Brennstoffzelle

12. November 2017

2021 sollen auf nicht-elektrifizierten Strecken in Niedersachsen 14 Brennstoffzellen-Züge verkehren.

Zwischen Cuxhaven, Bremerhaven, Bremervörde und Buxtehude will die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) ab 2021 keine Diesel-Loks mehr einsetzen, sondern Züge mit Brennstoffzellen-Antrieb. Dafür hat die LNVG nun 14 der Züge bei Alstom bestellt, geht aus einer Mitteilung des Herstellers hervor. Zuvor war der Zug dieses Jahr in Niedersachsen getestet worden.

Der Coradia iLint genannte, in Salzgitter entwickelte Zug kann rund 1000 Kilometer mit einer Tankfüllung zurücklegen, bei Höchstgeschwindigkeiten von 140 km/h. Mit Wasserstoff versorgt wird er über eine eigene Tankstelle in Bremervörde, die von der Linde Group geliefert wird. Sie soll 10 Millionen Euro kosten. In einer späteren Projektphase soll der Wasserstoff per Elektrolyse und mithilfe von Windenergie vor Ort produziert werden.

Das niedersächsische Verkehrsministerium unterstützt die Anschaffung der 14 Brennstoffzellen-Züge mit 81,3 Millionen Euro, vom Bundesverkehrsministerium kommen 8,4 Millionen Euro. Wie viel die Züge insgesamt kosten, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

Nachtrag:

Während also andernorts die Zukunft eingeläutet wird, steht bei uns die Gegenwart still. Immer noch defekt ist der Aufzug zu Gleis 2 im Bahnhof Lingen (Foto, © milanpaul, flickr). Bekanntlich halten dort alle Züge in Richtung Norden. Für Gehbehinderte und Rollifahrer ist der Bahnteig nicht benutzbar. Und das seit mehr 100 Tagen. Es ist nicht bekannt, dass die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen dies überhaupt bemerkt hätte. Die tzuständige Betriebsgesellschaft DB Netz geht der Defekt am A… vorbei. Sie behauptet tatsächlich, man könne keine Ersatzteile bekommen. Seit Ende Juli. Das ist entweder dreist gelogen oder Ausdruck völliger Inkompetenz.

(Quelle: Heise.de)

Heute die Flüchtlings-taz

2. Oktober 2015

tazLesebefehl!

Denn heute ist die gedruckte Ausgabe der taz eine Flüchtlings-taz. Flüchtlinge schreiben selbst, und ein Text liest sich beeindruckender als der nächste, etwa die Reflexionen der tunesischen Autorin Najet Adouani, die aus einer Begegnung mit einem anderen Flüchtling bei einer Lesung gelernt hat, dass sie die heimischen Probleme nicht losgeworden ist: „Er fühlte sich wohl in seiner Männlichkeit durch mich bedroht, weil ich über meine journalistischen Erfahrungen erzählte und vom Leiden der Frauen in einer so männlich dominierten Gesellschaft. Der Mann erhob seine Stimme in dem stillen Raum und forderte mich auf: ‚Geh in deine Küche und erfüll deine Pflichten!‘ Nicht was er gesagt hatte, tat mir da weh, sondern die Tränen des kleinen Mädchens, das neben mir stand. Bevor er mich beleidigte, hörte sie mir zu und lächelte; ich merkte, wie stolz sie war, ein Mädchen zu sein.“

Und  Alexander Nikiforov aus Transnistrien schreibt: „Die ersten drei Monate durfte ich den Innenstadtbereich nicht verlassen. Ich lief durch die Straßen und sog alles in mich auf. Was für Einheimische zur Norm gehörte, war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Wilde Kaninchen im Tiergarten etwa. In meinen 37 Jahren hatte ich weder im Park noch im Wald Kaninchen gesehen. Unsere Kaninchen sind längst aufgegessen.“

