pannenkoekenhuizen

29. März 2015

In kaum einer anderen Kultur hat der Pfannkuchen einen so hohen Stellenwert wie in den Niederlanden. So wird in Pfannkuchenrestaurants, sogenannten „pannenkoekenhuizen“, eine andernorts unerreichte Anzahl an Pfannkuchen-Variationen angeboten – von Käse, Schinken, Speck und Dönerfleisch über Marmelade und Schokoladenstreusel bis hin zu Äpfeln und Rosinen ist alles dabei. Auf süßliche Pfannkuchen gibt es Zuckerrübensirup und Puderzucker als typische niederländische „Toppings“, in der herzhaften Variante kann auch schonmal Erdnusssoße auf die runden Fladen geschmiert werden. Im gesamten Land gibt es anno 2015 rund 360 spezieller Pfannkuchenrestaurants.

Grundrezept für Pfannkuchen

Zutaten:
100 g Weizenmehl
100 g Buchweizenmehl
400 ml Milch
2 Eier
TL Zucker

Zubereitung:

Alle Zutaten in einer Rührschüssel zu einem Teig verrühren. Anschließend Butter oder Öl in einer beschichteten Pfanne erhitzen, den Teig portionsweise hinzufügen und ihn von beiden Seiten goldgelb backen. Wahlweise können in den Teig auch Apfel-, Käse oder Schinkenstückchen eingebacken werden. Die fertigen Pfannkuchen können nach Belieben mit Puderzucker, Sirup, Apfelkompott oder anderen „Toppings“ serviert werden.

Pfannkuchen – eine niederländische Erfindung?

Historiker vermuten, dass der Pfannkuchen nicht von einer einzelnen Person oder einem Volk erfunden wurde, sondern – aufgrund der Einfachheit des Grundrezepts – in verschiedenen Kulturen zeitgleich entstand. Die ersten Meldungen über ein Pfannkuchen-ähnliches Gericht stammen aus China und Neapel im zwölften Jahrhundert – von dort nahmen Kreuzfahrer das Rezept mit in Richtung Westen. Die Hauptzutat soll laut Überlieferung Buchweizen gewesen sein.

Topping: Uns schmeckten die Pfannkuchen am besten klassisch mit Sirup (nl.: Stroop) und Puderzucker
Topping: Uns schmeckten die Pfannkuchen am besten klassisch mit Sirup (nl.: Stroop) und Puderzucker, (Foto:: NiederlandeNet/cc-by-nc-sa)

Als Ursprung für den Pfannkuchen, wie wir ihn heute kennen, wird allgemein das europäische Mittelalter gesehen. Die Niederlande und Belgien bauten seit dem 13. Jahrhundert Buchweizen an. Als weitere Zutaten für den Pfannkuchen dienten Wasser, Eier und Milch. Zubereitet wurde der Teig auf heißen Steinen. In den folgenden Jahrhunderten entwickelten sich die verschiedensten Pfannkuchen-Rezepte. Von eher süßen, fluffigen Varianten mit vielen Eiern bis hin zu herzhaften, flachen Versionen war alles dabei. Heute ist der Pfannkuchen in vielen Ländern der Welt ein beliebtes Gericht, oft haben sich dort jeweils eigene Zubereitungs- und Verzehrweisen entwickelt. So wird der Pfannkuchen in Australien vornehmlich als Nachspeise gegessen, in den USA hingegen am liebsten zum Frühstück verspeist. Und in Tunesien verwendet man den Pfannkuchen auch gerne als Besteckersatz.

Als ur-niederländisch kann der Pfannkuchen also (leider) nicht bezeichnet werden. Für die Niederländer jedoch kein Grund, um nicht jedes Jahr im März einen nationalen Pfannkuchentag zu feiern. Initiiert wurde er 2007 als Werbeaktion von einem Pfannen- und einem Backmischungshersteller und wird seither jedes Jahr in etlichen Restaurants und vielen niederländischen Grundschulen begangen. In den USA, Australien und England ist der Pfannkuchen-Tag übrigens schon länger bekannt.

von Paul Hegers auf Niederlande.Net. [Danke!]

