvollerweise Anstellungsträger ist“, heißt es dazu vom Landkreis.

Eine Antwort auf diese Frage gibt es zumindest aus seiner Sicht bereits:…

weiter bei der taz


Die Emslandlager

1933 wurden die KZ Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme. Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der wohl bekannteste Inhaftierte des KZ Esterwegen war Carl von Ossietzky, der aufgrund der Spätfolgen der Haftbedingungen am 4. Mai 1938 starb.

Das weltbekannt gewordene„Moorsoldatenlied“ entstand 1933 im KZ Börgermoor.


(Foto: Gedenkstätte Esterwegen, Frank Vincentz, GNU Free Documentation License.
Quele: Simone Schnase taz)

Muffrika

25. April 2012

„Mit Muffrika konnte ich zunächst nichts anfangen“, schreibt ein amazon-Rezensent. Er  dachte, es sei „ein Name. Bis ich dann begriff, daß es eine Bezeichnung für das moorige Emsland sei und je nachdem kann es eine Beleidigung oder eine liebevolle Spöttelei sein. Damit soll wohl gemeint sein: „Im Moor ist weniger los, als in der Wüste in Afrika = Muffrika.“

Im Emsland nun zog im April 1945 der 19jährige Gefreite Willi Herold in das Emslandlager Aschendorfermoor ein, in das kurz vor Kriegsende mehr als 3.000 Häftlinge der nördlichen Emslandlager zusammengepfercht worden waren. Versprengt von seiner Einheit, hatte er eine Hauptmannsuniform gefunden und gab sich nun als Hauptmann aus. Innerhalb einer Woche wurden auf seinen Befehl hin und unter seiner Mitwirkung wohl über 150 Häftlinge dieses Lagers ermordet.

Nach intensiven Archivrecherchen, vielen Zeitzeugenbefragungen und sich über mehrere Jahre hinziehenden Dreharbeiten fand im Frühjahr 1996 die Uraufführung des Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“ statt.  Im August desselben Jahres  zeichnete die Filmbewertungsstelle Wiesbaden den Film mit ihrem höchsten Prädikat  als „besonders wertvoll“ aus.

DVD (s/w), 70 Minuten + Extras, 14,90 Euro

Die DVD kann beim DIZ Emslandlager bestellt werden.  Blog-Kommentator FrankO hat den Dokumentarfilm jetzt auf Youtube  gefunden, und ich stelle ihn gern hier in meinen Blog.

Suchmeldung II

2. November 2011

Im Emskopp-Blog lese ich über die Einweihung der Gedenkstätte Esterwegen am Montag dies:

„…Der ehemalige Lagergefangene Hendrik Verheyen und der Stiftungsratsvorsitzende Bernd Faulenbach richteten ihren Dank auch an Kurt Buck, den Leiter des DIZ. Der tosende Applaus, den die Dankesworte auslösten, machte deutlich: Vielen Anwesenden fehlte an diesem Tage etwas.

In der Tat fehlte etwas. Die o.g. Gäste sowie Bischof Bode, Landesbischof Ralf Meister und der Landesrabbiner Jonah Sievers, die zur Kranzniederlegung Psalmen aus der Bibel vorlasen, bestritten den offiziellen, feierlichen Teil der Gedenkstätteneröffnung. Ein Vetreter des DIZ sprach nicht. Ein paar Worte über die Geschichte und die Zukunft des DIZ, über seine Rolle als Kooperationspartner der Gedenkstätte und über seinen zukünftigen Wirkungsort in Esterwegen, das hätten sich viele Besucher gewünscht. Der ehemalige “Nacht- und Nebel”-Gefangene Hendrik Verheyen sprach in seiner Dankesrede das aus, was wohl viele dachten: “Ich hoffe, dass die Arbeit, die das DIZ 26 Jahre lang geleistet hat, fortgesetzt wird…”.

Hier geht’s weiter bei Emskopp.de

Tichomirow

18. Juli 2010

Tichomirow 20-jährigSicher wissen die meisten  Emsländer nicht einmal, wo Füchtenfeld liegt. Jetzt im Sommer ist es dort idyllisch und die Füchtenfelder beschäftigen sich mit dem Gedanken, ihre Kirche abzureißen. Vor 70 Jahren aber war dort die Hölle. Am Freitag musste ich an diesen Gegensatz denken.  Die MT berichtete nämlich über Dmitrij Sergejewitsch Tichomirow – einen ukrainischen Soldaten der Roten Armee, der Anfang 1942, nur ein halbes Jahr nach seiner Gefangennahme, im Alter von 46 Jahren  im Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager („Stalag“) VI C-Z Wietmarschen,  ein Zweiglager des Stalag VI C  Bathorn nahe Hoogstede elend krepierte.

Das Papenburger DIZ beschreibt auf seiner Internetseite weshalb:

„Wie in allen vergleichbaren Lagern, waren auch in Wietmarschen die Lebensbedingungen für die sowjetischen Kriegsgefangenen äußerst schlecht. Über 2.600 von ihnen, wahrscheinlich noch wesentlich mehr, kamen hier ums Leben. Sie wurden völlig unzureichend ernährt. Fehlender Schutz gegen die Wetterbedingungen und katastrophale hygienische Verhältnisse taten ein übriges um viele dieser Menschen elend verrecken zu lassen. Am Rande des Lagers ist ein Friedhof angelegt worden. Hier sind jedoch nur 150 Beerdigte angeführt, möglicherweise sind viele Tote im umliegenden Moorgebiet verscharrt worden.“

Tichomirow wurde also in Füchtenfeld ermordet. Ein ns-staatlicher Mord, einer von Abermillionen.

Unter einer wenig respektvollen, missglückten Überschrift lenkte die Regionalzeitung jetzt den Blick auf dieses Einzelschicksal, als der Enkel des Ermordeten, der ukrainische  Geschäftsmann Yury Ivanov ins  Emsland kam – mit  Erde aus der Heimat, die er symbolisch am Denkmal der Kriegsgräberstätte Dalum verstreute. Ivanov sagte dann:  „Meine Familie und ich wissen nun, wo unser Großvater seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Ich hoffe, dass irgendwann sein Name und die Namen der vielen Tausend bisher unbekannten Toten, die hier ruhen, auf dem Friedhof in Dalum zu finden sein werden.“ Vor seiner Rückreise übergab er auch ein Foto seines Großvaters, das ihn als Soldat im 1. Weltkrieg zeigt. „Damit ihr nicht nur einen Namen, sondern auch ein Gesicht habt.“

Die Kriegsgräberstätte Dalum kennt keine Gesichter und verschweigt selbst die Namen der Toten. Warum, frage ich, gibt man den  ermordeten Gefangenen nicht ihre Namen?