Doggerland

15. Mai 2021

Die Ausstellung „Doggerland. Verdwenen Wereld in de Noordzee“ (Verschwundene Welt in der Nordsee) im Rijksmuseum van Oudheden RMO (Nationales Museum für Altertümer) im holländischen Leiden soll am 25. Mai für das Publikum eröffnet werden, sofern die Pandemie zulässt. Sie ist bis zum 31. Oktober geöffnet und sie lohnt einen Besuch.

Doggerland sei das „Atlantis Europas“, erklärt Luc Amkreutz, Konservator am RMO. Es handle sich um das prähistorisch reichste Gebiet Europas und wahrscheinlich eines der fundreichsten Gebiete der Welt. Ein Paradies für Archäologen, das allerdings lange Zeit aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden war.

Das Gebiet war knapp so groß wie Großbritannien heute und erstreckte sich über 200.000 Quadratkilometer zwischen der Küste von Nordfrankreich, Belgien, der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks und reichte bis zur britischen Landmasse, die vor einer Million Jahren nicht aus Inseln bestand, sondern Teil des europäischen Kontinents war.

Nachdem immer wieder Fundstücke für Aufsehen sorgten, als die Schleppnetzfischerei immer mehr i den Vordergrund geriet, veränderte sich mit der Anlage des Tiefseehafens Maasvlakte I und II vor der Küste Rotterdams und dem Küstenschutzprojekt „Zandmotor“ (Sandmotor), einer künstlichen Sandbank vor Kijkduin, veränderte sich die Situation schlagartig. Dass man unter der Nordsee mehr als eine versunkene Landbrücke nach England zu erwarten hatte, entdeckte bereits vor 20 Jahren der britische Archäologe Bryony Coles, der auch den Namen „Doggerland“ in der Wissenschaft durchsetzte.

Landkarte mit dem Küstenverlauf des Doggerlandes und dem heutigen Küstenverlauf.

Doggerland (die walförmige Landmasse in der Mitte der Karte) vor 10.000 Jahren. Rot eingezeichnet ist der heutige Küstenverlauf.ILLUSTRATION: RMO/OLAV ODÉ

Am Ende der letzten Eiszeit vor 22.000 Jahren lag der Meeresspiegel in dieser Region um 125 Meter tiefer. Was nach der allmählichen Überflutung durch die Nordsee und der endgültigen Trennung von Großbritannien und dem Kontinent vor 8000 Jahren von Doggerland übrigblieb, verbirgt sich 20 bis 30 Meter unter dem Meeresspiegel.

Der Sand, den die Niederländer zur Aufschüttung der künstlichen Inseln vor ihrer Küste brauchten, wiederum wurde zehn Kilometer vor der Küste aus der Tiefe gesaugt. Und damit aus dem Bereich, der heute als Doggerland bezeichnet wird. Damit spülte man unzählige Tier- und Menschenknochen sowie Pfeil- und Speerspitzen aus diesen Materialien zusammen mit steinzeitlichen Werkzeugen an den Strand.

Hier eine kleine Einführung in das Thema und in die Ausstellung – in niederländischer Sprache:

und etwas mehr in englischer Sprache

(Quellen: TSP, RMO, youtube)

#geschichtenderbefreiung

18. April 2021

Am 18. April 1945 fällt in Ihrhove ein Schuss: der Gefangene Emil Walter Köster ist standrechtlich erschossen worden und wird am Rande des Friedhofs verscharrt. Der selbsternannte „Hauptmann“ Willi Herold hatte zwei Wachmänner geschickt, um „die Sache in Ihrhove zu erledigen“.

Was hat der Mord in Ihrhove mit den Emslandlagern zu tun? Ein Kriegsgericht verurteilte den Bremer Köster 1943 wegen des Vorwurfs homosexueller Neigungen („Unzucht unter Männern, § 175“), er wurde aus der Wehrmacht (Marine) ausgestoßen und kam am 13. Oktober 1944 im Strafgefangenenlager VII Esterwegen in den zivilen Strafvollzug.