Tipp:
Wenn ich original Twentse Boekweit Pannenboken essen will, fahre ich in die Watermolen bei Huis Singraven, direkt westlich von Denekamp. Da passt alles. Guten Appetit!

Op zoek naar Johan Huy

1. März 2015

Huy-coverDie Grafschafter Nachrichten berichten über eine nicht alltägliche, aber sehr typische Geschichte aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet.

Herman Huy aus dem direkt hinter der niederländischen Grenze gelegenen Denekamp kämpfte im 1. Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich in Belgien gegen die Franzosen, Sohn Johan wurde im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht an die Ostfront geschickt. Er kehrte nicht zu seiner Familie zurück.

„Die authentische Geschichte von Vater und Sohn Huy liest sich wie ein spannender Roman. René Borgerink, 54 Jahre alter Finanzberater aus Denekamp, hat das Schicksal der Denekamper Familie Huy in einem Buch zusammengefasst, das in dieser Woche unter dem Titel „Op zoerk naar Johan Huy“ beim Verlag Heinink Media erschienen ist. Die 240 Seiten sind eine umfassende Dokumentation über zwei Niederländer mit Herz und Seele, die allerdings beide im Besitz eines deutschen Passes waren und deshalb diesseits der Grenze zum Dienst an der Waffe verpflichtet wurden.

Das lag daran, dass Johann Bernhard Hermann Huy am 18. November 1892 an der Denekamper Straße 104 in der damaligen Bauernschaft Frensdorf als ältestes Kind von Gerhard Herman Huy und Maria Gröneveld geboren wurde. Mutter Maria hieß ursprünglich mit Familiennamen Groeneveld und stammte gebürtig aus Denekamp. Durch ihre Ehe mit Hermann Huy erhielt sie automatisch die deutsche Nationalität.

Herman Huy lernte 1912 auf dem Nordhorner Herbstmarkt…“

[weiter bei den Grafschafter Nachrichten]

„Op zoek naar Johan Huy“ (ISBN 978-94-91640-23-0) ist für 19,95 Euro in allen Buchhandlungen in Twente oder über das Internet erhältlich.

Duty of care

31. Januar 2013

milieudefensie2013Von fünf Klagen wurden vier abgewiesen. Aber eine war erfolgreich. Deshalb kann das gestern in Den Haag gesprochene, niederländische Urteil jetzt Geschichte schreiben: Ein Zivilgericht hat erstmals in Europa einen Ölmulti, den britisch-niederländischen Konzern Royal Dutch Shell (RDS), wegen Umweltschäden in der Dritten Welt zu Schadenersatz verurteilt:

Die Sümpfe im nigerianischen Ogoniland waren einst das drittgrößte Feuchtgebiet der Erde. Aber seit Shell vor mehr als 50 Jahren dort große Ölvorkommen entdeckte, war es damit vorbei. Heute ist das Ogoniland einer der wichtigsten Ölproduktionsstandorte, mit fatalen Folgen für die Umwelt. Aus Pipelines der Shell-Tochter (SPDC) in Nigeria floss im Oktober 2004 tonnenweise Öl aus, als eine Pipeline leckte. Feuer brach aus. Tagelang brannte es um die Dörfer Oruma und Goi. Die Region wurde ökologisch vernichtet: Aus den Gewässern wurden schwarze Tümpel, die Obstbäume verbrannten, die Gemüsefelder sind bis heute mit Öl verseucht. Fünf afrikanische Bauern und Fischer zogen vor Gericht.

Vier der Klagen wurden gestern abgewiesen, weil für die von ihnen reklamierten Schäden Shell nicht verantwortlich sei; denn der Schaden sei auf Sabotage zurückzuführen. Richter Henk Wien berief sich ausdrücklich auf die nigerianischen Gesetze, wonach ein ausländischer „Mutterkonzern nicht grundsätzlich für Schäden seiner Tochterunternehmen an Dritten“ verantwortlich sei.

