Armin T. Wegner

1. Februar 2019

„Das Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum komplettiert seine Ausstellungsserie über den Aktivisten und Schriftsteller Armin T. Wegner.

Es gibt Gedanken, bei denen stockt dir der Atem. Dieser hier zum Beispiel: „Einmal war ich in allen Häusern zu Hause. Jetzt in keinem mehr. Die Fremdesten und Fernsten aller Völker sind mir vertrauter als die Heimat.“

Armin T. Wegner hat ihn niedergeschrieben, 1974. Der Dichter, der ein Weltenwanderer war, ein Sehnsuchtsreisender, hungrig nach neuen Begegnungen, Landschaften, Kulturen. Der Wirklichkeitssucher, der 1915, als deutscher Sanitätsoffizier, in der mesopotamischen Wüste Augenzeuge des türkischen Völkermords an den Armeniern wird, ihn öffentlich macht – seine Anklage findet kein Gehör. Der Menschenrechtskämpfer und Pazifist, der sich 1933 in einem Protestbrief an Hitler gegen die Judenverfolgung einsetzt – die Gestapo verhaftet und foltert ihn, Monate verbringt er in Gefängnissen und KZs.

Armin T. Wegner – nach dem Dunkel der NS-Zeit vergessen, hochbetagt stirbt er fern des Landes, in dessen Sprache er bis zuletzt schreibt – hat uns zum Thema „Heimat und Exil“ viel zu sagen. Düsteres und Melancholisches. Hartes und Augenöffnendes. Und wer sich die gleichnamige Wanderausstellung im Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Friedens­zen­trum ansieht, lernt viel dazu, auch für Gegenwart und Zukunft. Jetzt in keinem mehr: Auch dieser todtraurige Satz fällt in ihr.

„Heimat und Exil“ ist nicht die erste Wegner-Schau, die das Friedenszentrum zeigt. 2015 hat es „Widersetzt Euch viel und gehorcht wenig“ nach Osnabrück geholt, über den Aktivisten Wegner, 2016 „Fotograf eines Völkermords“ – Wegners erschütternde Armenien-Dokumentation.

Thomas Schneider, der…“

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weitgehend sachlich

5. Juni 2016

NOZ_ÖzdemirpassageDie politische Einseitigkeit der Neuen OZ ist bekannt. Wie tief die Voreingenommenheit geht, ist nicht selten an vermeintlich kleinen Auslassungen zu sehen. Hier ein Beispiel aus der vergangenen Woche:
Am Donnerstag beschloss der Deutsche Bundestag eine –seit langem überfällige, richtige – Entschließung zum, 100 Jahre zurück liegenden Völkermord an den Armeniern durch das osmanische Reich und zur Rolle der Deutschen dabei; die Türkei schäumt deshalb seither. Über die Entschließung berichtete Redakteurin Beate Tenfelde in der NOZ; die wesentliche Rolle des -türkischstämmigen- Grünen Cem Özdemir beim jetzigen Zustandekommen der Entschließung ließ sie dabei unerwähnt (Ausriss lks), wiewohl über Özdemirs Urheberschaft und Mut zeitgleich DIE WELT „Teşekkürler, Cem Özdemir, für Ihren großen Einsatz“ titelte.

NOZ-Leser Heribert Lange reagierte darauf und  so gab es dann diesen kurzen, bemerkenswerten Briefwechsel. Lesen Sie selbst:

