Bernard

18. Januar 2021

Noch dies:

Bernard Grunberg, den am Samstagnachmittag in seiner englischen Heimatstadt Derby an CoViD-19 verstorbenen Lingener Ehrenbürger, habe ich als sehr bescheidenen, leisen Menschen in Erinnerung. Gerade deshalb verkörperte eine so starke Würde, die ihm selbst nicht abhandenkam, wenn ihn Einzelne für ihre ausgesprochen oberflächlichen Zwecke zu vereinnahmen suchten.

Der stellv. Vorsitzende des Forum Juden-Christen Dr. Walter Höltermann sagte am Sonntag:

Die Mitteilung über den Tod von Bernhard Grünberg hat mich sehr traurig gestimmt,  zumal er uns seit gestern aus der Lingener Tagespost noch mit seinem etwas schelmischen Lächeln grüßt.  Es ist wohl so, wie es Karl Jaspers an Hannah Arendt nach dem Tod deren Mutter geschrieben hat: „Es ist zwar Gang der Natur, dass die Alten sterben. Aber es ist doch ein Anderswerden, wenn die Mutter nicht mehr ist, und der Schmerz tief, wenn auch nicht zerreißend.

Forum-Ehrenpräsident Dr. Heribert Lange schrieb tags zuvor: „Ich bin betroffen und traurig über den Tod eines guten Freundes.

Und Anne-Dore Jakob, eine große Engagierte für die Erinnerung, sagte: „Auch wenn die Sorge um ihn zuletzt groß war, kam die heutige Nachricht doch überraschend. Wir denken an den Verstorbenen und werden Bernhard Grünberg, unseren ältesten Freund, nicht vergessen.“

Erinnernd an den unvergessenen Benno Vocks, der am 21. Februar letzten Jahres verstarb,  schickte Anne-Dore Jakob dazu eine Abschrift des Kapitels „Bernard-Grünberg-Straße“ aus dessen Buch* „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)“:

Bernard-Grünberg-Straße 

Bernard Grünberg verlebt mit seinen Eltern Bendix und Marianne, geb. Valk, und seiner Schwester Gerda zunächst eine sorgenfreie Jugend in der Georgstraße gegenüber dem Gefängnis. Er kommunizierte sogar mit den Strafgefangenen, indem er häufig mit einem Spiegel zu den Strafgefangenen herüberblinzelte. Mit zehn Jahren besuchte er das Gymnasium Georgianum. Dort wurde er nach der Machtergreifung als Jude von seinen Mitschülern angefeindet: „Nur gut, dass ich ein schneller Läufer war und mich so in Sicherheit bringen konnte.“ Als die Attacken zu heftig wurden, ließ ihn sein Vater bei der Umschichtungsstelle in Berlin anmelden. Hier sollten jüdische Jugendliche eine Ausbildung erfahren, um später nach Israel auswandern zu können. In Berlin-Pankow-Niederschönhausen erhielten im Jahre 2014 die Betreiber dieser Umschichtungsstelle, Selma und Paul Latte, die selbst in der Shoa ermordet wurden, einen Straßennamen.
Ein Kindertransport brachte Bernard Ende 1938 ins sichere England. Bei der Fahrt von Berlin begleitete ihn überraschend sein Vater auf der Eisenbahnfahrt von Rheine bis Bentheim. Hier sahen sich beide zum letzten Male. Tags zuvor war Bernards Vater aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt. Dieser 15-jährige Junge war nun ganz allein auf sich gestellt in England. Aber er lebte, während seine Eltern und seine Schwester in Riga und Stutthof ermordet wurden. Zunächst in der Landwirtschaft als Farmer, dann als Lastwagenfahrer und Kfz-Mechaniker ging Bernard Grünberg seinen beruflichen Weg.
Im Jahre 1947 heiratete er seine Frau Daisy. Lange sträubte sich Bernard Grünberg, wieder mit der Stadt Lingen Kontakt aufzunehmen. Heute ist er sehr froh über die vielfältigen Beziehungen und auch stolz auf die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen im Jahre 1993. Bis zum letzten Jahr fuhr er als 91-jähriger selbst mit seinem Auto von Derby zu den jährlichen Besuchen nach Lingen.
Hier erfüllt es ihn immer wieder mit Genugtuung, wenn er vor Schülerklassen als Mahner auftreten kann. Sehr vielen Lingener Jungen und Mädchen in Lingen und Umgebung werden die Begegnungen mit ihm unvergesslich sein. Auch in England ist er im Holocaust-Center Beth Sahlom regelmäßig tätig, um sein Wissen und seine Mahnungen weiterzugeben. Er ist so sehr mit Lingen verbunden, dass er sogar seine letzte Ruhestätte in Lingen finden möchte.
Sein Werkzeug aus seiner Berliner Zeit vermachte er dem Forum Juden-Christen. Auch das schmiedeeiserne Tor vor der Gedenkstätte in der Lookenstraße fertigte er selbst an.
Eines kann Bernard Grünberg nicht nach all seine bitteren Lebenserfahrungen: Vergessen und vergeben. Dazu sei er seinen ermordeten Familienangehörigen und allen weiteren sechs Millionen Opfern des Holocausts verpflichtet. Nur mit seinem Klassenkameraden Walter Demann als Wegbegleiter aus seiner Kindheit nahm er wieder persönlichen Kontakt auf.