Die Texte lassen sich hier nicht resümieren. Einige Hinweise: Der kamerunische Filmregisseur Richar Djif erzählt, warum er fliehen musste (weil er einen Film über die herrschenden Dynastien in der Region gemacht hatte). Sharmila Hashimi versucht, den Verlust der Intellektuellen für Afghanistan zu ermessen. Der Syrer Ramy al-Asheq fragt: „Werden wir Teil der deutschen Gesellschaft sein?“ Der Journalist Yahya Alaous schreibt über Prostitution in Syrien – und jetzt in Deutschland. Außerdem spricht  Benno Schirrmeister mit der Historikerin Simone Eick vom Migrationsmuseum in Bremerhaven.

Diese taz reicht fürs ganze Wochenende!

[gefunden bei Perlentaucher.de]

Eurogate

26. Juni 2013

220px-Auge_und_SchereDas Bremerhavener Hafenunternehmen Eurogate will nach eigenen Angaben erneut versuchen, einen verurteilten Sexualstraftäter zu beschäftigen. Ende vergangenen Jahres war der Mann wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren 9 Monaten verurteilt worden; er hatte seine 10jährige Stieftochter mehrfach sexuell missbraucht. Daraufhin hatte das Unternehmen dem Mann fristlos gekündigt. Das Arbeitsgericht hatte aber entschieden, dass das Unternehmen den Mann wieder einstellen muss. Eurogate hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Beim ersten Beschäftigungsversuch am vergangenen Freitag hatten alle 300 Kollegen des Mannes ihre Arbeit niedergelegt.

Eigentlich sollte der Mann gestern erneut seinen Dienst antreten, doch der 37-Jährige meldete sich auf unbestimmte Zeit krank. Die Belegschaft hatte bereits weitere Proteste geplant, die dann aber wieder abgesagt wurden. Die Hafenarbeiter wollen erst abwarten, bevor sie über neue Proteste entscheiden. Sie wollen mit dem verurteilten Sexualstraftäter nicht zusammenarbeiten.

Der 37-Jährige verbüßt seine Freiheitsstrafe im offenen Vollzug und wollte nach dem gewonnenen Kündigungsschutzprozess als Freigänger seinen Dienst auf dem Containerterminal in Bremerhaven wieder antreten. Daraufhin hatten alle 300 Mitarbeiter der Spätschicht eine Stunde lang gestreikt. Erst als der Verurteilte das Gelände wieder verlassen hatte, wurden auch wieder Schiffe abgefertigt. Dadurch sei dem Unternehmen ein erheblicher Schaden entstanden, klagte die Eurogate-Geschäftsführung. Dümmere Medienvertreter machen jetzt den Verurteilten dafür verantwortlich.

Die Geschäftsführung setzt auf eine Berufung gegen das Urteil und will erreichen, dass das Landesarbeitsgericht Bremen doch noch einer Kündigung des Mitarbeiters zustimmt, damit der Betriebsfrieden gewahrt bleibt.

Ich habe nichts im Netz über Anklagevorwurf und Urteil gegen den Mann gefunden. Die kollektive Gnadenlosigkeit, die in der Arbeitsniederlegung zum Ausdruck kommt, macht mir ungeachtet dessen Sorge. Die Verfassung gebietet nämlich, den Strafvollzug auf das Ziel der Resozialisierung auszurichten. Wie aber soll einer in die Gesellschaft zurückfinden, den die Menschen so an den Pranger stellen und öffentlich vernichten wie den Eurogate-Mann?

Es ist „ein heikles Thema“, schreibt die Süddeutsche. „Heikel, weil jedes Opfer eines zu viel ist. Heikel, weil Richter und Gutachter abwägen müssen, was keiner mit Sicherheit abzuwägen vermag – niemand kann in den Kopf eines Sexualstraftäters sehen. Heikel, weil immer ein Restrisiko bleiben wird. „Es gibt kein Allheilmittel“, sagt der Münchener Chefarzt Dr. Herbert Steinböck.

