„Ex-Nazi“

9. März 2020

Ein wenig deutsche, emsländische Geschichte heute, nachdem am vergangenen Wochenende auch die NOZ-Emslandausgaben über eine aktuelle Gerichtsentscheidung aus dem US-Bundesstaat Tennessee berichteten. Diese beleuchtet exemplarisch die Verstrickung wie die Schuld der Menschen, die in NS-Deutschland lebten. Im aktuellen Geschehen spielen dabei die Emslandlager eine bedeutsame Rolle, insbesondere das Lager in Meppen-Versen (Emslandlager IX) und das Emslandlager XII in Dalum (Foto), die im Herbst 1944 in das KZ Neuengamme eingegliedert wurden.

Ab dem 18. November 1944 wurden zwischen 1.000 und 3.000 Zivilisten aus Rotterdam in das Emslandlager XII Dalum eingewiesen. Sie wurden deportiert, um als Zwangsarbeiter Teile der Verteidigungslinie „Friesenwall“ aufzubauen. Dazu mussten sie Panzergräben und Stellungssysteme ausheben. Der Friesenwall sollte mehrere gestaffelte Stellungslinien und Riegel umfassen. Westlich der Lager war die „Nordsüd-Kanal-Stellung“ und östlich die „Ems-Rhein-Stellung“ vorgesehen. Ende Dezember wurden die Niederländer in andere Zwangsarbeiterlager verlegt.

Am 3. Januar 1945 kamen dann über 1.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme nach Dalum. Schon ab November 1944 waren KZ-Häftlinge aus Neuengamme zunächst in das Lager Versen verlegt worden. Die insgesamt bis zu 4.000 in die beiden Lager überführten Häftlinge sollten im Raum Meppen die militärisch völlig sinnlose Verteidigungsstellung [„Friesenwall“] gegen die vorrückenden alliierten Truppen weiterbauen. Die Unterbringung im Lager erfolgte unter schlimmsten Bedingungen; Kälte und Nässe sowie eine völlig unzureichende Verpflegung führten zu zahlreichen Todesfällen. Innerhalb von fünf Monaten starben 566 Gefangene in diesem Außenkommando, häufig an epidemisch auftretenden Darm- und Lungenerkrankungen.

Zuletzt waren im Lager Dalum 807 KZ-Häftlinge registriert. Am 24. März wurden die noch Arbeitsfähigen zu Fuß nach Cloppenburg [und zurück nach Neuengamme] in Bewegung gesetzt, die Kranken folgten mit dem Zug, untergebracht in geschlossenen Waggons. [Der Zug wurde von Tieffliegern nahe Cloppenburg angegriffen.] Während dieses Transportes und des Evakuierungsmarsches starben weitere Hunderte von Häftlingen. (Quelle)

Der Wachmann und Marinesoldat Friedrich Karl Berger aus Oak Ridge, Tennessee, steht deshalb seit der vergangenen Woche im Fokus internationaler Berichterstattung. Er war ab Januar 1945 im Emslandlager XII Dalum eingesetzt. Denn die für Einwanderung zuständige US-Bundesrichterin Rebecca L. Holt in Memphis (Tenn.) hat ihm deshalb nach einer zweitägigen Gerichtsverhandlung auf der Grundlage des „Holtzman Amendment  to the Immigration and Nationality Act“ aus dem Jahr 1978  das Recht entzogen, weiter in den USA zu leben. Er muss die USA verlassen, wo er über 60 Jahre lebte; denn er habe bereitwillig mit der Waffe in einem Konzentrationslager seinen Wachdienst geleistet.