Im Falle des vor etwas mehr als einem Jahr verstorbenen Fischers Chief Eric Dooh aus dem Küstendorf Ikot Ada Uto, für den sein Sohn Eric Dooh (Foto oben) die Klage weiterführte, sah das Gericht das aber anders und verurteilte Shell zu Schadensersatz. Der Konzern habe besonders nachlässig gehandelt und damit seine „Duty of care“ verletzt. [Mehr…]

Es gibt bei all dem einen Bezug zu Lingen: Möglich wurden die Klagen durch die niederländische Umweltschutzorganisation Milieudefensie. Und da habe ich mich an eine Veranstaltung im Herbst 2008 in der Watermoole Singraven nahe Denekamp erinnert, an der ich teilnehmen durfte. Es war das Abschlusstreffen der niederländischen Stiftung „Burgerinspraak over de Grens“, die in den 1980er und 1990er Jahren durchsetzte, dass auch Niederländer formal Einspruch gegen die Pläne für das KKE-Atomkraftwerk in Lingen einlegen konnten; das nämlich ließen konservative Verwaltungsjuristen und -richter bis dahin nicht zu. Einige Wochen nach dem Treffen jenseits der Grenze berichtete ich über das Treffen der „alten Kämpfer“ in meinem kleinen Blog:

„Mein alter Gefährte Jan Holsheimer gab einen Rückblick auf die Geschichte der Stichting Burgerinspraak over de Grens, was ich mit “Stiftung Bürgereinwand über Grenzen hinweg” übersetzen würde. Sein Beitrag kann hier nachgelesen werden. Die Anwesenden bedauerten, dass Coen Hamers nicht dabei war, der vor einigen Jahren, wohl wegen eines Streits innerhalb der PvdA, aus der Gruppe geschieden war.

Ach ja, gut 30.000 Euro besaß die Stiching noch. Das Geld wurde einer anderen niederländischen Stiftung (“Milieudefensie”) zur Verfügung gestellt. Sie kümmert sich um den Schutz der Umwelt, übrigens nicht nur innerhalb (der Grenzen) der Niederlande. Auf Wunsch von Burgerinspraak erhält Milieudefensie den Betrag fur die Unterstützung einer Klage von nigerianischen Betroffenen gegen den niederländisch-britischen Ölmulti Shell wegen der Ölverschmutzung, die der Konzern bei seiner Ölförderung in dem afrikanischen Staat anrichtet. Es bleibt also international.“

Und das hat jetzt Erfolg gehabt. Mich freut’s.

(Foto: Urteilsverkündung in Den Haag am 30.01.2013 mit Eric Dooh (Mitte) © Milieudefensie)

Tanja aus Denekamp

18. Oktober 2012

Falk Madeja berichtet Neues über seine 34jährige Landsfrau Tanja Nijmeijer. Tanja, die direkt hinter der Grenze im beschaulichen Denekamp aufwuchs, das Twents Carmel College in Oldenzaal besuchte und an der Rijksuniversiteit  Groningen Romanistik studierte und in linken Studentengruppen aktiv war, ging erstmals im Jahr 2000 nach Kolumbien, um dort an einer Dorfschule ein Praktikum zu absolvieren. Dann schloss sie sich  den sog. “ Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC)  an. Jetzt wird sie an den Verhandlungen zwischen Regierung und Rebellen Kolumbiens in Oslo teilnehmen. Falk Madeja:

„Sie soll die einzige Ausländerin sein, die bei den Verhandlungen der Regierung Kolumbiens und den marxistischen Terroristen der FARC dabei sein darf: Tanja Nijmeijer aus den Niederlanden Terror-Tanja hat sich vor einigen Jahren entschieden, das Core Business der FARC – Entführungen, Erpressung, Drogenhandel, Herumschiessen – zu betreiben. Sie bekam eine Uniform und eine Flinte, in den Niederlanden ab und zu auch mal Publizität.

