Der Lingener Ehrenbürger Bernhard Grünberg ist heute Mittag auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße beigesetzt worden. Der hochbetagte Holocaust-Überlebende war am 16. Januar des Jahres in seinem englischen Wohnort Derby-Alvaston dem Corona-Virus erlegen. Seither hatte sich die Stadt Lingen (Ems) darum bemüht, die sterblichen Überreste Grünbergs nach Lingen zu überführen, um den Verstorbenen -seinem Wunsch entsprechend- hier auf dem Jüdischen Friedhof zu bestatten. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, ihres früheren Mitarbeiters Atze Storm, der städt. Beauftragten Elisabeth Spanier sowie des Bestattungshauses Schnitker in Lingen und dessen britischen Kollegen in Derby brauchte es bis Ende vergangener Woche; erst dann traf der Sarg Bernhard Grünbergs über den Frankfurter Flughafen in Lingen ein.

Der Grund: Die Corona-Restriktionen. Ihretwegen stockte die Überführung trotz aller Bemühungen; selbst das Auswärtige Amt war machtlos. Damit erinnerte diese schwierige Rückkehr auf besondere Weise zugleich auch an die traurige Flucht des damals 15jährigen Grünberg im Jahr 1938 mit einem Kindertransport nach England; als einziger seiner Familie  überlebte er den Holocaust.

Rund 60 TeilnehmerInnen nahmen an der heutigen Beisetzungsfeier nach jüdischem Ritus teil. Auf dem Weg zum Grab sprach Rabbi Michael Grünberg (Osnabrück) Gebete und Psalmen. Nachdem acht jüdische Männer den einfachen Holzsarg in das Grab abgesenkt hatten, warfen Angehörige und Trauergäste 3 Schaufeln Erde in das Grab. Als der Sarg mit Erde bedeckt war, wurde das Kaddischgebet (Totengebet) gesprochen.

Neben den Angejörige des verstorbenen waren viele LingenerInnen anwesend, die zum „Menschenfreund“ Bernhard Grünberg über die Jahre eine starke persönliche Beziehung geknüpft hatten, u.a. der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring, der Mitbegründer des Forum Juden-Christen Josef Möddel, dessen Ehrenvorsitzender Heribert Lange, das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Wiemker und aus Berlin Anne-Dore Jakob (Pax Christi). Unter den Trauergästen waren auch der Erste Bürgermeister der Stadt Heinz Tellmann, die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Edeltraut Graeßner (SPD) und Robert Koop (Die BürgerNahen) sowie die stellv. Fraktionsvorsitzende der CDU-Ratsmitglieder Irene Vehring und alle städtischen Dezernenten.

Neben dem Vorsitzenden des Forum Juden Christen Gernot Wilke-Ewert sprach auch Oberbürgermeister Dieter Krone. Hier seine Rede im Wortlaut, die auch das Leben des Verstorbenen skizzierte:

