AKVorratpngEU-Generalanwalt Cruz Villalón will die anlasslose Vorratsdatenspeicherung doch EU-weit beibehalten. Dies sagt seine offizielle Stellungnahme an den Europäischen Gerichtshof. Die Bürgerrechtsorganisation AK Vorrat hat jetzt als Reaktion darauf eine umfangreiche Stellungnahme veröffentlicht. Das berichtet Netzpolitik.org.

Seit mehr als acht Jahren koordiniert der Arbeitskreis („AK“) Vorrat als bundesweiter Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern, Organisationen und Internet-Nutzern ein gemeinsames Vorgehen gegen die Vorratsdatenspeicherung. Der Arbeitskreis ist die größte zivilgesellschaftliche Initiative gegen die umstrittene EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung (2006/24/EG). Über den ursprünglichen Arbeitsschwerpunkt des Bündnisses hinaus, die Vorratsdatenspeicherung zu verhindern, gehen von seinen Mitarbeitern und Unterstützern längst zahlreiche bürgerrechtliche Impulse aus, die sich vor allem gegen zunehmende staatliche Überwachung richten.

Der AK Vorrat kritisiert in seiner jetzigen Stellungnahme die Aussagen Villalóns nachhaltig. Dessen Empfehlung, „die monatelange Speicherung aller unserer Verbindungsdaten mit geringfügigen Einschränkungen aufrechtzuerhalten“, verstehe den Begriff der Datenverarbeitung falsch und lasse eine „ausreichende Würdigung der weitreichenden Auswirkungen einer flächendeckenden Vorratsdatenspeicherung auf die Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz vermissen“.

Kernaussage: Ein Aufrechterhalten der Vorratsspeicherung, wie sie von Villalón gefordert wird, macht keinen Sinn, wenn die EU-Richtlinie tatsächlich, wie der Generalanwalt gleichzeitig anmerkt, gegen die Grundrechte verstößt. Das Vorgehen des Generalanwaltes schaffe so einen “gefährlichen Präzedenzfall”, durch den „die Europäischen Grundrechtecharta relativiert wird“. Vielmehr hätte daraus konsequenterweise eine Annullierung der Richtlinie gefordert werden müssen, um Alternativen aufzuzeigen.

Stattdessen aber stelle Villalón die anlasslose Speicherung von Meta- wie Geodaten als legitimes wie erforderliches Anliegen des Staates dar. „Diese Aussage ist nicht in Einklang damit zu bringen, dass Kriminalitätsstatistiken keine Verbindung zwischen gesteigerten Fahndungserfolgen und der anlasslosen Datensammlung feststellen konnten.“ Diesbezüglich gibt es bei einer anlassbezogenen Speicherung keinen Nachteil. Der AK Vorrat:

Es gebe [auf Grundlage der Kriminalitätsstatistiken] nicht einen einzigen EU-Mitgliedstaat, in dem die verdachtsunabhängige und wahllose Vorratsdatenspeicherung einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Begehung oder Aufklärung von Straftaten gehabt habe.

Ebenso wie die rechtlichen Bedenken gegen die Vorratsdatenspeicherung ignoriere Villalón in seinem Statement, dass eine neue EU-Richtlinie keine Harmonisierung in der europäischen Strafverfolgung sicherstellen könne, vor allem nicht wenn an der Rechnung Länder beteiligt sind, in denen die VDS weder eine demokratische Mehrheit im Parlament noch in der Bevölkerung habe. Dieses Problem werde nicht einfach durch eine neue Richtlinie gelöst, sondern im Zweifel sogar noch verschärft.