Die Verhandlungen sollen in Oslo beginnen, dann in Kuba weiter geführt werden. Terror-Tanja wird mitgenommen, weil sie Fremdsprachen beherrscht und so schön lächeln kann. Momentan hängt die FARC-Truppe in Havanna fest, da noch nicht klar ist, ob der Internationale Haftbefehl gegen Tanja zurückgenommen wurde.“

(Quelle)

Nachtrag:

“ Terror-Tanja konnte nicht nach Olso, um die FARC bei den Verhandlungen mit der Regierung Kolumbiens zu begleiten. Die grinsende Terroristin aus den Niederlanden muss auf Kuba auf das Verhandlungsteam warten. Es gibt einen internationalen Haftbefehl, auf Kuba kein Problem, in Norwegen schon.

Jetzt wollen ihre Eltern nach Kuba reisen.“

(Quelle)

Denekamp

1. November 2011

Ab heute zeigt die  Stadtbibliothek Nordhorn  in Zusammenarbeit mit dem „Forum Juden-Christen“ als Beitrag zur Friedenswoche 2011 die Ausstellung „Denekamp – vor 65 Jahren befreit“

Erarbeitet hat die Ausstellung der Heimatverein der niederländischen Grenzstadt Denekamp (Overijssel) aus Anlass des 65. Jahrestages der Befreiung der Kommune 1945 von der deutschen Besetzung.  Historische Fotos zeigen das frühere Denekamp, die Zeit der deutschen Besetzung, die Befreiung und die Entwicklung der östlichsten Stadt der niederländische Provinz Overijssel seither. Die Begleittexte zur Ausstellung sind – soweit nötig – ins Deutsche übersetzt worden. Für den Besuch durch Schüler werden Führungsblätter bereit gehalten.

Eröffnet wird die Ausstellung in der Stadtbibliothek Nordhorn heute um 19:00 Uhr, durch Meinhard Hüsemann und Thomas Berling, also den alten und den neuen Bürgermeister Nordhorns, sowie einen Vertreter der niederländischen Grenzgemeinde Dinkelland, in die Denekamp vor 10 Jahren aufgegangen ist. Den musikalischen Rahmen gestaltet der Chor „La Lega„. Zu der Ausstellungseröffnung sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Die Ausstellung öffnet einen wertvollen Blick in die Regionalgeschichte direkt jenseits der Grenze. Sie  kann während der Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Nordhorn am Büchereiplatz 48529 Nordhorn
kostenlos besucht werden.

 

(Foto: Denekamper Sint Nicolaaskerk heute © Xaphire)

Gebiet

22. Februar 2011

Der Niederländer Frans Willeme will Bürgermeister von Nordhorn werden. Die lokale CDU und die Nordhorner Wählergemeinschaft proGrafschaft heben ihn just auf ihren Schild für die Kommunalwahlen am 11. September.  Der NDR fragt provokant: „Darf ein Holländer eine deutsche Stadt regieren? Die Meinungen in dem Städtchen an der niederländischen Grenze gehen auseinander. Die Einen halten es für ausgeschlossen, dass ‚Jemand von draußen“ das Zepter in die Hand nimmt, anderen ist die Herkunft egal.“


Erfahrung in der Kommunalpolitik kann Frans Willeme aufweisen: Knapp 20 Jahre war er  Bürgermeister jenseits der Grenze – zuletzt bis vor vier Jahren in der niederländischen Gemeinde Dinkelland, die vor zehn jahren durch einen Zusammenschluss der grenznahen Gemeinden OotmarsumDenekamp und Weerselo entstand, was er als Mitglied der niederländischen Christdemokraten (CDA) forciert hatte. Ähnliches soll der 59-Jährige nun auch in Nordhorn erreichen. Angesichts der knappen Haushaltslage müssten in der Stadt „dringend die Verwaltungsstrukturen verschlankt“ werden, meint Nordhorns CDU-Fraktionschef Andre Mülstegen und traut das seinem Kandidaten zu. Dass Willeme 2007 dem Vernehmen nach wegen mangelnder Teamfähigkeit aus dem Rathaus in Dinkelland ausschied, hat die Nordhorner CDU nicht beeindruckt.
Willeme selbst ist davon überzeugt, dass auch ein Niederländer  ein guter Bürgermeister in Deutschland sein kann: „Ich kenne das Gebiet gut“, sagte er im Gespräch mit NDR Online und verweist auf sein langjähriges Engagement für die Euregio. Wer Zweifel daran habe, solle mit ihm „ins Gespräch gehen“, sagte er zum NDR in unverkennbarem, niederländischen Akzent.

