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8. September 2011

Lingen, Burgstraße 7

und Sie sehen, wie man ein historisches Gebäude durch gezielt-angeflanschte Radweg-Hinweise effektiv verschönern kann. Das wirklich Deprimierende ist, dass die Arbeiter sich auch noch richtig Mühe gegeben haben, das (an dieser Stelle überflüssige) Radwegeschild zusammenzuschrauben. Und das Werk ist völlig missglückt. Denn merke: Ein Rosenstock  und Bentheimer Sandstein haben unbedingt  in den Hintergrund zu treten, wenn Emsländisch-Wegweisendes Richtung Freren, Gauerbach, Brögbern, Meppen und andernorts zu präsentieren ist..

Und um die Kritik abzurunden: Nicht weniger beeindruckt auf dem  historisierenden „Burgstrasse“-Straßenschild die Beachtung der Rechtschreibregeln, nach der man das stimmlose s als doppeltes ss nach kurzem Selbstlaut (= Vokal) schreibt, aber ß  nach langen Selbstlauten (= Vokalen). Sie verstehen? Strasse oder Straaaaaaaße?

Dann zieren auch noch ein Warnblinklicht mit Schalter nebst  eine Verteilerdose  die Hausfassade des  Baudenkmals. Danke an die großartige Versicherung, die solches vom Eigentümer verlangt. Goldschmiedin Uschi, wem muss ich schreiben, um den Charakter dieses 356 Jahre alten, für Lingens „Stadtarchitektur so bedeutenden Haustyps“ (Baldur Köster, in: Lingen – Architektur im Wandel, München 1988) zu bewahren?

Chance

1. Mai 2010

Das Ende der beiden letzten Baudenkmale in der mittleren Marienstraße naht. Nun gibt es Zeitgenossen, die das ganz ok und Denkmalschutz überflüssig finden. Ein Kollege meiner Frau beispielsweise meinte, das ehemalige „Hotel zur Post“ sei ja so verkommen, das müsse einfach weg. Dass dies am Vertragsbruch des Kaufmanns Josef Berning liegt, war ihm egal. Tatsächlich liegt für den Abriss des „Hotel zur Post“  aktuell ein neuer Bauantrag vor. Anschließend wird nichts Denkmalartiges mehr bleiben. Nur ein bisschen Fassade vor einem schuhkartonartigen Putzklotz bis zur Straße am Pulverturm. Natürlich nur Kommerz und ohne Innenstadtwohnungen. Die Fassadenstücke bleiben, damit Investor Berning  Steuern sparen kann.
Auch die Nachbar-Villa Marienstraße 14 ist vor ein paar Wochen an einen „Investor“ verkauft worden. Der will an der rückwärtigen Seite einen weißen Putzbau an das Denkmal kleben und vorn einen eckigen Glaszugang mit in die Fassade hineingebrochenem Zugang (Planskizze re.). Im Ausschuss wurde der Katastrophenplan Eckige-Glastür-vor-gerundetes-Zielmauerwerk beklatscht. Die bisweilen etwas eigensinnig wirkende Ratskollegin Birgit Kemmer übernahm den Part von Renate Seiler (CDU) und jubelte: „Gut, dass überhaupt etwas passiert“ und CDU-Ratsherr Dr. Karl-Heinz Vehring jun. schwadronierte etwas über „alt und neu, das immer gut“ zusammenpasse. Dabei ist für jeden sichtbar, dass das Planvorhaben Marienstraße 14 mit dem Schutz eines Baudenkmals soviel zu tun hat wie die Arbeit des noch amtierenden Stadtbaurats L. mit kluger Stadtgestaltung. Nichts.

Baldur Köster (Berlin) hat bekanntlich über Lingens Architektur bis 1930 ein aufschlussreiches Buch geschrieben, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt (Interesse?). Ich erinnere mich noch daran, wie klug der damalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann in den 1980er Jahren in den Ratsausschüssen für die Finanzierung dieses Werkes warb. Im Nachhinein ist Kösters Bestandsaufnahme sicherlich ein Glücksfall für die Stadt (und gleichermaßen ein Vermächtnis von Nikolaus Neumann).