„Sehr geehrte Trauergemeinde,
wir stehen hier tief bewegt am Grab unseres Lingener Ehrenbürgers und Freundes Bernhard Grünberg, der bereits am 16. Januar verstorben ist. Es war sein sehnlichster Wunsch hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beerdigt zu werden. Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernhard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.
Bernhard Grünberg wurde am 22. März 1923 in Lingen geboren und verbrachte seine Kindheit in unserer Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm die einst glückliche und unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende. 1938 gelang es dem 15-Jährigen, dieser zu entkommen, indem er Deutschland mit einem Kindertransport verlassen konnte. Sein Vater, der nur wenige Tage zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Lingen zurückgekehrt war, brachte ihn zum Bahnhof und die beiden verabschiedeten sich für immer voneinander. Bernhard Grünberg wurde nach England gebracht, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Seine Familie konnte nicht entkommen. Seine Eltern Marianne und Bendix Grünberg sowie seine Schwester Gerda wurden 1941 nach Riga deportiert. Dort wurde sein Vater in einem Ghetto ermordet. Seiner Mutter und seiner Schwester ereilte 1944 das gleiche Schicksal im Konzentrationslager Stutthof. Somit war Bernhard Grünberg der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte.
1986 erfuhr die Stadt Lingen (Ems) dank Ruth Foster davon, dass Bernhard Grünberg noch lebte. Im gleichen Jahr folgte er der herzlichen Einladung, an der Enthüllung des Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Familien unserer Stadt teilzunehmen. Von da an besuchte Bernhard Grünberg seine Heimatstadt regelmäßig. Oft begleitete ihn seine Frau Daisy, die 2001 verstorben ist.
Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie hier in unserer Stadt in Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft widerfahren ist, hierher zurückzukehren und der Stadt die Hand zu reichen, zeugte von seiner unglaublichen Größe. Er brachte den Lingener Bürgerinnen und Bürgern stets Vertrauen, Verständnis und Dankbarkeit entgegen. 1993 erwies er unserer Stadt die Ehre, die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft anzunehmen.
Ein ganz besonderes Anliegen war es ihm seitdem, mindestens einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, um von England aus für einige Tage nach Lingen zu reisen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es nach ein paar Jahren war, ihm klarzumachen, dass er mit seinen 90 Jahren nicht mehr alleine mit seinem Auto, seinem Vauxhall, nach Lingen fahren könne und wir ihn selbstverständlich vom Flughafen in Amsterdam abholen würden. Diese kleine Episode aus seinem Leben zeigt, wie willensstark und entschlossen Bernhard Grünberg auch war.Vor drei Jahren feierte er mit vielen auch heute anwesenden Wegbegleitern noch seinen 95. Geburtstag in unserer Stadt. Ich erinnere mich noch immer an sein strahlendes Gesicht, mit denen er die vielen Gäste begrüßte und es sich nicht nehmen ließ, mit allen ein wenig zu plaudern. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen und freute sich über jeden, der gekommen war, um mit ihm zu feiern. Wenn er hier in Lingen war, schien er die Zeit immer sehr zu genießen. Unzählige Gespräche haben wir im Rathaus geführt. Und auch vor und nach seinen Besuchen Mails ausgetauscht.Doch es war ihm vor allem auch immer ein Anliegen, egal ob bei Beth Shalom in England oder in den Lingener Schulen, aus seinem Leben zu erzählen. Bernhard Grünberg mahnte besonders die jungen Menschen, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Seine zahlreichen Vorträge und sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassenwahn bleiben unvergessen.
Neben den Erinnerungen in unseren Köpfen finden sich hier in Lingen auch an vielen Orten Spuren von Bernhard Grünberg, seinen Eltern und seiner Schwester: Der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie, den wir hier sehen, wurde 1998 gemeinsam mit Bernhard Grünberg enthüllt. Stolpersteine in der Georgstraße erinnern an das Schicksal der Familie Grünberg und ihrer Angehörigen. Bernhard nahm an der Einweihung der Jüdischen Schule teil und schmiedete das Tor zum Eingang des Lern- und Gedenkortes. Zudem trägt eine Straße im Emsauenpark seinen Namen. Bei seinen letzten Aufenthalten in Lingen besuchte er regelmäßig die Bernhard-Grünberg-Straße und traf sich mit den Anwohnern – Begegnungen, die sicherlich allen immer im Gedächtnis bleiben werden.
Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.
Mit der Beerdigung heute erfüllen wir den letzten Wunsch unseres Ehrenbürgers, ihn hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beizusetzen, wo auch der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie steht. Wir treten ihm mit größtem Respekt und Hochachtung gegenüber und werden in auch nach seinem Tod gebührend in Ehren halten. Wir sind ihm unendlich dankbar für seine menschliche Größe, die er uns erwiesen hat und sein unermessliches Engagement. Er hat nun seine letzte Ruhestätte in unserer Stadt gefunden. Ein Ort, an dem wir uns an ihn erinnern und seiner gedenken können.
Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“


 

Nachtrag:

Der Verstorbene wuchs in Lingen (Ems) als Bernhard Grünberg auf. Nach Jahren in England schrieb der Verstorbene seinen Namen englischsprachig: Bernard Grunberg.
Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden Christen

Bernard

18. Januar 2021

Noch dies:

Bernard Grunberg, den am Samstagnachmittag in seiner englischen Heimatstadt Derby an CoViD-19 verstorbenen Lingener Ehrenbürger, habe ich als sehr bescheidenen, leisen Menschen in Erinnerung. Gerade deshalb verkörperte eine so starke Würde, die ihm selbst nicht abhandenkam, wenn ihn Einzelne für ihre ausgesprochen oberflächlichen Zwecke zu vereinnahmen suchten.