Sehr verehrte Frau Tenfelde,
Ihre Berichterstattung über die gestern vom Bundestag endlich beschlossene Armenien-Resolution („Völkermord“) ist umfänglich genug, um darin allen Aspekten dieser Debatte und ihrer Akteure gerecht werden zu können. Ersichtlich wird dieser, offenbar auch Ihnen nicht ganz unwichtige Ansatz aus dem letzten Absatz auf Seite 3, in dem Sie sachgerecht und zutreffend darauf hinweisen, wer diese Debatte im vergangenenen Jahr verhindert bzw. in die Ausschüsse verwiesen hat und wer dafür gesorgt hat, dass sie dann wenigstens in diesem Jahr wieder aufgenommen wurde – Joachim Gauck nämlich und Norbert Lammert.
Nachgerade wundersam mutet deshalb aber an, dass Sie den Initiator dieser nun endlich zustande gekommenen Resolution mit keinem Wort erwähnen, vielleicht ja auch, was nicht für Ihre allerbeste Recherche spräche, nicht einmal kennen. Das war nämlich der (Co-)Chef der Grünen Cem Özdemir – was insofern von Bedeutung und nicht ohne Hintersinn ist, als er ein Mensch mit, wie man heute zu sagen pflegt, Migrationshintergrund ist. Auch hat er dafür gesorgt, dass die passive Mittäterschaft des damaligen deutschen Kaiserreichs (durch Wegschauen) in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wurde und damit der historische Diskurs erweitert und befördert werden konnte.
Würden Sie in Ihrer Berichterstattung die AfD das eine oder das andere Mal unerwähnt lassen, wäre das wahrscheinlich auch nicht richtig, aber erträglicher. In diesem Fall nehme ich zugunsten Ihres Blatts nun an, dass Sie lediglich einen Bock geschossen haben, aber keineswegs Informationsunterdrückung zu Lasten einer Person oder einer Partei oder gar Ihrer Leserschaft betreiben wollten.
Mit freundlichem Gruß!
Heribert Lange

Beate Tenfelde reagierte schnell und kurz:

Sehr geehrter Herr Dr. Lange,

danke für Ihre weitgehend sachliche Mail. Sie haben Recht, Cem  Özdemirs Rolle verdient besondere Würdigung. Das ist gestern unterblieben, an anderer Stelle aber geschehen (angefügt ein Beispiel).

Mit freundlichem Gruss

Beate Tenfelde

Und Heribert Lange, der bekanntlich insbesondere in seiner Funktion als Vorsitzender des JudenChristen eV so etwas wie das moralische Gewissen unserer Stadt verkörpert, antwortete:

Sehr verehrte Frau Tenfelde,

vielen Dank für Ihre freundliche und vor allem schnelle Rückäußerung. Zu mehr als dazu taugt Ihre Rückäußerung allerdings nicht. Sie belegt, insbesondere Ihr Hinweis auf den früheren Artikel vom 23. 04.15, dass Sie’s wussten bzw. wissen konnten, rechtfertigt aber keinesfalls, Herrn Özdemir in Ihrer aktuellen Berichterstattung unterzumangeln.

Deshalb bin ich leider nicht in der Lage, meine Kritik zurückzunehmen oder vielleicht zu relativieren, zumal Ihre Angaben nunmehr doch nur bestätigen, dass Sie eben doch nicht einfach nur einen Bock geschossen haben.

Die Presse sollte eigentlich bessere Beispiele und Belege für die freie und unvoreingenommene Berichterstattung liefern, vor allem die Leute in den Redaktionen der Zeitungen, um so die Notwendigkeit und vor allem das Grundrecht der Pressefreiheit überzeugender zu belegen und dafür zu arbeiten.

Sei’s drum!

Freundliche Grüße!

Heribert Lange

Der Vorgang mag klein erscheinen. Ich erwähne ihn gerade deshalb, weil eben immer wieder genau hingesehen werden muss, wenn die Presse, unsere so wichtige 4. Gewalt, vermeintlich objektiv berichtet, es tatsächlich aber nicht macht. Dafür ist das geschilderte Beispiel ein Lehrstück. Ein Dankeschön dafür an Heribert Lange; denn er hat genau hingesehen.