Nach Köster entstand die Villa Marienstraße 14 zwischen 1875 und 1890: „Es ist das erste, das sich von der Straßenflucht zurückzieht und als Trennung zwischen öffentlicher Straße und individuellem Wohnen einen schmalen, aber privaten Vorgarten einschiebt, und darüber hinaus den Eingang von der Straßenseite sichtgeschützter an die Nebenseite verlegt“, schreibt der Architekturkritiker. Das gab „es bis dahin nur bei herrschaftlichen Häusern; die Vorliebe zum „individuellen Wohnen“ dauert bis heute an.“

Und während ich Freitagfrüh darüber nachdachte, ob man vor jeder Plaungs- und Bauausschusssitzung den Stadtbaurat L. ein Kapitel aus Kösters Buch vorlesen lassen solle, damit dieser Oldenburger Importkaufmann unsere Stadt kennen lernt und die Ratskollegen zugleich mehr Sensibilität für Stadtkultur und Stadtgeschichte entwickeln können, las ich Beeindruckendes: Das Bundesverfassungsgericht hat die hohe Bedeutung des Denkmalschutzes betont. In einem am Donnerstag veröffentlichten Beschluss verwarfen die Karlsruher Richter die Verfassungsbeschwerde eines Mannes, dem die Genehmigung für den Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudes versagt worden war. Er müsse seine Investitionsabsichten dem Gemeinwohl, dem Denkmalschutz unterordnen.

In Lingen feixen die Verantwortlichen im Chor mit den Investoren über solche Meinungen. In unserem Städtchen  braucht niemand vor das Verfassungsgericht zu ziehen. Da haben „Geld-in-die-Hand“-Abrisse Tradition und Denkmalschutz hat in Lingen (Ems), zumal unter Stadtbaurat L., praktisch keine Bedeutung. Statt dessen wird die Stadt durch die vielen, von Stadtbaurat L. zu verantwortenden architektonischen Sünden missgestaltet. (Skeptisch? Nun, dann stellen Sie sich einfach auf den Marktplatz und schauen auf das, was wuchtig zwischen Rathaus und Posthalterei am Ende der Großen Straße wächst…)

Nach Ansicht des Verfassungsgerichts beeinträchtigt eine versagte Abrissgenehmigung zwar die Eigentümerbefugnisse, sie belaste aber grundsätzlich nicht unverhältnismäßig. Angesichts des „hohen Ranges des Denkmalschutzes“ müsse der Eigentümer es grundsätzlich hinnehmen, dass ihm möglicherweise eine rentablere Nutzung des Grundstücks verwehrt werde. Das Eigentumsgrundrecht schütze „nicht die einträglichste Nutzung des Eigentums“. Anders liege der Fall dann, „wenn für ein geschütztes Baudenkmal (internationales Baudenkmalzeichen lks.)  keinerlei sinnvolle Nutzungsmöglichkeit mehr besteht“.

Dann weist das Verfassungsgericht noch darauf hin, dass die Sozialbindung maßgeblich auch davon beeinflusst wird, ob ein Eigentümer die entsprechende Belastung gekannt oder „zumindest das Risiko einer solchen Belastung beim Grundstückserwerb bewusst in Kauf genommen hat (vgl. BVerfGE 102, 1 <21 f.>)“. In Lingen hingegen will Stadtbaurat L. sogar Denkmal-Abrisse genehmigen, obwohl sich Eigentümer Josef Berning 2005 im städtebaulichen Vertrag mit der Stadt zum Erhalt des Denkmals Marienstraße 16 verpflichtet hat und deshalb zur Belohnung auch noch das Restgrundstück zu 100 % bebauen darf, was vorher versagt war.

Ja, es wird Zeit mit diesem schrecklichen Filz aufzuräumen. Die OB-Wahl 2010 gibt dazu die Chance.

Transparent

31. August 2009

CIMG7093Vor dem Lingener Haus Marienstraße 16, dem langjährigen „Hotel zur Post“, gelegen direkt gegenüber des Eingangs der „Lookentorpassage“,  hängt seit ein paar Tagen ein Transparent (Foto lks). Es soll Investoren locken, und es zeigt, wie sich Investor Josef Berning das künftige Äußere dieses Baudenkmals vorstellt: Ein die Proportionen, die Gliederung und das Erscheinungsbild des Gebäudes radikal vernichtendes Glastor, das den Weg zu einer großflächigen Verkaufsfläche im Inneren eröffnen soll.

Warum ist das so?