Die NOZ-Ausgaben nennen, im Gegensatz zu allen US-Medien, nicht den Namen des 94jährigen, zur Ausreise verurteilten Mannes, aber titeln (Clickbaiting!) dazu  „Ex-Nazi aus dem Emsland vor Gericht.“ Ob der Schleswig-Holsteiner tatsächlich Nazi war, liegt nahe, aber man weiß es nicht. Allemal war er ein damals 19jähriger Soldat der deutschen „Kriegsmarine“, der zu dem Urteil selbst, laut „New York Times„, sagt,

… dass er in das Lager abkommandiert wurde, für kurze Zeit dort war und keine Waffe getragen habe. In den Vereinigten Staaten habe er seinen Lebensunterhalt mit dem Bau von Abisoliermaschinen verdient.
„Nach 75 Jahren ist das lächerlich. Ich kann es nicht glauben“, sagte er zu Washington Post und fügte hinzu, „sie zwingen mich aus meinem Haus.“

Ein Wachmann ohne Waffe? Das muss man nicht glauben. Man muss aber auch nicht die Aussage des zuständigen Staatsanwalts Eli Rosenbaum glauben, dass sich Karl Berger 1943 für den Dienst in der Wehrmacht „entschieden“ habe (“Mr. Berger made his choice to enlist in 1943 in the German military”). Das lief vor 77 Jahren dann doch wohl etwas anders ab. Doch Rosenbaum sagt auch, dass Berger nie seine „Versetzung“ beantragt habe, als er vom ostfriesischen Langeoog in die KZ-Wachmannschaft abkommandiert wurde. Das stimmt offenbar.

Der Fall des Friedrich Karl Berger ist inzwischen auch von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgegriffen und beleuchtet worden. Sie klärt die Zusammenhänge auf:

„Das US-amerikanische Justizministerium hat bekannt gegeben, dass sie den 1959 [aus Kanada] in die USA eingewanderten Deutschen Friedrich Karl Berger ausweisen wird, da dieser als Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Neuengamme „Teil des SS-Systems der Unterdrückung gewesen ist, das KZ-Häftlinge unter grausamen Haftbedingungen hielt“.

Friedrich Karl Berger, geb. 1925 in Bargen, heute Ortsteil der Gemeinde Erfde im Kreis Schleswig-Rendsburg, war als Maschinengefreiter der Kriegsmarine ab 23. Januar 1945 dem Wachpersonal des KZ Neuengamme in den Außenlagern in Meppen-Versen und Meppen-Dalum zugeteilt, die zu den „Friesenwall“-Lagern gehörten. Im März 1945 wurden beide Lager aufgelöst und die Häftlinge per Bahn oder in Fußmärschen ins Hauptlager Neuengamme zurückgeführt. Die Kriegsmarine-Bewacher wurden anschließend zu anderen Marineverbänden ohne Bezug zum KZ-System versetzt oder bekamen neue Bordkommandos.

Wie kam es dazu, dass Marineangehörige zu Wachmannschaften eines Konzentrationslagers gehörten? Im Herbst 1944 hat im KZ Neuengamme ein umfangreicher Personalaustausch stattgefunden. Angehörige des Wachpersonals wurden auf Waffen-SS-Verbände in Frankreich verteilt. Als Ersatz erhielt das KZ Neuengamme Soldaten aus allen Wehrmachtteilen. Gleichzeitig expandierte das Außenlagersystem des KZ Neuengamme. Dem gestiegenen Bedarf an Bewachungspersonal wurde entsprochen, indem die Wehrmacht Soldaten abstellte. Die Hälfte des Wachpersonals des KZ Neuengamme bestand damit ursprünglich nicht aus SS-Angehörigen oder wurde – wie Teile des Heers und der Luftwaffe – in die Waffen-SS übernommen. Unter den Bewachern der Außenlager waren auch 80-100 Angehörige des Marineinsel-Bataillons 354, die am 23. Januar 1945 von Langeoog aus nach Neuengamme abkommandiert wurden, darunter auch der 19jährige Friedrich Karl Berger.

