„bis 10 AKW…“

28. September 2020

In den Niederlanden hat die Regierungspartei VVD in der letzten Woche  erneut eine Debatte um den Bau neuer Kernkraftwerke in den Niederlanden angestoßen. Während die Konservativ-Liberalen die Atomenergie als letzte Möglichkeit sehen, das Klimaziel des „sauberen Stroms“ bis 2050 zu erreichen, betrachtet die politische Linke den Vorstoß eher als taktisches Manöver, unbequemen Lösungen für alternative und nachhaltige Energiequellen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Bereits vor zwei Jahren plädierte die Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) für den Ausbau der Kernenergie, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermindern. In dem darauf geschlossenen Klimaabkommen des Kabinetts zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes bis 2030 fand die Methode allerdings keinerlei Erwähnung, trotz der maßgeblichen Mitarbeit der VVD.

Trotzdem lancierte am vergangenen Mittwoch der Abgeordnete Mark Harbers einen Plan, drei bis zehn neue Atomkraftwerke auf niederländischem Boden zu errichten. Diese seien unabdingbar, wenn es darum ginge, nur noch sauberen Strom herzustellen. „Wir schauen darauf, was nach 2030 nötig ist.“ Dazu gehöre auch ein Betrieb des letzten noch bestehenden niederländischen Kernkraftwerks in Borssele über das Jahr 2033 hinaus, in dem es eigentlich abgeschaltet werden soll.

Um weitere Erkenntnisse über die Voraussetzungen für das Vorhaben zu erlangen, warb der VVD-Fraktionsvorsitzende Klaas Dijkhoff in der letzten Woche bei mehreren Parteien erfolgreich für Unterstützung für eine Untersuchung der Sache durch das Kabinett. Dieses wird nun in einer Marktbefragung klären, unter welchen Umständen Betriebe und Regionen zu der Errichtung neuer Atommeiler bereit wären.

Unter anderem GroenLinks, ChristenUnie und D66 stimmten gegen diese Sondierung des Marktes. Da Sonnen- und Windenergie stetig preiswerter und Kernenergie demgegenüber teurer werde, erachten sie die in Deutschland bald aufgegebene Technologie als nutzlos. Ungeachtet dessen stehe es interessierten Unternehmen sogar frei, derartige Projekte anzustoßen – seit zwölf Jahren würden dafür drei mögliche Bauplätze bereitstehen – vonseiten der Betriebe existiere allerdings kein Interesse.

Harbers hält dagegen, dass ein Engagement für die Wirtschaft momentan einfach zu unattraktiv sei. Deshalb seien Subventionen von Bedeutung: „Wir müssen genauso wie bei der Windenergie gucken, ob wir den Markt in Bewegung bekommen können.“ Für einige Mitglieder der Zweiten Kammer, wie für Tom van der Lee von GroenLinks, liegt die eigentliche Intention Harbers‘ eher in der Vermeidung von Problemen: „Es ist eine Flucht voraus, um schmerzhafte Entscheidungen und notwendige Schritte zu verschieben.“ Harbers‘ Punkt liegt eigenen Angaben zufolge jedoch in der Unterstützung der Bevölkerung für Windräder und Co., die er nach 2030 schwinden sehe und für dessen Szenario man bereits jetzt über Baumaßnahmen nachdenken müsse.

Mehrere Energiebetriebe ließen trotz allem Engagements der VVD-Politiker bereits wissen, dass sie auch im Falle einer staatlichen Subventionierung von dem Bau neuer Kernkraftwerke absähen. Wim Turkenburg vom Forschungsinstitut für Kernenergie in Petten fügte gegenüber der NOS an, dass die Preise für Sonnen- und Windenergie bereits jetzt so stark fielen, dass Atomstrom kaum mit ihnen konkurrieren könne. Zwar sehe er die Technologien ebenfalls als nicht ausreichend für eine komplette Energiewende an, jedoch müssten neben der Kernenergie auch Methoden der Geothermie, des Wasserstoffs, nachhaltiger Biomasseanlagen und der Speicherung von unterirdischem CO2 genauer untersucht werden.

Quelle: NiederlandeNet

AKW-NL

24. Januar 2012

In den Niederlanden hat der kommunale Energieversorger Delta gestern bekannt gegeben, vorerst nicht, wie im letzten Jahr angekündigt, ein zweites Atomkraftwerk bauen zu wollen. Jedenfalls werde das in den kommenden zwei bis drei Jahren kein Thema sein. Der ursprüngliche Plan sah vor, neben dem einzigen Atomkraftwerk des Landes in Borssele (Provinz Zeeland) ein zweites zu bauen. Das laufende Atomkraftwerk gehört seit Oktober 2011 zu 70 Prozent  Delta und zu 30 Prozent dem deutsche  RWE-Konzern.