Link: Die vollständige 29-seitige Stellungnahme [pdf]

Der Sachstand:
AKVorratDemoKölnDer Europäische Gerichtshof hat noch keinen Termin zur Verkündung seines Urteils bekannt gegeben. Das Verfahren haben die irische Bürgerrechtsorganisation Digital Rights Ireland sowie der österreichische Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung angestrengt. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht 2010 das schwarz-rote Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig erklärt (1 BvR 256/08), nachdem über 30.000 Bürgerinnen und Bürger dagegen Beschwerde erhoben hatten. Die gegenwärtige  Regierungskoalition ist sich uneins, ob im Fall der Aufhebung der EU-Vorgabe zur Vorratsdatenspeicherung gleichwohl eine unterschieds- und verdachtslose Vorratsspeicherung aller Verbindungsdaten wieder eingeführt werden soll. Nach Meinungsumfragen wird eine verdachtslose Vorratsspeicherung aller Verbindungsdaten von einer großen Mehrheit in Deutschland abgelehnt. Am 12. April ist in Köln eine Demonstration gegen Massenüberwachung geplant.

(Quelle Jan Schnorrenberg bei Netzpolitik.org}

Außerdem

25. November 2011

Gestern hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg (Foto lks)  Internetsperren in Belgien für rechtswidrig erklärt. Die Entscheidung ist ein Grundsatzurteil, das weit über den entschiedenen Fall hinausgeht  Der EuGH beanstandet die Forderung eines belgischen Gerichts, einen Provider zum Aufbau von Internetsperren zu verpflichten. Dies verstoße auch gegen die Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Geklagt hatte der belgische Internet Service Provider Scarlet Extended, der auf Druck der belgischen, GEMA-ähnlichen Verwertungsgesellschaft Sabam den gesamten Datenverkehr seiner Kunden überwachen und Zugriffe auf P2P-Plattformen unterbinden sollte.

Rechteinhaber könnten zwar, so der EuGH, solche gerichtlichen Anordnungen beantragen. „Diese nationalen Regelungen müssen jedoch (…) die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr beachten, wonach nationale Stellen keine Maßnahmen erlassen dürfen, die einen Anbieter von Internetzugangsdiensten verpflichten würden, die von ihm in seinem Netz übermittelten Informationen allgemein zu überwachen.“ Die konkrete Anordnung zu einer zeitlich unbegrenzten allgemeinen Überwachung sei mit der EU-Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr unvereinbar. „Außerdem würde eine solche Anordnung nicht die anwendbaren Grundrechte beachten“, heißt es in der Urteilsbegründung.  Dazu gehöre zwar auch das von der Verwertungsgesellschaft ins Feld geführte Recht an immateriellen Gütern. Dieses sei jedoch nicht schrankenlos, es müsse daher nicht bedingungslos geschützt werden.

Die Filteranordnung hätte die unternehmerische Freiheit von Scarlet erheblich beeinträchtigt. Zudem würde das Überwachungssystem tief in die verbrieften Rechte der Kunden auf den Schutz ihrer Privatheit und auf freien Empfang oder Versand von Informationen eingreifen. So müssten etwa IP-Adressen gesammelt werden – wobei es sich um „personenbezogene“ und somit besonders schützenswerte Daten handle – und Nutzer identifiziert werden. Darüber befürchtet der EuGH, dass das Filtersystem auch zur Sperre von zulässigen Inhalten beitragen könnte.  (AZ: C-70/10)

Der EuGH folgte mit seiner Entscheidung im Wesentlichen dem Schlussantrag seines Generalanwalts Cruz Villalón vom April. Die Argumentation stellt zwar einmal mehr die Unternehmensrechte in den Mittelpunkt. Aber mit dem „außerdem“ gemachten Hinweis auf die Grundrechtecharta des EU-Vertrag von Lissabonund den Auswirkungen auf die personenbezogenen, besonders schützenswerten Daten nähert sich der EuGH auch der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung. Eine gute Entwicklung, zumal das Gericht offenbar auch die IP-Adressen als schützenswerte Daten einstuft. Dies berührt damit zentral die in Deutschland von Konservativen vorangetriebene, anlasslose Speicherung von Vorratsdaten.

(Quellen: Golem, Heise; Foto: © Zinneke CC)