CCS

16. Januar 2014

Darum geht‘s:
In der Europäischen Union werden derzeit die Klimaschutzziele für 2030 verhandelt.  Dabei geht es um die Reduzierung von Treibhausgasemissionen, den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Steigerung der Energieeffizienz.

Das europäische Parlament hat sich inzwischen mehrheitlich dafür ausgesprochen, die unterirdische CO2-Speicherung stärker zu fördern. Bei der Verstromung von Braun- und Steinkohle sollen die Kohlenstoffemissionen abgeschieden und in der Tiefe verpresst werden. Um diese risikoreiche und ineffiziente Technik in Europa („CCS“) durchzusetzen,  soll sie aus Steuermitteln finanziell gefördert werden.

Die CCS-Technologie ist hoch umstritten. Die Investitionen sind hoch und die CO2-Abscheidung reduziert den Wirkungsgrad von Kraftwerken, was die Stromproduktion aus fossilen Energieträgern noch ineffizienter macht. Das macht CCS teuer und ineffizient. Leckagen und Beeinträchtigungen des Grundwassers sind ein Risiko für Mensch und Umwelt.

Das CCS-Gesetz sieht eine Ausstiegsklausel für die Bundesländer vor. Jedes Bundesland kann somit entscheiden, ob die CO2-Speicherung dort zugelassen wird. Unter rotgrün hat CCS  in Niedersachsen keine Chance.

Volker Bajus (Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen): „CCS leistet keinen Beitrag zum Klimaschutz. Energiewende bedeutet: Mehr Erneuerbare und raus aus der Kohlekraft. Ziel der CO2-Speicherung ist es, den Ausstieg aus der Kohle zu verzögern. Aber diese Technik ist gefährlich und ineffizient.“ Seine Kollegin Maaret Westphely, wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen:„Mit Rot-Grün wird es in Niedersachsen keine unterirdische CO2-Speicherung geben. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist in Vorbereitung.“ Eine klare Position, die uns erfreuen darf. Denn auch unsere Region stand für CCS bereits im Fokus.

 

 

Pressen

15. Februar 2011

Einmal mehr  sind die Möglichkeiten in Niedersachsen am besten. Diesmal aber geht es nicht um abgebrannte Brennstäbe veralteter Atomtechnik sondern darum, unterirdisch den Klimakiller Kohlendioxid (CO2) unterzubringen.  Das meiste Treibhausgas lässt sich offenbar unter Ostfriesland, der Wesermarsch und der Nordsee verpressen. Aber auch Orte wie die Insel Spiekeroog oder Hamburg sollen geeignet sein.

Die aktuellen Erkenntnisse vermittelt Greenpeace. Am Sonntag hatte  die Umweltschutzorganisation eine Karte mit möglichen Standorten für  C02-Endlager veröffentlicht. Die Informationen stammen von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Behörde aber hatte die Veröffentlichung durch die Umweltorganisation untersagt, da die Datenbank dem Urheberrecht unterliege, in einem entsprechenden Schreiben heißt es: “Die BGR gewährt den Zugang zu den Informationen zum eigenen Gebrauch gemäß §53 UrhG. Sie erhalten keine Rechte zur Weitergabe oder Verbreitung der Daten.”

Eine interessante Technokraten-Sicht der von uns bezahlten Mitarbeiter dieser Behörde. Angesichts der lebhaften gesellschaftlichen Diskussion (auch in diesem kleinen Blog schon einmal) um die umstrittene Technologie und um mögliche Standorte für das Verpressen von Kohlendioxid ist die,  an wikileaks erinnernde Veröffentlichung von Greenpeace mehr als notwendig.

Die sogenannte „Endlagerung“ wird unter dem Kürzel CCS gefasst: “Carbon Capture and Storage“. Greenpeace betrachtet die Verpressung von CO2 in den Erdboden als Schnellschuss und als riskante Technologie. Trotzdem oder gerade deswegen hätte die Bundesanstalt ihre Ergebnisse lieber für sich behalten. Wie ein “Staatsgeheimnis” würden die geeigneten Orte gehütet, um keine Bürgerproteste hinaufzubeschwören, glaubt Greenpeace.

