mutig, mutig

15. März 2019

Gestern ging im Ludwig-Windthorst-Haus die Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe der katholischen Kirche zu Ende. Das öffentliche Interesse war angesichts der geforderten Beteiligung der kath. Frauen an der Liturgie einerseits und wegen der Missbrauchsdebatte andererseits sehr groß. Und dann gab es noch BILD. Darüber schrieb gestern BILDBlog dies unter der Zeile „mutig, mutig“! den BILDMann Seifert spielte Luther, hängte seine Thesen aber an die falsche Tür.

Seifert schreibt in „Bild“ zu seiner eigenen Aktion:

Auf der Bischofskonferenz in Lingen (Niedersachsen) tagen die Bischöfe hinter verschlossenen Türen.

BILD nutzte die Chance und heftete zwölf Thesen für einen Neuanfang in der katholischen Kirche (Ausgabe vom 26. Februar) an den Eingang der St.-Bonifatius-Kirche.

Diese 12 BILD-Thesen“ mit dem Titel „ÄNDERT EUCH!“ sind sogar ganz gut. Darunter zum Beispiel: „Öffnet die Akten und Archive“ zu Tausenden Missbrauchsfällen. Und: „Frauen zulassen“ bei der Priesterwürde. Selbst den einstigen „Wir sind Papst“-Liebling Joseph Ratzinger, auch bekannt als Benedikt XVI., knöpft sich „Bild“ vor: „Benedikt, sprich zu den Gläubigen“ über „die dunkelsten Geheimnisse der jüngsten Kirchengeschichte“.

Ärgerlich nur, dass diese an die Lingener Kirchentür angehefteten Forderungen die Teilnehmer der Bischofskonferenz kaum erreichen dürften. „Bild“-Reporter Seifert hat gestern beim Thesenaufhängen nämlich blöderweise die falsche Tür gewählt: In St. Bonifatius fand zwar der Eröffnungsgottesdienst der Vollversammlung statt. Der war aber schon am Montag. Seitdem tagt die Bischofskonferenz im gut sechs Kilometer entfernten Ludwig-Windthorst-Haus. Dort gibt es auch eine eigene Kapelle, in der die allmorgendlichen Predigten stattfinden.

Die Angabe „Bei Bischofskonferenz!“ aus der „Bild“-Überschrift stimmt also nicht wirklich. Aber Hauptsache die Leserinnen und Leser bekommen das Gefühl, dass die „Bild“-Leute sich mal so richtig was trauen.

Mit Dank an Brigitte K. und @moaxislaven für die Hinweise!
[Ein Crosspost von BILDBlog. Danke!]

Lieber Mesut Özil,

25. Juli 2018

No comment!

Fälschung

8. August 2010

Gestern morgen habe ich mich wieder an das ELTE-Projekt erinnert. Es soll ja -nach dem OB-Wahlkampf- eine Internetseite entstehen, die -ähnlich wie der BILDblog– die Fehlleistungen der Lokalpresse darstellt (Guckst Du hier). Der ärgerliche Grund ist der Aufmacher des Blatts, der genauso in allen Unterausgaben der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Logo rechts) zu lesen war. Eine Fälschung.

„AKW-Laufzeiten – je kürzer, desto besser“ lautet die 6spaltige, große Überschrift der Meldung, die über ein Interview mit dem Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) berichtet. Auch der fett gesetzte Vorspann des Berichts führt gezielt in die Irre: „OSNABRÜCK. Niedersachsen drängt auf einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie.

Die Passage ist deshalb eine dreiste Fälschung, weil McAllister genau das Gegenteil sagt: Es sei („vorerst“) eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke notwendig, sagt McAllister. Die „dürfe jedoch nur’moderat‘ ausfallen. „Moderat heißt: je kürzer, desto besser.“

Wir erkennen: Mc Allister ist gerade nicht für kürzere Laufzeiten der Atomkraftwerke. Er will eine Laufzeitverlängerung. Er fordert damit, dass die Atomkraftwerke länger am Netz bleiben, als es das geltende Recht vorsieht.  Hintergrund ist die gesetzliche Festlegung von KKW-Laufzeiten bzw. des Atomausstiegs. Grundlage dieses Gesetzes ist der so genannte Atomkonsens, den vor zehn Jahren die  durch SPD und Bündnis90/Die Grünen gestellte Bundesregierung  und die Energiewirtschaft vereinbart haben. Seitdem schwarz-gelb in Berlin zu regieren versucht, soll das Gesetz geändert werden. Die Atomkraftwerke sollen länger laufen, auch wenn ein Atommüll-Endlager nicht vorhanden oder auch nur absehbar ist. Die versprochene billigere Energie gibt es dann zwar nicht. Aber höhere Profite für die Energiekonzerne.

Dass die NOZ-Falschmeldung bewusst und kein Zufall ist, zeigt auch die online-Version des NOZ-Artikels, darin „(drängt) das von schwarz-gelb regierte Niedersachsen auf einen möglichst schnellen Ausstieg aus der Kernenergie.“ Verfasser der NOZ-Meldungen ist Hans Brinkmann (Kürzel: „hab“), der das Interview führen durfte und dessen dumpf-unerschütterliche CDU-Parteinahme mich schon seit Jahrzehnten beeindruckt…

Steffi

27. April 2010

Schon mehrmals habe ich hier in diesem kleinen Blog gelästert, die höchste Form des emsländischen Protestes sei der Leserbrief an die Lokalpresse.  Bloß was macht man, wenn der gar nicht erst veröffentlicht wird, der wohlformulierte  Leserbrief?