Der stellv. Vorsitzende des Forum Juden-Christen Dr. Walter Höltermann sagte am Sonntag:

Die Mitteilung über den Tod von Bernhard Grünberg hat mich sehr traurig gestimmt,  zumal er uns seit gestern aus der Lingener Tagespost noch mit seinem etwas schelmischen Lächeln grüßt.  Es ist wohl so, wie es Karl Jaspers an Hannah Arendt nach dem Tod deren Mutter geschrieben hat: „Es ist zwar Gang der Natur, dass die Alten sterben. Aber es ist doch ein Anderswerden, wenn die Mutter nicht mehr ist, und der Schmerz tief, wenn auch nicht zerreißend.

Forum-Ehrenpräsident Dr. Heribert Lange schrieb tags zuvor: „Ich bin betroffen und traurig über den Tod eines guten Freundes.

Und Anne-Dore Jakob, eine große Engagierte für die Erinnerung, sagte: „Auch wenn die Sorge um ihn zuletzt groß war, kam die heutige Nachricht doch überraschend. Wir denken an den Verstorbenen und werden Bernhard Grünberg, unseren ältesten Freund, nicht vergessen.“

Erinnernd an den unvergessenen Benno Vocks, der am 21. Februar letzten Jahres verstarb,  schickte Anne-Dore Jakob dazu eine Abschrift des Kapitels „Bernard-Grünberg-Straße“ aus dessen Buch* „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)“:

Bernard-Grünberg-Straße 

Bernard Grünberg verlebt mit seinen Eltern Bendix und Marianne, geb. Valk, und seiner Schwester Gerda zunächst eine sorgenfreie Jugend in der Georgstraße gegenüber dem Gefängnis. Er kommunizierte sogar mit den Strafgefangenen, indem er häufig mit einem Spiegel zu den Strafgefangenen herüberblinzelte. Mit zehn Jahren besuchte er das Gymnasium Georgianum. Dort wurde er nach der Machtergreifung als Jude von seinen Mitschülern angefeindet: „Nur gut, dass ich ein schneller Läufer war und mich so in Sicherheit bringen konnte.“ Als die Attacken zu heftig wurden, ließ ihn sein Vater bei der Umschichtungsstelle in Berlin anmelden. Hier sollten jüdische Jugendliche eine Ausbildung erfahren, um später nach Israel auswandern zu können. In Berlin-Pankow-Niederschönhausen erhielten im Jahre 2014 die Betreiber dieser Umschichtungsstelle, Selma und Paul Latte, die selbst in der Shoa ermordet wurden, einen Straßennamen.
Ein Kindertransport brachte Bernard Ende 1938 ins sichere England. Bei der Fahrt von Berlin begleitete ihn überraschend sein Vater auf der Eisenbahnfahrt von Rheine bis Bentheim. Hier sahen sich beide zum letzten Male. Tags zuvor war Bernards Vater aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt. Dieser 15-jährige Junge war nun ganz allein auf sich gestellt in England. Aber er lebte, während seine Eltern und seine Schwester in Riga und Stutthof ermordet wurden. Zunächst in der Landwirtschaft als Farmer, dann als Lastwagenfahrer und Kfz-Mechaniker ging Bernard Grünberg seinen beruflichen Weg.
Im Jahre 1947 heiratete er seine Frau Daisy. Lange sträubte sich Bernard Grünberg, wieder mit der Stadt Lingen Kontakt aufzunehmen. Heute ist er sehr froh über die vielfältigen Beziehungen und auch stolz auf die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen im Jahre 1993. Bis zum letzten Jahr fuhr er als 91-jähriger selbst mit seinem Auto von Derby zu den jährlichen Besuchen nach Lingen.
Hier erfüllt es ihn immer wieder mit Genugtuung, wenn er vor Schülerklassen als Mahner auftreten kann. Sehr vielen Lingener Jungen und Mädchen in Lingen und Umgebung werden die Begegnungen mit ihm unvergesslich sein. Auch in England ist er im Holocaust-Center Beth Sahlom regelmäßig tätig, um sein Wissen und seine Mahnungen weiterzugeben. Er ist so sehr mit Lingen verbunden, dass er sogar seine letzte Ruhestätte in Lingen finden möchte.
Sein Werkzeug aus seiner Berliner Zeit vermachte er dem Forum Juden-Christen. Auch das schmiedeeiserne Tor vor der Gedenkstätte in der Lookenstraße fertigte er selbst an.
Eines kann Bernard Grünberg nicht nach all seine bitteren Lebenserfahrungen: Vergessen und vergeben. Dazu sei er seinen ermordeten Familienangehörigen und allen weiteren sechs Millionen Opfern des Holocausts verpflichtet. Nur mit seinem Klassenkameraden Walter Demann als Wegbegleiter aus seiner Kindheit nahm er wieder persönlichen Kontakt auf.