Die Umweltschutzorganisation hat sie nun öffentlich gemacht. Sie beruft sich auf ein Rechtsgutachten, das sie in Auftrag gegeben hat. Dort heißt es (pdf), eine Excel-Liste sei ” kein geschütztes Werk im Sinne des § 2 UrhG”. Auch sei zweifelhaft, ob die BGR überhaupt als Urheber gelten könne. Denn: “Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vom Urheber nicht ‘geschaffen’, sondern müssen nur ‘ans Tageslicht’ geholt werden”, schreibt die beauftragte Anwaltskanzlei. Ob die Liste als Sammelwerk nach §4 des Urheberrechtsgesetz schützwürdig sei, müsse letztlich ein Gericht entscheiden.

Darauf lässt es Greenpeace nun offenbar ankommen. Die Umweltorganisation hatte nach einigem Gezerre Zugriff auf die Liste mit rund 400 Standorten erhalten. Dafür setzte sie auf das Umweltinformationsgesetz, eine speziell zugeschnittene Variante eines Informationsfreiheitsgesetzes.

Der gesamte Vorgang ist auch für rechtliche Fragen rund um Open Data bedeutsam. Denn er könnte klären, unter welchen Umständen Behördendaten offen sind, oder eben dem Schutz des Urheberrechts unterliegen.

Hier  die Originalliste der Standorte als Excel-Datei. Greenpeace bietet die  Informationen auch im Google Earth-Format (kmz) zum Download an. Darin enthalten sind dafür auch Angaben zum möglichen Fassungsvermögen der Lager.

Das mittlere und südliche Emsland sowie die Grafschaft Bentheim sind offenbar nicht so als CO2-Endlager geeignet. Die Karten zeigen nichts dergleichen. Ansonsten halten sich viele  mit einer positiven Bewertung der Hochrisiko-Technologie sehr zurück. Die Skepsis in den betroffenen Regionen ist groß. Niedersachsens Ministerpräsident winkt ab und die Umweltverbände äußern ihre große Besorgnis

(Quellen: DIE ZEIT, NDR)

Zielraum

31. Mai 2009

RWE-CO2-PipelineEntschuldigung, dieser BlogBeitrag wird ein bisschen länger. Aber nach Plänen des Energiekonzerns RWE soll eine besondere Pipeline durch Lingen geführt werden. Das Unternehmen will nämlich bis 2014 in Hürth nahe Köln ein neues, hochmodernes Braunkohlekraftwerk errichten. Das darin tonnenweise frei gesetzte Kohlendioxid (CO2) soll unterirdisch gespeichert werden. Dazu will es der Energiekonzern durch ein mehrere hundert Kilometer langes, einen halben Meter dickes Rohr  transportieren und an dessen Ende das CO2 in bis zu tausend Meter tiefe, unterirdische Endlager pumpen. Dieses CO2-Rohr soll durch Lingen führen.

CO2, ein farb- und geruchsloses Gas, ist in hohen Konzentrationen sehr gesundheitsschädlich und kann, wenn man es einatmet, zum Erstickungstod führen. CO2 entsteht in den Kraftwerken bei der Verbrennung fossiler Stoffe, also von Kohle, Gas und Öl. Durch die Energieproduktion entweichen jährlich rund 36 Mrd. Tonnen CO2 in die Atmosphäre und sind Hauptverursacher der globalen Erwärmung. Kohlenstoffdioxid absorbiert einen Teil der Wärmestrahlung, während kurzwelligere Strahlung, d.h. der größte Teil der Sonnenstrahlung, passieren kann. Diese Eigenschaft macht Kohlenstoffdioxid zu einem Treibhausgas. Eine Lösung für das CO2-Problem besteht in der Erzeugung von Strom aus erneuerbarer Energie wie z.B. Wind- und Sonnenenergie. Die Kraftwerksbetreiber planen derweil  als angebliche Alternative die Abspaltung des CO2 bei der herkömmlichen Energieproduktion und  nachfolgend die unterirdische Einlagerung des Gases. Diese Technologie wird in feinem Technokratendeutsch CCS (Carbon Capture and Storage) genannt. Weltweit gibt es noch keine Erfahrungen mit dieser neuen Technologie.