In einem aber sind sich die Fachleute einig: Therapie hilft. Nicht allen Tätern, aber einem sehr großen Teil. Die Erfolgschancen sind abhängig vom Tätertypus. So werden Inzesttäter selten rückfällig, bei Pädophilen liegt die Quote hingegen sehr hoch.  Doch Therapien senken das Rückfallrisiko deutlich. Es gibt sie in den forensischen Kliniken für psychisch kranke Straftäter  und es gibt sie in den Gefängnissen für solche Sexualstraftäter, die sich strafbar gemacht haben, ohne psychisch krank zu sein.

In den niedersächsischen Gefängnissen gibt es beispielsweise seit mehr als zwei Jahrzehnten Sexualtherapien mit engagierten, sorgfältig arbeitenden Mitarbeitern. Eine der erfahrensten Sozialtherapien befindet sich in Lingen, ohne dass es hier zu Straftaten von Gefangenen gekommen wäre. Sie kümmert sich auch um entlassene  Straftäter. Aber außerhalb des Vollzugs fehlen generell Therapeuten und Fachambulanzen, wie es sie meines Wissens bisher nur an wenigen Orten in Deutschland gibt, beispielsweise in Berlin und Kiel. Für mehr fehlt das Geld.  Viele frei praktizierenden Therapeuten scheuen sich, einen Sexualstraftäter aufzunehmen, aus Angst vor den Konsequenzen, falls dieser rückfällig werden sollte. Dann nämlich werden sie selbst von einer gnadenlosen Öffentlchkeit vernichtet. Das ist wahrlich keine gute sondern eine geradezu alttestamentarische Entwicklung, die unsere Gesellschaft nimmt. Jeder moralische Fundamentalismus verspricht nichts Gutes.

(Quellen  Süddeutsche, Radio Bremen; Grafik: „Durch das Auge (Grifföffnung) der Schere ziehen“ (unehrlich gewinnen), alternativ auch: „Auge für Auge“ – Detail aus Pieter Bruegels Gemälde Die niederländischen Sprichwörter CC wikipedia)

Bremen

20. Mai 2011

Ein Blick ins benachbarte Bremen: Dort sagen die Umfragen einen überaus klaren rot-grünen Sieg bei der Landtagswahl am Sonntag in Bremen voraus. Aber ein neues Wahlrecht mit fünf Stimmen für jeden Wähler, das Wahlrecht ab 16 und vor allem die Rolle der NPD sind Unwägbarkeiten. Mit einem eindringlichen Appell hat die SPD deshalb  im Wahlkampfendspurt vor dem Glauben gewarnt, dass die Landtagswahl 2011  bereits gelaufen sei.  Bei einer Kundgebung auf dem Rathausplatz sagte am Donnerstag  SPD- Parteichef Sigmar Gabriel: «Je mehr zur Wahl gehen, desto weniger haben die Spinner eine Chance dahinzukommen, wo sie nicht hingehören.» Es gebe genug demokratische Parteien. «Sucht euch eine aus.» Extremisten von links und rechts dürften keine Chance haben, ins Parlament einzuziehen.

Tatsächlich könnte aber die NPD in die Bremer Bürgerschaft  einziehen.  In Bremerhaven gilt nämlich nicht die Fünf-Prozent-Hürde, so dass die NPD es mit rund 2000 Wählern in das Parlament schaffen könnte. Dann wären die Neonazis das erste Mal seit 40 Jahren in einem westdeutschen Landtag. Dann gibt es noch die  verquast wirkenden „Bürger in Wut“ oder „Bremer und Bremerhavener“, die den etablierten Parteien Stimmen abnehmen wollen. Die FDP kämpft in schwierigen Zeiten um den Wiedereinzug in die Bürgerschaft. Mit dem 33 Jahre alten Oliver Möllenstädt versucht sie einen Neuanfang.