Zur Erinnerung schickte Anne-Dore Jakob aus ihrem Wohnort in Berlineine Gesprächsnotiz von ihrem letzten Telefonat mit Bernard Grunberg.

Gesprächsnotiz
Anruf v. Bernard Grunberg am 31. Juli 2020
Bernard, inzwischen 97 Jahre, rief am Abend aus Derby/GB an. Er habe unsere Tel. Nr. mehrfach gewählt, bis er eine Verbindung bekam. Er bedankt sich sehr herzlich für das Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das wir ihm zusammen mit Familie Schottmann-Kurz am 27.  als Gruß aus Niederschönhausen geschickt haben.

Durch die Bilder kämen die Erinnerungen zurück! Besonders die Erlebnisse des Brandes im Sommer 1938 in den Werkstätten von Schlosserei und Tischlerei stünden ihm deutlich vor Augen, und er erzählte davon, als wenn sei es gestern gewesen: 

„Wir wurden am Rand des Geländes zusammengetrieben und mussten dem Treiben zusehen, ohne, dass wir etwas tun konnten. Warum man uns in der „Kristallnacht“ vergessen hat, weiß ich nicht.“

Auf das große Eingangstor aus Holz, rot angestrichen, folgte im Inneren noch eine kleinere Tür. Gut erinnere er sich auch an den Schäferhund von Ruth und Poldi Kuh (Bild S. 79), der sich bei ihrer Unterkunft am Ende der kleinen Straße aufgehalten habe, die über das Gelände ging. Manchmal habe er frei herumlaufen dürfen und habe „aufgepasst.“

Das ganze Buch habe er noch nicht gelesen, aber was er bereits erkennen konnte, habe alles seine Richtigkeit. Er warte aber noch auf eine neue Lesebrille! Durch die vielen Bilder, die auch von ihm stammen, werde die Umschichtungsstelle wieder sehr lebendig! Das Lesen deutscher Texte falle ihm nicht schwer, er könne sie gut verstehen.

Er sprach das Schicksal seiner „holländischen“ Verwandten an, Familie Weinberg aus Groningen (Simon und Emma mit ihren Söhnen Leo und Iwan), wo er viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Die Familie seiner Cousine „Lieschen“ beschäftigt ihn ebenso: Elise de Jong, geb. Groenberg lebte mit ihrem Mann Bob (Benjamin de Jong) und ihrem Sohn Herman Nico (Jg. 1941) in Amsterdam. Beide schickten ihm Taschengeld nach England. Bernard sagte: „Herman Nico könnte heute noch am Leben sein.“

Bernard lässt alle herzlich grüßen!“

Wie deutsch selbst sein Tod noch ist, hab ich mir gesagt. Sein Wille war, in Lingen auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße bestattet zu werden. Die Pandemie, di ihm das Leben nahm, macht die letzte Reise diesen großen, kleinen Mannes ausgesprochen schwierig. Aber wir werden es machen, weil wir Bernard Grunberg heimholen müssen.

Weil ich gefragt wurde:
Die Frage, ob der am Samstag verstorbener Lingener Ehrenbürger Bernard oder Bernhard heißt, ist schnell beantwortet. Bernhard Grünberg hat nach Jahrzehnten in England seinen Namen anglifiziert. Seither trug er den Namen Bernard Grunberg.

Uns bleibt die Frage, wie wir an ihn und die Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn künftig dauerhaft und über den von Benno Vocks porträtierten Straßennamen und über die (viel zu) lange nur geplante, längst überfällige Geschichte unserer Stadt in der NS-Diktatur hinaus erinnern. Das ist eine Aufgabe für den Rat der Stadt, derer er sich würdig zu erweisen hat.