Da die Alliierten weiter vorrückten, hatte die Zentralverwaltung in Papenburg Anfang April 1945 angeordnet, die Inhaftierten des Lagers VII Esterwegen zu Fuß zum Lager I Börgermoor zu schicken. Vom Lager I Börgermoor folgte ein Weitermarsch über Burlage bis nach Collinghorst. Dort erhielt die Marschkolonne den Befehl zum Rückmarsch, jedoch nicht ins Lager I Börgermoor, sondern ins Lager II Aschendorfermoor. Über Nacht blieb die Gruppe zunächst in Westoverledingen. Die allgemeinen Wirren dieser Tage nutzten einige Gefangenen zur Flucht – so auch Köster.

Er wurde völlig entkräftet bei Ihrhove in einem Graben gefunden, im Feuerwehrhaus in Ihrhove untergebracht, versorgt und bewacht. Dennoch kam es zu einem Übergriff des örtlichen Polizisten. Nach etwa einer Woche wurde Köster von zwei Wachmännern aus Westoverledingen abgeholt und in der Nähe des Friedhofes erschossen. Die Wachmänner handelten auf „Befehl“ des Hochstaplers Willi Herold, der in einer gefundenen Hauptmannsuniform die Kontrolle über das Lager II Aschendorfermoor übernommen hatte und Jagd auf geflüchtete Gefangene machen ließ.

Nach Kriegsende kam es in Oldenburg zum Strafprozess gegen die beiden Wachmänner. Einer von ihnen nahm sich noch vor der Urteilsverkündigung das Leben. Der zweite Angeklagte blieb bis November 1946 im Gefängnis und lebte danach in Westoverledingen.
Die Mutter des Ermordeten veranlasste nach Kriegsende die Umbettung ihres toten Sohnes. Am 1. Oktober 1945 erhielt Emil Walter Köster seine letzte Ruhestätte auf dem Buntentor-Friedhof in Bremen.

(Quellen:
Die Schilderung des Mordes wird ausführlich dargestellt im Buch „Erschossen am 18. April 1945 in Ihrhove – Westoverledingen“ (Eigenverlag 2018) von Hermann Adams. Es ist im regionalen Buchhandel erhältlich. Die Gedenkstätte Esterwegen bedankt sich bei Herrn Adams herzlich für seine Unterstützung. Foto: Das Feuerwehrhaus in Ihrhove, in dem Emil Walter Köster mehrere Tage gefangen gehalten wurde. Undatiert.
Quelle: Entnommen aus „Vom Feuereimer bis zur Handdruckspritze“ von Hermann Jelting,  FB/Gedenkstätte Esterwegen)

Interpretationshoheit

10. August 2019

Einmal mehr meldet sich (nur) die taz mit einem Beitrag über die elende Art und Weise, wie das offizielle Emsland die Interpretationshoheit um die Gedenkstätten im Emsland  gewinnen will.

taz-Redakteurin Simone Schnase hat die im CDU-Dunst des Landkreises verdeckten Informationen zusammengetragen. Die Autorin hat die Aufarbeitung der NS-Geschichte im Emsland und die Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen seit mehr als 10 Jahren begleitet, damals noch als Redakteurin des emsländischen Stadtmagazins „Emskopp“. Für ihren 2011 dort erschienenen Artikel „Die Emslandlager und ihre Folgen: Eine Geschichte von 1933 bis in die Gegenwart“ erhielt sie 2012 den Alternativen Medienpreis

Also mein „Lesebefehl“ an diesem Samstag:

Es ist 18 Jahre her, dass der Landkreis Emsland das bis dahin von der Bundeswehr genutzte Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen übernahm, um dort eine Gedenkstätte einzurichten für die insgesamt 15 emsländischen Konzentrations- und Strafgefangenenlager, in denen während der NS-Zeit vorwiegend politisch Verfolgte und Kriegsgefangene inhaftiert waren.

2011 wurde die Gedenkstätte Esterwegen feierlich eröffnet – aber jetzt, keine acht Jahre später, droht die Kooperation zwischen dem Landkreis als Träger der Stiftung, die die Gedenkstätte betreibt, und dem für die Erinnerungsarbeit verantwortlichen Verein Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) zu zerbrechen.