CDU und Bündnis’90/Die Grünen streiten nach den Umfragen um Platz 2. Der Bremer CDU werden keine 20% vorher gesagt. Für die CDU ist Bremen immer schon ein schwieriges Pflaster. CDU-Spitzenkandidatin Rita Mohr-Lüllmann schafft es nicht, der SPD Contra zu bieten. Die CDU muss sich wahrscheinlich sogar hinter den Grünen einordnen. Die liegen in den Umfragen bei 24 %.

Bremen hält viele deutsche Negativrekorde: Die höchste Staatsverschuldung pro Kopf, deutsches Schlusslicht bei der Pisa-Studie, höchste Arbeitslosenquote im Westen, bundesweit der zweithöchste Anteil an Hartz-IV-Empfängern.Das meint die SPD aber nicht, wenn sie mit dem Slogan „Echt Bremen“ für Stimmen wirbt.  Völlig erfolglos war der Strukturwandel nach der Werftenkrise auch nicht. In Bremen befinden sich das zweitgrößte Mercedes-Werk und die zweitgrößte europäische Produktionsstätte von Airbus. Die Fortschritte sind sichtbar: 12.000 neue Arbeitsplätze sind in den letzten Jahren neu entstanden. Ein klares Ziel sozialdemokratischer Politik sieht die SPD im Wahlkampfendspurt in der Forderung nach Mindestlöhnen. «Sozial ist nicht, was Arbeit schafft, sozial ist, was Arbeit schafft, von der man leben kann», sagte Sigmar Gabriel und Bürgermeister  Jens Böhrnsen unterstrich: «Wir wollen nicht den Weg in die Lohn-Dumping-Gesellschaft.» In Bremen gebe es viele, viele Menschen, die 40 Stunden arbeiteten und anschließend dennoch zum Sozialamt müssten. «Das ist entwürdigend.»

Bürgermeister Jens Böhrnsen ist unangefochten der Chef im Ring. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie  und hat seine Heimatstadt nur fürs Studium verlassen. Böhrnsen ist viel bekannter als die gesamte Konkurrenz und setzt souverän  ganz auf seine Popularität.

Leiharbeit

24. Februar 2011

Mit Protesten und Streiks haben heute Gewerkschafter in ganz Deutschland auf die miserable Bezahlung und die unbefriedigende  Beschäftigungssituation von Leiharbeitern und befristeten Arbeitnehmern aufmerksam machen. In Papenburg demonstrierten schon am frühen Nachmittag vor dem Gelände der Meyer-Werft knapp 2000 Gewerkschafter der Firmen Salamander, Coats Opti, Leda-Werk, KS Gleitlager und der Meyer Werft für faire und sichere Arbeit. Olaf Lies, Landesvorsitzender der SPD Niedersachsen, sagte auf der Kundgebung, dass bereits rund 43 Prozent der neuen Beschäftigungsverhältnisse Leiharbeitsverträge seien. (mehr…).

In Emden beteiligten sich nach DGB-Angaben 1500 Arbeitnehmer, in Bremerhaven protestierten 500 Beschäftigte aus der Werft- und Windkraftbranche, in Bremen waren rund 250 Arbeitnehmer des Airbus-Werkes auf der Straße

Eine kleine DGB-Aktion gab es auch  auf dem Lingener Marktplatz. Unter der Maxime „Leiharbeit ist moderne Sklaverei – wir fordern gleiches Geld für gleiche Arbeit“ protestierten am frühen Abend 20 Gewerkschafter  gegen Lohndumping und für Mindestlöhne.  Sie machten aneinander gebunden wie Sklaven mit brennenden Fackeln auf die Situation der Leiharbeiter aufmerksam.  Elisabeth Popken, Gewerkschaftssekretärin des DGB Region Osnabrück/Emsland, wies daraufhin, es sei „ein unerträglicher Zustand“, dass jeder achte Leiharbeiter trotz Vollbeschäftigung noch Arbeitslosengeld II beantragen müsse, um finanziell „über die Runden zu kommen“.