Zur Erinnerung schickte Anne-Dore Jakob aus ihrem Wohnort in Berlineine Gesprächsnotiz von ihrem letzten Telefonat mit Bernard Grunberg.

Gesprächsnotiz
Anruf v. Bernard Grunberg am 31. Juli 2020
Bernard, inzwischen 97 Jahre, rief am Abend aus Derby/GB an. Er habe unsere Tel. Nr. mehrfach gewählt, bis er eine Verbindung bekam. Er bedankt sich sehr herzlich für das Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das wir ihm zusammen mit Familie Schottmann-Kurz am 27.  als Gruß aus Niederschönhausen geschickt haben.

Durch die Bilder kämen die Erinnerungen zurück! Besonders die Erlebnisse des Brandes im Sommer 1938 in den Werkstätten von Schlosserei und Tischlerei stünden ihm deutlich vor Augen, und er erzählte davon, als wenn sei es gestern gewesen: 

„Wir wurden am Rand des Geländes zusammengetrieben und mussten dem Treiben zusehen, ohne, dass wir etwas tun konnten. Warum man uns in der „Kristallnacht“ vergessen hat, weiß ich nicht.“

Auf das große Eingangstor aus Holz, rot angestrichen, folgte im Inneren noch eine kleinere Tür. Gut erinnere er sich auch an den Schäferhund von Ruth und Poldi Kuh (Bild S. 79), der sich bei ihrer Unterkunft am Ende der kleinen Straße aufgehalten habe, die über das Gelände ging. Manchmal habe er frei herumlaufen dürfen und habe „aufgepasst.“

Das ganze Buch habe er noch nicht gelesen, aber was er bereits erkennen konnte, habe alles seine Richtigkeit. Er warte aber noch auf eine neue Lesebrille! Durch die vielen Bilder, die auch von ihm stammen, werde die Umschichtungsstelle wieder sehr lebendig! Das Lesen deutscher Texte falle ihm nicht schwer, er könne sie gut verstehen.

Er sprach das Schicksal seiner „holländischen“ Verwandten an, Familie Weinberg aus Groningen (Simon und Emma mit ihren Söhnen Leo und Iwan), wo er viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Die Familie seiner Cousine „Lieschen“ beschäftigt ihn ebenso: Elise de Jong, geb. Groenberg lebte mit ihrem Mann Bob (Benjamin de Jong) und ihrem Sohn Herman Nico (Jg. 1941) in Amsterdam. Beide schickten ihm Taschengeld nach England. Bernard sagte: „Herman Nico könnte heute noch am Leben sein.“

Bernard lässt alle herzlich grüßen!“

Wie deutsch selbst sein Tod noch ist, hab ich mir gesagt. Sein Wille war, in Lingen auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße bestattet zu werden. Die Pandemie, di ihm das Leben nahm, macht die letzte Reise diesen großen, kleinen Mannes ausgesprochen schwierig. Aber wir werden es machen, weil wir Bernard Grunberg heimholen müssen.

Weil ich gefragt wurde:
Die Frage, ob der am Samstag verstorbener Lingener Ehrenbürger Bernard oder Bernhard heißt, ist schnell beantwortet. Bernhard Grünberg hat nach Jahrzehnten in England seinen Namen anglifiziert. Seither trug er den Namen Bernard Grunberg.

Uns bleibt die Frage, wie wir an ihn und die Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn künftig dauerhaft und über den von Benno Vocks porträtierten Straßennamen und über die (viel zu) lange nur geplante, längst überfällige Geschichte unserer Stadt in der NS-Diktatur hinaus erinnern. Das ist eine Aufgabe für den Rat der Stadt, derer er sich würdig zu erweisen hat.


* Benno Vocks,
Lingen wegweisend,
99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)
Anno-Verlag, 216 S., 14,95 €
ISBN 3939256315
Erhältlich hier

Ach, Opa…

11. Oktober 2020

Mein Großvater war Bäckermeister und Mitbegründer der CDU in Lingen. Später war er 17 lange Jahre Bürgermeister unserer Stadt. An ihn wird in Lingen trotzdem nicht erinnert, obwohl mein Großvater es verdient hätte. Zum Beispiel, wie der spätere Oberbürgermeister Bernhard Neuhaus (CDU) wusste, weil Opa von HJ-Leuten in der Schlachterstraße zusammengeschlagen wurde, als er der jüdischen Familie Hanauer Brot gebracht hatte, damit sie etwas zu essen hatte.