Weil die von RWE geplante Lagerstätte für das in Hürth entstehende Treibhausgas weit entfernt liegt – im nördlichen Schleswig-Holstein fast an der dänischen Grenze, muss das mehrere 100 km lange Rohr zwischen Kraftwerk und Lagerstätte her.  Darüber wird seit dem letzten Jahr diskutiert. Jüngst warnte der BUND Niedersachsen erneut, dass die Probleme des Transports von CO2 aus Kraftwerken zu Lagerstätten bislang völlig ungeklärt sind, und  der Verband informierte über neue Einzelheiten des RWE-Vorhabens. Die Umweltorganisation veröffentlichte dabei auch eine Plankarte der RWE (oben links), die die vorgesehene Pipeline-Trasse konkret darstellt und damit bisher veröffentlichte, schematische Karten präzisiert. Die CO2-Leitung der RWE soll demnach westlich des Ruhrgebiets entlang über Lingen und Oldenburg durch Nordniedersachsen und unter der Elbmündung hindurch, über Husum bis in den nordfriesischen  „Zielraum“ Stadum/Hörup geführt werden. Ein RWE-Sprecher dementierte inzwischen die Karte nicht, bezeichnete die Trassenkarte allerdings als „reine Spekulation“. Gespräche mit Planungsbehörden liefen jedoch bereits.

Die CCS-Technologie ist sehr umstritten. Kritisiert werden ihre erheblichen Risiken. Weil es bisher überhaupt keine gesetzliche Regelung gibt, beraten Bundesrat und Bundestag über ein Gesetz zur „Abscheidung, zum Transport und zur dauerhaften Lagerung von Kohlendioxid“ (dazu diese BUND-Pressemitteilung).  Das Bundeskabinett hatte Anfang April den Gesetzentwurf verabschiedet (mehr). Ende vorletzter Woche befasste sich sich auch der Bundesrat mit dem Entwurf und sah deutlichen Korrekturbedarf.

„In diesem Gesetzentwurf“, kritisiert auch Prof. Dr. Helmut Scharpf, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND  Niedersachsen, „werden die Risiken für Kommunen entlang der CO2-Pipeline nicht berücksichtigt.“ Der Gesetzentwurf treffe weder Regelungen für die technische Sicherheit von CO2-Leitungen noch für Maßnahmen bei Unfällen oder für die Zusammensetzung des Kohlendioxidstroms. All dies könne Auswirkungen auf die Beherrschbarkeit von Leckagen haben sowie Gesundheitsrisiken für Mensch und Umwelt nach sich ziehen. Gerade in Schleswig-Holstein und Nordniedersachsen, wo das größte Potential an Lagerstätten vermutet wird, steht die CCS-Technologie offenbar auch in Konkurrenz zu erneuerbaren Energien. Denn die unterirdischen Kavernen werden ebenso als Druckluftspeicher für Windenergie benötigt. Der CCS-Gesetzentwurf , so die Kritiker, schaffe damit de facto einen Vorrang für CO2-Speicher und behindere damit den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die deutsche Geothermische Vereinigung sieht große Konkurrenz zur Erdwärmeerzeugung.