* Benno Vocks,
Lingen wegweisend,
99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)
Anno-Verlag, 216 S., 14,95 €
ISBN 3939256315
Erhältlich hier

Doppelspitze

27. April 2012

Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen wird jetztvon den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heribert Lange und Michael Fuest als Doppelspitze geleitet.  Simon Göhler wurde zum Kassierer gewählt; er tritt damit die Nachfolge von Ingrid Hartmann an. Als weiteren Beisitzer wählte die Versammlung Benno Vocks.

Zuvor hatten die Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung am Mittwochabend im Gedenkort „Jüdische Schule“  Dr. Walter Klöppel einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Er hatte zuvor seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. In einer besonders schwierigen Phase hatte Klöppel 2005 den Vorsitz des in den 1970er Jahren gegründeten Vereins übernommen. Das Forum  hatte sich seinerzeit mit der Renovierung des Jüdischen Bethauses in Freren völlig übernommen.  Der damalige Landrat Hermann Bröring machte seinerzeit seine Unterstützung davon abhängig, dass der eher sozialdemokratisch ausgerichtete Vorstand des Forum unter dem rührigen Baccumer Reinhold Hoffmann zurücktrat. CDU-Mann Klöppel war der von Bröring akzeptierte, vom damaligen OB Heiner Pott unterstützte Mann für den Vorsitz;  der engagierte Katholik war von 1991 bis 2003 Leiter des Katholischen Büros in Hannover und davor Leiter des Ludwig Windthorst Hauses in Lingen gewesen. Mit ihm an der Spitze ergriffen die übrigen Vorstandmitgliedern die vom Landkreis und der Sparkasse Emsland getragenen notwendigen Sanierungsmaßnahmen. „Walter Klöppel hat unser Forum auf einen guten und unverwechselbaren Kurs gebracht, war ein wichtiger Ideengeber und geduldiger Mittler“, sagte der amtierende Vorsitzende Dr. Heribert Lange.

Anne Scherger stellte im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung  den Stand in Sachen „Stolpersteine“ vor. Zwölf weitere Stolpersteine mit den eingravierten Namen der Holocaust-Opfer werden am kommenden 13. Juni vom Künstler Gunter Demnig aus Köln verlegt. Auch der 89jährige Lingener Ehrenbürger Bernard Grünberg will an dieser Veranstaltung teilnehmen.

Anne Scherger: „Die dazu geplante Veranstaltung  steht in der langjährigen Tradition unserer Erinnerungsarbeit, die mit den ersten Arbeiten am jüdischen Friedhof,  mit der Einrichtung der jüdischen Schule in Lingen und dem Gebetshaus in Freren begonnen und mit der Verlegung von bisher 26 Stolpersteinen in den letzten Jahren fortgeführt wurde. Uns ist es gelungen, diese Steine durch Spenden zu finanzieren, es wurden auch Patenschaften für die Steine übernommen. Parallel dazu wurde in Zusammenarbeit mit dem früheren Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling und seinem Nachfolger Dr. Stephan Schwenke eine Broschüre erarbeitet, die über das Schicksal der Lingener Juden informieren und noch in diesem Jahr erscheinen soll“, freute sich Anne Scherger. Akribisch erforscht sie seit vielen Jahren das Schicksal der Lingener Juden.

Abschließend stellte Dr. Lange das geplante Programm für 2012/13 vor, zu dem neben Ausstellungen und Exkursionen auch wieder gemeinsame Veranstaltungen mit jüdischen Mitbürgern in Lingen und Freren sowie die inzwischen schon traditionellen Lehrhausgespräche im kommenden Winterhalbjahr in der Jüdischen Schule gehören.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden–Christen, Altkreis Lingen eV; Stolpersteine (c) SPD Lingen)

Wortlaut

11. November 2009

test5Einmal mehr gedachten mehrere Dutzend Lingenerinnen und Lingener am Montagabend der grauenhaften Vorgänge des 9. November 1938. Einmal mehr auch fiel mir auf, dass wieder kein offizieller Vertreter der katholischen Kirchengemeinden Lingens bei der Veranstaltung am Gedenkort Jüdische Schule zugegen war. Zum Nachlesen hier im Wortlaut die Rede, die  Dr. Heribert Lange,  stellv. Vorsitzender des Arbeitskreises Juden Christen, bei der Gedenkveranstaltung hielt:

Sehr herzlich möchte Sie alle, junge und alte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Lingen, am Ort des Pogroms vom 9. November 1938 gegen die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Lingens und ihre Einrichtungen begrüßen – des Pogroms, dessen wir auch in diesem Jahr wieder gedenken wollen und dessen wir soeben im ökumenischen Gottesdienst in der Trinitatis-Kirche im gemeinsamen Gebet gedacht haben.

