Franz Josef Degenhardt

15. November 2011

Franz Josef Degenhardt ist tot. Der Liedermacher starb gestern kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres an seinem Wohnort  nahe Hamburg. Auf seiner Internetseite lese ich gerade mehrdeutig:

„Degenhardt lebt in Quickborn bei Hamburg. Sein künstlerisches Gesamtwerk ist abgeschlossen.“

Der 1931 in Schwelm geborene Westfale prägte die Protestkultur der 60er- und 70er-Jahre  und genoss nicht nur bei der politischen Linken Kult-Status. Seinen größten Erfolg feierte er 1965 mit dem Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Es erzählt auf eine spöttische Art die Geschichte eines Jungen aus „besserem Hause“, der die Arbeiterkinder in der Nachbarschaft meiden soll.

Der Rechtswissenschaftler Degenhardt ging vor 50 Jahren als Wissenschaftlicher Assistent an das Institut für Europäisches Recht der Universität Saarbrücken und promovierte dort 1966 mit der Dissertation »Die Auslegung und Berichtigung von Urteilen des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaft«.

Als Liedermacher wie als Jurist zunehmend politisch engagiert, verzichtete er auf eine Habilitation und ließ sich 1969 als Anwalt in Hamburg nieder, war in Antidemonstrationsprozessen für die APO tätig, verteidigte Mitglieder der RAF und wurde 1971 aufgrund des Unvereinbarkeitsbeschlusses des SPD-Parteivorstandes vom November 1970 wegen eines Wahlkampfaufrufes zugunsten der neugegründeten DKP bei der Landtagswahl von Schleswig-Holstein aus der SPD ausgeschlossen. Der DKP trat er einige Jahre später bei.

Seine erste Platte veröffentlichte Degenhardt 1963, im Jahr 2006 die letzte.  Seinen Ruf erlangte der Liedermacher und Schriftstekller (er schrieb sieben Romane, darunter die 1975 erschienenen Brandstellen. ) vor allem mit Liedern und Balladen, in denen er die gesellschaftlichen Zustände der Bundesrepublik kritisierte und auf Veränderung drängte. „Seine Lieder trug Franz Josef Degenhardt mit widerborstiger Stimme im Parlando-Stil vor, begleitete sich dazu auf der Gitarre. Zu Degenhardts Vorbildern zählten François Villon, Georges Brassens, Kurt Tucholsky und Bertolt Brecht.“ (DIE ZEIT)

Politik gehöre für ihn in die Kunst, hatte der „Politbarde“ in einem seiner seltenen Interviews kurz vor seinem 75. Geburtstag gesagt:  „Es ist ja kein Singen, kein Lesen, kein Malen außerhalb historischer Horizonte möglich“, meinte Degenhardt. „Es ist immer öffentlich, gesellschaftsbezogen und damit auch politisch.“

Das sahen bis ins hohe Alter auch Degenhardts Zuhörer. Seine Konzerte waren immer gut besucht und Degenhardt erkannte:  „Unter den Zuhörern sind zunehmend junge Leute aus der autonomen Szene. Die lieben mich als Urgroßvater des Politsongs.“

 

(Foto: Franz Josef Degenhardt (c) Heinrich Klaffs flickr CC)

 

Unmoralisch

21. November 2010

Im Westen nichts Neues; denn jeder blamiert sich so gut, wie er kann. Heute haben die im Westen wohnenden Lohner in einer Versammlung ihrer Kirchengemeinde den Vorschlag ihres eigenen Pfarrers Reinhard Trimpe abgelehnt, auf dem Platz vor ihrer Kirche an den großen deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque zu erinnern. Dessen Lebenswandel ist den bigotten Kirchengliedern  suspekt. Also errichtet man auf dem Platz vor der Kirche jetzt Skulpturen für den ehemaligen Weihbischof von Münster Nils Stensen, der sich 1681 besuchsweise in Lohne aufhielt, und den „Missionar“ Heinrich Bürschen, der aus Lohne stammt. Die dritte Skulptur soll an Kaplan Hermann Lange erinnern, der als Gegner des NS-Regimes am 10.11.1943 im Alter von 41 Jahren in Hamburg hingerichtet wurde. Erich Maria Remarque aber kommt nicht auf den Kirchplatz der Lohner.