Jetzt ist einem aufmerksamen Zeitgenossen eine weitere kleine und, ich sage, fiese Spitze gegen meinen Opa aufgefallen. Auf der neugestalteten Website der Stadt fand er unter „Politik, Rathaus & Service“ in der Rubrik „Ehrenbürger*innen“ dies:

“ … . Bisher ist das Ehrenbürgerrecht in Lingen an folgende Personen verliehen worden“  und es folgen dann die Namen von Martin Kruse, Ruth Foster, Bernhard Grünberg, Karl-Heinz Vehring und Ursula Ramelow. Neben der Anmerkung, dass die Verleihung dieser Ehre  nicht mit einem wie auch immer gearteten formalen, verliehenen oder erworbenen Recht verbunden ist, möchte ich“, schrieb der Mann jetzt an die Stadtverwaltung, „ihre Liste um drei weitere Namen ergänzen, die nämlich bereits am 18. Dezember 1975 mit der Ehrenbürgerwürde geehrt wurden:

– die Ordensfrau der Mauritzer Franziskanerinnen und im St. Bonifatius-Hospital fast 50 Jahre als Krankenschwester tätige Schwester M. Firminia,
– der Mitgründer des Christophoruswerk und Kinderarzt Dr. Engelbert Lindgen und
– Altbürgermeister Robert Koop (sen.).“

Der Brief geht weiter: „Ich nehme an, dass es keine Absicht war, die Liste der Geehrten nicht mit diesen Namen zu beginnen. Wenn aber doch, würde mich Ihre Erklärung dazu sehr interessieren…“ 

Über die Nichterwähnung der mildtätigen Ordensfrau und des selbstlosen Arztes kann ich nur empört den Kopf schütteln, und meinem Großvater möchte ich denn, wenn es möglich wäre, zurufen:

Ach Opa, du kannst ja wenig dafür, dass du so wenig Respekt und Erinnerung in deiner, von deiner Partei regierten Stadt erfährst, nur weil -wie der im Frühjahr verstorbene Pädagoge und Heimathistoriker Benno Vocks sich einmal ironisch ausdrückte- du den falschen Enkel hast und ich auch noch ausgerechnet so heiße, wie du geheißen hast…

Benno Vocks ist tot

26. Februar 2020

Lingen muss um Benno Vocks trauern. Der pensionierte Lingener Lehrer starb nach kurzer schwerer Krankheit am vergangenen Freitag in der Universitätsklinik in Münster. Benno Vocks wurde 75 Jahre alt. Er hinterlässt seine Frau Margret, zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Unsere Stadt hat mit ihm einen bemerkenswert engagierten, feinfühligen Mann verloren. Bis zu seiner Pensionierung 2009 war Benno Vocks insgesamt 39 Jahre (!) Konrektor an der Marienschule.  Er war seinen Schülern und Kollegen das, was wir alle uns von einem Lehrer wünschen: Ein Vorbild, ein wirklicher Pädagoge, der seine Schülerinnen und Schüler mit Dingen vertraut machte, die sie nicht kannten. In Erinnerung ist, wie er in den 90er Jahren eine Schulklasse im Selbstverlag ein Buch über Straßennamen in Lingen verfassen, wie er überhaupt mit seinen Schülerinnen und Schüler an der Marienschule gern Projekte über die Lingener Lokalgeschichte erarbeitete, zum Beispiel die Suche nach Erinnerungen zur NS-Zeit in der eigenen Familie.

Schreiben über das, was war, war ihm immer besonders wichtig. Vor einigen Jahren durfte ich ihn zusammen mit Frank Krümmer vom Anno-Verlag Ahlen (Westf) überzeugen, die Idee mit den Straßennamen wiederaufzugreifen: In den Monaten danach entstand aus seiner Feder das Buch „Lingen wegweisend“, in dem Benno Vocks in Kurzbiografien, Fotos und Illustrationen 99 Straßennamen seiner Heimatstadt erklärte –  ein Lieblingsprojekt des Pädagogen. Bei der Präsentation im Herbst 2015 meinte er, das Schreiben dieses Buches sei so gewesen wie „Kreuzberger Nächte – Erst fang’se ganz langsam an, aber dann, aber dann!“ Und er gab den Tipp: „Das Buch ist nicht wie ein Roman zu lesen. Lesen, amüsieren, weglegen – aber nicht zu weit.“

Beim TuS Lingen war der Fußballfan Benno Vocks jahrelang hinter den Kulissen tätig. Er war für die kleine, feine Stadionzeitung  verantwortlich, erstellte 2010 die große Festschrift zur 100-Jahrfeier des traditionsreichen Lingener Fußballvereins, und nebenbei arbeitete er auch als Hallensprecher bei Fußballturnieren.

Zeitlebens aber berührte ihn die Geschichte und das Schicksal der Lingener Juden. Engagiert arbeitete er deshalb im Vorstand des Forum Juden Christen mit, organisierte so manche Reisen zu Stätten des Judentums in den Niederlanden und war bei Gedenkfeiern und der Verlegung von Stolpersteinen aktiv. Noch Ende vergangenen Jahres zeichnete er maßgeblich für die Neuauflage der Broschüre „Stolpersteine. Ein Wegweiser für die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Lingen (Ems) – Ein Stadtrundgang“ mitverantwortlich.

Benno Vocks  begründete auch die Kooperation zwischen dem Forum Juden Christen und dem Heimatverein Lingen (Ems), in dem er sich engagierte. Vor drei Jahren mobilisierte er seinen Freund Georg Henrichs und mich, mit ihm nach Osten zu fahren, um dort einen -wie er sagte- „Ost-West-Krimi zwischen Lingen und Pritzwalk“ nachzuzeichnen, der 1960 für Aufsehen gesorgt hatte. Vereinbart hatte der Heimathistoriker dies mit einem Pädagogenkollegen aus Pritzwalk, den er aus Anlass eines lokalgeschichtlichen Wettbewerbs des Bundespräsidenten vor 20 Jahren in Hamburg getroffen hatte.  Er war ein begeisterter Geschichtsforscher. Googeln Sie ihn einfach, wenn Sie ihn nicht kannten.