An dieser Stelle, an. der wir uns heute Abend versammelt haben, stand, bis sie am 9. November in einem von den Nazis über das gesamte damalige deutsche Reich entfachten Flammenmeeer versank, die jüdische Synagoge. –

Als der Gründervater vom Forum Juden Christen, Josef Möddel, sich in den 1970er Jahren erstmals auf den jüdischen Friedhof unserer Stadt begab, da fand er ihn verrottet und verwahrlost vor und offenbar auch zum Steinbruch verkommen; denn eine Reihe der Gedenksteine auf den Gräbern war nicht mehr da,

Als nach Wiederherrichtung des Friedhofs Bernhard Grünberg, der mit 15 Jahren als einziger seiner Familie dem Holocaust durch die Flucht mit einem Kindertransport nach England mit geraumer Not entkommen war, als inzwischen betagter Mann nach Lingen zurückkehrte, beschloss er, für seine Familie, die nach Riga verschleppt worden war und im dortigen Ghetto den Tod fand, einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof aufzustellen, und er beschloss auch, sich am Ende seines Lebens an dieser Stelle beisetzen zu lassen. Indessen bedurfte es einiger Mühe, Überzeugungsarbeit und Entschlossenheit, um alle Beteiligten dann auch davon zu überzeugen, dass nur das Wort „ermordet“ als einzig authentische Bezeichnung für den Tod seiner Familie tauge und darum auch so auf diesem Gedenkstein zu stehen habe.

Helga Hanauer schließlich, die als Kind den Holocaust in Holland unter der fürsorglichen Obhut wahrlich gottgefälliger Ordensfrauen überlebt hatte, geriet die völlige Außerachtlassung der Geschichte der jüdischen Familien Lingens während der Naziherrschaft bei der Aufzeichnung der 1000 jährigen Stadtgeschichte – ebenfalls in den 1970-er Jahren – zu aussichtsloser und darum tödlicher Enttäuschung.

Hannah Arendt, die große jüdische Autorin und Vordenkerin hat gesagt:“ Bewältigen können wir die Vergangenheit nicht, so wenig wie wir sie ungeschehen machen können. Wir können uns aber mit ihr abfinden. Die Form, in der dies geschieht, ist indessen die Klage, die aus aller Erinnerung steigt.“ Und sie sagte weiter:“ Sofern es überhaupt ein Bewältigen  der Vergangenheit gibt, besteht es im Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat. Es regt zu immer wiederholendem Erzählen an: der Dichter in seinem sehr allgemeinen, der Geschichtsschreiber in einem sehr speziellen Sinn. haben die Aufgabe, dieses Erzählen in Gang zubringen und uns in ihm anzuleiten.

Wenn wir uns heute hier und in inzwischen guter Tradition alljährlich an die Aufgabe machen, an das Unrecht des Nazitenors zu erinnern  und seiner zahllosen Opfer gedenken, dann versuchen wir das in Hannah Arendts Weise, damit der unvorstellbare, unsägliche und wahnsinnige Völkermord niemals in  Vergessenheit geraten möge; wir tun dies aber auch, um den Millionen. Toten durch  unser Gedenken, wenn es denn Verzeihung und Vergebung kaum, vermutlich nie geben kann. um ihnen allen .durch. unsere Ehrerbietung und die Trauer um das furchtbare Opfer ihres millionenfachen Tods ihre Würde zurückzugeben – die  Menschenwürde, das wichtigste Unterpfand und im Übrigen auch. Organisationsprinzip jeder Gesellschaft, die auf den Grundsätzen des Humanismus oder des Glaubens ihrer Menschen gründet.