Seit 8 Jahren setzt sich der katholische Lohner Pfarrer Reinhard Trimpe dafür ein, dass in Lohne die Erinnerung an große Männer, die Bezug zu dem Ort haben, durch Denkmäler wachgehalten wird. Über ein ehrendes Gedenken an seine Amtsbrüder ist er bisher aber nicht hinaus gekommen. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Im Gegenteil.

Die politische Gemeinde will bis heute nicht an NS-Opfer August  Perk erinnern, der 1919/20 in einer Schmiede arbeitete,  sich häufig mit dem in Osnabrück geborenen Junglehrer Remarque traf und ihm  auch von seinen Kriegserlebnissen berichtete. Remarque bliebt nur 8 Monate in Lohne, unterrichtete dann auch kurz in Klein Berßen (Emsland).  In seinem 1928 für die Vossische Zeitung geschriebenen Fortsetzungsroman Im Westen nichts Neues verarbeitete der Schriftsteller neben eigenen Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg und den Berichten von August Perk vorwiegend die Erzählungen verwundeter Soldaten, die er  nach einer schweren Verwundung im Lazarett kennengelernt hatte. Der Roman machte Erich Maria Remarque bald nach seinem Erscheinen als Buch (1929) und der Hollywood-Verfilmung durch Lewis Milestone (1930) weltbekannt. Das Buch erschien in 50 Sprachen.

Am Tag nach Hitlers so genannter Machtergreifung, verließ Remarque Deutschland und ließ sich in  der Schweiz nieder. Hier hatte er Kontakt zu anderen emigrierten deutschen Schriftstellern, darunter  Thomas MannCarl Zuckmayer, Ernst TollerElse Lasker-SchülerLudwig Renn) und gewährte anderen Emigranten aus Deutschland Obdach. Remarques Bücher wurden im Zuge der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland mit dem „Feuerspruch“ „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!“ verbrannt. 1938 wurde ihm vom NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Ab 1939 lebte er in den USA, wo er auf weitere deutsche Emigranten wie Lion FeuchtwangerBertolt Brecht und die Schauspielerin und Nazigegnerin Marlene Dietrich traf.

Für die Lohner Katholiken steht indes das Privatleben des Schriftstellers im Mittelpunkt, dem 1967 das Große Verdienstkreuz der  Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde. Kirchenvorstandsmitglied und Friedhofsrendant Wilhelm Jessing hob heute Mittag warnend den moralischen Zeigefinger und meinte, der „unmoralische Lebenswandel“ mit wechselnden Beziehungen sei zu kritisieren. Deshalb könne Remarque kein Vorbild für Christen sein und gehöre nicht auf den Kirchplatz.  Auch der stellvertretende Bürgermeister Heinz Welling (CDU) stieß heute in dasselbe Horn. Landtagsabgeordneter Reinhold Hilbers (CDU) und CDU-Ratsfrau Monika Westermann sagten kleinlaut, man solle das Andenken an Remarque „stärker würdigen“. Dafür aber gebe es im Gemeinderat keine Mehrheit. Viel peinlicher geht es kaum.

So treffen also 2010 einmal mehr Erich Maria Remarque und August Perk (Foto: Gunter Deming, Stolperstein in Nordhorn) auf die Lohner Kreisklasse, der bekanntlich der in Osnabrück geborene Remarque in seinem Buch „Der Weg zurück“ einige Seiten gewidmet hat. Denn vor knapp drei Jahren hatte der CDU-dominierte Gemeinderat einen Antrag von SPD-Ratsherr Hermann Nüsse zurück gewiesen, eine Neubaustraße nach NS-Opfer August Perk zu benennen. Man entschloss sich stattdessen für Igel, Marder und Dachs als Namensgeber.  Der Lohner August  Perk war am 12. Mai 1945 in einem Braunschweiger Krankenhaus im Alter von 47 Jahren an den Folgen  unmenschlicher NS-Haft verstorben. Dazu war der Textilarbeiter verurteilt worden, nachdem er 1943 einer Nachbarin gegenüber gesagt hatte, der Krieg sei nicht zu gewinnen. Eine Straße, vermeldete die LT Im Jnuar 2008, wollte der Gemeinderat trotzdem nicht nach dem „Eigenbrötler“ August Perk  benennen…

(Quelle: wikipedia)