Benno Vocks war sportlich wie nicht viele in seinem Alter. Wandern und Radfahren waren seine bevorzugten Freizeitaktivitäten, und immer gab es ein freundliches Wort für die vielen Lingenerinnen und Lingener, die er unterwegs traf.  Jetzt gibt es Benno Vocks immer noch in seinen Zeilen, in Interviews mit dem lokalen Radio und vor allem in unseren Erinnerungen. Er wird unserer Stadt und ihren Menschen sehr fehlen.


Update: Die Trauerfeier für Benno Vocks hat am Freitag, 6. März, stattgefunden. Im Mittelpunkt stand die Trauerrede des kath. Geistlichen Christoph Höckelmann (Thuine), die mich sehr bewegt hat. Hier der Text.

Foto: Benno Vocks © Johannes Franke, Lingener Tagespost

allen voran

19. September 2018

Gestern hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Lingen fünf weitere Stolpersteine verlegt (Foto). Dabei gab es neben manch anderen bedenkenswerten Beiträge – vor allem von Schülerinnen und Schülern der beiden Lingener Gymnasien Georgianum und Franziskus- zwei Reden, die cuh hier im Wortlaut wiedergeben möchte. Der Vorsitzendes des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, sprach eingangs der Verlegung der Stolpersteine und der Erste Bürgermeister Heinz Tellmann ganau Ende diese bemerkenswerten Worte:

Dr. Heribert Lange (Foum Juden-Christen)
Guten Morgen, meine Damen und Herren, guten Morgen lieber Gunter Demnig, l….
Seien Sie herzlich willkommen zur heutigen, wahrscheinlich letzten Stolpersteinverlegung, die einmal mehr, also auch diesmal Gertrud-Anne Scherger zusammen mit Benno Vocks vom Forum Juden-Christen vorbereitet hat.
Herzlich willkommen heiße ich auch die Sponsoren dieser Stolpersteine, die, soweit sie es einrichten konnten, heute Morgen dabei sind: Herr Dr. Adams, Herrn Aehling, Herrn Bröring, Frau Kläsener i,V. Dr. Reitemeyer vom LWH. und Herrn Oldiges
Und ich bin den Mitarbeitern des Bauhofs der Stadt Lingen dankbar, die Gunter
Demnig bereits vorgearbeitet haben, und anschließend auch noch nacharbeiten werden.
Lassen Sie mich bitte mit  dem Ende eines Satzes beginnen, der mir im Zusammenhang mit einem anderen, in der jüngsten politischen Debatte gefallenen Satz wieder in den Sinn gekommen ist. Er war als Resumé gemeint und lautet:

„ … dem internationalen Judentum, dem wir dies alles zu verdanken haben.“

Es ist einer der letzten Sätze Adolf Hitlers, die er am Ende seines sogenannten Poltischen Testaments und nur wenige Tage vor seinem Freitod am Ende des Kriegs, genau am 19.04.1945, geschrieben hat. Damit waren die Juden nach Hitlers unsäglicher Lesart nicht nur verantwortlich für all das, was ihnen schon vor Hitlers Machtergreifung ebenfalls von ihm, z.B. in „Mein Kampf“, angelastet worden war, sondern nun auch für den nachfolgende zweiten Weltkrieg, für 60 Millionen Kriegstote und sogar für den Holocaust, den Hitler und Himmler zur Auslöschung des europäischen Judentums ja nun wirklich selbst geplant und realisiert hatten.

Wir wissen um die mörderischen und infernalischen Folgen der hirnlosen Hass-deologie der Faschisten und wir wissen um die gesellschaftliche, zivilisatorische und moralische Katastrophe, die damit einherging. Und inzwischen wissen wir auch, dass Hitler in seinen besten Zeiten furchtbarerweise sogar die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit dieser Sündenbock-Bestimmung hinter sich wissen konnte.

Stolpersteine haben wir in Lingen inzwischen für 44 jüdische Menschen verlegt, Heute werden es 49 werden. Sie zeugen von den Menschen und ihren Schicksa-en, die millionenfach Opfer Hitlers grundloser und sinnloser Mordmaschinerie wurden:
Es sind Meier Herz, Johanna Lewald, Johanna Moses, Andreas und Julia Os. Wir erinnern mit den Stolpersteinen für sie – und ihren Namenszügen darauf – an Menschen jüdischen Glaubens aus Lingen, an das schreckliche Unrecht, das ihnen widerfuhr, als sie zu Sündenböcken dieser Gesellschaft, zu Rassewesen, Untermenschen und zu Volksfeinden erklärt wurden, die ausgerottet gehörten.

