Sicherheitslücken

1. Oktober 2012

Der SPIEGEL weiß:

„…Als Reaktion auf das Atomunglück im japanischen Fukushima hat die EU europaweit alle 145 Nuklearreaktoren – aktive und stillgelegte – auf ihre Sicherheit geprüft. In Deutschland waren es zwölf Anlagen: Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Emsland, Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen, Isar, Krümmel, Neckarwestheim, Philippsburg, Unterweser. …

Die Inspektion der Meiler hat ergeben, dass auch deutsche Anlagen Sicherheitslücken haben, berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf den ihr vorliegenden Stresstest-Abschlussbericht (Stand September). Bei allen zwölf in Deutschland geprüften Kraftwerken müssten die installierten Erdebebenwarnsysteme nachgebessert werden. Bereits frühere Studien hatten die Bebensicherheit deutscher AKW in Frage gestellt. Zudem seien laut Stresstest die Leitlinien für schwere Unfälle nicht umgesetzt. …

Bei allen geprüften deutschen AKWs werden die zwei genannten Punkte bemängelt. Über einen ersten Entwurf des Berichts hatte zuvor auch die Tageszeitung Die Welt berichtet.“

 

Ganz sicher

25. März 2011

Die Diskussion über die notwendige Abschaltung der Atomkraftwerke bekommt aus Lingener  Sicht einen neuen und ganz  lokalen Schwerpunkt, über den gestern auch der Lingener Stadtrat kurz und freimütig diskutiert hat.  Laut Atomgesetz können nämlich die RWE als Betreiber des Kernkraftwerk Emsland überzählige Strommengenkontingente von stillgelegten Atomreaktoren auf die Lingener Anlage (Foto re.) übertragen, die dann entsprechend länger laufen kann. Ziel der Regelung war seinerzeit, die Betreiber zu veranlassen, die ältesten Anlagen schneller vom Netz zu nehmen.

Unsere schwarz-gelbe Herumruder-Koalition hat nun aber allen deutschen AKW im vergangenen Jahr große Mengen zusätzlicher Stromkontingente genehmigt. Damit können die alten Anlagen 8 Jahre und die neueren AKW 14 Jahre länger laufen.

Für Lingen bedeutet dies eine erhebliche Veränderung: Würden die ältesten sieben AKW tatsächlich in Kürze stillgelegt, so könnten die Betreiber diese riesigen unverbrauchten Strommengen auf jüngere Kraftwerke übertragen. Wegen der Laufzeitverlängerung hat die Übertragungsregel jetzt die absurde Folge, dass diese „jüngeren“  AKW bis über 2050 hinaus betrieben werden könnten. Konkret: Mit den Strommengen der unsicheren, alten AKW Biblis A und Biblis B könnte der Betreiber RWE die Laufzeit des AKW Emsland von bisher 2033 bis 2051 weiter verlängern. Erst dann -mit 63- ginge es in Rente.  So ist die aktuelle Gesetzeslage nach dem Atomgesetz. Im Rat wurden ich und der Kollege Michael Fuest (Bündnis’90/Die Grünen) gestern der Panikmache gescholten, als ich darauf hinwies und Michael Fuest zustimmte.

AKW Lingen bis 2051? Ich bin dann 100. Ganz sicher.

(Quelle; Foto:  AKW Emsland, alle Rechte:  Dendroaspis2008 flickr)

Entsorgen

14. September 2010

Das Atommülllager Asse entstand 1965 in einem stillgelegten Salzstock. Nachdem dort die Salzförderung 1964 aus wirtschaftlichen Gründen endete, kaufte die damalige Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) das Bergwerk. Bereits zwei Jahre später begann in dem damaligen Forschungsbergwerk die Einlagerung schwach radioaktiver Abfälle. Das Bergwerk droht einzustürzen. Es dringt Wasser ein. Deshalb hat im Januar dieses Jahres das Bundesamt für Strahlenschutz empfohlen, die knapp 126 000 Fässer Atommüll zu bergen, die dort bis 1978 verbuddelt wurden.

Die Behälter enthielten zunächst schwach radioaktive Abfälle z.B. aus Laborabfällen, kontaminierten Geräten und Kleidung, Asche aus Verbrennungsprozessen und Luftfiltern aus Atomanlagen. Die ersten Fässer wurden senkrecht übereinander gestapelt. Später änderte die GSF das Einlagerungsverfahren, um die Kammern besser ausnutzen zu können. Fortan wurden die Fässer mit Hilfe eines Gabelstaplers liegend in bis zu zehn Lagen übereinandergestapelt. Weil diese Techniken relativ viel Zeit beanspruchten, wurden die Fässer ab 1974 per Schaufellader in die Kammern gekippt. Ab 1972 wurden zudem 1293 200-Liter-Fässer mit mittelstark radioaktiven Abfällen in der Asse eingelagert. Das Schlimmste: In der Asse lagern auch mehrere Kilogramm extrem giftiges Plutonium.

All dies zurückzuholen kostet Milliarden Euro und ist zudem besonders gefährlich. Also werden Gutachten erstellt und natürlich wollten die Gutachter wissen, was genau angeliefert worden sei. Aber die Atomfirmen, die vor ein paar Jahren ihren Atommüll an die Asse geliefert haben, mussten nun einräumen, dass sie das selbst nicht wissen und vergessen haben. Denn ihre Bücher mussten sie nur zehn Jahre aufbewahren. Unter den Einlieferern in Asse ist auch die Betreiberin des alten Lingener „Kernkraftwerks“, außerdem die Betreiber der (alten) Atommeiler Würgassen, Stade, Unterweser, Isar, Gundremmingen, Biblis, Kahl, Obrigheim und Brunsbüttel. Alle haben den Asse-Gutachtern mitgeteilt, dass ihnen keine Informationen mehr vorliegen. Die Gutachter dazu: „Zum Zeitpunkt der Einlagerung war der heute hohe Anspruch an die Langzeitsicherheit noch nicht gefordert.“ Und sie fügen entschuldigend hinzu, das Wissen um die Gefahren der verschiedenen radioaktiven Abfälle habe „sich erst mit Fortschreiten der Kerntechnik und der Erfahrungen bei Lagerung und Transport entwickelt“.

Klingt wie eine verständnisvolle Entschuldigung.

Sie wissen vielleicht, dass ich auch Notar bin. Verwendete Schreibgeräte müssen zB nach DIN 16554/2 urkundenecht sein. Meine notariellen Urkunden muss ich 100 Jahre aufbewahren. Aber sie strahlen ja auch nicht sonderlich.