Schergen

9. Juli 2010

In dem Garten des kleinen Doppelhauses in Jesteburg steckt eine Deutschland-Fahne in der Erde. Daneben in einem Gewächshaus wachsen Gemüse und Salat. Er habe seinen Garten über alles geliebt, Auberginen gezüchtet und habe mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mitgefiebert. Ein großartiger Musiker sei er gewesen. Wer ihn gekannt habe, habe ihn einfach gern gehabt, sagt einer der Männer, die auf der Terrasse des Hauses sitzen und sich leise unterhalten. Die Frauen sitzen im Haus. Die Jalousien sind heruntergelassen. Familie und Freunde trauern um den Freund, Ehemann, Vater und Großvater Slawik C., der sich in der Justizvollzugsanstalt Langenhagen in Hannover das Leben genommen hat.“ So berichtet das Hamburger Abendblatt über  den Tod des Flüchtlings Slawik C., der sich in einer Abschiebezelle in Langenhagen das Leben nahm.

Eigentlich wäre der 58-jährige Slawik C. vorgestern, bewacht von zwei Bundespolizisten von Frankfurt in die armenische Hauptstadt Eriwan geflogen. Hinter sich gelassen hätte er elf Jahre als „Geduldeter“, also als Flüchtling in Deutschland, seine Frau und seinen 29-jährigen Sohn, von denen man ihn getrennt hatte. Doch C. stoppte seine Abschiebung: Am vergangenen Freitag erhängte er sich mit dem Kabel eines Wasserkochers im Abschiebegefängnis Langenhagen.

Für Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat ist die Inhaftierung des Slawik C. der „alltägliche Skandal“. Immer wieder würden aus der Heimat vertriebene Menschen ohne Rechtsgrundlage eingesperrt und dann in ein beliebiges Drittland verbracht. Die Ingaftierung eines abgelehnten Asylbewerbers sei nur dann zulässig, wenn ein begründeter Verdacht bestehe, dass der Betroffene untertauchen wolle. Dafür aber habe es im Fall von Slawik C. keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Zu den „skandalösen“ Begleitumständen zählt Kai Weber auch, dass die Behörden ein offensichtlich falsches Personaldokument von Interpol dazu genutzt hätten, um den 58jährigen C. abzuschieben. Aufgrund dieser Angaben habe man den Aserbeidschaner wissentlich, so berichtet die Frankfurter Rundschau, in das verfeindete Armenien abschieben verfrachten wollen. Außerdem sei er nicht von einem Arzt auf seine Suizidgefährdung untersucht worden (mehr…).

Ich  nehme an, dass trotzdem weder die Bediensteten des Ausländeramtes des Kreises Harburg noch der Richter, der die Haft angeordnet hat, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. „Wir haben dem Antrag auf Abschiebehaft stattgegeben, weil er sich der Abschiebung möglicherweise entziehen könnte“, sagte -wie ein Toyota-Verkäufer („Nichts ist unmöglich!“)-  der Direktor am Amtsgerichts Winsen, Albert Paulisch zur taz.

Es gibt auch andere Stimmen:  „Ich bin erschüttert und wütend darüber, dass die Schergen gnadenlos das Ausländergesetz umsetzen, ohne den Menschen zu sehen. Das steht im krassen Gegensatz zu den Worten unseres Bundespräsidenten Christian Wulff, das Ausländergesetz müsse verbessert werden“, sagte Jesteburgs Bürgermeister Udo Heitmann (SPD) zum Hamburger Abendblatt. Im Gegensatz zur Landesregierung in Hannover hatte er am Dienstag der Familie sein Beileid ausgesprochen hat.

Der Sozialdemokrat kann gleich noch einmal nachlegen: Denn die „Schergen“ (Heitmann) des Landkreises Harburg bleiben unerbittlich und bestehen selbst jetzt darauf , die um ihren Mann Slawik trauernde Witwe auszuweisen. Allein der 29-jährige Sohn darf bleiben. Er hat Arbeit.

Nachtrag: Der Niedersächsische Ministerpräsident hat gerade „mit den Chinesen“ über die Menschenrechte gesprochen. Vielleicht hätte er vorher einfach mal nach Winsen an der Luhe fahren sollen…

(Foto: ©  f2b1610, creative commons, flickr)