Denn drei der vier hauptamtlichen DIZ-MitarbeiterInnen sind in diesem Jahr in den Ruhestand gegangen, der Leiter des Zentrums, Kurt Buck, geht Ende des Jahres in Rente und bisher ist beim Verein keine der Stellen neu besetzt worden. Finanziert wurden die MitarbeiterInnen bisher vom Land Niedersachsen, vom Landkreis und von dem mehr als 300 Mitglieder zählenden Verein. Die frei werdende Stelle von Kurt Buck will sich das DIZ auch künftig durch das Land Niedersachsen, genauer gesagt durch die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, finanzieren lassen – aber jetzt beansprucht der Landkreis Emsland diese Förderung für sich. „Es geht im Wesentlichen um die Frage, wer bei einer der wieder zu besetzenden Stellen sinnvollerweise Anstellungsträger ist“, heißt es dazu vom Landkreis.

Eine Antwort auf diese Frage gibt es zumindest aus seiner Sicht bereits:…

weiter bei der taz


Die Emslandlager

1933 wurden die KZ Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme. Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der wohl bekannteste Inhaftierte des KZ Esterwegen war Carl von Ossietzky, der aufgrund der Spätfolgen der Haftbedingungen am 4. Mai 1938 starb.

Das weltbekannt gewordene„Moorsoldatenlied“ entstand 1933 im KZ Börgermoor.


(Foto: Gedenkstätte Esterwegen, Frank Vincentz, GNU Free Documentation License.
Quele: Simone Schnase taz)

Nie erschienen

12. Mai 2012

Fleurop lässt grüßen! Gerade empöre ich mich über diese peinlich-arroganten Worte der Pressesprecherin des Kreises Emsland Anja Rohde. In diesen Tagen jährt sich bekanntlich zum 67. Mal die Befreiung der Emslandlager; aber  der Landkreis Emsland hat gar nicht so richtig dran gedacht. Denn da sagt die Dame auf Anfrage der Presse tatsächlich:

Wir werden in der alten Rheder Kirche und am Ossietzky-Denkmal in Esterwegen Kränze niederlegen“, sagt Kreissprecherin Anja Rohde auf die Frage, ob es denn von Seiten des Landkreises eine Gedenkveranstaltung gebe. „Allerdings wird dies kein offizieller und auch kein öffentlicher Akt. Die Kränze sollen ein Zeichen für die Besucher sein.

So ist es eben, wenn man lediglich aus parteipolitischen Gründen glaubt, gedenken zu müssen, und man nicht mit dem Herzen dabei ist.

Heute informiert die taz-nord über dies:

„In diesem Jahr könnte die deutsch-niederländische Initiative 8. Mai ihre Gedenkveranstaltung im Emsland zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum ersten Mal auf der Gedenkstätte Esterwegen ausrichten. Die hat Ende Oktober letzten Jahres zur Erinnerung an die Opfer der 15 Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland eröffnet.

Die Initiative, zu der auch ehemalige Gefangene gehören, wird sich am heutigen Samstagnachmittag allerdings nicht dort treffen, sondern, wie in jedem Jahr seit 1985, auf dem Lagerfriedhof Bockhorst bei Esterwegen.

Nikolaus Schütte zur Wick, Fraktionsvorsitzender der Grünen im emsländischen Kreistag, ist sich sogar sicher: „Selbst wenn die Initiative beantragt hätte, ihre Veranstaltung an der Gedenkstätte abzuhalten, wäre das bestimmt nicht genehmigt worden.“

Die Veranstaltung der NS-Opfer wird von den Vertretern des Landkreises gemieden. Nie erschienen ist der ehemalige…“

weiter bei der taz

Mehr im taz-Kommentar von Simone Schnase
und über die Ab- und Hintergründe hier 

und online im Emskopp

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DIE EMSLANDLAGER

„1933 wurden die Kozentrationslager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme.

Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.“ (Quelle)

Muffrika

25. April 2012

„Mit Muffrika konnte ich zunächst nichts anfangen“, schreibt ein amazon-Rezensent. Er  dachte, es sei „ein Name. Bis ich dann begriff, daß es eine Bezeichnung für das moorige Emsland sei und je nachdem kann es eine Beleidigung oder eine liebevolle Spöttelei sein. Damit soll wohl gemeint sein: „Im Moor ist weniger los, als in der Wüste in Afrika = Muffrika.“

Im Emsland nun zog im April 1945 der 19jährige Gefreite Willi Herold in das Emslandlager Aschendorfermoor ein, in das kurz vor Kriegsende mehr als 3.000 Häftlinge der nördlichen Emslandlager zusammengepfercht worden waren. Versprengt von seiner Einheit, hatte er eine Hauptmannsuniform gefunden und gab sich nun als Hauptmann aus. Innerhalb einer Woche wurden auf seinen Befehl hin und unter seiner Mitwirkung wohl über 150 Häftlinge dieses Lagers ermordet.