Die, Juden und Christen gleichermaßen “Heilige Schrift“ erklärt uns unsere Herkunft gemäß dem Schöpfungsakt im 2. Kapitel des Buches Genesis im 7. Vers:

„Dann formte Gott den Menschen aus der Erde des Ackerbodens und blies in seine Nase den Odem des Lebens. So wurde der Mensch zu (s)einem lebendigen Wesen“. Wir haben gelernt zu sagen: Gott schuf den Mensch nach seinem Bild und Gleichnis. Würde und Menschenwürde, die wir uns zurechnen, sind uns so vom Schöpfer zu Lehen gegeben und an keiner Stelle dieses Buchs oder in einer anderen weltlichen oder Religionsverfassung steht geschrieben, dass sie, die Menschenwürde, nur den einen zukommt und den anderen nicht. Denn nach dem Plan Gottes sind alle  Menschen derselben Abkunft. und ihre Würde ist demselben, seinem Geist geschuldet. Und dennoch haben Christen und Juden, obwohl als Kinder desselben Schöpfers beide gleich, die einen gegen die anderen, sich gleich den biblischen Brüdern Kain und Abel und wie diese gegeneinander erhoben, indem die einen die Ebenbürtigkeit der anderen wie mit dem mörderischen Anschlag des Kain gegen seinen Bruder zunichte machten.

Für die Christen und ihre Kirchen wurde der Antisemitismus zu ihrem Kainsmal und durchzieht seit es Christentum gibt., unheilvoll die Geschichte der Menschheit: Die Ungleichheit von Menschen, das Infragestellen ihrer gleichrangigen Würde, die Idee vom Übermenschen oder der Überlegenheit einer besonderen Rasse, womöglich der so genannten nordischen Rasse, und die mindere Achtung der Kleineren, der Ärmeren, der Anderen – dies alles sind Haltungen, die der Spur der unseligen.Antisemitismus-Ideologie folgen und bis heute wirksam sind: Auch in unserer Gesellschaft – gegen. Migranten, gegen Roma, gegen Analphabeten, Andersgläubige, Homosexelle, gegen Hilfsbedürftige, gegen behinderte Menschen oder gegen die Alten.

Es bedurfte also nicht mehr der Erfindung der faschistischen Ideologie, um sich gegen andere Menschen oder ethnische Gruppen zu stellen – unter der Naziherrschaft dann mit millionenfacher tödlicher Perfektion. Denn nicht die verblendeten und wahnsinnigen Naziherrscher haben diesen Ungeist erfunden, vielmehr ist er, der Antisemitismus, ihm, dem Hitler-Faschismus gleich einer Blaupause in die Hände gefallen und damit, wenn auch ungewollt, zu seinem furchtbaren ideologischen Werkzeug geworden. Der perversen Fähigkeit der terroristischen Nazi-Ideologen war es indessen vorbehalten, sich dieser unsäglichen geistigen Tradition des christlichen Abendlands auf ihre einzigartig teuflische Weise perfekt zu bedienen.

Wenn wir schaffen wollen, was man von uns an diesem Tag, an diesem Abend erwarten darf, erwarten muss, dann haben wir bei unserem Erinnern und Gedenken zu bedenken, dass es auch eine Schuld, mindestens aber eine Mitschuld des gesamten christlichen Abendlands und des traditionellen Christentums gibt, ganz gleich, ob ihre Protagonisten Bischof  Williamson von der Pius-Bruderscbalt oder Martin Luther heißen. Und wir haben weiter zu bedenken, dass das blinde Hinterherlaufen  hinter unreflektierten Vorurteilen, Affekten oder Ideologien, wie wir selbst erlebt haben und wie die Geschichte zeigt, den Anfang vorn Ende einer humanen und miteinander befriedeten Gesellschaft bewirken kann.

Künftiger neuer Schuld werden wir nur entgehen können, wenn wir dies nicht nur immer wieder neu bedenken, d.h. den Tod bringenden Ungeist und seine Wurzeln nie zu vergessen und an seine furchtbare Folge, die Shoah erinnern, die am 9. November 1938 ihren Anfang nahm, sondern auch zu handeln, und zwar Tag für Tag, wie es uns von allem Anfang an durch die Bestimmung des Schöpfers aller Menschen aufgegeben ist und wie es in unserer Verfassung in Artikel 1 gleich  im ersten Satz heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und die Väter unserer Verfassung meinten damit die Würde jedes Menschen. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!

Über eine lebhafte Diskussion zu Heribert Langes Aussagen würde ich mich freuen. Ich teile nicht alles, was er gesagt hat, einzelnes halte ich gar für problematisch. Und Sie?

(Foto © Verein Judentum Christentum)