Der Vorstand der  Wählergemeinschaft pro Grafschaft hat sich ebenfalls für Willeme ausgesprochen und gerät auf der eigenen Webseite geradezu ins Schwärmen: „Frans Willeme ist nicht nur eine faszinierende Persönlichkeit sondern auch ein ausgewiesener Verwaltungsfachmann, Jurist und Politikmanager.  Er erfüllt in allen Punkten unser Anforderungsprofil.“

Der Nordhorner Ortsverband der FDP hat noch keinen Kandidaten benannt. Bei der Suche stehe aber allein die Frage „Was ist gut für Nordhorn?“ im Vordergrund und nicht welche Nationalität der jeweilige Kandidat habe, rudert der FDP-Ortsvorsitzende Richard Duhn offensichtlich in Richtung Niederlande.

Die  Nordhorner SPD schlägt als Nachfolger des langjährigen Bürgermeisters Meinhard Hüsemann (SPD) den Sozialdemokraten  Thomas Berling (Foto re.) vor. Allerdings klingt die Personalhymne auf den Geschäftsführer des Nordhorner Tierparks  noch etwas optimierungsfähig: „Er ist Grafschafter durch und durch, sein Einsatz für Bentheimer Schaf und Landschwein sind bekannt,“ unterstreicht beispielsweise der Nordhorner SPD-Vorsitzende und langjährige Stadtdirektor Harald Krebs auf der Internetseite der SPD Nordhorn.

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Quelle: NDR; Foto: © Thomas Berling (SPD)

Geschichte

18. Januar 2009

120px-atomkraft_nein_dankesvgIm Spätherbst letzten Jahres – das Ereignis liegt also schon mehrere Wochen zurück- erreichte mich eines Abends ein Anruf aus den Niederlanden. Ob ich der Robert Koop sei, der in den 1980er Jahren in der Antiatombewegung mitgearbeitet habe. Als ich bejahte, lud mich die Anruferin zu einem wenige Tage später stattfindenden  Abendessen in die Watermolen von Haus Singraven bei Denekamp (Dinkelland) ein. Man wolle sich wiedersehen und mit diesem Essen die „Stichting Burgerinspraak over de Grens“ auflösen.
Ich erinnerte mich sofort an die lange zurückliegende Zeit und die Kämpfe gegen die Atomkraft. Da hatte es im atomrechtlichen Genehmigungsverfahren zum Atomkraftwerk Lingen, das offiziell „Kernkraftwerk Emsland“ heißt, einen denkwürdigen „atomrechtlichen Erörterungstermin“ auf der Lingener Wilhelmshöhe gegeben. Der  damals in Osnabrück tätige Rechtsanwalt Dr. Winfried Kievel und ich versuchten als Anwälte, den Termin auch für die vielen erschienenen niederländischen Einwender zu öffnen. Die sollten nämlich draußen bleiben. Sie hatten zwar auch Tausende von Einwendungen erhoben, die aber die Ministerialbeamten aus Hannover nicht akzeptierten. Die Niederländer hätten überhaupt kein Recht, sich gegen die deutsche Atomanlage zu beschweren, hieß es unter dem zustimmenden Kopfnicken der Vertreter der Energieerzeuger.