Aus  kriminalpolizeilichen Ermittlungsunterlagen ist bekannt, dass 80 dieser Männer nach wenigen Tagen den Auftrag erhielten, Häftlinge in das Außenlager Meppen zu bringen. In Meppen mussten über 1700 Häftlinge den Bau des so genannten „Friesenwalls“ vorantreiben. Mit dem „Friesenwall“ wurde ein gigantisches Befestigungswerk an den Küsten und Grenzen geplant, das gegen eine Landung der Alliierten schützen sollte. In Wedel, Aurich-Engerhafe, Husum, Ladelund, Meppen-Dalum und Meppen-Versen an der niederländischen Grenze mussten KZ-Häftlinge unter Bewachung von Marineangehörigen die Erdarbeiten ausführen. Die Namen der Häftlinge, die v.a. aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden kamen, aber auch aus Deutschland, Dänemark, Lettland, Frankreich oder Italien stammten, sind durch eine Liste aus dem Januar 1945 bekannt. Wegen unzureichender Ernährung, Kleidung und Unterbringung starben bei dem harten Arbeitseinsatz hunderte Häftlinge. Auf der Kriegsgräberstätte Versen befinden sich noch die Grabstätten von 297 verstorbenen Häftlingen aus den beiden Meppener Außenlagern des KZ Neuengamme.

Am 25. März 1945 ließ die SS das Lager räumen. Die „marschfähigen“ Häftlinge wurden zu Fuß über Cloppenburg nach Bremen getrieben, von wo ein Großteil von ihnen, begleitet von den Marineangehörigen, zurück ins Stammlager Neuengamme kam. Mindestens 50 Häftlinge sind auf dem Marsch umgekommen. Die Bewachereinheit wurde anschließend nach Cuxhaven zurückbeordert.“

Berger hat übrigens jetzt bis Anfang April Zeit, gegen die Entscheidung vorzugehen.

Mehr zum Thema
Pressemitteilung des US-Department of Justice: https://www.justice.gov/opa/pr/tennessee-man-ordered-removed-germany-based-service-concentration-camp-guard-during-wwii

Artikel von Reimer Möller: Wehrmachtsangehörige als Wachmannschaften im KZ Neuengamme, in: Wehrmacht und Konzentrationslager, Beiträge Heft 13 (Link)

Webseite der Gedenkstätte Esterwegen für die „Emslandlager“: https://www.gedenkstaette-esterwegen.de/geschichte/die-emslandlager/ix-versen.html

Webseite zum Außenlager Meppen-Versen: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/kz-aussenlager/aussenlagerliste/meppen-versen/

Artikel über Karl Saling Møller, der Häftling in Meppen-Versen war: https://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/126865/haftlinge-mussten-bei-meppen-panzergraben-ausheben#gallery&0&0&126865

Webseite der Gedenkstätte KZ Neuengamme
https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de

Webseite des Emslandlagers XII Dalum
https://www.diz-emslandlager.de/lager/lager12.htm

Moor ohne Grenzen – Webseite der Gemeinde Geeste über die Gräber der in den Emslandlagern Dalum und Groß-Hesepe Umgekommenen https://www.moor-ohne-grenzen.de/aktuelle-projekte/tourismus-umweltbildung-freizeit-kultur/historische-spuren-der-lager-in-geeste/

Artikel in der New York Times über die Entscheidung in Memphis
https://www.nytimes.com/2020/03/05/us/friedrich-karl-berger-nazi-concentration-camp.html

Artikel in der New York Times über die Hintergründe des Urteils
https://www.nytimes.com/2020/03/07/us/Friedrich-Karl-Berger-nazi-guard.html

-.-.-.-

Noch eine persönliche Bemerkung:
Nach der sog. Einebnung des Emslandlagers XII Dalum sind von diesem Ort des Grauens nur noch ganz wenige Reste verblieben. Das Foto oben zeigt eine alte Transformatorenstation und drei Pfeiler des Eingangstores. Sonst gibt es nichts. Auf dem nur wenige Kilometer entfernten Gelände des Emslandlagers XI Groß Hesepe, das seit Jahrzehnten eine Außenstelle der JVA Lingen ist, befindet sich direkt vor dem Tor der Anstalt noch eine einzige historische Baracke aus der NS-Zeit, die aber nicht erhalten wird sondern dem systematischen Verfall ausgesetzt ist.

Dieser Umgang mit einem steinernen Zeugnis von Gewalt, Rassismus und Rechtlosigkeit ist eine geschichtslose Schande für das Land Niedersachsen, den Landkreis Emsland und auch die Gemeinde Geeste. Wann geschieht etwas, um sie als Mahnmal zu erhalten?