Nach intensiven Archivrecherchen, vielen Zeitzeugenbefragungen und sich über mehrere Jahre hinziehenden Dreharbeiten fand im Frühjahr 1996 die Uraufführung des Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“ statt.  Im August desselben Jahres  zeichnete die Filmbewertungsstelle Wiesbaden den Film mit ihrem höchsten Prädikat  als „besonders wertvoll“ aus.

DVD (s/w), 70 Minuten + Extras, 14,90 Euro

Die DVD kann beim DIZ Emslandlager bestellt werden.  Blog-Kommentator FrankO hat den Dokumentarfilm jetzt auf Youtube  gefunden, und ich stelle ihn gern hier in meinen Blog.

Suchmeldung

31. Oktober 2011

Heute, fast 80  Jahre nach der Einrichtung des KZ Esterwegen im Sommer 1933, wird  die Gedenkstätte Esterwegen eingeweiht. Damit erhalten die Opfer der NS-Gewaltherrschaft im Emsland direkt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers einen Ort der Erinnerung. Das Lager in Esterwegen war eines von 15 emsländischen Konzentrations- und Strafgefangenenlagern, in denen vor allem Kriegsgefangene und politisch Verfolgte („Moorsoldaten“) inhaftiert waren. Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der schon wahlkämpfende Ministerpräsident aus Hannover wird um 10 Uhr da sein und der Kulturstaatssekretär aus Berlin. Natürlich auch der scheidende Landrat des Emslandes – an seinem letzten Arbeitstag; dazu wird kolportiert, es sei ihm ein persönliches Anliegen gewesen, die Gedenkstätte noch zu eröffnen. Nun denn, alle drei Redner sind Christdemokraten und ihre Auftritte zeigen, dass sich die Haltung der CDU in den letzten Jahren offenbar geändert hat. Totschweigen wie früher geht nicht mehr.  Also haben sie sich dafür entschieden, eine  eigene Erinnerungskultur zu etablieren. Mit Kirche und Kloster,  eigener politisch-korrekter Stiftung und ganz viel Geld.

Vergebens suche ich in all dem Kurt Buck. Buck ist der Mann, der 30 Jahre lang das Papenburger DIZ aufgebaut und dabei Vorbildliches geleistet hat. Offenbar passt er nicht so richtig in das neue, offizielle Erinnern; denn Kurt Buck taucht nirgendwo mehr auf. Dabei hätte er viel zu berichten. Zum Beispiel was davon zu halten ist, wenn Landrat Hermann Bröring behauptet, eine Gedenkstätte sei „1980 kein Thema“ gewesen. Ob sich da Hermann B. etwa die eigene Regionalgeschichte zurecht bastelt?

Immerhin hat der ungeliebte Kurt Buck noch dafür sorgen können, dass zwei Journalisten eingeladen sind:  der inzwischen 70-jährige Gerhard Kromschröder und der aus Rhede stammende Hermann Vinke, der spätere Programmdirektor Hörfunk bei Radio Bremen. Ganz jung waren beide von 1963 bis 1967/68 Journalisten der Ems-Zeitung in Papenburg und sie recherchierten  die Geschichte der Emsland-Lager, bis sie vom Verlag der Neuen Osnabrücker Zeitung  entlassen wurden. „Wir haben ein bisschen zu viel über die Lager berichtet“, sagte Kromschröder jetzt zur taz, „und die Kirche kam auch nicht so gut weg. Es gab diese Moorsoldatentreffen“, erinnert er sich. „Wenn du da hinkamst, wurdest du vom Verfassungsschutz fotografiert und am nächsten Tag gab es einen Anruf von der Chefredaktion aus Osnabrück, wo man sich denn rumgetrieben hätte.“