Weil bei einem AKW-Störfall die deutsch-niederländische Grenze nun wirklich völlig bedeutungslos ist, hielten wir diese Einstellung für absurd, anachronistisch und geradezu zynisch. Nach stundenlanger Debatte gestattete ein überfordert wirkender Veranstaltungsleiter dann schließlich den protestierenden Niederländern, den Saal der Wilhelmshöhe zu betreten. Nur reden, reden durften sie immer noch nicht. Mit Klebeband verschlossen sich daraufhin alle Niederländer  ihre Münder und protestierten stumm gegen den Maulkorb. Die Bilder dieser Aktion wurden sofort in den Medien verbreitet und sagten so  mehr, als die stummen Mitstreiter je mit Worten hätten ausdrücken können. Als trotzdem alle Kritik am Maulkorb nichts half, verließen schließlich gemeinsam sämtliche deutschen und niederländischen Einwender gegen das geplante Atomkraftwerk den Erörterungstermin. Anschließend waren die AKW-Befürworter unter sich.

In der Folge schrieb der Niederländer Coen Hamers dann ein Stück bundesdeutscher und europäischer Rechtsgeschichte: Denn stellvertretend -und soweit ich weiß, auch als einziger aller Einwender diesseits und jenseits der Grenze- klagte er gegen die erteilte atomrechtliche Genehmigung. Zunächst wies das Verwaltungsgericht in Osnabrück die vom Hamburger Rechtsanwalt Andreas Gleim vertretene Klage als unzulässig ab; Hamers sei Niederländer und habe keine eigenen Rechte. Gegen das Urteil führte der  Bremer Universitätsprofessor Gerd Winter die (Sprung-)Revision zum Bundesverwaltungsgericht. Das gab Coen Hamers dann im Urteil vom 17.12.1986 (7 C 29.85) recht; das Urteil räumte mit den in Europa längst überholten Prinzipien des Völkerrechts auf und wurde in der amtlichen Sammlung des Bundesverwaltungsgerichts veröffentlicht  (BVerwGE 75, 285). Das Osnabrücker Gericht musste also nachsitzen, wies dann aber die zulässige Klage in der Sache als unbegründet ab. Weder die Berufung noch die Revision hiergegen waren erfolgreich. Auch Hamers‘, von Gerd Winter begründete Verfassungsbeschwerde wurde schließlich nach fast sieben Jahren Verfahrensdauer im März 2000 vom Bundesverfassungsgericht abgewiesen.

Natürlich bin ich der Einladung gern gefolgt. Es war ein bisschen wie eine Reise in die eigene Geschichte. Gerd Winter kam direkt aus Tokio hinzu, wo er bei einer Konferenz internationales Umweltrecht betrieben hatte. Zunächst besichtigten wir das über 600 Jahre alte Haus Singraven, anschließend trafen sich die „Wölfe von einst“ zum Abschiedsessen. Ich sah viele graue Köpfe und fragte mich, während ich ihren Reden lauschte, wie sich  wohl eine deutsche Umweltschutzinitiative auflösen würde. Mir war klar, dass die sich wahrscheinlich gar nicht auflöst (höchstens einschläft) und wenn doch, dann keinesfalls so stilvoll wie „Burgerinspraak“ an diesem nassen Herbsttag in „Huis Singraven“.  Ja, das alles hatte was, wie man zu sagen pflegt.

Mein alter Gefährte Jan Holsheimer gab einen Rückblick auf die Geschichte der Stichting Burgerinspraak over de Grens, was ich mit „Stiftung Bürgereinwand über Grenzen hinweg“ übersetzen würde. Sein Beitrag kann hier nachgelesen werden. Die Anwesenden bedauerten, dass Coen Hamers nicht dabei war, der vor einigen Jahren, wohl wegen eines Streits innerhalb der PvdA, aus der Gruppe geschieden war.

Ach  ja, gut 30.000 Euro besaß die Stiching noch. Das Geld wurde einer anderen niederländischen Stiftung („Milieudefensie”) zur Verfügung gestellt, Sie kümmert sich um den Schutz der Umwelt, übrigens  nicht nur innerhalb (der Grenzen) der Niederlande. Auf Wunsch von Burgerinspraak erhält Milieudefensie den Betrag fur die Unterstützung einer Klage von nigerianischen Betroffenen  gegen den niederländisch-britischen Ölmulti Shell wegen der Ölverschmutzung, die der Konzern bei seiner Ölförderung in dem afrikanischen Staat anrichtet. Es bleibt also international.

(update: 21.01.09)