Delta sagt nun, dass es am Energie-Markt Überkapazität gebe und dass der Plan deshalb ruhen solle. Offenbar ist er endgültig abgesagt. Aus dem Aufsichtsrat, berichtet die niederländische Tageszeitung De Telegraaf, habe es geheißen, dass Delta stattdessen ein Gaskraftwerk bauen könne.

Veraltet

27. März 2011

„De Kerncentrale in Lingen staat in de achtertuin van Twente.“ Die niederländischen Nachbarn erkennen plötzlich, was sich da in ihrem „Garten hinter dem Haus“ so befindet. Nach langen Jahren der Zurückhaltung richten sie wie in den 1980er Jahren wieder ihren Blick auf das Lingener Kernkraftwerk Emsland. Denn, berichten niederländische Medien, helfen nicht im Falle einer Katastrophe, wie sie sich jetzt im japanischen Fukushima zuträgt. Die Notfallpläne  für den Fall einer Reaktorkatastrophe sind  hoffnungslos veraltet. Und: Die Notfallpläne entsprechen nicht den europäischen Richtlinien. Das berichtet das Onlinemagazin Twente@Actueel. Auf der Grundlage des niederländischen Informationsfreiheitsgesetzes hatten die Redakteure des Nachrichten-Portals Zugriff auf die veraltete Krisenplan verlangt.

Roel Cazemier, Bürgermeister der niederländischen Grenzgemeinde Dinkelland, übte Kritik an diesem Zustand. Der VVD-Politiker: “ Wir können nicht länger zuwarten. Wir brauchen Planungen für die notwendige Aktualisierung der Katastrophenpläne. Das muss schnell auf die Tagesordnung, weitere Verzögerungen sind lebensgefährlich“, unterstreicht Cazemier. Peter den Oudsten, der einflussreiche Bürgermeister der Großstadt Enschede, hat bislang keine Stellungnahme abgegeben.

Nachtrag:
„De Kerncentrale in Borssele staats in de achtertuin van Lingen.“ – und das ist mit diesen Informationen auch nicht besser als andersrum. Also liebe niederländische Freunde, wir müssen gemeinsam raus aus der Atomenergie – so schnell wie möglich.

ja bitte?

7. Februar 2011

 Dass in den Niederlanden in der Folge der kruden Regierungsbildung von Geert Widers Populistengnaden plötzlich auch die Atomenergie fröhliche Urstände feiert, war bereits Gegenstand in diesem kleinen Blog. Jetzt gibt es im Westen noch mehr Neues: Der führende Benelux-Energiedienstleister Electrabel SA (Sitz Brüssel) will angeblich im friesischen Eemshaven ein Atomkraftwerk bauen. Das nordöstlich von Groningen gegenüber der Insel Borkum gelegene Eemshaven ist nur 26 Kilometer westlich von Emden entfernt; der 120km von Lingen entfernte Industriehafen  wäre der dritte Standort, den die jetzige niederländische Regierung für neue Atomkraftwerke ins Auge gefasst hat – nach Borssele und  Maasvlakte bei Rotterdam. Die AKW-Pläne machte William Moorlag in der letzten Woche nach einem Gespräch mit den möglichen Investoren bekannt. Moorlag führt die Liste der sozialdemokratischen PvdA  für die Provinzwahlen in Groningen an. Er bezieht in Sachen AKW klar Position: „Die Möglichkeit eines Unfalls ist nicht ausgeschlossen. Dann würden große Gebiete unbewohnbar sein. Technik ist nicht unfehlbar, was noch im vergangenen Jahr die große Ölpest im Golf von Mexiko erneut gezeigt hat Außerdem gibt es das Problem mit dem radioaktiven Abfall, der tausende Jahre gefährlich bleibt, Die PvdA lehnt den unterirdische Lagerung von Atomabfällen ab.“

Die Niederlande bauen den konventionellen Kraftwerksstandort in Eemshaven gerade massiv aus. Auch ohne ein AKW des Electrabel-Konzerns sind ein Gaskraftwerk von Eemsmond Energie geplant, ein Gas- und Mehrbrennstoffkraftwerk von Nuon, außerdem zwei Kohlekraftwerke von Nuon und Essent. Gegen ein Kohlekraftwerk der RWE-Tochter Essent, das zurzeit in Eemshaven trotz europäischer Probleme gebaut wird, konnten Proteste auch aus Deutschland bislang nichts ausrichten. Electrabel ist will offenbar ebenfalls in Eemshaven dabei sejin; denn schon in fünf Jahren soll dort ein Drittel des gesamten Strombedarfs der Niederlande erzeugt werden. Electrabel  mit einem aktuellen Umsatz von mehr als 15 Milliarden Euro war übrigens bis 2005 börsennotiert, ist aber seither eine 100%ige Tochter des französischen Energiekonzerns GDF Suez. Wikipedia weiß darüber: „Electrabel verfügt über einen ausgewogenen Erzeugungspark mit einer installierten Leistung von 31.200 Megawatt (MW), davon 18.000 MW in den Benelux-Staaten.“