Foto: Eingangsbereich zur früherem Emslandlager XII Dalum; Aufnahme von CC Frank Vincentz CC BY-SA 3.0 via wikipedia; unten: Grafik Emslandlager XII Dalum

Interpretationshoheit

10. August 2019

Einmal mehr meldet sich (nur) die taz mit einem Beitrag über die elende Art und Weise, wie das offizielle Emsland die Interpretationshoheit um die Gedenkstätten im Emsland  gewinnen will.

taz-Redakteurin Simone Schnase hat die im CDU-Dunst des Landkreises verdeckten Informationen zusammengetragen. Die Autorin hat die Aufarbeitung der NS-Geschichte im Emsland und die Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen seit mehr als 10 Jahren begleitet, damals noch als Redakteurin des emsländischen Stadtmagazins „Emskopp“. Für ihren 2011 dort erschienenen Artikel „Die Emslandlager und ihre Folgen: Eine Geschichte von 1933 bis in die Gegenwart“ erhielt sie 2012 den Alternativen Medienpreis

Also mein „Lesebefehl“ an diesem Samstag:

Es ist 18 Jahre her, dass der Landkreis Emsland das bis dahin von der Bundeswehr genutzte Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen übernahm, um dort eine Gedenkstätte einzurichten für die insgesamt 15 emsländischen Konzentrations- und Strafgefangenenlager, in denen während der NS-Zeit vorwiegend politisch Verfolgte und Kriegsgefangene inhaftiert waren.

2011 wurde die Gedenkstätte Esterwegen feierlich eröffnet – aber jetzt, keine acht Jahre später, droht die Kooperation zwischen dem Landkreis als Träger der Stiftung, die die Gedenkstätte betreibt, und dem für die Erinnerungsarbeit verantwortlichen Verein Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) zu zerbrechen.

Denn drei der vier hauptamtlichen DIZ-MitarbeiterInnen sind in diesem Jahr in den Ruhestand gegangen, der Leiter des Zentrums, Kurt Buck, geht Ende des Jahres in Rente und bisher ist beim Verein keine der Stellen neu besetzt worden. Finanziert wurden die MitarbeiterInnen bisher vom Land Niedersachsen, vom Landkreis und von dem mehr als 300 Mitglieder zählenden Verein. Die frei werdende Stelle von Kurt Buck will sich das DIZ auch künftig durch das Land Niedersachsen, genauer gesagt durch die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, finanzieren lassen – aber jetzt beansprucht der Landkreis Emsland diese Förderung für sich. „Es geht im Wesentlichen um die Frage, wer bei einer der wieder zu besetzenden Stellen sinnvollerweise Anstellungsträger ist“, heißt es dazu vom Landkreis.

Eine Antwort auf diese Frage gibt es zumindest aus seiner Sicht bereits:…

weiter bei der taz


Die Emslandlager

1933 wurden die KZ Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme. Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der wohl bekannteste Inhaftierte des KZ Esterwegen war Carl von Ossietzky, der aufgrund der Spätfolgen der Haftbedingungen am 4. Mai 1938 starb.

Das weltbekannt gewordene„Moorsoldatenlied“ entstand 1933 im KZ Börgermoor.


(Foto: Gedenkstätte Esterwegen, Frank Vincentz, GNU Free Documentation License.
Quele: Simone Schnase taz)

Nie erschienen

12. Mai 2012

Fleurop lässt grüßen! Gerade empöre ich mich über diese peinlich-arroganten Worte der Pressesprecherin des Kreises Emsland Anja Rohde. In diesen Tagen jährt sich bekanntlich zum 67. Mal die Befreiung der Emslandlager; aber  der Landkreis Emsland hat gar nicht so richtig dran gedacht. Denn da sagt die Dame auf Anfrage der Presse tatsächlich:

Wir werden in der alten Rheder Kirche und am Ossietzky-Denkmal in Esterwegen Kränze niederlegen“, sagt Kreissprecherin Anja Rohde auf die Frage, ob es denn von Seiten des Landkreises eine Gedenkveranstaltung gebe. „Allerdings wird dies kein offizieller und auch kein öffentlicher Akt. Die Kränze sollen ein Zeichen für die Besucher sein.

So ist es eben, wenn man lediglich aus parteipolitischen Gründen glaubt, gedenken zu müssen, und man nicht mit dem Herzen dabei ist.