Wir erinnern an den Verlust ihres Lebensrechts und ihrer Menschenrechte, und wir erinnern an ihre schließliche Auslöschung im Holocaust

Wir gedenken ihrer heute zutiefst beschämt, und mit dem guten und dem festen Willlen, ihr Ansehen und ihre Ehre und ihre Menschenwürde wiederherzustel-len, und unserer Erinnerung an sie ein menschliches Antlitz zu geben, von dem Juden und Christen im Buch Genesis der Hebräischen Bibel lesen:“ Und er schuf den Menschen nach seinem Bilde und Gleichnis“. Darum sind Stolpersteine nötig und darum sind sie unverzichtbar. Und darum kann man schlechterdings auch dem Satz aus dem Munde eines der aufgeregten Fans aus der Lingener Motorsportszene nicht zustimmen, mit dem ich neulich angeblafft wurde:

„Das, ….na, Sie wissen schon … Museum ist mir wichtiger als all‘ Ihre Stolpersteine, die Sie, also wir, verlegt haben.“

Da fällt mir dann immer nur der für diesen Zusammenhang komplementäre Satz
ein: „Wehret den Anfängen“ – und Ihnen, die sich hier heute Morgen zusammen mit uns zur Ehre dieser Opfer des faschistischen Nationalsozialismus und zu ihrem Gedenken versammelt haben, ganz gewiß auch. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld.

 

Erster Bürgermeister Heinz Tellmann (Stadt Lingen (Ems))

„…Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Die vorerst – vielleicht auch endgültig- letzten Stolpersteine sind verlegt worden. Ich danke ihnen allen, dass sie an dieser Aktion heute teilgenommen haben, um ein wichtiges Zeichen der Erinnerung zu setzen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ lautet eine alte jüdische Weisheit. Oder anders gesagt: Solange man sich an einen Verstorbenen erinnert, bleibt er lebendig.

Die Erinnerung an die verstorbenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger lebendig zu halten, sie zu bewahren und zu verbreiten – dieser großen Herausforderung hat sich das Forum Juden-Christen gestellt

Heute eingerechnet sind nun 49 Stolpersteine seit 2005 in unserer Stadt verlegt worden. 49 Stolpersteine, die jeder für sich ein Stück Stadtgeschichte erzählen und damit an eines der dunkelsten Kapitel Deutschlands erinnern. Sie erzählen von der Geschichte, von den unerfüllten Hoffnungen und Träumen unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden.

Heute haben Sie, verehrter Herr Gunter Demnig, weitere Stolpersteine in das Pflaster unserer Straßen eingelassen und fest verankert. Es sind die Steine für Meier Herz, Johanna Lewald, Johanna Moses, Andreas und Julia Os.

Vor den ehemaligen Wohnhäusern dieser Lingener Bürgerinnen und Bürger sollen die Stolpersteine künftig die Erinnerung an das unermessliche Leid, das ihnen widerfahren ist und an das persönliche Schicksal dieser Menschen wach halten. Hinter jedem Stein steht ein Mensch, der in unserer Stadt zum Opfer wurde. Durch die Stolpersteine bekommen diese Menschen nach so vielen Jahren heute nun einen Namen und ein Gesicht.

Meine Damen und Herren, „wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“ mahnte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Wir wollen unsere Augen nicht vor der Vergangenheit verschließen. Die Stolpersteine sollen uns am Vergessen hindern. Stolpern sollen wir über diese kleinen Messingsteine, die uns in den Weg gelegt wurden, um uns zu erinnern. Der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken ist schmerzlich. Und trotzdem: Sich an den Terror und die Gewalt der nationalsozialistischen Diktatur zu erinnern ist Pflicht.

Der Opfer und Leidtragenden zu gedenken und immer aufs Neue zu mahnen, dass Ähnliches nie wieder geschehen darf, ist eine Verpflichtung für uns alle! Heute scheinen zu viele zu vergessen, welches unsägliche Leid diese Diktatur gebracht hat und zu viele scheinen auch zu vergessen, welch hohes Gut unsere Demokratie und unsere Freiheit eigentlich ist und wie sehr unsere Vorfahren dafür gekämpft haben. Deshalb brauchen wir Mahnmale und Gedenkstätten dringender denn je. Wir müssen Menschen aufmerksam machen auf das Schicksal der Opfer, und zwar Menschen aller Generationen.

Das Erinnern darf nicht aussterben. Mit den Stolpersteinen haben wir in Lingen heute erneut ein Zeichen gegen Gleichgültigkeit gesetzt und halten das Gedenken am Leben.

Mein Dank gilt an dieser Stelle deshalb insbesondere den Initiatoren des Stolperstein-Projektes – allen voran dem ehemaligen Ratsherrn Gerhard Kastein – der trotz Gegenwind – ich kann mich noch gut erinnern- nicht von dieser Idee abließ, diese Form des Gedenkens in Lingen umzusetzen. Dafür gilt dir noch heute mein ganz persönlicher Respekt.

Zudem möchte ich auch Frau .Anne Scherger für Ihre unermüdliche und sicherlich auch oft mühsame Recherchearbeit danken. Herrn Benno Vocks gilt mein Dank für die Organisation des heutigen Tages und die Organisation auch der letzten Verlegungen sowie natürlich Herrn Dr. Heribert Lange und allen Mitgliedern des Forums Juden-Christen für ihre Unterstützung- für ihre Erinnerungsarbeit insgesamt.

Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, danke ich für die inhaltliche Gestaltung heute! Ich würde mir wünschen, dass ihr diese Gedanken mit in euren Alltag tragt.Davon erzählt – das gilt auch natürlich für die Erwachsenen. Herzlichen Dank auch den verantwortlichen Lehrern. Ich danke aber auch den zahlreichen Paten der Stolpersteine – und zwar ausdrücklich allen Paten der 49 Steine in Lingen. Zu ihnen zählen Vereinsmitglieder, Privatpersonen, Schulen, das KiJuPa, der Stadtjugendring und die Kivelinge. Meinen herzlichen Dank möchte ich zudem dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig aussprechen, der unermüdlich Stolpersteine in ganz Deutschland und Europa verlegt, um an die Verfolgten und Ermordeten zu erinnern.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns heute gemeinsam unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedenken. Lassen Sie uns die Namen der Opfer des Nationalsozialismus nicht vergessen – lassen Sie uns die Erinnerung lebendig halten!


Foto: Gunter Deming, Verlegung von Stolpersteinen am 18. Sept. 2018, Foto  unten: Stolperstein für Johanna Lewald CC Robertsblog

Wortlaut

10. November 2017

Hier der Wortlaut der Rede von Benno Vocks bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 gestern Abend am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen(Ems):

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie hier am Gedenkort Jüdische Schule ganz herzlich begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt dem „Lingener Flüchtlingsforum für Integratiuon und Menschenrechte“  mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Jean-Marie Minani. Dieses Forum bemüht sich um eine selbständige und verbesserte Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern einerseits und den Behörden und Bewohnern unserer Stadt andererseits….

In Lingen wurde zweimal gefackelt am 9. November 1938. Welch großer Kontrast – welch beklemmender Zusammenhang!

Wie die Zeitung Neue Volksblätter vermeldete, loderten zu beiden Seiten des Saales der Wilhelmshöhe Hunderte von Fackeln zu Ehren der Opfer der Bewegung am 9. November 1923, dem Tag des Hitler-Putsches in München. Zuvor hatte man am Kriegerehrenmal am Neuen Friedhof die Toten geehrt und anschließend gingen die Nationalsozialisten zum Grab von Gottfried Talle.

Dieser Lingener Polizist, der keiner Nazi-Organisation angehörte, war im Jahre 1932 als Polizist in Bremen bei einer kommunistischen Gegendemonstration gegen Nationalsozialisten durch eine Bombenexplosion ums Leben gekommen. Ihn vereinnahmte der hiesige Bürgermeister dreist und verlogen bei seiner Rede als Kämpfer und Opfer für Hitler.

Stunden später loderten die Flammen zum zweiten Mal in Lingen: hier in der jüdischen Synagoge. Und die Reaktion dazu in der Lingener Zeitung? Keine!

Wohl aber lesen wir Aussagen von Joseph Goebbels zu dem Mord des 17jährigen Herschel Grünspan an den deutschen Botschafter von Rath in Paris. Ich zitiere: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Mord hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr die strenge Aufforderung, von allen weiteren Maßnahmen gegen das Judentum abzusehen. Die endgültige Antwort auf dieses Verbrechen wird auf dem Wege der Gesetzgebung gegen das Judentum erteilt werden.

An anderer Stelle lesen wir: Trotzdem hat sich die Vergeltungsaktion gegen die Juden in einer äußerst disziplinierten Form vollzogen. In Deutschland wurde nicht einem Juden ein Haar gekrümmt.  Zitat Ende

Und geschah hier in Lingen am nächsten Tag? Mit Fredy Markreich, dessen Geschäft in der Großen Straße ausgeplündert und zerstört wurde? Mit Hugo Hanauer? Mit Wilhelm Heilbronn, dem Vater von Ruth Foster? Mit Neumann Okunski, der halbangezogen die Treppe heruntergeworfen wurde – hier gegenüber? Mit dem Synagogenvorsteher Jakob Wolff? Mit Bendix Grünberg, dessen Sohn [und Ehrenbürger der Stadt Lingen(Ems)] Bernard sich hoffentlich nach seiner Operation erholen und im nächsten Frühjahr hier seinen 95. Geburtstag feiern kann.

Diese sechs Lingener Mitbürger wurden ins KZ Buchenwald verschleppt und Wochen später nach ihrer sogenannten Freilassung unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verpflichtet.

Lassen Sie mich nun einige persönliche Gedanken aufgreifen: Im Jahre 1963 lasen wir Schüler mit Dr. Göken im Deutschunterricht am Georgianum die Erzählung von Albrecht Goes: Das Brandopfer.

In dieser Erzählung geht es darum, dass eine Metzgersfrau in einer deutschen Kleinstadt dazu bestimmt ist, als einzige knapp vor dem Sabbat Fleisch an die Juden auszugeben. Ihre winzigen Möglichkeiten zu helfen bestehen darin, eventuell eine Nachricht von einer Jüdin zur anderen in das Papier der minimalen Fleischration einzuwickeln oder ein freundliches Wort zu wechseln.

Bei einem Bombenalarm während des Krieges bleibt sie in ihrer Wohnung. Sie will sich in ihrer Barmherzigkeit opfern wegen ihrer Schwäche und vermeintlichen Schuld. Sie wird aber von einem Juden aus dem brennenden Haus geborgen. Diesem war wegen seines Judensterns auf dem Mantel der Zutritt zum Bunker verweigert worden. Das Opfer wird aber von Gott, wie der Theologe Albrecht Goes sagt, nicht angenommen. Aber seit diesem Zeitpunkt nimmt die Metzgersfrau als Zeichen ihrer „passiven Schuld“ ein Brandmal in ihrem Gesicht an.