Scheer_Hand_kleinDer Präsident von Eurosolar und Träger des alternativen Nobelpreises Hermann Scheer (SPD-MdB, Foto)  warnt daher davor, die CCS-Technologie überhaupt  weiter zu betreiben und aus Steuergeldern mitzufinanzieren. „RWE behauptet in der Eigenreklame, voRWEg zu gehen, ist aber in Wahrheit auf einem IrRWEg“, sagte Scheer. „Der Transport quer durch unser Land und die unterirdische Endlagerung von Kohlendioxid sind eine Bedrohung der Zivilisation über Jahrtausende. Das CO2 darf nie wieder heraus! Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Abenteuerspielplatz von RWE und Vattenfall.“

Im Gegensatz zu Emsland und Lingen (Ems) werden in Schleswig-Holstein die Pläne längst öffentlich diskutiert. „Wir dürfen nicht Versuchskaninchen für eine sinnlose und gefährliche Technologie werden“, sagt beispielsweise der nordfriesische SPD-Bundestagskandidat Hanno Fecke. „Es ist nicht mehr hinzunehmen, dass es den Energieversorgern wieder gelingt, ihre selbst verschuldeten Probleme auf Kosten der Bevölkerung und zu Lasten aller nachfolgenden Generationen lösen zu wollen. Schon bei der Atomenergie hat die Lobby der Energiekonzerne uns mit dem Endlagerungs-Problem allein gelassen und uns das Risiko aufgebürdet.“  Denn, so der Gesetzentwurf, 30 Jahre nach Befüllen einer unterirdischen Lagerstätte soll ihr Betrieb  Der SPD-Mann sagte, mit der nicht erprobten CCS-Technologie werde wieder in die falsche Richtung gearbeitet. „CO2 wird nicht vermieden, sondern einfach nur in der Erde versteckt.“ Prof. Dr. Helmut Scharpf kritisiert: „Das Störfallrisiko soll offenbar von Ländern und Kommunen getragen werden, die Eingriffe in Natur und Landschaft sind inakzeptabel.“

RWEDas Vorhaben der RWE betrifft Lingen konkret. Denn das Landwirtschaftsministerium in Hannover bestätigte gegenüber welt-online die  „angedachte Trasse“. Man müsse aber die am besten geeignete Route noch erarbeiten. Ministeriumssprecher Gert Hahne: „Die Interessen des Menschenschutzes, des Tierschutzes haben dabei Vorrang.“ Erst wenn die Details feststünden, werde es „für die Bevölkerung interessant.“ – ein Satz, der nicht überzeugt. Denn Hahne machte auch klar: „Über den Sinn oder Unsinn einer solchen Pipeline zu entscheiden, ist nicht Aufgabe unseres Hauses.“ Der Unsinn der Pipeline samt ihren  Risiken droht daher tatsächlich.

Dass hier Risiken erheblicher und neuer Qualität auf Lingen zukommen, kann man bereits mit Händen greifen. Die fehlende Kritikfähigkeit der lokalen CDU zu Plänen der Großindustrie ist ein allgemeines, von ihr selbst geradezu bejubeltes Faktum. Und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) unterstützt die vom RWE-Konzern geplante CO2-Pipeline. „Ich halte dies für ein hoch spannendes Projekt“, sagte Rüttgers schon im Spätsommer 2008, als die Pläne erstmals bekannt wurden. Seither sind sie offenbar gezielt weiterentwickelt worden. denn jetzt liegt die konkrete CO2-Trasse auf dem Tisch der Ministerien in Düsseldorf, Hannover und Kiel. Und in Lingen wird – auch typisch für derartige Entwicklungen- geschwiegen.

Mir fiel bei meinen Recherchen noch dies auf: In Sedimentschichten eingelagertes CO2 soll („lokal begrenzt„) auch ganz andere Vorteile haben: In fast erschöpften Erdöllagerstätten könnte man dadurch den Förderdruck erhöhen, sagen „Experten„. Entsprechende Forschungen laufen bereits in Großbritannien (Nordsee) und den USA. Dann müssen wir nur noch schauen, wo es in Deutschland solche fast erschöpften Erdöllagerstätten gibt…