peinlich

28. Januar 2021

Ende September 2020 hatte die staatliche Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) einen Zwischenbericht präsentiert, nach dem 54 Prozent der deutschen Landesfläche potenziell geeignet für ein Endlager sind. Von insgesamt 182 erfassten sogenannten Teilgebieten liegen zehn ganz oder teilweise im Emsland.  Zehn Teilgebiete für ein Atommüll-Endlager sind im Emsland aufgelistet. Wegen der Corona-Pandemie kann darüber derzeit „nur online diskutiert und informiert“ werden. Der Landkreis Emsland, seit 70 Jahren geradezu ein Fan von „Atomkraft first“ und Profiteur von AKW-Steuerzahlungen in Millionenhöhe fordert deshalb, schreibt der NDR, „Konsequenzen“.

Die offenbar ernst gemeinte Konsequenz: Der Kreistag-Umweltausschuss hat jetzt beim zuständigen Bundesamt einen Antrag gestellt, „das Auswahlverfahren um ein Jahr zu verlängern“. Der Landkreis Emsland wolle genügend Zeit haben, die Knackpunkte im Zwischenbericht zu finden, sagte Kreisbaurat Dirk Kopmeyer dem NDR. „Es fehlen natürlich Gespräche, es fehlt das Netzwerken, es fehlt Austausch“, so Kopmeyer. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte sich der Kreistag in Meppen aber einstimmig gegen ein mögliches Endlager für Atommüll im Emsland ausgesprochen.  Weshalb da jetzt noch analoge „Gespräche und Netzwerken“ geben muss, bleibt eher dunkel. Zumal es ja um „rein wissenschaftliche Kriterien“ geht. Da braucht es schwerlich Netzwerken. Abgesehen davon, dass Netzwerken wohl nur für Mauscheln und damit das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit steht.

Unter den gelisteten Teilgebieten für ein Endlager sind die Salzstöcke in Lathen, Wahn und Börger. Genau dort erprobt über der Erde die „Wehrtechnische Dienststelle 91“ der Bundeswehr regelmäßig Waffen oder schießt Moor in Brand. Dieser Umstand spielt indes für die Bundesgesellschaft für Endlagerung keine Rolle, betonte deren Geschäftsführer Steffen Kanitz: „Alles das, was über Tage passiert, interessiert erst einmal nicht. Wie schauen in die Tiefe.“ Die Nutzung des Geländes durch die Bundeswehr könne in einer späteren Abwägung Berücksichtigung finden.

Neben Steffen Kanitz beantwortete auch ein Wissenschaftler des Öko-Instituts aus Darmstadt am Dienstag Fragen in der Ausschusssitzung. Saleem Chaudry bewertet im Auftrag des Landkreises den Zwischenbericht für ein Atommüll-Endlager. „Unsere Aufgabe ist es auch zu gucken: Ist dieser Zwischenbericht auch so abgefasst, dass die Auswahl nachvollziehbar ist.“ Und das ist nach Ansicht Chaudrys nicht immer der Fall. Ein Beispiel sei der Salzstock Lathen. Chaudry hat -wie auch immer- einen „identischen Salzstock in Brandenburg“ gefunden – der aber im Gegensatz zu Lathen nicht als Endlager in Betracht komme. „Da fehlt uns die Erklärung. Warum wird der eine Salzstock ausgeschlossen, der andere nicht? Das ist dem Zwischenbericht nicht zu entnehmen“, sagte Chaudry. Nun, das muss es auch nicht. Wenn nämlich der Salzstock Lathen geeignet ist, wird er nicht dadurch ungeeignet, dass „in Brandenburg“ sich auch ein „identisch“ geeigneter Salzstock befindet.

Alles in allem eine peinliche Veranstaltung des Kreistagsausschusses für Umwelt. Jetzt, wo es um die Lasten der Atomkraft geht, zelebriert man das Sankt-Florian-Prinzip, nichts weiter. Früher, als es ums Profitieren ging, war das völlig anders. Da tönte insbesondere die Emsland-CDU uneingeschränkt: Atomkraft, ja bitte.

Übrigens: Aktuell befinden sich im Lingener Brennelemente-Zwischenlager 47 Castorbehälter, die in rund 20 Jahren in ein Endlager sollen.

1977 wird verkündet, dass in Gorleben ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen soll – es beginnen jahrzehntelange Anti-Atom-Proteste. Haben Sie Erinnerungsstücke, die damit verbunden sind? fragt aktuell der Norddeutsche Rundfunk (NDR) seine TV-Seher und Radio-Hörer auf diese Weise:

„Sein roter Trecker erinnert Landwirt Horst Wiese an viele Demonstrationen. Mit ihm fuhr er 1979 mit rund 350 anderen Traktoren vom Wendland nach Hannover, um gegen Atomenergie und ein Endlager in Gorleben zu protestieren. Am Ende versammelten sich rund 100.000 Atom-Gegner – die bis dahin größte Anti-Atom-Demonstration der Bundesrepublik.