Heute informiert die taz-nord über dies:

„In diesem Jahr könnte die deutsch-niederländische Initiative 8. Mai ihre Gedenkveranstaltung im Emsland zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum ersten Mal auf der Gedenkstätte Esterwegen ausrichten. Die hat Ende Oktober letzten Jahres zur Erinnerung an die Opfer der 15 Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland eröffnet.

Die Initiative, zu der auch ehemalige Gefangene gehören, wird sich am heutigen Samstagnachmittag allerdings nicht dort treffen, sondern, wie in jedem Jahr seit 1985, auf dem Lagerfriedhof Bockhorst bei Esterwegen.

Nikolaus Schütte zur Wick, Fraktionsvorsitzender der Grünen im emsländischen Kreistag, ist sich sogar sicher: „Selbst wenn die Initiative beantragt hätte, ihre Veranstaltung an der Gedenkstätte abzuhalten, wäre das bestimmt nicht genehmigt worden.“

Die Veranstaltung der NS-Opfer wird von den Vertretern des Landkreises gemieden. Nie erschienen ist der ehemalige…“

weiter bei der taz

Mehr im taz-Kommentar von Simone Schnase
und über die Ab- und Hintergründe hier 

und online im Emskopp

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DIE EMSLANDLAGER

„1933 wurden die Kozentrationslager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme.

Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.“ (Quelle)

Gemein

10. Juni 2009

bn_logo_gif_200px_fuer_webDie Schepsdorferin Sabine Stüting, (Mit-)Vorsitzende der neuen politischen Gruppe „Die BürgerNahen„, hat einen Beitrag zu einem Artikel geschrieben, mit dem die „Lingener Tagespost“ heute Stimmung für die 32-Mio-Euro-Emslandarena in Laxten macht. Vier, angeblich zufällig befragte „Bürger“ – eine davon aus Dalum – äußern sich unkritisch-positiv über das Arenalein. Falsch ist dabei schon die einleitende Behauptung, die Kosten des Projekts seien auf 25 Mio Euro begrenzt. Das kleine Wort „netto“ fehlt nämlich dabei. 25 Mio Euro netto wäre richtig.  Tatsächlich wird die 3500-Plätze-Halle mindestens 25 Mio + 4,5 Mio Mehrwertsteuer + 2 Mio Grundstück kosten.  

Sabine Stüting ist ob des Artikels und seiner Meinungsmache empört. Sie bringt die Dinge so auf den Punkt:

Eine Umfrage unter vier Personen als verlässliche Stichprobe auszugeben, wie die Bevölkerung in Lingen zu den Plänen der Emslandarena steht, ist derart hanebüchen, dass sich ein weiterer Kommentar hierzu verbietet. Es bleibt zu hoffen, dass es auch bei der Lingener Tagespost vielleicht noch den einen oder anderen Journalisten gibt, der so etwas wie Berufsehre kennt. Aber Schwamm drüber, ein jeder versucht halt sein Bestes.

Wenn dieser Artikel irgendeinen Schluss zulässt, dann den:  Unverbindlich gefragt, finden vier Personen in Lingen die Planungen gut. Nun ja, sich eine fundierte Meinung zu Lokalthemen zu bilden, erfordert eine unabhängige  Presse und interessierte Bürger, sowie den offenen Zugang zu Informationen.

Manches muss man „übersetzen“, damit es verständlich wird. Ein Bild: Von hundert Lingenern werden mit Sicherheit mindestens neunzig zustimmen, dass Audi, Mercedes und BMW schöne und attraktive Autos herstellen, und deren Besitz erstrebenswert wäre. Überraschenderweise werden aber nicht alle neunzig eine solche Marke kaufen! Denn in der konkreten Situation wird dann doch abgewogen: was brauche ich, und was kann ich mir leisten. Derjenige, der sich nur „wegen der Nachbarn“ auf Kredit ein Luxusauto zulegt, ist doch die Ausnahme – und wohl kein Vorbild.

Und genau diese Fragen sollten zunächst geklärt werden: Was braucht Lingen, und was können wir uns leisten?