Der  ehemalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann konnte in den 1980er Jahren den Stadtrat davon überzeugen, die historischen Gebäude der Stadt in einer beeindruckenden Buchdokumentation festzuhalten: Baldur Kösters „Lingen -Architektur im Wandel von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis 1930).“ (Interesse?) Das Buch ist Neumanns bleibender Verdienst und Mahnung zugleich. Der Berliner Architekt Baldur Köster hat in ihm die Architektur in Lingen  beschrieben und u.a. dargelegt, dass das Gebäude Marienstraße 16 zwischen 1875 und 1890 errichtet wurde. Es ist ein

„zweigeschossiges, massives Wohnhaus mit schwach geneigtem Satteldach, traufenständig zur Marienstraße. Sichtbares Mauerwerk mit ähnlichen Schmuckformen wie am (Nachbar-)Haus Nr. 14. Teilung der Fassade horizontal durch die Sockelleiste, Gurtleiste und Gesimsleiste, vertikal durch Lisenen. Auch hier sind die Brüstungsfelder durch Keramikplatten geschmückt. Die Traufseite ist fünfachsig geteilt, die Giebelseite dreiachsig.“

Bei der Aufstellung des gültigen Bebauungsplans vor knapp 20 Jahren wurde das villenartige Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Damals erkannten die Ratsvertreter: Es gibt nicht mehr viele Häuser aus dieser Gründerzeitperiode. Seither geht es seltsamerweise mit dem Haus bergab. Vertraglich  verpflichtete sich zwar 2004 Investor Josef Berning dazu, das Baudenkmal Marienstraße 16 zu erhalten; zuvor hatte er es von der reformierten Kirchengemeinde erworben. In dem Vertrag eröffnete ihm im Gegenzug die Stadt Lingen (Ems) die Möglichkeit, den großen Bereich zwischen dem Gebäude und der Straße „Am Pulverturm“  fast vollständig zu bebauen. Seither tut Josef Berning für das Haus nichts, um sein gegebenes Wort zu erhalten. Im Gegenteil: Er lässt das Haus verfallen, dessen Erwerb ihm niemand aufgezwungen hat.

Der Vertragsbruch ist für OB Heiner Pott, Stadtbaurat Georg Lisiecki und die CDU, wie es aussieht, kein Problem. Dort wird offenbar nur erwartet -Sie kennen schon diese Handlungsmaxime- dass Josef Berning „Geld in die Hand“ nimmt und irgendwas macht. Eigentlich ist es egal, was er dann macht, so scheint es. Bisweilen ist die Rede vom „Schandfleck, der weg müsse“ und dann behauptet der vertragsbrüchige Investor auch noch, dass Haus Marienstraße 14 sei mit wirtschaftlichem Aufwand nicht zu erhalten – übrigens nicht ohne sich zugleich eine Bescheinigung zu sichern, dass es ein Baudenkmal im Sinne von § 82 i Einkommensteuer-Durchführungsverordnung sei. Während Heiner Pott in seiner Neujahrsansprache 2008 ankündigte, der niederländische HEMA-Konzern werde dort ein Kaufhaus eröffnen, wissen die Holländer nichts davon. Die Folge: Jetzt ist das Haus mit dem erwähnten überdimensionierten, im Ziegelmauerwerk verdübelten Transparent teilverhüllt. Das heißt unverhohlen: Es naht sein Ende. Die politische Mehrheit wird dies abnicken. Man kennt sich. Deshalb unternimmt auch niemand etwas gegen den schäbigen Zustand und den zunehmenden Verfall des Hauses. Man lässt machen, auch die neuen, auf dem Transparent angeschlagenen Pläne hat der zuständige Ratsausschuss nicht gesehen. Er wird der Vernichtung des Baudenkmals sowieso zustimmen.

Dabei drängt sich geradezu auf, wie das Baudenkmal Marienstraße 16 erhalten werden kann, nämlich durch einen seitlichen, zum Haus Marienstraße 14 gelegenen Zugang. Etwas zurückhaltender als das „angedachte“, reichlich prollig wirkende Glastor, aber dafür den Charakter des Hauses aus dem 19. Jahrhundert schützend.

Leider ist es nach dem Abgang von Baurat Nikolaus Neumann so, dass im Lingener Rathaus niemand mehr Respekt vor Baudenkmälern hat. Sie werden daher nicht so behandelt, wie man das ohnehin nur sehr schmale kulturhistorische Erbe in unserer Stadt  behandeln darf. Selbst das historische Rathaus von 1663 sieht daher inzwischen fast so aus wie eine Eisbude in Miami; dafür sorgt eine seltsame abendliche Beleuchtung, die aber modern sein soll. Um, leicht abgewandelt, dem amtierenden Stadtbaurat sein eigenes Zitat unterzuschieben : „So beleuchtet man eben heutzutage!“ Hinzudenken dürfen Sie mit Blick auf  das Haus Marienstraße 16: „So beseitigt man eben heutzutage Baudenkmale!“ Und die Identität der Stadt gleich mit.