Haben Sie Zuhause auch noch etwas, das für Sie mit dem Anti-Atom-Protest in Niedersachsen verbunden ist? Es muss auch nicht so groß wie ein Trecker sein. Denn solche Dinge suchen wir, so der NDR, bei unserer Aktion „75 Jahre Niedersachsen – Kleine Dinge, große Geschichte. Weil Niedersachsen 75 Jahre alt wird, möchten wir Ihre „Schätze“, die mit der Geschichte des Landes verbunden sind, sammeln.“

„Wir möchten so viele Erinnerungsstücke wie möglich online zugänglich machen, in Fernsehen und Hörfunk und in einer Ausstellung präsentieren. Einige Beispiele für solche „Schätze“ zeigt das NDR Fernsehen bei Hallo Niedersachsen und blickt mit Ihnen dabei auf das damit verbundene Ereignis zurück. Ihr persönliches Erinnerungsstück kann aber auch mit einem ganz anderen Teil der Geschichte des Landes Niedersachsen verbunden sein.“ Der NDR: “ Machen Sie ein Foto davon und teilen Sie mit uns Ihre Erlebnisse – vielen Dank!“

In Lingen gab es mehrere denkwürdige Manifestationen: Anfang der 1980er Jahre fanden zwei Anti-AKW-Demonstrationen statt, wobei die zweite, deutlich größere die Anti-AKW-Bewegung und die Friedensbewegung gemeinsam durchführten -erstmals in der Bundesrepublik. Sie endete mit dem polizeilichen Abriss eines hohen, von de Demonstranten aufgerichteten Mahnkreuzes auf dem AKW-Gelände an der Niederdarmer Straße. Später folgte dann die Ausgrenzung niederländischer Einwender gegen die Genehmigung des damals beantragten Kernkraftwerk Emsland im Erörterungstermin auf der Lingener Wilhelmshöhe, die zwar nach viel Protest teilnehmen durften, aber ein Redeverbot erhielten  und sich die Münder zuklebten. Das Redeverbot war rechtswidrig, wie Jahre später das Bundesverwaltungsgericht urteilte, natürlich ohne irgendeine Auswirkung auf die längst erteilte Genehmigung.

Wer hat noch Devotionalien dieser beiden Veranstaltungen oder vielleicht auch einen Eimer Tschernobyl-Molke, die 1990 ihren Weg ins Emsland fand und Lingen einen satten, korrumpierenden  Bundeszuschuss bescherte, mit dem der Bau der Emslandhallen bezahlt wurden?

Oder hat jemand aus Wippingen im nördlichen Emsland noch einen Trecker, mit dem Mitte der 1970er Jahre kurzerhand ein Graben ausgehoben wurde, um die Bohrungen und Erkundung eines ersonnenen Salzstocks für ein Atommüll-Endlager zu verhindern. Das nämlicjh, lieber NDR, wäre absolut aktuell.

Und, liebe Redakteure:
Bei uns an Ems und Vechte gab es seit den 1970er Jahren vor allem den heftigen Einsatz  gegen den Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range. Den Kampf für den Stopp dieses, die AnwohnerInnen mit unsäglichem, fast täglichem Lärm terrorisierenden, nie genehmigten militärischen Versuchsfelds, verloren die betroffenen Kommunen. Die höher bezahlte richterliche Einsicht beerdigte ihre Klage Ende des letzten Jahrzehnts mit einem zweifelhafte „Ist-verjährt“-Ausspruch auf ziemlich arrogante Weise.

Der vielfältige Kampf der betroffenen BürgerInnen aus Klausheide und Umland und die anderen Punkte sind es wahrlich wert, über sie in 75 Jahre Niedersachsen zu berichten. Und da ist der Transrapid-Irrtum noch nicht einmal erwähnt…

Emsland

24. September 2010

Internetumfragen sind hipp. Sie suggerieren dem klickenden Leser, mit zu entscheiden. Wahrscheinich wird irgendwie auch ein Cookie gesetzt, damit dann zielgenau Werbung… je nachdem, welche Variante bei der Abstimmung gewählt wird. Auf der Internetseite des EL-Kurier, des kostenlosen Werbeblatts aus dem NOZ-Verlag, habe ich eine Gorleben-Abstimmung entdeckt  . Das Voting der Woche: „Gorleben als atomares Endlager – finden Sie das richtig?“ (Bildausschnitt re.)

Nun weiß man zwar bei derartigen reinen Prozentangaben nie, wie viele Internetbesucher tatsächlich abgestimmt haben, doch dass die Mehrheit der EL-Internetleser „Gorleben als atomares Endlager“ für richtig hält, dürfte bundesweit reichlich einmalig sein. Zumal auch die Bundesregierung offiziell den gasgefährdeten Salzstock ja erst einmal bloß weiter „erkunden“ will. (Dazu kurz auch noch jenseits des Themas diese Neuigkeit aus Deutsch-Absurdistan…)

Aber vielleicht wollen sich die emsländischen Atommülfans auch nur den Tatbestand verdrängen, dass Geologen den Salzstock im nordemsländischen Wippingen für den am besten geeigneten halten, um Atommüll abzulagern, wenn…. Das wäre ja auch deshalb ganz großartig, weil man dann den Transrapid nicht mehr mit Millionen Euro Steuergeldern am Leben erhalten müsste. Denn das Endlager wären Hunderte von Arbeitsplätzen für 300.000 Jahre und mehr. Hermann Bröring, übernehmen Sie!