Ein Satz aus dieser Erzählung ist seit meiner Schülerzeit mir äußerst intensiv im Gedächtnis hängengeblieben:

Sabine, die Tochter eines jüdischen Verlegers, fragt zunächst ihre Mutter nach dem Verbleib ihrer Freundin Rebecca, die plötzlich verschwunden ist: Die Mutter sagt aus Angst vor der Wahrheit mit dem Satz „Sie ist verreist!“ die zweifache Unwahrheit. Sie ist nicht VERREIST. Und wenn schon: Dann WAR sie verreist. Sabine löchert nun ihren Vater immer wieder „Wo ist Rebecca?“, bis er antwortet: REBECCA IST IN DIR!

Rebekka ist in dir. Ist das nicht auch immer wieder unser Auftrag: sie, die Ermordeten in uns aufzunehmen, ihrer zu gedenken und ihnen wieder einen Namen zu geben?

Schauen wir nur auf diese Gedenktafel, auf Straßennamen und die Stolpersteine in unserer Stadt.

Auch die Probleme der heutigen Flüchtlinge und Asylbewerber werden Fall identischer, wenn wir nicht von DEN Flüchtlingen und Asylbewerbern sprechen, sondern sie beim Namen nennen, zum Beispiel Ahmed oder Saphira, Mahmood oder Okbeab, so wie es auch sicher die Flüchtlingshelfer unter uns machen.

Wir wollen gleich anschließend bei der Mahnwache an dem Stolperstein zwischen altem Krankenhaus und der Stadtbücherei der unscheinbaren Frau Henriette Flatow wieder einen Namen geben und die Erinnerung an sie und die anderen ermordeten Mitbürger in uns tragen. Zu dieser Mahnwache mit Herrn Kastein darf ich Sie noch sehr gerne einladen.“

Lingen 1960

12. Oktober 2017

 

Im Jahre 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, besuchte eine Delegation aus Pritzwalk die Stadt Lingen (Ems), um die „wahren Verhältnisse“ in der DDR darzulegen. Doch die Situation eskalierte. Mittendrin Lingens damaliger Bürgermeister Robert Koop (CDU). Ein spannendes Thema aus der Zeit des Kalten Krieges,  über das Benno Vocks im Rahmen einer Veranstaltung des Heimatvereins Lingen ( Ems) am kommenden Dienstag, 17. Oktober 2017 referiert. Angehörige der damaligen Protagonisten aus Lingen und Pritzwalk diskutieren mit; darunter auch der Betreiber dieses kleinen Blogs.

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99 Straßen

6. Februar 2016

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Zu Gast im Ems-Vechte-Welle Mittagsgespräch war am vergangenen Donnerstag Benno Vocks aus Lingen. Der ehemalige Konrektor hat in den letzten beiden Jahren das Buch „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Wege und Plätze: Porträts und Geschichten“ geschrieben. Benno Vocks erzählte von seinen Recherchearbeiten zu dem Buch und gibt einige Beispiele, nach welchen berühmten und auch weniger berühmten Persönlichkeiten in Lingen (Ems) Straßen benannt sind.

Das im Anno-Verlag Ahlen erschienene Buch (ISBN 978-3-939256-31-1) ist zum Preise von  14.95 € in allen Buchhandlungen in Lingen erhältlich. Bei weiteren Fragen, steht Benno Vocks per E-Mail Rede und Antwort, und er gibt auch Tipps: Vocks(at)freenet.de

Doppelspitze

27. April 2012

Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen wird jetztvon den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heribert Lange und Michael Fuest als Doppelspitze geleitet.  Simon Göhler wurde zum Kassierer gewählt; er tritt damit die Nachfolge von Ingrid Hartmann an. Als weiteren Beisitzer wählte die Versammlung Benno Vocks.

Zuvor hatten die Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung am Mittwochabend im Gedenkort „Jüdische Schule“  Dr. Walter Klöppel einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Er hatte zuvor seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. In einer besonders schwierigen Phase hatte Klöppel 2005 den Vorsitz des in den 1970er Jahren gegründeten Vereins übernommen. Das Forum  hatte sich seinerzeit mit der Renovierung des Jüdischen Bethauses in Freren völlig übernommen.  Der damalige Landrat Hermann Bröring machte seinerzeit seine Unterstützung davon abhängig, dass der eher sozialdemokratisch ausgerichtete Vorstand des Forum unter dem rührigen Baccumer Reinhold Hoffmann zurücktrat. CDU-Mann Klöppel war der von Bröring akzeptierte, vom damaligen OB Heiner Pott unterstützte Mann für den Vorsitz;  der engagierte Katholik war von 1991 bis 2003 Leiter des Katholischen Büros in Hannover und davor Leiter des Ludwig Windthorst Hauses in Lingen gewesen. Mit ihm an der Spitze ergriffen die übrigen Vorstandmitgliedern die vom Landkreis und der Sparkasse Emsland getragenen notwendigen Sanierungsmaßnahmen. „Walter Klöppel hat unser Forum auf einen guten und unverwechselbaren Kurs gebracht, war ein wichtiger Ideengeber und geduldiger Mittler“, sagte der amtierende Vorsitzende Dr. Heribert Lange.