Blogleserin Steffi meinte nun zu mir, es sei an der Zeit, einen eigenen Blog zu schaffen für bzw. besser gegen die Zensuraktivitäten und „den-Leserbrief-veröffentlichen-wir-nicht“-Selbstherrlichkeiten der Lokalpresse. Einen Blog, der genau die kleinen Manipulationen und das Unter-den-Tisch-gefallene veröffentlicht.  Vorbild könnte der BildBlog sein. Das klingt spannend und wäre ein weiteres Stück notwendige Gegenöffentlichkeit.

Meine Frage:
Was meinen Sie, sollen wir uns an einen solchen Blog heranmachen? Mich interessieren Ihre Kommentare!

weg!!

28. Januar 2008

Gestern haben die Hessen ihren Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) abgewählt. Das hat mich deutlich mehr befriedigt als der 18%-ige Stimmenverlust für den emsländischen CDU-Minister Busemann. Was es dazu zu sagen gibt, schreibt heute bildblog, wo ich diesen Beitrag gefunden habe:

Die Menschen in Hessen haben sich verwählt.

Die Folgen der Landtagswahl, des Stimmengewinns für die SPD und des Einbruchs für die CDU, für die Wirtschaft und den Wohlstand werden verheerend sein, da sind sich ausnahmslos alle Experten einig. Also, alle Experten, die in „Bild“ zum Thema Wort kommen:

  • Klaus Zimmermann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fürchtet eine „gefährliche Politik“, die „dauerhaft nicht zu mehr Wohlstand führt“, „negative Folgen für die Verbraucher“ und „weiter steigende Energiepreise“,
  • Michael Heise, Chefsvolkswirt der Allianz, erwartet, dass es Arbeitslose „noch schwerer haben werden, Jobs zu finden“,
  • Anton Börner, Präsident des Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels, geht davon aus, dass sich ausländische Firmen „mit Investitionen in Deutschland stärker zurückhalten“ werden,
  • und Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ist schlicht in „allergrößter Sorge“.

Es geht nun, kurz gesagt, alles den Bach runter, weil nicht genug Menschen die CDU gewählt haben.

Wahlempfehlungen

Als Wolfgang Clement sich gegen die Wahl der SPD aussprach, urteilte „Bild“-Autor Hugo Müller-Vogg (der seinen 60. Geburtstag mit Koch feierte) über Clement:„Ihm ist das Land wichtiger als die Partei.“

Und als die CDU in den Meinungsumfragen abrutschte, erklärte Müller-Vogg, dass wer SPD wähle, quasi automatisch die Linke an die Macht bringe:„Für die SPD geht’s nur mit Links.“

Eine Art Doppelpass spielte die hessische CDU mit „Bild“ mit dem Berliner Staatsanwalt Roman Reusch. Nachdem „Bild“ den Mann, der im vergangenen Jahr nach einem Disziplinarverfahren „ermahnt“ wurde, als „Deutschlands mutigsten Staatsanwalt“ bezeichnet hatte, wollte der hessische Justizminister ihn in eine „länderübergreifende Expertengruppe“ holen, was „Bild“ mit der Traumwahlkampf-Überschrift vermeldete: „Hessen holt Deutschlands mutigsten Staatsanwalt.“

Womöglich hat sich auch nur der Ehrgeiz der „Bild“-Zeitung in Grenzen gehalten, andere Stimmen zu finden. Schon vor der Wahl stand sie treu an der Seite von CDU-Ministerpräsident Roland Koch (siehe Kasten). Und „Bild“ war (wie mehrfach berichtet) Kochs Medienpartner bei seiner spektakulären Kampagne gegen Ausländer in den vergangenen Wochen. Insofern ist das Debakel für Roland Koch auch eine Niederlage für die „Bild“-Zeitung. „Spiegel Online“ kommentiert es so:

Koch konnte mit seinen xenophoben Attacken niemanden mobilisieren außer seinen Kellner in Springers Boulevard.

Wenn „Bild“-Kommentator Jörg Quoos heute den Absturz Kochs erklären muss, muss er also indirekt erklären, warum die „Bild“-Kampagne so wenig gegriffen hat. Ein Fehler war sie natürlich nicht, deshalb kann auch Koch nichts falsch gemacht haben, und Quoos analysiert:

(…) Die Bürger haben es einfach gespürt: Roland Koch war schon lange vor der harten Wahlschlacht der letzte CDU-Kämpfer für die Werte, die die Partei groß gemacht haben. Streitlustig, unerschütterlich, aber ohne echte Deckung.

Im Reservat für Konservative reitet er wie der einsame Sheriff Richtung Sonnenuntergang. Am Ende hat der Wähler Roland Koch nicht mehr abgenommen, dass er allein die CDU auf altem Kurs halten kann.

Das schlechte Abschneiden in Hessen ist der Preis für das populistische Streben der CDU-Führung Richtung links, weg von der Mitte. (…)

Die Menschen haben Roland Koch nicht gewählt, weil sie genau seiner Meinung sind? Sie wollten ihm, der für den richtigen, rechten Kurs stand, keine Stimme geben, weil die anderen in der CDU längst auf einem anderen, linken Kurs sind?

Die Argumentation dehnt die Grenzen der Logik, aber vermutlich funktioniert sie auch, um zu erklären, warum die „Bild“-Zeitung seit Jahren alles richtig macht und trotzdem immer seltener gekauft wird.