Antworten gibt es dazu bisher nicht, und daran krankt die Planung.

Eine Veranstaltungshalle tut Lingen gut, die Emslandhallen sind aber veraltet und haben, da ungedämmt, ein Lärmproblem. Ebenso ist die verkehrliche Anbindung ungeregelt. Die aktuelle Auslastung ergibt ungefähr ein Konzert  und eine Messe pro Monat. Die Emsland-Arena soll 50 – 60 Konzerte pro Jahr bieten, gleichzeitig sollen die Märkte und Messen in den Hallen vermehrt werden. Nun fängt das Rechnen an: Bei 3.500 Plätzen und auch nur 50 Konzerten pro Jahr müsste jeder – also auch jeder Säugling und jeder Greis – in Lingen 3,4 Karten erwerben, bei niedrig geschätzten 30 Euro Eintritt wären das pro vierköpfige Familie schon 408 Euro im Jahr.  Vielleicht bin ich von Kulturbanausen umgeben, aber einen solchen Bedarf an Veranstaltungen kann ich nicht erkennen, leider auch nicht eine solche Finanzkraft.

Diese einfache Betrachtung macht schon klar, dass die Arena nicht „für Lingen“ ist. Selbst bei Betrachtung des gesamten Landkreises müsste jede Familie im Durchschnitt 60 Euro an Eintritt zahlen wollen, und wirklich jeder Säugling und Greis des Landkreises müsste zumindest jedes zweite Jahr die Arena genießen wollen.

Und wenn wie in den Konzepten von einem Einzugskreis bis zu 90 Minuten Fahrzeit die Rede ist – wer hat schon nachgewiesen, dass die Menschen aus dem Ruhrgebiet zu kulturellen Veranstaltungen nach Lingen fahren wollen? Welcher Veranstalter kann zusagen, eine Vervierfachung der Konzerte nach der Anzahl und eine noch größere Steigerung an Besuchern zu garantieren?

Und wenn es nicht „für Lingen“ ist, warum soll Lingen dann zahlen?

Die Stadt gab im vergangenen Jahr 25 Euro pro Bürger in die Kulturförderung aus, 7 Euro für die Sportförderung.  OB Pott sprach von 500.000 Euro Verlust pro Jahr durch den Betrieb der Hallen, und schon jetzt wird die Stadt ca. 15 Mio für den Bau aus ihrem Vermögen entnehmen. Rechnet man die geplanten Verluste sowie die entgangenen Zinsen zusammen, ergeben sich hierdurch zu berücksichtigende Kosten  von 18  Euro pro Bürger und Jahr. Das heißt: die Arena wird eine Steigerung der Kulturförderung von 25  auf 43 Euro bedeuten, Schlappe 70% mehr! Oder es wird an anderen Stellen gekürzt… da würde es nicht einmal ausreichen, die Sportförderung komplett einzustellen!

Wem will der Oberbürgermeister weis machen, dass eine Ausgabensteigerung von 70% in die kommenden Jahre passt?

Eine Arena, die anders als die Hallen keine Innenstadtanbindung hat, wird für Lingen nur Kosten und für die Außenbezirke Lärm und Verkehr bedeuten. Sollten die Hallen für Großkonzerte nicht umzurüsten sein – was noch bewiesen werden müsste.. stellt das panische und kurzfristige Verplanen einer Arena an den Stadtrand eine schlechte Alternative dar.

Eine Arena für Großkonzerte sollte optimal verkehrlich erschlossen sein. Eine Arena, die, wie Herr Pott richtig sagte, der gesamten Region dient,  muss von der Region getragen werden. Sinnvoll wäre, nun zuzugeben, dass eine schnelle Lösung eine schlechte Lösung ist. Nachdenken und Nachverhandeln sind nun nötig, vielleicht sogar über die Kreisgrenzen hinaus… „

Soweit zu den Fakten und zu berechtigten, bisher nicht beantworteten Fragen. Angesichts dessen würden gute Journalisten mehr tun, als nur Stichworte zu liefern und sich auf diese Weise mit den Plänen der Stadtoberen gemein zu machen.  Das muss einmal mehr und wieder  gesagt werden.