Anne Scherger stellte im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung  den Stand in Sachen „Stolpersteine“ vor. Zwölf weitere Stolpersteine mit den eingravierten Namen der Holocaust-Opfer werden am kommenden 13. Juni vom Künstler Gunter Demnig aus Köln verlegt. Auch der 89jährige Lingener Ehrenbürger Bernard Grünberg will an dieser Veranstaltung teilnehmen.

Anne Scherger: „Die dazu geplante Veranstaltung  steht in der langjährigen Tradition unserer Erinnerungsarbeit, die mit den ersten Arbeiten am jüdischen Friedhof,  mit der Einrichtung der jüdischen Schule in Lingen und dem Gebetshaus in Freren begonnen und mit der Verlegung von bisher 26 Stolpersteinen in den letzten Jahren fortgeführt wurde. Uns ist es gelungen, diese Steine durch Spenden zu finanzieren, es wurden auch Patenschaften für die Steine übernommen. Parallel dazu wurde in Zusammenarbeit mit dem früheren Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling und seinem Nachfolger Dr. Stephan Schwenke eine Broschüre erarbeitet, die über das Schicksal der Lingener Juden informieren und noch in diesem Jahr erscheinen soll“, freute sich Anne Scherger. Akribisch erforscht sie seit vielen Jahren das Schicksal der Lingener Juden.

Abschließend stellte Dr. Lange das geplante Programm für 2012/13 vor, zu dem neben Ausstellungen und Exkursionen auch wieder gemeinsame Veranstaltungen mit jüdischen Mitbürgern in Lingen und Freren sowie die inzwischen schon traditionellen Lehrhausgespräche im kommenden Winterhalbjahr in der Jüdischen Schule gehören.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden–Christen, Altkreis Lingen eV; Stolpersteine (c) SPD Lingen)

Gala

22. August 2010


Zusammen mit meiner Frau Annette, Martin Heitker (BN) und Sabine Stüting war ich gestern Abend Gast des TuS Lingen. Was soll ich sagen: Der TuS präsentierte sich und seine jetzt hundertjährige Geschichte bei einem Fest in Halle IV, und dieses Fest war ein Genuss, exakt so, wie ich mir die Geburtstagsfeier eines Jubilars vorstelle. Garant für den Erfolg des Abend war dabei Werner Hansch, der traditionell gern beim TuS gesehene Medienprofi.

Top informiert führt der Dortmunder durch den Abend, der dank Hansch‘ Lockerheit stets spannend und informativ blieb und zu keinem ermüdenden Grußwort-Zeremoniell wird. Seine Interviews mit Physiotherapeut Gerd Cardinal („Damals waren wir dritte Liga, jetzt hab ich die Mannschaft in die siebte Liga ‚runtermassiert“), TuS-Macher Gregor Menger („Bin kein Bayern-Fan, aber als Bayern hier bei uns war, war das schon absolut professionell!“) und Festschriftautor Benno Vocks („Nein, ich bin kein Lehrer. Bin ein Lehrer gewesen.“) sind Highlights. Zu keinem Zeitpunkt wird es langweilig. Die Stegmann-Zwillinge finden bei ihren Darbietungen die ganze Aufmerksamkeit von 400 Fußballern und ihren Gästen. Franz Liszts ungarische Rhapsody Nr. 2 auf einem Fußballfest. Das beeindruckt. Die Festschrift ist wirklich ein Hingucker – ein Buch, das Benno Vocks in vierjähriger Arbeit konzipiert und zusammengetragen hat, die Nazi-Zeit nicht ausspart und das durch eine werbewirksam überreichte Spende von „RWE Power“ finanziert ist.

Sabine Stüting folgt beeindruckt der Musik, dann amüsiert wie interessiert den launigen Wortbeiträgen, von TuS-Sprecher Reinhard Klus bis zur munteren Reihe der gratulierenden Nachbarvereine („Hier noch ein Flachgeschenk“) und des TuS-Fanclubs. Besonders interessiert ist sie am tatsächlich einmaligen TuS-Projekt mittendrin, der Integration behinderter Sportler in den Vereinsbetrieb. Sie fragt mich nach Mädchenmannschaften und danach, wie die gleich  mehrfach angesprochenen Zusammenarbeit der Lingener Fußballvereine im Jugendbereich („der demografische Wandel, jaja auch hier.“) gedacht sein könnte. Eine Annäherung der jungen OB-Kandidatin an die ihr sonst nicht ganz so nahe Fußballwelt, auf die ihre fünf männlichen Konkurrenten an diesem Abend verzichten. Keiner ist gekommen. Reinhard Janning, Vorsitzender des SV Holthausen-Biene, erwähnt, dass sein Verein 1922 gegründet sei. Die Hundertjahrfeier der Biener wäre dann ja, sagt meine Nachbarin, mitten in der zweiten Wahlperiode von Oberbürgermeisterin Sabine Stüting, Sabine  lacht, als sie es hört.

Es ist spät geworden gestern, aber jede Minute hat sich gelohnt. Danke an  Gregor Menger, Reinhard Klus, Siegfried („Siggi“) Lüpken und Karl-Josef („Jupp“) Reisloh – die Macher des modernen TuS Lingen.