Entsprechend kommentiert der kritische Kromschröder gegenüber der taz, in die neue Gedenkstätte in Esterwegen  „…sind ja Millionen reingeflossen nach dem Motto: ,Wir haben jetzt auch Erinnerungskultur – auf Weltniveau!'“ Nur ein paar Kilometer weiter, in Börgermoor, „wo das Lied von den ,Moorsoldaten‘ geschrieben wurde“, da sei „1968 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion komplett alles abgerissen“ worden. „Nach mehr als sechs Jahrzehnten“, sagt Kromschröder, „haben sie ein wunderbares Haus gebaut – kann man nur hoffen, dass die Erinnerung auch einzieht.“

Vinke, der 1969 eigenhändig eine verharmlosende Schriftzeile auf einem Gedenkstein wegmeißelte, und sein Kollege Kromschröder können vielleicht die Verantwortlichen nach Kurt Buck und seinen künftigen Aufgaben fragen und sie können auch an die Jahre vor 1980 erinnern, als für sie und viele andere -allerdings nicht die lokale CDU- eine Gedenkstätte in Esterwegen längst ein Thema war.
Und, wenn sie schon dabei sind, werden sie sich bestimmt auch erkundigen, warum gestern Abend die neue Gedenkstätte von einem katholischen und einem evangelischen Geistlichen „eingesegnet“ wurde; eigentlich sollte dies auch heute erfolgen, doch die Vereinnahmung durch die Kirchen im Rahmen der offiziellen Eröffnung war dann wohl doch etwas zu viel. Ich habe meine Zweifel ob dieser nachträgliche Christianisierung des Widerstandes der Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter gegen Nazi-Deutschland. Ich habe auch Zweifel, ob das vom Landkreis Emsland 2007 wohl mitinitiierte Kloster der Franziskanerinnen auf dem KZ-Gelände Esterwegen  eine dem Ort und seiner Geschichte angemessene Einrichtung ist.

Denn gerade die Rolle  der katholischen Kirche und ihrer Würdenträger in den Emslandlagern ist besonders umstritten. Der Osnabrücker Bischof und preußische Staatsrat Wilhelm Berning beispielsweise soll zum Abschluss eines Besuchs der Emslandlager die Wachmannschaften im Lager Aschendorfermoor zu einem Bier eingeladen und dabei gesagt haben: „Lange lag das Emsland im Dornröschenschlaf,  bis der Prinz kam und es weckte; dieser Prinz ist unser Führer Adolf Hitler.“ Amtskirche und politische Regionalliga bestreiten unisono die Authentizität dieses Zitats, das am 26. Juni 1936 die damals gleichgeschaltete Ems-Zeitung zu berichten wusste. Längst haben Historiker in einem vom Landkreis Emsland in Auftrag gegebenen, umfangreichen Werk das Zitat bezweifelt. Aber dass der Pressebericht  falsch ist, ist nicht belegt und auch, dass im  sonst vollständig mikroverfilmten Archiv der „Ems-Zeitung“ vom 26.06.1936 ausgerechnet der Lokalbericht über den bischöflichen Besuch fehlt, wirft -sicherlich nicht nur bei mir- Fragen auf.

Immerhin wird heute nicht mehr geschwiegen. Künftig wird erinnert –  wenn auch politisch wie  kirchlich korrekt und stiftungsfaktisch wohl auch ohne DIZ. Warum das so ist und was es bedeutet, kann der 33-jährige Henning Harpel erklären. Harpel ist Lehrer am Meppener Gymnasium Marianum. Er ist nicht ab 10 Uhr in Esterwegen dabei; denn er muss heute arbeiten. 2004 hat der Pädagoge seine Staatsexamensarbeit zum Thema „Die Emslandlager des Dritten Reichs – Formen und Probleme der aktiven Geschichtserinnerung im nördlichen Emsland 1955-1993“ geschrieben. Eine überarbeitete Fassung erschien im Jahr darauf im 12. „Blauen Band“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte und sorgte für große Aufregung unter den Lokalgrößen.  Warum, wird Harpel heute Abend ab 19.30 Uhr in der NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“ erklären können. Ich bin gespannt.

Übrigens:

Mehr über die Emslandlager im Allgemeinen und Esterwegen im Besonderen habe ich auf der Internetseite des Magazins Emskopp gefunden, bei dem ich mich herzlich für die Erlaubnis bedanke, den Text über Carl von Ossietzky verwenden zu dürfen

(Kasten ©: Carl von Ossietzky aus emskopp.de)