Das Unternehmen dementiert die bekannt gewordenen AKW-Pläne eher zögerlich. Gegenwärtig gebe es „keine konkreten Pläne für ein AKW in Eemshaven“, sagte Sprecher Menno de Boer. Ein Nein vermied der Electrabel-Mann aber und sagte lediglich, Electrabel sei weit von einem solchen Vorhaben entfernt. Nach Angaben von William Moorlag (Foto lks.) will das Unternehmen aber in Kürze über seine AKW-Pläne mit der Provinzregierung in Groningen sprechen. Da beruhigt der sonntägliche Beitrag des FDP-Fraktionschefs im Emdener Stadtrat, Erich Bolinius, überhaupt nicht. Er sagte am Sonntag, die Pläne im Nachbarland sei nun, anstelle von Eemshaven (Provinz Groningen) einen Standort in der südwestlichen Provinz Zeeland. Damit dürfte der ostfriesische Liberale aber schwerlich auf der Höhe der Zeit sein.

Borssele

26. November 2010

Wie in dem jüngst geschlossenen Koalitionsvertrag der rechtskonservativen niederländischen Koalition zwischen rechtsliberaler VVD und christdemokratischem CDA im Kapitel „Energie“ zu lesen ist, will die neue Regierung im Nachbarland neue Atommeiler zulassen, „um die geplante Reduzierung vonCO2-Emissionen einhalten zu können und bei den benötigten Energieressourcen weniger von anderen Staaten abhängig zu sein“. „Genehmigungsanträgen für den Bau von einem oder mehreren neuen Kernkraftwerken, welche den Anforderungen genügen, wird zugestimmt“, heißt es dazu auf Seite 12 des niederländischen Koalitionsvertrages. Der neue niederländische Wirtschaftsminister Maxime Verhagen (CDA) will denn auch “so schnell wie möglich” die Genehmigung für ein zweites Kernkraftwerk in den Niederlanden erteilen.

Aktuell gibt es in unserem Nachbarland lediglich einen veralteten Druckwasserreaktor in Borssele (Provinz Zeeland; Foto CC), der seit 1973  Atomstrom produziert. Aus deutscher Sicht besonders interessant: Bei den aktuellen AKW-Plänen spielt auch der RWE-Konzern  eine Rolle. Er beteiligt sich indirekt  an Plänen für den beabsichtigten Bau in Borssele. Für neue AKW in Borssele  gibt es momentan zwei Anfragen – einmal vom Energieversorger  Delta  und von Essent, das zum RWE-Konzern gehört (Grundlegendesmehr und noch mehr…). Beobachter halten es für möglich, dass beide Konzerne  zusammen arbeiten. (mehr…)Bereits im Sommer 2009 hatte Delta einen  ersten Antrag für die Erweiterung von Borssele um einen zweiten Reaktor mit 21.500 Megawatt Leistung gestellt. Ein solches Kraftwerk wäre etwas doppelt größer als der Lingener Meiler.

Wie der Kernenergieexperte André Versteegh in der holländischen Tageszeitung de Telegraaf schreibt, ist das RWE-Engagement in den Niederlanden Teil einer europaweiten Strategie des Konzerns: „Sie wollen ausweichen. Zwar bleiben die 17 deutschen Atomkraftwerke jetzt länger am Netz als geplant, ein Neubau bleibt dort aber ein Tabu.” Versteegh betont den transnationalen Charakter des heuten Energiemarktes in Europa: „Für RWE macht es wenig Unterschied, ob die Kernkraftwerke des Unternehmens in Deutschland oder in den Niederlanden stehen“.

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU) hat aufgerufen, von dem Recht auf Einspruch Gebrauch zu machen, das  durch die Konvention von Espoo auch deutschen Bürgern möglich ist – einstweilen möglich war, muss man wohl sagen, weil eine erste Einspruchsfrist am 19. November abgelaufen ist. (Mehr…) Bereits vor einem Jahr waren rund 1500 Einsprüche aus Deutschland gegen die ersten Planungen beim zuständigen niederländischen Ministerium eingegangen, darunter  auch ein Einspruch der Stadt Gronau.

(überarbeitet am 27.11.2010)

(Foto: Niederländisches AKW Borssele © DieLinke NRW